Björn Siller

In wenigen Tagen ist es soweit: Die lange diskutierte „Amazonas“ – Synode beginnt. Wir dürfen alle gespannt darauf sein, was sie bringen wird. Eines ist sicher, sie wird Erwartungen, die aufgebaut wurden und die nicht auf theologische Realitäten fußen enttäuschen. Die Synode wird aber auch sicherlich zeigen, dass Kirche (zum Glück) keine demokratische Institution ist sondern eine synodale, vom Heiligen Geist geprägte.

Da das Arbeitspapier nicht in deutscher Sprache vorliegt – zumindest habe ich es nicht gesehen – dauert es für mich ein bisschen länger alles durchzuarbeiten. Dabei treibt mich schon auch der Art 126 in all seinen Untergliederungen um. Es ist ein wichtiger Ansatz sich nochmal bewusst zu werden, dass Kirche aus der Eucharistie lebt und auch nur aus ihr, der Quelle und dem Höhepunkt, leben und überleben kann. Daher finde ich es sehr wichtig über Inkulturationsprozesse und über die Frage zu diskutieren, wie finde ich „mich“ als Gläubiger in der Liturgie wieder. Das sind wichtige Themen, auch und gerade deshalb, da ich gerade im deutschsprachigen Raum Liturgien erleben, die absolut fern von mir sind und die mehr vom zelebrierenden Priester und dem Vorbereitungsteam erzählen, als vom Glauben, von Gott oder der aktuellen Wirklichkeit in der ich in den Gottesdienst hinein getreten bin.

Ein kleiner, sicherlich nebensächlicher Aspekt, treibt mich aber ganz besonders um. In Art 126 c findet sich der Satz: „Per questo, invece di lasciare le comunità senza l’Eucaristia, si cambino i criteri di selezione e preparazione dei ministri autorizzati a celebrarla.“ Klar, das Wörtchen „selezione“ bietet all jenen Hoffnung, die gegen das Zölibat sind und für eine Frauenordination. Darum geht es mir aber hier nicht. Mich beschäftigt eher das Wort „preperazione„, womit ich so viel herauslese, wie dass hier die Frage gestellt wird ob die Ausbildungsmodalitäten verändert werden sollen. Und da werde ich wirklich hellhörig, denn sowohl aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen in Deutschland, als auch aufgrund meinen Erfahrungen in der Weltkirche, an der Uni sitzend (gerade) neben lateinamerikanischen Priestern, finde ich das eine sehr fragwürdige Fragestellung, ob wir da was „erleichtern“ können. Es liegt in der priesterlichen Ausbildung sehr viel im argen und ich bin gerade echt der Meinung, dass wir mehr denn je, die Ausbildungsordnung des Jahres 2016 für die Priesterausbildung ganz genau lesen sollten und die drei Dimensionen sehr ernst nehmen sollten.

Für die Eucharistie braucht es aus dem allgemeinen Priestertum erwachsene „ministri“ des Weihepriestertum. Da bin ich absolut der Überzeugung. Aber hier eventuell auf eine Quantität zu setzten – noch mehr als wir es eh schon tun – statt auf Qualität in der Ausbildung, das ist gefährlich. Wenn diese Anfrage nach einer Veränderung der „preperatione“ zum Wohle der Kirche, zum Heil des einzelnen Gläubigen und zum Segen der Welt sein soll, dann braucht es hier ernsthafte Bemühungen zu einer tieferen und ehrlicheren Ausbildung der einzelnen Priester in ihren menschlichen, geistlichen und wissenschaftlichen Dimensionen.

Hier habe ich mir ein paar Gedanken und Überlegungen gemacht zu einer Bibelstelle im Neuen Testament – 1 Petr 4,7-11 gemacht.   

Textgrundlage:[1]

7 Πάντων δὲ τὸ τέλος ἤγγικεν[2]. σωφρονήσατε οὖν καὶ νήψατε εἰς προσευχὰς 8 πρὸ πάντων τὴν εἰς ἑαυτοὺς ἀγάπην ἐκτενῆ ἔχοντες, ὅτι 9 φιλόξενοι εἰς ἀλλήλους ἄνευ γογγυσμοῦ, 10 ἕκαστος καθὼς ἔλαβεν χάρισμα εἰς ἑαυτοὺς αὐτὸ διακονοῦντες ὡς καλοὶ οἰκονόμοι[3] ποικίλης χάριτος θεοῦ. 11 εἴ τις λαλεῖ, ὡς λόγια[4] θεοῦ· εἴ τις διακονεῖ[5], ὡς ἐξ ἰσχύος ἧς χορηγεῖ[6] ὁ θεός, ἵνα ἐν πᾶσιν δοξάζηται ὁ θεὸς διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ᾧ ἐστιν ἡ δόξα καὶ τὸ κράτος εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων, ἀμήν.

Arbeitsübersetzung:

7 Nahe gekommen ist von allem aber das Ende. Seid also besonnen und nüchtern für (die) Gebete![7] 8 Vor allen die beharrliche Liebe zueinander habend, weil Liebe zudeckt eine Menge von Sünden![8] 9 Gastfreundlich zueinander ohne Murren![9] 10 Jeder, wie er empfangen hat eine Gnadengabe, füreinander mit ihr dienend als gute Verwalter verschiedenartigen Gnade Gottes! 11 Wenn jemand redet, sodann als Aussprüche Gottes! Wenn jemand dient, sodann aus Kraft, die Gott hinreicht, damit in allen verherrlicht wird Gott durch Jesus Christus, dem ist die Herrlichkeit und die Macht in die Ewigkeiten der Ewigkeiten! Amen.[10]

Analyse:

Mit der Parusie als zentraler Punkt (vgl. 1 Petr 4,5) steigt die Dringlichkeit der Veränderung. Das Wesentliche soll vermehrt in den Blick genommen werden (vgl. 1 Petr 4,13.17 f; 5,1.4.6.10). Dafür tritt das bisher im ersten Petrusbrief stark präsente Leidensthema in den Hintergrund, was jedoch nicht zu einem neuen Thema führt. Vielmehr geht es im besprochene Textteil 1 Petr 4,7-11 um „das christliche Leben […] das „Leiden“ als Verfolgung verursacht[11].

Diese Endzeitatmosphäre wird jedoch allein im Vers 7 aufgegriffen, was zu der These führen kann, dass es sich hier eher um eine „Motivationsformel“ oder „allgemeine Mahnung[12] handelt, weil Trotz Mahnung, „Zeit, Ende und Eschatologie kein gärendes Thema des Schreibens[13] sind. Damit wird die Erinnerung an eine nahende Parusie allein zur Argumentation für eine in den nachfolgenden Versen findende „Gemeinde-Ethik[14] verwendet. Mit Gemeinde-Ethik ist ein „Verhalten der Christen untereinander“ gemeint. Aspekte davon sind das Gebet, die Gastfreundschaft als eine zentrale frühchristliche Ausdrucksform der christlichen Liebe sowie die Verwaltung der Charismen.[15]

Da „Ziel allen christlichen Lebens und Strebens […] die Verherrlichung Gottes[16] ist, wird die Perikope 1 Petr 4,7-11 mit einer Doxologie abgeschlossen, die aber nicht als Beleg gelten kann, dass es sich hier um einen eigenen Text oder um einen Abschluss des ganzen bisherigen Textkorpus handelt. Vielmehr wird hier eine eigene Texteinheit[17] die mindestens 1 Petr 4,7-11 umfasst abgeschlossen. [18]

Erklärungen/Auslegung

Vers 7: Der Vers 7 kann als Abschluss des vorherigen Themas angesehen werden, denn während es davor um „die theologische Deutung der Fremdheitserfahrung der Leserschaft und ihr Verhalten in einem nichtglaubenden Umfeld ging[19] wendet sich nun der Blick hin in die Gemeinde selbst hinein, wobei der Verfasser des ersten Petrusbriefes zuerst mit der Mahnung zur Apokalypse eine gängige Formel der „frühchristlichen Predigt[20] aufgreift (vgl. Heb 12,27). Es bleibt unklar, wie sehr der Verfasser wirklich Zeit die Parusie in nächster erwartet oder ob es sich hier um ein Stilmittel oder Begründung handelt,[21] denn am Gedanken der Parusie bleibt der Verfasser nicht stehen, auch faltet er diesen nicht weiter aus, sondern er wechselt direkt zur sogenannten Gemeinde-Ethik über.

Was gilt es im Angesicht der Parusie (Naherwartung) zu tun. Die erste gestellte Forderung ist die Aufforderung zur Besonnenheit (σωφρονσατε). Was das bedeuten kann, kann beim Apostel Paulus nachgelesen werden. Unter anderem nach Röm 12,3 hat Besonnenheit die Bedeutung, „dass der Mensch um seinen Ort weiß[22], was im Gegensatz zu einem „Getriebenwerden von den Leidenschaften“[23] steht. Mit der weiteren Forderung nach Nüchternheit setzt der Autor des Briefes eine Verbindung zum vorangegangenen Text, genauer zu 1 Petr 1,13 und erinnert damit daran, dass die Nüchternheit „für den 1 Petr[brief] die christliche Lebensform in der prekären, über Heil und Unheil entscheidende Gegenwart[24] ist. Die Nüchternheit ist die Grundlage des Gebets[25] („also die verbale Kommunikation mit Gott[26]) was für den Verfasser ein wichtiger Wert zur „Entfaltung und Einübung christlicher Existenz[27] darstellt. Dabei ist mit Nüchternheit „nicht nur das Gegenteil von Trunkenheit gemeint, sondern die Wachsamkeit, die sich des unmittelbar Anstehenden zu jedem Zeitpunkt bewusst ist[28] und die eben von einer möglichen „apokalyptische[n] Erregtheit und Unruhe[29] nicht behindert ist.

Mit der Verwendung des Begriffs „τλος“ könnte ein Bezug zur Leidensthematik im restlichen Brief hergestellt werden, denn mit telos wird „das Ziel, die Erfüllung, den Vollzug, den Zweck einer Sache[30] beschrieben. Damit liegt der Blick auf ein Ziel, das bald erreicht ist. Diese Zielausrichtung kann tröstend gemeint sein, kann aber auch, Angesichts der Verfolgungen,[31] mahnend sein, dass die Gemeinschaft als Sicherheitsraum – durch die christliche Liebe – entscheidend ist.

Vers 8: Mit der angesprochene Gemeinde-Ethik als zentrales Thema der Vers 8 und nachfolgende, geht es um „das Verhalten der Adressatinnen und Adressaten untereinander[32] (Verstärkung der Imperative in V. 7). Besonnen und nüchtern ist der Christ zum Beispiel durch die Einhaltung des Liebesgebots als Kennzeichen für die christliche Gemeinde. [33] Auch hier zeigt sich, bis hinein in die identische Wortwahl, einen Bezug zum vorangehenden Text (vgl. 1 Petr 1,22). Dabei kennt das Neue Testament zwei Wörter für „lieben“: ‚phileo‘ und ‚agapao‘ (‚agape‘). Während phileo mehr die Freundschaft bezeichnet, geht es bei agape (außer in Tit 3,4) um die Liebe Gottes zum Menschen bzw. umgekehrt. Wenn es um die Liebe unter den Christen geht, werden beide Begriffe abwechselnd gebraucht. Die hier geforderte Liebe ist eine Liebe ausgehend von Christus (vgl. 1 Petr 2). Der Christ liebt (Mitchristen, Gott/Jesus = Doppelgebot), weil Jesus ihn zuerst geliebt hat (vgl. 1 Joh 4,19). In der Liebe hat der Christ auch Anteil an der göttlichen Natur (vgl. 2 Petr 1,4).

Eine eventuell schwierige Stelle ist das Thema der Sündentilgung in Vers 8, denn dieser liefert eine „primäre Begründung der Liebe[34], die sich auf die „sündentilgende Kraft der Liebe[35] konzentriert, eine Argumentation, die sich zum Beispiel so auch in Jak 5,20 finden lässt.[36] Dabei geht es darum, dass die begangene Sünde, verdeckt oder vergeben werden kann (wie bleibt im gewissen Sinne offen), durch die Liebe. Dies ist ein Motiv, welches sich in der frühen Kirche immer wieder findet,[37] und sich schon – da weißt auch Origenes hin[38] – in Lk 7,47 so findet. Wichtig ist hier, dass diese Argumentationslinie nicht ein Gegenpol zu dem Grundsatz darstellen soll, dass „Gott das Heil der Menschen bewirkt, die er zu seinem Eigentum gemacht hat[39]. Vielmehr geht es darum die Wichtigkeit der praktizierenden Liebe herauszustellen und zu „unterstreichen, welche Bedeutung die innergemeindliche Solidarität hat.“[40]

Vers 9: Wie unter anderem Franz Dünzl in seinem Buch „Fremd in dieser Welt“ herausgearbeitet hat, ist die Gastfreundschaft ein zentrales Thema der frühen Kirche (vgl. Röm 12,10.13; 1 Tim 3,2).[41] Sie wird „in der Frühzeit der Kirche in einem inzwischen unbekannt gewordenen Stil als etwas typisch Christliches, als spezifisch christliche Form mitmenschlichen Umgangs angesehen und praktiziert[42]. Damit wurde die Tradition des Reisen, die Notwendigkeit von sicheren Unterkünften, für Reisende im allgemeinen und für christliche Reisende im Besonderen, aufgegriffen und zu einer Tugend gemacht, damit das „Postulat der Liebe nicht bloß verbal[43] bleibt, sondern konkret erlebbar wird. Ein ganz besonderer Einblick in die Erfahrungswelt der frühen Christen bietet der Zusatz, dass die Gewährung der Gastfreundschaft ohne „murren“ gewährt werden solle. Wie auch in der Didache[44] zu lesen ist, ist das eine ganz realitätsnahe Erfahrung, die sich darauf bezieht, dass die Gewährung der Gastfreundschaft auch ausgenutzt wurde.

Eine andere Form von Gastfreundschaft wurde hier ebenfalls immer wieder in den Blick genommen. Die Gastfreundschaft der Hauskirchen, einer Gemeindeform, die gerade im 19. Und 20 Jhdt. gerne postuliert wurde. Stefan Heid hat mit seiner Arbeit[45]  belegt, dass es sich bei der in vielen Publikationen beschworenen Hauskirche um eine „Legende der Hauskirche“[46] handelt. Wer aber dieser These weiter nachfolgen will, der hat damit eine weitere (vermeintliche) Hochform der Gastfreundschaft; jene im Kontext der liturgischen Treffen gewährte Gastfreundschaft für eine Abendmahlsfeier in Privathäusern Angesichts (scheinbar) fehlender Versammlungsräume. Das wäre dann eben eine Form der Gastfreundschaft die entscheidend für den Bestand der Gemeinden war.

Vers 10: Norbert Brox diagnostiziert der Gemeinde des ersten Petrusbriefs ein „charismatisches Gemeindeverständnis[47], da der Vers 10 das Thema des Dienens (von: διακονα) und der Charismen aufgreift. Damit wird der Blick von der „innergemeindlichen Solidarität[48] auf jeden einzelnen Gläubigen gerichtet. Ein jeder hat sein Charisma empfangen und damit seinen Dienst in der Gemeinschaft (vgl. 1. Kor 12,14-27). Jeder soll dienen, als „Verwalter“ (οκονμοι)[49] seiner Gaben (Lk 16,1–13; Lk 12,42; 1. Chr 29,11–17). Dabei wird hier der gegenseitigen Dienst,[50] der die Gemeinde stärkt, hervorgehoben. Mit dem Adjektiv „ποικλης“ geht es dabei nicht um eine große Anzahl derer die ein Charisma haben, sondern um die große Bandbreite an Gaben. Damit wird von einer „Differenziertheit der Begabungen gesprochen, die die Gemeinde als ganze besitzt und die sich auf die einzelnen Christen verteilt […] [damit] ist ihnen von Gott ein Begabungsreichtum geschenkt, zu dessen kluger erfolgreicher Anwendung Ps-Petrus hier animiert. Die Pointe liegt dabei in der Sozialpflichtigkeit der Charismen.“[51]

Vers 11: Mit Vers 11 setzt sich die Betonung des „Zusammenspiel[s] der investierten Einzelbegabungen[52] fort indem zwei Beispiele der Charismen benannt werden, die gut verwaltet werden sollen (vgl. V. 4,10). Welche dies im speziellen sind, wird nicht weiter ausgeführt. Es handelt sich um Charismen der Rede/des Wortes und die des Dienens (Taten; vgl. Apg 6,2-4). Es bleibt offen, welche Dienste hier im Einzelnen gemeint sind. In Verbindung mit 1. Kor 12,28 und Röm 12,7+8 dürften hier wohl die einzelnen dienenden Tätigkeiten innerhalb der Gemeinde und untereinander gemeint sein; Hilfsdienste und gelebte Barmherzigkeit.

λόγος“, im griechischen steht zuerst für „Aussprüche“, „Worte“ oder „Orakel“ der Götter und findet sich im Neuen Testament noch in Apg 7,38, Röm 3,2 und in Heb 5,12. Hier geht es nicht nur darum, in einer Übereinstimmung mit Gottes Worte zu sein, sondern wie die alttestamentlichen Propheten (vgl. Dtn 24,4; Ez 2,3–8; 3,10+11), Gottes Worte „zur Sprache […] [zu bringen] und nichts anderes“. Analog dazu gilt es, sich auch im Dienen bewusst zu werden, dass der Dienst „aus der Kraft Gottes“ zu leisten ist, denn auch das Dienen darf nicht „an Fremdinteressen ausgerichtet[53] sein. Gerade die Verwendung von „χορηγε“ betont, dass das Dienen von Gott kommt, ja dass es von ihm ermöglicht wird.[54]

Die Rede und der Dienst, alle Umsetzung der Charismen, geschehen zur Verherrlichung Gottes.[55] Es gilt zu betonen, dass es bei der Umsetzung der Charismen des Einzelnen nicht um die Ehre des Einzelnen geht sondern ganz explizit um die Gemeinde als Gemeinschaft. Die einzelnen Charismen gilt es im Kontext der Gemeinschaft auszuleben. Hier zeigt sich die Lebendigkeit der Gemeinde, einer Gemeinde die ein „Raum des Heils durch Jesus Christus geschaffen[56] darstellt. Diese Verherrlichung Gottes, durch Rede und Dienst des Einzelnen in der Gemeinde wird stilistisch aufgenommen und gleichsam abgeschlossen durch die Doxologie. Das Amen zum Schluss bekräftigt diese (vgl. Rom 1,25; 9,5; 11,36) und schafft einen Sinnabschluss, „bevor in 4,12 durch eine erneute Anrede […] ein Neuanfang erfolgt[57].

Fazit:

Auch wenn nicht explizit von Leid und Verfolgung gesprochen wird, so ist es nicht ganz richtig, wenn jemand zu dieser Textpassage des 1 Petrusbriefes die Aussage tätigt, dass hier das Leidensthema des ersten Petrusbriefes kein Thema sei, denn die Begründung der Gemeinde-Ethik mit dem nahenden Weltenende könnte auch ein direkter Hinweis sein auf eine Bewältigungstheorie des Leidens. Die Christen werden verfolgt, weil sie Christen sind. Zu ertragen ist dies allein durch den Rückhalt in den Gemeinden. Diese Verbundenheit innerhalb der Gemeinde und zwischen den Gemeinden soll durch die Betonung der Notwendigkeit eines speziellen christlichen Lebens gestärkt werden. Erste Priorität dabei hat hier die Liebe, die sich unter anderem in der Gastfreundschaft zeigt, aber auch in weiteren Formen, so wie zum Beispiel in der Umsetzung der von Gott gegebenen Charismen.

Damit bietet der Verfasser des Petrusbriefes eine Struktur an, in die sich die einzelnen Gemeindemitglieder einfinden und einbinden lassen können. Es ist eine Gemeindestruktur die Sicherheit schafft gegen die erfahrene Verfolgung und Anfeindungen Es ist eine Gemeindestruktur, die das zurückgibt, was die Christen verloren haben durch die entstandene Distanz zur Familie und Gesellschaft, eben weil sie die christliche Lebensform gewählt haben.[58]

Im ersten Petrusbrief gibt es so eindrückliche Aspekte und Themen – die Leidensthematik zum Beispiel – dass diese vorliegende Textpassage eher in den Hintergrund geraten könnte. Zu nebensächlich erscheinen die Forderungen dieser Stelle angesichts des restlichen Textes. Dabei bietet diese Stelle so viel für das Leben in der Gemeinde, gerade für Gemeinden in schwierigen Situationen. Die Verbindung der oben beschriebenen Gemeinde-Ethik mit den Aspekten des Leids, des Verlustes, der Verfolgung und der Ängsten und Sorgen können Trost und Antwort Antworten bieten auch für heute bedrängte christliche Gemeinden. Sie könnten auch Antworten bieten für Gemeinden, die sich gerade in Umbruchsituationen befinden. Angst und Unsicherheit gibt es nicht nur in Phasen der Verfolgung, sondern auch in Zeiten des Umbruchs, der radikalen Veränderungen. Abschied von Gewohnheiten und eine unsichere Zukunft brauchen Antworten, die sich eventuell hier finden. Keine Antworten des Abschottens, sondern der Absicherung, der Rückbindung, um vorwärts zu gehen und nicht beengt zu sein/zu bleiben/zu werden. Eventuell bietet diese Textstelle des Briefes auch eine Antwort auf die Gegenwartsanalyse Karl Jaspers: „Dem Glauben an den Anbruch einer großartigen Zukunft steht das Grauen vor dem Abgrund, aus dem keine Rettung mehr ist, entgegen. Es ist wohl ein Bewusstsein verbreitet: alles versagt; es gibt nichts, das nicht fragwürdig währe; nichts Eigentliches bewährte sich; …[59]

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[1] Zitiert nach: Nestle-Aland. Novum Testamentum Graece, hg. v. Barbara u. Kurt Aland et al. Stuttgart 201228[2] Vgl. Mk 1,15; Mt 4,17. Perfekt. [3] Vgl. 1 Kor 4,1; Lk 16,1 ff. [4] Apg 7,38: Wort Gottes am Sinai; Rom 3,2: Wort Gottes die den Juden anvertraut; Hebr 5,12: Wort Gottes. [5] Beispiele für unterschiedlich ausgeprägte Charismen [6] Paulus: Darreichen nach 2 Kor 9,10. [7] 1 Kor 10.11; 1 Joh 2.18. [8] Jak 5.20. [9] Heb 13.2. [10] Röm 12.7. [11] Brox, Norbert; Der erste Petrusbrief (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, hg. Von Norbert Brox et al, Band XXI.). Zürich, Neukirchen-Vluyn 19794. S. 201. [12] Knoch, Otto; Der Erste und Zweite Petrusbrief. Der Judasbrief (Regensburger Neues Testament, hg. von Jost Eckert und Otto Knoch). Regensburg 1990. S. 114. [13] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 201. [14] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 201. [15] Vgl. u. a. Schiefer Ferrari, Markus; Dem Wort glauben – ohne Wort überzeugen Suchbewegungen des Autors und der Leser/innen in 1 Petr 2,11– 4,11, in: Ebner, Martin/Häfner, Gerd/Huber, Konrad (Hgg.); Der erste Petrusbrief. Frühchristliche Identität im Wandel (Questiones Disputates, hg. von Peter Hühnermann und Thomas Söding, Band 269) Freiburg, Basel, Wien 2015. S. 163. [16] Knoch; Der Erste und Zweite Petrusbrief. S. 114. [17] Vgl. Brox; Der erste Petrusbrief. S. 202. [18] Dabei handelt es sich, so nach Christoph Niemand um ein „eschatologisch grundiertes Ausleitungsstück“. Niemand, Christoph; „Plan A“ und „Plan B“ für ein christliches Leben in feindlicher Umwelt, in: Ebner, Martin/Häfner, Gerd/Huber, Konrad (Hgg.); Der erste Petrusbrief. Frühchristliche Identität im Wandel (Questiones Disputates, hg. von Peter Hühnermann und Thomas Söding, Band 269) Freiburg, Basel, Wien 2015. S. 139. [19] Vahrenhorst, Martin; Der erste Brief des Petrus (Theologisches Kommentar zum Neuen Testament, hg. Von Eckhard W. Stegemann, et al, Band 19). Stuttgart 2016. S. 173. [20] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 203. [21] Otto Knoch ist der Meinung, dass der Autor des Textes noch in der Parusieerwartung lebt. Vgl. Knoch; Der Erste und Zweite Petrusbrief. S. 114. [22] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 174. [23] Ebd. [24] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 204. [25] vgl. 1 Thess 5,6.8 und 1 Petr 5,8. [26] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 174. [27] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 204. [28] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 174. [29] Knoch; Der Erste und Zweite Petrusbrief. S. 115. [30] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 174. [31] Vgl. Ebd. [32] A. a. O. S. 175. [33] Vgl. Brox; Der erste Petrusbrief. S. 204. [34] Ebd. [35] Ebd. [36] Dabei wird in der Auslegung zu dieser Stelle diskutiert, ob hier ein Rekurs zu Spr 10,12 erfolgt. Während Martin Vahrenhorts dies so sieht (vgl. S. 175) widerspricht z. B. Otto Knoch (vgl. S. 115) indem er hier ein judenchristliches Sprichwort vermutet, das sich auch noch im Clemensbrief findet (1 Clem 49,5 und 2 Clem 16,4). [37] Vgl. Fußnote 656 in: Brox; Der erste Petrusbrief. [38] Origenes Homelie zu Lev II,4 Siehe Band 6 Origenes Werke [39] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 175. [40] Ebd. [41] Vgl. Dünzl, Franz: Fremd in dieser Welt? Das frühe Christentum zwischen Weltdistanz und Weltverantwortung. Freiburg, Basel, Wien 2015. S. 141. [42] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 206. [43] Ebd. [44] Schöllgen, Georg; Einleitung zu: Didache/Zwölf-Apostel-Lehre (Fontes Christiani, Bd. 1). Griechisch und deutsch, übersetzt von Georg Schöllgen. Freiburg, Basel, Wien 1991. Did 11,5 f.12; 12,5 [45] Heid, Stefan; Hauskirchen hat es nie gegeben. Das Ende einer Legende, in: Herder Korrespondenz 73 (4/2019), S. 37-39. [46] Ebd. [47] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 207. [48] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 176. [49] Lk 12,42; 16,1+8; Röm 16,23; 1 Kor 4,1+2; Gal 4,2; Tit 1,7. [50] Das hier verwendete Partizip in Vers 10 könnte im Bezug zu den Imperativen (Verben) in Vers 7 stehen. [51] Brox; Der erste Petrusbrief. S. 207. [52] Ebd. [53] A. a. O. S. 208. [54] Vgl. Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 177-178. [55] Vgl. Brox; Der erste Petrusbrief. S. 208. [56] Ebd. [57] Vahrenhorst; Der erste Brief des Petrus. S. 178. [58] Vgl. Brox; Der erste Petrusbrief. S. 209. [59] Jasper, Karl; Zur geistigen Situation der Zeit. Berlin, New York. 19995. S. 59.

Vor wenigen Tagen war ich ja in Berlin. Da treffen in einer sehr offenbaren Form finanziell unterschiedlich ausgestattete Gruppen aufeinander oder besser: man kann sie dort bewusster wahrnehmen.

Mit der sinnvollen und notwendigen (richtigen) Forderung von Papst Franziskus „hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen“ (EG 20) bleibt der Papst noch recht vage, welche Gruppen er damit meint. In den Abschnitten EG 53, 59 oder 191 zeigt er klarer auf, welche Randgruppen er damit meint: Jene, die unsere gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme an den Rand der Existenz und damit unserer Städte, unseres eigenen Lebens drücken.

Mein Nachdenken darüber soll nicht dazu führen, dass ich alle Aktionen, alles Bemühen sich um diese von Papst Franziskus angesprochenen Gruppen zu kümmern und zu sorgen, abwerte. Sie sind notwendig, trotzdem überlege ich mir, was es braucht um „das eine zu tun und das andere nicht zu lassen“. Damit meine ich auch den Blick auf alle „Randgebiete“ zu legen, die vom „Licht des Evangeliums“ nicht oder nur schwach beschienen werden.

Damit meine ich die sogenannten Reichen, die heutige Mittelschicht, Menschen in Berufen, die einen hohen Lebensstandard sichern aber damit einhergehen, dass andere Dinge von Tag zu Tag unsicherer werden.

Ich bin Gott dankbar dafür, dass er mir Freunde und viele Begegnungen mit Menschen verschiedener Gesellschaftsschichten geschenkt hat und schenkt. Darunter sind sehr viele „EntscheiderInnen“ aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Und wenn ich mich mit diesen Menschen unterhalte, dann entdecke ich immer wieder eine große Sehnsucht, ein großes Fragen, viele Zweifel, viel Unsicherheit und Suche, nach dem, was das Leben lebenswert macht. Es sind dabei nicht jene, die gerade anfangen Geld zu verdienen. Viel mehr sind es jene, die viel schon „erreicht“ haben, die aber auch Erkennen, dass eine Krise, eine schwierige Lebenssituation alles zum Einsturz bringen kann, was aufgebaut wurde, weil – und das erfahren diese Menschen wirklich – ihr Lebenskonzept nur auf Abhängigkeiten und Schein oder bildhaft gesprochen auf Sand gebaut ist.

Ich hatte hier schon so viele großartige Gespräche: suchende, ahnende, fragende und hoffende Momente und nach diesen Gesprächen gehe ich nach Hause und frage mich: Wo haben diese Menschen ihren Platz in der Kirche? Wo heißen wir sie willkommen, nehmen ihre Lebenswirklichkeit an und auf und gehen von ihrem Lebenspunkt aus, im Licht des Evangelium, mit ihnen ihren Weg?

Ich habe aber auch schon wirklich reiche Menschen erlebt die mir sagen: Die Kirche verurteilt mich wegen dieses Reichtums. Wenn das so ist, dann ist das grausam. Auch mit dem Jesuszitat des Reichen und des Kamels ist das nicht eine Negierung und Ausgrenzung derjenigen die Reichtum haben, vielmehr ist es die Aufforderung unser Augenmerk auch auf diese suchenden Menschen zu werfen.

Beschäftigen wir uns damit? Ich kenne nahezu keine Räume, Konzepte und Angebote, wo sich diese Menschen angesprochen fühlen dürfen. Selten sind es einzelne Priester, die dann unter Schmähung und Lächerlichkeiten, in diesen Kreisen sich bewegen, mit Häme und Spott und Vorurteilen von gewissen kirchlichen Kreisen belegt, hier präsent sind.

Wie ernst nehmen wir die Aufforderung an die Ränder zu gehen? Ist die so stark steigende institutionalisierende Hilfe für Menschen mit finanziell niedrigeren Einkommen – so wichtig das ist – eventuell auch eine Ausrede um an manche Dinge nicht zu denken? Manchmal habe ich das Gefühl, dass es so ist und dafür nehmen wir in Kauf, dass wir Menschen, die finanziell sicherer da stehen aber trotzdem an unseren Rändern stehen verkraulen, da sie in unserer selbst geschaffenen christlichen Komfortzone nur stören. Sie bringen nämlich nicht Befriedigung und schöne Bilder mit der Schöpfkelle in der Suppenküche, sie kann man sich nicht mit einer Spendenüberweisung zu Weihnachten aus dem Gedächtnis streichen.

Die Beschäftigung mit allen „Randgruppen“ verlangt einiges mehr als Aktionismus.

Vor wenigen Tagen wurde nicht nur in Italien – aber dort wohl am intensivsten – an den wohl beliebtesten italienischen Heiligen gedacht. Padre Pio! Vor über 50 Jahren ist der lange umstrittene Heilige in seinem Kloster San Giovanni di Rotondo (Italien am Gargano) gestorben.

Die Kirche hat Padre Pio 2002 heiliggesprochen. Papst Johannes Paul II. hat die Heiligsprechung stark gefördert, was sich der Legende nach auf eine ganz persönliche Erfahrung mit dem Pater zurückführen lässt. Schon zu Lebzeiten wurde Padre Pio als Heiliger verehrt. Viele pilgerten zu ihm und sein Kloster war ein beliebter Ort. Dort traf Padre Pio den damaligen Priester Karol und – so die Legende – weissagte ihm, dass er Papst werden würde. 1947, in dem Jahr in dem dies wohl geschehen ist, war die Kirche noch distanziert zu diesem Gottesmann. Johannes XXIII. lehnte ihn rundweg ab und erst 1971 wurde das Leben und Wirken des Paters von Paul VI. positiv bewertet.

Die Schwierigkeit an diesem Heiligen zeigt sich für viele sicherlich an der Summe der Wunder, die sich an ihm und durch ihn ergaben. Unter anderem gehört dazu die Prophetie, der Empfang der Stigmata und eine ihm nachgesagte Fähigkeit der Bilokation. Die Kirche hat diese Wunder, nicht ohne Diskussionen, anerkannt. Aber noch heute ist er – eventuell gerade deshalb – bei vielen umstritten, was auch an der Form der Kommerzialisierung dieses Heiligen an seinem Sterbeort liegt.

Padre Pio stellte sein Leben ganz und gar in die Sache des Evangeliums. Die Wundmahle sind ein Zeichen dafür. Ziel seines, ja Ziel unser aller Leben ist das Streben nach Heiligkeit im Alltag, daran erinnert uns Papst Franziskus in seinem Schreiben Gaudete et exultate. Heilig werden, Christusähnlich werden, das ist das Ziel des Christen. Dazu gehört nicht allein der Versuch nach dem Evangelium zu leben, sondern auch die Sorgen und den Schmerz andere anzunehmen. Nicht indem wir selber körperlichen Schmerz uns zuführen, sondern ganz schlicht im mitleiden, in der Bereitschaft, Verantwortung für den Anderen zu übernehmen. Die schlichte Weisheit „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist erfahrbar, wenn Christen sich zur Seite stehen. Mitleiden zeigt sich im Gebet und entscheidend im aktiven helfen. Padre Pio, der mit der Spendung der Beichte, mit der Seelsorge, die Anwesenheit Christi ganz besonders sichtbar gemacht hat, kann hier eben auch zum sichtbaren Christus werden, eventuell wie eine Ikone: Im Tun und Sein des Padres zeigt sich das Antlitz Christi.

Diese Vorstellung, dass uns im Mitchristen das Antlitz Christi erscheint, das ist eine tragende Vorstellung. Einmal, ganz besonders in dem wir uns bewusst werden, dass in jedem Armen, Kranken und Hilfsbedürftigen das Antlitz Christi aufscheint, aber eben auch umgekehrt, wenn wir selber erleben; in tiefster Not, in Verzweiflung, gibt es Menschen, die uns helfen, die uns erfahren lassen, dass die Botschaft Christi wirkt. Wenn wir am Boden liegen, dann hilft uns Christus auf, oft genug durch Menschen – durch Menschen wie Padre Pio. Solche Erfahrungen machten die Menschen damals als sie Padre Pio begegneten. Er wurde für sie in Not und Bedrängnis ein kleiner Christus der ihnen Beistand.

Solche Erfahrungen sind einzigartig. Solche Erfahrungen wünsche ich uns allen. Dass es möglich ist dies zu erleben, das feiern wir, wenn wir an Heilige wie Padre Pio denken.

wenn es so weiter geht wie jetzt.

Was meine ich damit? Heute Mittag war ich mit einer Bekannten Mittagessen. Dabei kam sie zu der Frage: „Und was sagst du zu dem was gerade rund um diesen synodalen Prozess so abläuft“? Ich konnte darauf nur antworten: „Gar nichts, ich lese dazu nahezu nichts mehr, denn ich bin zutiefst frustriert und enttäuscht von dem was da passiert.“

Dabei kann ich gar nicht sagen welche „Seite“ und welches „Lager“ mich am meisten enttäuscht. Es ist die Summe und die Grundstimmung, die hier besteht, denn egal was hier geschieht, es ist nicht mehr in der Grundhaltung des Evangeliums. Die katholische Kirche und all ihre mithandelnden VertreterInnen zeigen sich in einem Licht, das mich beschämt.

Kardinal Kasper hat, so die Herder Korrespondenz, gesagt, dass: „ohne [eine] Erneuerung aus dem Glauben gehen alle noch so gut gemeinten strukturellen Reformen ins Leere.“ (HK 10/2019). Da stimme ich ihm absolut zu. Nicht so der Theologe Striet der in seiner Art gleich darauf geantwortet hat und wieder gezeigt hat, dass die Diskussion Inhaltlich nicht seriös geführt wird, denn es wird gerade von deutschsprachigen TheologInnen und KommentatorInnen nicht zur Sache diskutiert sondern Aussagen andere in ungenaue Kontexte gesetzt und so gedreht, dass die eigene Agenda gut platziert werden kann.

Ich fordere einfach alle auf dort anzufangen wo Veränderung not tut und entscheidend ist für alles was kommt: In der Grundhaltung. In der Lebenseinstellung. In der Bezogenheit auf Jesus Christus und seiner Botschaft. Und damit zeigt sich wessen Geistes Kind ich bin. Seit ich die Texte Papst Paul VI zur Neu-Evangelisierung gelesen stehe ich zu dem was er gesagt und geschrieben hat: Aller Anfang für Reform und Veränderung ist ein Leben in und mit Jesus Christus. Dieser Tradition folgt der aktuelle Papst Franziskus und deshalb stehe ich zu ihm und bin auch dankbar für seinen Brief an die Deutschen aus diesem Jahr.

In diesem Brief aber auch in seinen Texten – angefangen mit Evangelium gaudium – mahnt Franziskus, erinnert er uns daran, dass wir dringend Reformen und Änderungen vornehmen müssen, aber nicht am Reißbrett, nicht weil eine Lobby das will, sondern aus einer Neu-Evangelisierung heraus. Klar: Wir können alles ändern, jetzt, heute, hier, sofort: Von der Liturgieform, der Morallehrer, dogmatische Ansätze oder auch Kirchenstruktur heraus. Das ist menschlich möglich. Aber das Ergebniss wird keine katholische Kirche mehr sein sondern – wie schon die Piusbrüder schlussendlich auch – ein Verein für  Sophisten für neue Pharisäer, denen (selbst geschaffenes) Gesetz und Struktur wichtiger sind als die Menschen und als die Tiefe der Gottesbeziehung. Mit dieser engen Strukturreformdenkerei folgt Spaltung und nicht Aufbruch, denn es wird danach nur radikalisierte Kirchengemeinschaften geben und verzweifelt suchende Christen, die keine Heimat mehr haben – da zähle ich mich mit ein.

Eine Reform ein synodaler Prozess der aber aus der Tiefe des Glaubens heraus die notwendigen Veränderungen angeht wird Erfolg haben. Wenn die Lobbyisten der Theologie, wenn die kirchlichen Hauptamtlichen egal welcher Position, Geschlecht oder Rolle dies nicht ganz bewusst angehen, eine Reform aus der Botschaft Jesu heraus, ohne dem Willen das Eigene durchzusetzen, dann kommen wir vorwärts. Sonst nicht.

Ich bete dafür, dass sich endlich was verändert. Dass Kirche zu einem neuen Raum wird der Freiheit und des Glaubens ausgerichtet am Evangelium. Oh Heiliger Geist komme herab und mache das Antlitz der Erde neu!

Alles auf Start! Das schöne bei dem Spiel Monopoli ist doch, dass das Spiel bei Start losgeht und irgendeine Karte schickt einen hin und wieder auch zurück auf Start. Von solch einem Neuanfang träumen so manche.

Ich darf solche Neuanfänge (normalerweise) täglich erleben, im Stundengebet. Natürlich, hier wird nicht alles ausgelöscht, aber gerade Laudes, Vesper und Komplet bieten den Raum, das in Gottes Hand abzugeben, was mich Beschäftigt (auch wenn es aktuell nicht immer leicht ist). Damit meine ich, dass ich in diesen Momenten erleben darf, dass ich von allem was mich beschäftigt in Distanz treten kann, es von „aussen“ betrachten kann um dann neu zu beginnen. Es ist ein „neu-setzten“ der Dinge, Erfahrungen und Themen, die mich beschäftigen. Neu in dem Sinne, dass ich nach neuen Erfahrungen weitergehen kann.

Solch einen ganz besonderen Neuanfang konnte ich gestern Abend genießen, an meinem ersten Tag des Kurztripps nach Berlin, in Maria Regina Martyrum, der „Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933-1945“. Ein langer und sperriger Titel der Kirche. Lange und sperrig ist das Ankommen dort nicht. Ruhe, Schlichtheit und die Aura eines ständigen Gebetsraumes – das lässt ganz schnell eintauchen, aufatmen.

Es ist Heilsam sich und sein Leben hier einzuordnen. Die Vorbilder deren hier gedacht wird zeigen, wie tief ein sich „in die Hand Gottes geben“ sein kann. Aber der größte Segen dort sind jene, die für uns alle beten, die Schwestern des Karmel Regina Martyrum. Diese Frauen kennen mich ja nicht, aber eine so tiefe Willkommenssituation habe ich schon lange nicht mehr erlebt.

Der Raum, die Haltungen der Schwestern und die schlichte, klare Form der abendlichen Vesper und des Gebets – zeigen mir, was im Leben wirklich wichtig ist. Danke Gott!

Dank Gott zeigt sich mir auch hier wieder, wie wenig ich brauche um zu beten um in eine Gebetshaltung einzutreten. Diese Erfahrung hat mir in der letzten Zeit gefehlt und ich habe danach gesucht. Die Schwere des Gebetsleben – so lässt mich die Erfahrung hier (wieder) erahnen – ist wohl am ehesten dieses in der Einfachheit leben: Täglich vor Gott treten, täglich sich selbst fallen lassen, Vertrauen zuzulassen, das Antlitz Gottes auf sich spüren lassen. Einfach, schwer – aber wo man es erspüren kann – großartig. Was ich in den letzten drei Jahren seltenst erlebt habe, hier fällt es auf mich ein und umhüllt mich.

Hier könnte ein Startpunkt sein, um das was ich beschäftigt nun „neu-zusetzten“. Ich lasse mich überraschen.

Die Tage in Berlin konnten nicht besser beginnen. Lob sei Gott!

Mit dem heiligen Augustinus verbinde ich zuallererst die Confessiones. Das Buch ist in der Rückschau nicht nur das erste Werk, das ich von Augustinus ganz gelesen habe, sondern auch das, was mich am meisten geprägt hat. Was nicht bedeutet, dass die Schriftauslegungen des Heiligen mich nicht auch prägen. Gerade dort finden sich so viele Denkanstöße.

Die Confessiones habe ich als ein Buch ganz zum ersten Mal im ersten Semester meines Studiums gelesen. Daheim das Buch und in der Uni ein Professor, der immer und immer wieder betont hat, dass er Augustinus gefährlich findet. Der Professor hat Augustinus negiert, anhand Zitate, und ich saß damals daheim und dachte – nach der Durchsicht der Zitate und der Suche nach ihnen in den Texten – dass ich die Welt nicht mehr verstehe, oder zumindest die theologische Welt.

In den Confessiones gehört das VIII. Buch für mich zu den für mein Leben prägendsten Stellen, denn hier geht es um die Erzählung von einer Grundsätzlichen Veränderung, von „der Befreiung aus den Fesseln“ (Con. VIII., 1), die Augustinus noch daran hindern als Christ zu leben.

Augustinus hat den Moment erreicht, wo er die „richtige“ Gottesvorstellung aufgenommen hat, aber sich zum Christentum zu bekenne, dazu ist er noch nicht bereit, denn davon halten ihn die Hoffnung auf Ehre und Geld (spe honoris et pecuniae; Con. VIII., 1) und die Bindung an „die Frau“ und an das Verlangen nach geschlechtlichen Erlebnissen, ab.

Augustinus beobachtet die Gläubigen, kritisiert manches Verhalten und ist sich bewusst, dass auch er eben nicht ganz Christ sein kann. Mit seinen Fragen und Zweifeln besucht er Simplicianus, Taufvater des Ambrosius und berichtet ihm, dass er platonische Bücher gelesen hat, dieser beglückwünscht ihn und nutzt diese Information, um ihm eine Geschichte über den Übersetzter Marius Victorius zu erzählen. Dieser war erst heimlicher Christ, der dann doch den Entschluss gefasst hat, öffentlich sich Taufen zu lassen und damit sein ganzes Leben verändert hat (Con. VIII., 2). Diese Lebensgeschichte bewegt Augustinus sehr und Augustinus hat die Sehnsucht dem Marius Victorius nachzufolgen (Con. VIII., 5), wird aber noch abgehalten.

Mein Wollen hielt der Feind gefangen, und von ihm aus hatte er mir eine Kette geschmiedet und mich umschlungen. Denn aus dem verkehrten Willen geht die böse Lust hervor, und wer der bösen Lust dient, dem wird sie zur Gewohnheit, und wer der Gewohnheit nicht Widerstand leistet, dem wird sie Notwendigkeit. In diesen gleichsam untereinander verbundenen Ringen – ich nannte es deshalb eine Kette – war ich gefesselt in harter Sklaverei. Der neue Wille aber, mit dem ich begann, dir um deiner selbst willen zu dienen und dich zu genießen, o mein Gott, war noch nicht stark genug zur Überwindung des durch das Alter erstarkten Willens. So stritten sich zwei Willen in mir, ein alter und ein neuer, ein fleischlicher und ein geistlicher, und sie zerrissen meine Seele.“ (Con. VIII., 5). Augustinus macht sich darüber Gedanken, warum er, warum so viele Menschen die guten Aspekte des Christentum erkennen, warum sie sehen, dass als Christ leben der richtige Weg ist, sie aber doch den letzten entscheidenden Schritt nicht wagen. Er fragt, was da vor sich geht, was der Wille hier bewegt oder nicht bewegt bzw. wer den Willen bewegt hin zum Tun. In dieser Abhandlung über den Willen unterscheidet Augustinus zwischen dem alten/fleischlichen Willen und dem neuen/geistigen Willen (voluntas nova/spiritalis). Sie beiden ringen miteinander (Con. VIII., 5).

Ein weiterer Schritt hin zur Bekehrung geschieht nach dem Besuch bei Simplicianus, zu Hause bei Augustinus durch einen Besucher (Con. VIII., 6 f.). Augustinus erhält Besuch von Ponticianus der durch ein Buch des Paulus dazu angeregt wird über Antonius zu erzählen und dem folgend eine Geschichte über zwei kaiserliche Beamte, die durch das Lesen der Vita des Antonius bekehrt wurden.

Zwei zentrale Impulsgeber berichten von Bekehrungen und der Idealform des christlichen Lebensentscheidung, der Veränderung des Lebens nicht nur auf Christus hin, sondern von Christus ausgehend. Diese Impulsgeber brauchte es, damit nun als Höhepunkt des Buches die eigentliche Bekehrungs- oder Rückführungsszene des Augustinus erfolgen kann. Es ist die sprichwörtliche “Gartenszene“ die nun beschrieben wird (Con. VIII., 12). Diese Szene, dieser Weg hin zur Läuterung und zur Wandlung ist wunderbar mehrschichtig komponiert indem der Text z zwischen äußerem und innerem Schauplatz wechselt. Augustinus beschreibt hier verschiedene Prozesse, die gleichzeitig ablaufen in nächster Nähe, dass sie auch als Leser nahezu gleichzeitig erfahren werden. Noch einmal steht der Wille im Blick. Die Gedanken dazu führen dann aber zu einer absoluten Distanzierung Augustinus gegenüber dem Manichäismus. Augustinus bricht hier zuerst mit bisher gedachten Konstrukten. Er schließt ab, macht sich frei vom Falschen, er reinigt sich durch das Gebet, um zu jenem Punkt zu gelangen an dem er ein Hörender wird. Einer, der so genau hinhört, dass er auch die Stimme der Kinder hören kann. Augustinus tritt in diesem Prozess der Gartenszene seelisch zurück ins Paradies, um von dort neu seinen Lebensweg zu gehen. Mit dieser neuen Reinheit, oder besser Offenheit Gott gegenüber hört er den Anruf des „tolle lege“ (nimm und lies; Con. VIII., 12), den Augustinus dann auf sich und seine Situation beziehen kann. Er nimmt das Wort auf, er greift zum Buch und lässt sich leiten. An dieser Stelle geht es nicht mehr um ein rationales Lesen, sondern um ein Aufnehmen des Wortes, daher schlägt er das Buch auf, dort wo es sich öffnet und trifft auf eine Paulusstelle, die ihn trifft, ins Innerste, ganz und gar. Damit wird ein Pauluswort für ihn zum Orakel. zur Hand schlägt es auf und liest die Textpassage auf die seine Augen als erstes sehen. Die Botschaft trifft ihn, denn sie spricht direkt seine Situation an. Alles wird klar, so klar, dass er davon sofort berichten kann. Zwar erst noch „nur“ dem Freund Alypus der ihm nachfolgt, aber schon bald auch seiner Mutter. Womit dieses Kapitel endet.

Immer wieder lese ich dieses VIII. Buch und merke wie Augustinus, wie klar alles ist, doch wie schwer es ist, das Leben ganz zu ändern. Während das Buch irgendwie ein ganz oder gar nicht platziert merke ich, dass das bei mir nicht so einfach geht. Ganz oder gar nicht, das funktioniert nicht. Fast ganz – das schon immer mehr. Aber immer wieder mit einem Wissen um den Schritt zurück, der auch zum Glaubensweg gehört. Und so stresst mich dieser Text immer wieder, da ich merke, dass ich den Zielen noch so fern bin, er entspannt und erfreut aber auch immer wieder, da er mich motiviert, denn wie die Viten von denen die beiden Impulsgeber berichten führt die Geschichte auch mich immer tiefer hinein in ein Leben das tiefer und tiefer von Christus her auf Christus hin ausgerichtet ist.

Die Geschichte erinnert mich aber auch entscheidend daran, dass Glauben keine „Ach-AG“ ist. Glaubensleben beginnt über Vorbilder und wird auch von „Vor-Bildern“ gestört. Je nachdem ob sie Christusbezogen sind oder nicht.

Heute, am 28. August ist nicht nur Hl. Augustinus sondern auch der Geburtstag von Goethe. Eines der entscheidenden Werke der deutschsprachigen Literatur, das mich geprägt hat und prägt ist „Der Faust“. Das Werk und ich werden von Jahr zu Jahr älter und jedes Jahr, wenn ich es auf ein Neues lese entdecke ich was Neues, das mir Impuls ist.

Eine der vielen Stellen die zentral sind für mich ist die Frage nach der Übersetzung der ersten Worte des Evangeliums nach Johannes. Was ist zuerst? Was war am Anfang? Das Wort, der Sinn, die Kraft, der Geist oder die Tat?

Im Kontext der Vorbilder, die unser Glaubensleben prägen, wie eine Hebamme heben dürfte „Am Anfang steht die Tat“ stehen. Jene Tat des gelebten christlichen Lebens. Oder ist es dann doch der Geist, der Geist der Liebe, der Anfang ist um als Vorbild zu wirken? Es bleibt offen, aber egal für was man sich selbst entscheidet. Zur Bekehrung gehört der Impuls. Zum Wachsen der eine Same, der gesät werden muss – aber zu allem gehört der Andere. Gott, aber eben auch das Vorbild.

Augustinus hat mir mit der Confessiones gezeigt, dass mein Glaubensleben nicht mit mir allein gelingt. Er hat mir gezeigt, dass ich auf den Anderen verwiesen bin und durch diesen weiter gehen kann. Augustinus hat mir aber auch gezeigt, dass Bekehrung, dass christliches Leben des Einzelnen auch in der Verantwortung der Anderen steht. Vorbilder muss man sich nicht nur suchen, Vorbilder müssen auch diesen Auftrag annehmen, eben Vorbild zu sein. Das erwarte ich von mir, Tag für Tag, das erwarte ich von meinen Mitchristen und das erwarte ich im entscheidenden Maße von jenen, die Berufene ausbilden. Hoffen wir, dass es welche gibt, die diesen Vorbildstatus auch annehmen.

Die Aufnahme machte ich im September 2016. Ich blieb damals am Kopf dieser Straße stehen, saugte den Blick ein, machte ein Bild und hörte dabei den Ruf von Pfauen. Diese klagende Schrei, der mir immer wieder in Mark und Bein geht.

Ich befand mich mitten in der Stadt Rom, rund um diesen Hügel, auf dem ich mich befand, rauschte der ewige Verkehr der ewigen Stadt, aber hier oben war es wirklich still, so still wie es nur in Rom sein kann, so still, dass ich neben dem Ruf der Pfauen auch das plätschern eines Brunnen hören konnte. Ebenfalls ein Geräusch, das ich erst in Rom wirklich, ganz und gar zu hören lernte.

Dieser Spaziergang der mich bis zu dieser Straße führte hatte ein Ziel. Ein Abendgespräch auf einer der Dachterrassen Roms. Einer jener Terrassen, die kaum bekannt sind, privat und einen Blick schenkten, der traumhaft war.

Mein Gesprächspartner war einer der vielen faszinierenden Menschen, denen ich in Rom begegnen durfte. Ein Mann voller Aktion, der aber einem die tiefe Ruhe eines geistlichen Menschen schenkte, sobald man in sein Umfeld trat.

Und damit war ein Abend gesichert, der mir heute noch in Erinnerung blieb. Wir tranken einen trockenen weißen Wein, es gab Kekse, wir saßen auf Plastikstühlen auf dieser riesigen Dachterrasse, wir genossen den Wind, das ruhige Gespräch über die Kirche, den Glauben, (meine) Zukunft. Von den Termen klang Musik herüber, irgendwer spielte, später erfuhr ich – irgendein Weltstar – wir sahen und hörten ihn, aber er war nur Hintergrundrauschen.

Entscheidend war das, was ich erleben durfte: Die tiefe Erfahrung, dass hier zwei Menschen sitzen, die in so vielem getrennt sind: Alter, Intelligenz, Rolle, Erfahrung, Eloquenz – aber geeint im Glauben. Jesus Christus war im Gespräch dabei, ganz normal und selbstverständlich.

Zufriedenheit, Gewissheit, Geborgenheit – über das was im Leben wichtig ist und dass das Christentum, ja dass die katholische Kirche meine Heimat ist. Das schenkte mir solch ein Moment. Ich verließ diesen großen Kirchenmann und wusste, dass es die sichtbare Erfahrungen gibt: Gott ist bei uns! Und ich wusste, dass der Weg richtig ist.

(Es war ein Gesprächspartner der deutschsprachig war, aber solch ein Gespräch habe ich in Deutschland nie mit einem kirchlichen Amtsträger erlebt. Warum?)     

Selig die, die nicht sehen und doch glauben! Das ist ein zentraler Satz für den heutigen Tag. Als er gesprochen wurde, in jenen Tagen nach der Auferstehung, lebten Menschen, die den Messias leibhaftig gesehen haben. Es sind Menschen, die vor und nach der Kreuzigung mit ihm leben. Darunter Thomas, der nicht nur sehen, sondern den Herrn anfassen musste. Er musste ihn und die Botschaft be- und ergreifen. Er gehört zu den ganz vielen, die eben gesehen haben, die gehört und gesehen haben und geglaubt haben.

Uns bleibt nichts anderes als zu Glauben ohne zu sehen. Nur wirklich sehr wenigen kommt die große Ehre zuteil, den Herrn zu sehen so lange sie leben. Ein paar wenige Heilige (Was ich persönlich ganz angenehm finde, dass es so ist). Anderseits: Wie sehr würde manches sich erleichtern, wenn wir auch anfassen können, wenn wir Jesus leibhaftig ergreifen können. Manchmal, das muss ich gestehen, wünschte ich mir den kindlichen Wunsch, dass es für mich auch ein Kreuz gibt, das spricht, wie bei Don Camillo – aber wie gesagt, es ist auch gut so, dass das nicht eintrifft.

Im Münster von Freiburg stehen sich die Figuren von Jesus und Thomas gegenüber. Es erscheint so, wie wenn sie über den Altar hinweggehend auf einander zu gehen könnten. Jesus und Thomas, Wahrheit und Zweifel begegnen sich, am Altar.

Wenn ich im Münster ministriere, dann sitze ich manchmal so, dass ich bis zur Eucharistie den Thomas ansehen kann. Nach der Kommunion sitze ich so, dass ich Jesus im Blick habe. Und es erinnert mich, dass das ganze Christenleben ein sich hinbewegen zu Jesu ist. Geprägt von Zweifel und von den Momenten, der Gewissheit. Das Wort Gottes hören wir, wir nehmen es an, wir versuchen es zu verstehen, wir zweifeln und sind unsicher. Dafür schenkt uns Gott seine Gegenwart im Leib und Blut. Die Eucharistie ist ein Ort an dem Zweifel aufgehoben werden, denn hier ist absolut Erinnerung, ein Aha-Moment, des Lebens für das Leben. Aber schon danach bleibt nichts als Glaube, ein Glaube, der von Prämissen ausgeht, die schlussendlich nach menschlichen empirischen Ansätzen nicht belegbar sind. Es bleibt als Gewissheit allein die Grundhaltung, die Offenheit, die Beziehung zu den Erfahrungen, nicht allein von mir, sondern von allen vor mir. Und es bleibt, der so schwere Satz: Selig, die nicht sehen und doch glauben!

Mit Jesus verändert sich die Blickrichtung des Lebens. Es gilt nicht mehr die Frage: Was muss ich alles tun, um in den Himmel zu kommen? Nein, es geht um kein irgendwann fernes anbrechendes Ziel, das es primär zu erreichen gilt. Nicht fern, sondern um einen anbrechenden Himmel hier – jetzt und hier – darum geht es. Der Wille Gottes, der Plan, den Gott mit dieser Welt hat, soll vom Himmel „runterkommen“. Der Himmel soll hier anbrechen, bzw. ist angebrochen und es gilt nun, diesen Anbruch sichtbar zu machen. Das ist die Botschaft Jesu und schlussendlich der ganzen Bibel. Auf die Frage Johannes ob Jesus der Messias ist und Jesus antwortet: Schaut und dann berichtet was ihr seht! (Mt 11,2). Jesus schafft den Himmel auf Erden, seine Wunderheilungen sind nicht in der Exegese zu beweisende Wunderkonzepte sondern die radikale Veränderung der Welt: „Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet.“ (Mt 11,3). Hier zeigt sich das, um was wir im Vaterunser, beten. Das Reich, der Wille Gotte geschieht auf Erden. Der Frieden, die Aussöhnung, der Tierfrieden wie Jesaia (Jes 11,6-8) ihn beschreibt ist möglich, das zeigt uns Jesus.

Der Plan ist schon da – Gottes Wille im Himmel – er muss sich aber manifestieren auf Erden, durch und mit uns.

Damit zeigt sich, dass wir mit einem negativen Weltbild aufhören müssen, es gilt nicht in „Sack und Asche“ zu gehen hier auf Erden, sondern dafür Sorge zu tragen, dass die neue Zeit, in der der Bräutigam (Mt 9,14-15) unter uns ist, wieder anbricht. Wir müssen nicht durch irgendeine trübsinnige Erdenzeit durch, um dann eventuell in den Himmel zu kommen, sondern wir sollen diese Erde und unser Leben bejahen, und Verantwortung übernehmen, dass dieser Plan Gottes auf Erden sichtbar wird.

Heute ist die „Narrenrede“ (2 Kor 11, 18.21b-30) von Paulus die Lesung des Tages (Freitag 11. Woche JK I.). Dabei geht es ihm darum, dass er närrisch redet indem er sich auf das Niveau seiner Gegner begibt und prahlt. Er prahlt, mit dem was er auf seinen Reisen getan hat, eben nicht um zu prahlen sondern um zu zeigen, wie närrisch er es findet, dass Leistung aufgezählt wird, gerade insbesondere Leistung die auf ganz irdische Weise aufgelistet wird und den Einzelnen über den anderen erheben soll nach dem Motto: Seht, wie großartig ich bin. Ich bin der King!

Die Prahlerei des Paulus bietet uns einige biografische Infos. Deshalb ist diese Stelle schon mal faszinierend. Aber faszinierender ist die Botschaft, die über die Prahlerei hinausgeht. Paulus trifft hier eine grundsätzliche Aussage über das apostolische Amt, über das Amt der Nachfolge, das eben nicht Rum und Ehre und sichtbar wird in irdischen Machtinsignien, das sich nicht über persönliche Fähigkeiten und/oder belegbare/messbare Erfolge definiert sondern zuallererst über die grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst und damit auch zu sich daraus heraus bedingende „Nachteile“, zu einem ruhmlosen Ge- und Verbrauchtwerden.

Und darin zeigt sich, dass Paulus Narrenrede eben nicht eine Narrenrede ist. Er ist nicht der, wie jener der im Psalm 53, der als Narr bezeichnet wird, der seinen „Schatz“ (vgl. Mt 6,19-23) wo anders als in Gott findet. Narrenrede ist die Rede jener die im Herzen sich selbst haben, nicht Gott, und sich somit mit dem brüsten, sich an das hängen, was nicht wichtig ist. Paulus versucht sich auf dieses Niveau einzulassen, aber er schafft es nicht. Denn wer voll ist von dem, was ihn treibt, wird auch schlussendlich nur von dem erzählen und nach diesem Leben. Bei den einen ist es das „ich“ bei Paulus ist es „Gott“ und darin ist er Vorbild und gilt nachzueifern.