Björn Siller

Wie überwinden wir das Böse? Indem wir es vergeben ohne Ende. Wie geschieht das? Indem wir den Feind sehen als den, der er in Wahrheit ist, als den, für den Christus starb, den Christus liebt.

Bonhoeffer, Dietrich; Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937-1940, DBW Band 15, Seite 469f.

Für eine Publikation habe ich einige Filme besprechen dürfen. Ein Film, den ich ausgesucht habe dazu hieß: „Der Unbekannte“. Dabei handelte es sich eher um eine Weihnachtsgeschichte. Am Weihnachtsabend klopft es an der Tür eines Klosters. Die Brüder sind beim Essen und laden den Gast, der angeklopft hat zum Essen ein. Sie machen ihm Platz, bieten ihm Essen an. Sie handeln, wie der Herr es fordert. Sie geben ihm einen Ort zum Bleiben, sie geben ihm Essen und Trinken und – als sie sehen, dass seine Hände verbunden sind – wollen sie auch seine Wunden säubern und neu verbinden.

Doch unter dem Binden zeigen sich Wunden an eben jenen Stellen, die Jesus auszeichnen. Die Sehenden können es nicht glauben, der eine blinde Bruder, tastet das Gesicht des Buchers ab und erkennt: Es ist der Herr!

Allen ist es klar, wer da in ihrer Mitte Platz genommen hat. Doch sie sind überfordert, sie kommen damit nicht zurecht – und sie bitten den Gast zu gehen!

Heute feiern wir den Einzug Jesu in Jerusalem. Es ist wieder ein Fest das ganz im Zeichen der Ankunft Gottes auf Erden steht. Es ist wieder ein Fest, das ganz im hier und jetzt, die Zukunft in den Blick nimmt. Das Ziel ist die Ankunft des Herrn, das Ziel ist der Anbruch des Reiches Gottes, an dem wir – im besten Falle – ja arbeiten.

Der Film begleitet mich seit Wochen. Er ist so einfach und schlicht und ja, die Mönche sind mir gerade auch in dieser Überforderung Sympathisch. Aber ich weiß auch, dass das nicht die Antwort sein kann, die wir dem Herrn geben können. Daher ist für mich auch an diesem Tag, an dem wir so ganz lebendig die Anwesenheit Jesu Christi in unserer Mitte erflehen und in Zeiten von Corona vermissen, die einzige Frage die zählt: Sind wir bereit? Wie ist unser Stand der Dinge in Sachen Messias?

Dabei geht es nicht darum, dass wir uns irgendwie kampfbereit machen. Denn auch diese Bereitschaft, die Ankunft des Herrn zu erleben und zu ertragen dürfte schlussendlich Gnade sein. Es geht doch mehr darum ob wir es zulassen, oder?

Heute steht die Evangelienstelle Joh 4, 5-42 auf der Leseordnung der katholischen Kirche. Dabei handelt es sich um die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen. 

Diese Begegnung, die hier geschildert wird, hat was ganz persönliches, ja intimes. Wir hören hier ein Gespräch, das eben zuallererst nur diese zwei angeht; Jesus und die Frau! Es ist eine Jesusbegegnung, die eben auf das ICH trifft. Es ist ein tiefes Beziehungsgeschehen, das hier beschrieben wird.

Dabei nehme ich, gerade auch im Kontext der aktuellen Lage, zwei Impulse aus diesem Evangelium mit:

1. Die Frau begegnet Jesus und mit den einfachsten Handlungen, mit einer Ansprache; damit, dass sich hier zwei Begegnen, sich gegenseitig sehen, wahrnehmen, beginnt Wandlung. Das ist, so denke ich, in der tiefsten Form ein Geschehen zwischen dem Menschen und Gott, zwischen „Ich“ und Jesus. Es ist aber auch ein Bild für all jene Begegnungen unseres Lebens. Die Begegnung verändert die Frau. Wie viele Begegnungen haben und hatten wir in unserem Leben, die uns verändern? Nicht immer große existenzielle und gleich sichtbare Veränderungen, sondern ganz viele kleine, unscheinbare. Jeder Mensch dem ich begegnet bin (nicht nur so nebensächlich, sondern eben als Mensch), hat in mir einen Nachhall hervorgerufen. Wer nur ansatzweise in mein Denken Eingang gefunden hat, der hat mein Leben geprägt. So ist dieses Evangelium heute ein Impuls an all jene Menschen zu denken, die mir begegnet sind und ihnen zu danken. Ja, ich denke auch jene, die mir nicht Gutes angetan haben. Schlussendlich haben auch sie mich geprägt und haben mir an ihrer Erbärmlichkeit gezeigt, wie wichtig erbarmen ist.

2. Scheinbar recht nebensächlich geht es im Evangelium darum, wo zum HERRN gebetet werden darf. Das ist jetzt schwer aus dem Kontext heraus genommen und sehr umgedeutet aber es war für mich beim Lesen des Textes ein Impuls der gut zu diesen Tagen passt: Es ist egal wo wir gerade sind. Es ist egal ob wir zu den 50 Personen in einer Kirche gehören oder ob wir über Livestream die Liturgie mitfeiern. Es ist egal, wie wir in diesen Tagen liturgisch uns ausdrücken. Wichtig ist, dass wir es tun. Irgendwer hat gesagt, dass ein Vaterunser, normal gesprochen, genau jene Zeit ist, die wir für das Einseifen beim Händewaschen brauchen sollen. Jetzt bete ich bei jedem Händewaschen ein Vaterunser und mir fällt auf: Ich komme ganz anders aus der Toilette raus als früher. So oft habe ich noch nie das Vaterunser am Tag gebetet und ich muss sagen: Diese mehrmalige Toilettengebetszeit verändert mich! Und daher nehme ich mit: Egal wo wir beten und feiern und egal in welchen Gemeinschaften, solange wir es im Geiste Christi tun; es erfolgt Veränderung! 

Was Friday for Future und Greta nicht erreicht hat, das schafft Corona: Unser Alltag verändert sich. Unsere Gewohnheiten werden in Frage gestellt und so manch einer Verändert seine alltäglichen Handlungsweisen und denkt nach. Ein Grund dazu ist die Angst, die viele spüren. Eine Angst, die sich in Panikaktionen wie den Hamsterkäufen zeigt und die auch Ansatzpunkte für Populisten sein wird. Corona kann ein Grund sein, dass die Rechten noch mehr Land gewinnen, weil Menschen in Angst nicht rational reagieren. Corona kann so zur „Weltwirtschaftskrise“ der 2020iger werden und den Boden bestellen für die neuen Nazis von der AFD und Co. Davor habe ich Angst, nicht vor dem Kollaps der Wirtschaft etc. sondern vor der Irrationalität der Menschen.

Die Kanzlerin hat in ihren letzten Ansprachen immer wieder die Solidarität angemahnt. Das blieb meist ungehört. Es blieb auch meist ungehört, was an Projekten gestartet wurde zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger. 

Gerade jetzt müssen die Institutionen und Gruppierungen, die auf Wertesysteme basieren sichtbar werden, damit Ängste eine Antwort bekommen. 

Allen voran müssen hier die Kirchen gehen. Deshalb ist es sinnvoll, dass die Kirchen auch Schutzmaßnahmen vornehmen und dafür sorgen, dass ihre Veranstaltungen nicht zum Gefahrenort werden. Deshalb ist es aber genauso wichtig (wenn nicht noch mehr), dass gerade die Kirchen und deren SeelsorgerInnen sich nicht zurückziehen. Mehr denn je müssen sich Priester, PastorInnen und PfarrerInnen zeigen. Wenn die Menschen nicht mehr in großer Gemeinschaft zusammenkommen, dann muss der Seelsorger/die Seelsorgerin Räume öffnen und Gemeinschaften vorstehen, die sich jetzt im Kleinen bilden. Jetzt zeigt es sich ob es stimmt, dass überall dort wo zwei oder drei zusammen sind Jesus Christus Wohnort findet. 

In solchen Situationen zeigt es sich, ob Kirchen eine Antwort geben können. Es trennt sich in diesen Tagen die Spreu vom Weizen. Sind unsere Hauptamtlichen Seelsorger oder Verwalter? Papst Franziskus hat in den letzten Tagen ein paar Mal sehr klar seine Erwartungen formuliert. Ich bin gespannt ob gerade das geistliche Personal die Zeichen der Zeit versteht.

In den letzten Tagen geisterte mal wieder Hubert Wolf durch die katholische Medienblase. Diesmal mit dem Zitat: „Franziskus ist kein Reformpapst mehr“. Und so viele in dieser Blase stimmen im zu, sind enttäuscht, jammern, schreien … Die Damen und Herren sind enttäuscht! Für mich stellen sich da zwei Fragen: Was ist die Enttäuschung und was versteht die Blase unter einem Reformpapst?

Enttäuscht sein bedeutet doch, dass jemand jetzt die Wahrheit sieht, dass die Täuschung weg ist. Jetzt habe ich mich ein bisschen mit Psychologie beschäftigt und weiß, dass wahrscheinlich die meisten erlebten Enttäuschungen wenig mit einem Betrug des Gegenübers zu tun haben sondern mit einer Selbsttäuschung. Da interpretiert jemand etwas in einen Gegenüber hinein, das derjenige (ich bleibe in einem Geschlecht, meine aber beide) nie versprochen oder gesagt hat. Das bedeutet, hier platzen Vorstellungen, die von einem selbst projiziert wurden. Könnte das eventuell im Falle Franziskus der Fall sein? Wurden da einem Mann Hoffnungen und Vorstellungen übergestülpt, die er weder erfüllen kann noch versprochen hat zu erfüllen?

Franziskus ist kein Reformpapst mehr – das ist die These. Das setzt voraus, dass er es mal war. Das setzt voraus, dass er Reformen begangen hat und jetzt keine Reformen mehr durchsetzt. Aber welche Reformen soll er durchsetzten? Oder wird hier Reform mit geschichtlichen Vorstellungen von Revolution verbunden? Was hat er für Reformen versprochen und welche setzt er davon nicht um? Seine Reformversprechungen finden sich in Evangelii gaudium. Seine Reformen zeigen sich, wenn er das Volk Gottes, ganz im Sinne des II. Vatikanischen Konzils, in einer Pflicht sieht, eben Volk Gottes zu werden. Was das bedeutet gilt es theologisch zu diskutieren, gilt es wachsen zu lassen, gilt es auf einer Ebene zu beginnen, die eventuell sehr unangenehm ist.

Franziskus ist in seiner Lebensform, in seinen Worten, in seiner Präsenz als Papst ein Spiegel in den es gilt reinzuschauen: Was wir dann im Spiegelbild sehen, das ist das was uns noch fehlt – und das Fehlende zu finden, das ist die größte Reform des Papstes Franziskus!

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.“

1942 wurde dieser Text geschrieben, von Shalom Ben-Chorin, zu einer Zeit ohne Hoffnung, zu einer Zeit, in der alles dunkel und unheilvoll war für Ben-Chorin. Er war selbst zwar in relativer Sicherheit, aber sein Volk, seine Familie, seine Freunde waren in Gefahr. Alles, seine ganze Welt stand in Flammen.

Es ist noch nicht soweit, dass die ganze Welt wieder in Flammen steht. Es gibt aber viele Brandstifter, die Tag für Tag kleine Feuer legen, die zwar noch ausgetreten werden, aber immer wieder Opfer fordern und von Tag zu Tag größer und schneller brennen. Die kleinen Feuer führen dazu, dass wieder Menschen in Deutschland sterben, weil sie einer anderen Nation oder Religion angehören. Die kleinen Feuer führen dazu, dass Hass auflodert, dass Unsicherheiten und Angst in die Herzen der Menschen eindringen. Die kleinen Feuer führen dazu, dass Menschen ihre Augen, ihr Herz und ihr Hirn verschließen.

Streit, Wahnvorstellungen, Verleumdungen, Verschwörungsmythen und Lüge schwirren jeden Tag mehr in unseren Gesprächen, in den Köpfen der Menschen herum. Geschaffen und genährt von Menschen, die sich als Menschenfreunde präsentieren und doch nur sich selbst im Sinne haben, ja schlussendlich teuflisch sind. Dort wo sie in Feuer ausbrechen, gibt es einer der das Zündholz nahm und viele die das Brennholz richteten.

Gegen die Gewalt in Wort und Tat ist keine Macht gewachsen. Polizei, Gerichte, Staatsgewalt ist gegen all das nicht stark genug. Allein der Verstand, die Ratio und das Gefühl der Mitmenschlichkeit, der Nächstenliebe, der Liebe selbst kann gegen das Böse antreten.

Und genau für diesen Kampf steht der Mandelzweig. Ein Windhauch lässt ihn erzittern. Starker Regen vernichtet die Blüten, heiße Sonne verdorren – und doch erwächst aus diesem schutzlosen Ding, etwas Hartes und Süßes. Wenn man es zulässt.

Lassen wir es zu. Wenden wir uns ab von dem was diese Welt zerstört, hin zum Mandelzweig, denn er blüht und erinnert uns an die eine Chance!    

Wenn die Heilsgeschichte im eigenen Ort stattfindet … Und das tut sie, zumindest auf diesem Bild, das ihr hier seht. Hinten rechts, die Stadt, die zu sehen ist, das ist Radolfzell. Von dort kommt die Gruppe, die man im Vordergrund sieht. Und wo geht’s hin? Nach Jerusalem, nach Golgatha. In der Mitte Christus, umgeben von Menschen aus der Zeit, in der das Bild entstanden ist. Menschen, die das durchleben, die das miterleben, die das mitverursachen, was hier geschieht, was damals geschehen ist.

Und Christus voraus: Der Narr! Im Narrengewand, mit Eselsohr und zweifarbigem Gewand zieht er Christus zur Kreuzigung. Er verstärkt das Leid des Messias, er befördert das Leid, eventuell ist er gar der Grund warum Christus die Verantwortung übernimmt für das grad steht, was der Narr verschuldet hat.

Hier ist die Heilsgeschichte nun eingebunden in das Leben der mittelalterlichen Stadt Radolfzell. Der Leidensweg Christi ist nicht fern, sondern hat was mit mir zu tun. Mit mir dem Bürger, der Bürgerin dieser Stadt. Wahrscheinlich sind die Gesichter, die wir sehen, Gesichter von damals lebenden Menschen. Sowohl von der hier auftretenden Rolle der Veronika wie von den gaffenden Menschen, ja selbst des Narren Gesicht wird ein lebendiges Vorbild haben.

Damals standen die Menschen vor dem Bild und haben verstanden: Das Bild zeigt mein Leben! Christus ist nicht irgendwann gestorben, er stirbt immer wieder, weil ich es nicht verhindere, sondern durch mein Tun, das nicht der Botschaft entspricht, es befördere. Mein Tun, zieht ihn geradezu auf den Hügel. Das aber auch, wenn ich nur am Straßenrand stehe und gaffe (ich mache ja nix) oder als Soldat unbeteiligt drein schaue. Ich habe doch nichts damit zu tun, was um mich rum geschieht. Die anderen (die Hohen, die Amtsinhaber, die … sind daran schuld). Und dann gibt’s auch die Momente, da prägt sich mir die Botschaft ein. Wie das Antlitz Christi auf dem weißen Tuch.

Der Narr, Ausschnitt aus dem Wandgemälde im Münster von Radolfzell.

Und der Narr? Der steht hier als Prototyp, einer der eben nie erkennt, wann genug ist. Das ist nicht der Narr, der an Fasnet gut närrisch ist, und dann auch weiß, wann Fasnet rum ist, wann das Feiern fertig und der Alltag wieder da ist. Das ist nicht der Narr, der weiß, was des Lebens Mitte, was Grundlage eines menschlichen Tun ist. Hier zeigt sich der Narr, der immer weiter rennt. Der nicht sich umschaut, sich nicht auf die Mitmenschen konzentriert. Der Narr hier ist jener, der alles auf sich ausrichtet, der Besitz, Lust, Befriedigung als das einzig Erstrebenswerte sieht, der das Äußere hochlobt, dem das bunte Gewand wichtiger ist als das was darin steckt.

Dieser Narr hier zieht auch schlussendlich sich selbst ins Verderben, denn er landet auch auf Golgatha und dort ist er nicht jener, der am Kreuz noch um Vergebung bittet. Aber nicht nur der Narr ist hier närrisch. Alle die ihn nicht daran hindern, ziehen mit. Wer das Böse tut, treibt sich auf diesem Weg weiter, wer aber nichts tut, der tut nicht das Gute! Gaffer, Wegschauer, Schreier, Schweiger – das Volk am Straßenrand, das sich wegduckt, wegguckt, ist am Schlechten mitbeteiligt. Das Bild erinnert: Das Heil kann hier geschehen. Das Heil kann aber auch hier vergehen und nur ein gar schlechter Narr vergisst das.

Das heutige Tagesevangelium, allgemein die heutigen Lesungstexte, sind voll von tiefen Impulsen für unseren Alltag. Doch welchen Impuls soll man heute mitnehmen in den Tag? Ich nehme gleich den Introitusvers, der Psalmvers 31 (30), 3-4, für den heutigen Sonntag. Da heisst es: „Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet. Denn du bist mein Fels und meine Burg; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.

Es sind zwei Verse aus einem Klagelied. Doch bevor dieses angestimmt wird (ab Vers 10), da versichert sich der Psalmbeter seiner Grundlage. Nur der, den ich als feste Burg und Fels anerkenne, kann mir auch Halt sein. Ich muss also im Leben Vertrauen zulassen. Auch wenn die grundsätzliche Liebe Gottes immer da ist, so muss ich es mit Gott (und dann analog mit den Menschen) auch versuchen wollen. Erst dann erfahre ich etwas von diesem Halt. Ich muss meine Augen und mein Herz öffnen, dann entdecke ich das, was ich bisher übersehen habe, verdrängt habe, nicht zugelassen habe.

„Um deines Namens willen“ – Nein, das ist nicht ein Satz, der meint: Damit du vor den anderen mit deinem guten Ruf weiter bestehen kannst … – nein, das ist die Erinnerung, was eben sein Name, Gott, der Allmächtige, bedeutet. Gott, wie ihn auch Jesus Christus sieht, ist das Gute schlechthin, all sein Tun ist Gerechtigkeit, die alles übersteigt, Gott ist das, was wir fassen wollen in dem Wort Liebe! Und eben, weil er das ist, wird er mich führen, wenn ich es zulasse. Führen lassen ist ein Beziehungsgeschehen auf Augenhöhe und da beginnt die nächste Schwierigkeit.

Es ist wie eine Überschrift meiner Tage hier, die ganz plötzlich auf mich zukam, heute Morgen. Das Wort des Zelebranten hat mich getroffen und mich erschüttert. Seine Predigt war kurz und er meinte – erst in deutsch und dann in spanisch – wenn wir von den heutigen Texten der Liturgie etwas behalten sollten dann das: „Richte dich auf, denn Gott wirkt/arbeitet in dir“.

Das sind deshalb großartige Worte für mich, da sie eben hier, in Spanien, in deutscher Sprache, fast direkt an mich gesprochen waren. Es sind deshalb großartige Worte für mich, da ich im Jahr 2019 (zuerst unfreiwillig) Abschied nahm von Menschen, die mir eben gerade immer und immer wieder klar machten, dass das, was ich bin, keinen interessiert. In ganz vielen Handlungen, aber auch in Worten wurde das was und wer ich bin negiert. Subtil und wahrscheinlich noch nicht einmal ganz bewusst bösartig, aber mit System.

Als ich zu Weihnachten 2016 in Rom war sagte mir ein geistlicher Freund damals im Gespräch, dass es auf meinem Entwicklungsweg der nächsten Jahre nicht ganz so einfach sein wird, weil ich an vielen Punkten schon sehr weit wäre und das, was geändert werden müsste, ganz kleine Schritte sind, aber ganz tiefe und intensive. Er forderte von mir, dass ich genau hier aktive Hilfe einforderte. Er forderte von mir genau hier ganz viel Kraft und Motivation weiter zu gehen.

Aber er konnte nicht ahnen, dass ich mich in einem Umfeld befand, das für diese Ratschläge nicht gut war. Ein Umfeld, das mir nicht die Hilfe gab, die ich brauchte. Und heraus kam die Tatsache, dass ich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat mich immer wertloser, schwächer, dümmer und unwichtiger empfand. Das was ich konnte, das was ich machte, war nichts wert und statt Demut waren andere Formen gewünscht. Und das schlimmste: Ich machte mit, akzeptierte und hatte Angst, die mich lähmte.

Und nun steht da ein Pater der sagt so was und dann noch in deutscher Sprache. Wie kann ich mich aufrichten, wenn ich am Boden liege?

Aber er hat recht. Gott arbeitet und wirkt in mir. Mit Gott konnte ich das lernen, was ich kann, mit ihm und dank ihm. Die Berufung zum Priester umfasst auch ein ganz genaues Apostolat in dem er mir Gaben, Eigenschaften, Kompetenzen und Charismen geschenkt hat. Dank ihm waren die Menschen da die ich brauchte. Dank ihm kann ich das Überstehen, was ich an Schmerzen erlebe in dieser Welt, durch Mitmenschen. Er hat mir auch dafür was gegeben: Kraft und meinen Glauben.

Und ja, der Pater hat recht. Ja ich kann aufstehen, denn ich bin Christ, ich bin Gottes geliebtes Kind, mit all seinen Schwächen und guten Eigenschaften, ich bin ein Diener der in Freiheit die Berufung leben kann. Aber es wird dauern, bis ich mich wieder ganz aufrichte. Und genau in dieser Situation merke ich, dass ich auf die Ankunft hoffe. Ich hoffe, dass dies der letzte Advent ist!

Viel bin ich auf Internetseite und in Social Media unterwegs und wer dies, wie ich tut ,entdeckt viel Hass und Streit auf diesen Plattformen. Er findet aber auch ganz viele Lebensfragen. Immer und immer wieder werden die großen „W“-Fragen gestellt. Und es gibt Anbieter, die Antworten präsentieren. Antworten, die immer wieder sehr fraglich, mindestens sehr flach, wenn nicht gar sehr gefährlich sind. Aber es sind Antworten!

Auch die Werbung erkennt das. Wer sich die Themen der „Regenbogenpresse“ anschaut, wer sich zum Beispiel Klips der „Bunte“ anschaut entdeckt immer und immer wieder die Verarbeitung von Werten, von Sehnsüchten eben von diesen Fragen, die ganz menschlich sind. Wer bin ich, warum bin ich da, gibt es etwas größeres als ich es bin, oder die Beziehungsfragen.

Musterbeispiel ist da sicherlich EDEKA mit seinen seit einigen Jahren gut platzierten Weihnachtsvideos, die ganz und gar auf den Grundsehnsüchten der Menschen, den Gefühlen nach Nähe, Sicherheit, Geborgenheit und Liebe einsteigen und damit Menschen ansprechen. „Heimkommen“, die Feier in der Familie statt sich dem Stress und den Terminen hinzugeben oder 2017 der Schlusssatz im Video „Weihnachten 2117“: „Ohne Liebe ist es nur ein Fest“.

Das WWW hat die Grundidee „Kommunikation“. Es geht darum Verbindungen zu schaffen. Es geht darum, Beziehungen tiefer zu führen. Vieles hat sich in eine andere Richtung entwickelt. Die digitale Welt, falsch oder sagen wir, zu eng gedacht, ist eher Trennung, Abschottung statt Verbindung. Das ist aber nicht das Problem des Angebots sondern der Nutzer.

Gerade in kirchlichen Kreisen wird Digital und ganz besonders Social Media immer wieder in einer ablehnenden, distanzierten Grundhaltung betrachtet. Wir müssen halt damit arbeiten, aber das ist gefährlich – solch ein Unterton findet sich immer wieder. Wer so denkt, der hat die Situation nicht verstanden. Wer so denkt, der schließt sich aus. Kirche denkt (oft genug) so und handelt (oft genug) so in alten analogen und digitale Welt verurteilende Denkstrukturen. Wer so denkt, wird nicht mehr lange bestehen.

Digitalität, die Grundidee von Social Media und vieles mehr, was wir heute haben, wird bestehen bleiben. Plattformen und Anbieter werden sich ändern. Die Idee bleibt. Und daher gilt es, die Idee als positiv anzunehmen und in diesem System so zu handeln, dass sich das entwickelt, was angedacht war: Beziehung.

Wenn Kirche diesen Wandel nicht mitmacht, dann wird sie zum letzten (heiligen??) Rest. Was aber absolut unlogisch ist, da eben genau dieser Raum, diese Form der Kommunikation Steigbügel ist für all dessen, was die Botschaft Jesu anzubieten hat. EDEKA und Co. machen es Tag für Tag vor. Es gab aus meiner Sicht nie eine bessere Chance, als die Botschaft Jesu Christi wirklich allen Menschen zu vermitteln. Wir müssen halt die Sprache und das Denken dieser Welt lernen und das in aller Offenheit und mit all der Freude des Evangeliums, die uns Christus geschenkt hat. Wer alte Missionsberichte, gerade der Jesuiten, ließt erfährt es. Mission, Glaubensverkündigung, schlussendlich jede Kontaktaufnahme, zum Ziel positiver Beziehung, ist nur erfolgreich in einer positiven Grundhaltung. Nur wer den anderen, die andere Kultur, die andere Situation kennen und verstehen lernt, kann in Kontakt treten. Kirche diskutierte dies im Kontext des II. Vatikanischen Konzils, der Afrika-Synode und zuletzt der Amazonas-Synode. Warum bekommen wir das nicht in dieser digitalen Welt hin und damit in der Kultur jener Menschen, die Kirche schon lange nicht mehr anspricht, denen sie aber so viele Antworten hätte, wenn sie (Kirche) endlich die Sprache und die Kultur lernt.

Vor vier Jahren besuchte Papst Franziskus die lutherischen Kirche in Rom. Er war der dritte Papst, der diese Kirche besuchte, und lebte damit die Tradition weiter, dass er die tiefe Verbundenheit aller Christen, in seiner eigenen Sprache und Gesten, aufzeigte und betont.

Damals schon, in den Tagen danach und bis heute, bin ich fasziniert darüber wie sehr dieser Besuch und seine großartigen Worte und Gesten verschwiegen wird, ja wie sowohl in katholischen wie evangelischen Kreisen über eine eher steinbruchartige Auswahl von Zitaten, der Besuch nahezu abgewertet (zumindest marginalisiert) und die Impulse so fast negiert werden.

Zwei Impulse bleiben mir in Erinnerung und sind für mich Mahnung. Auf die Frage einer Frau, die in einer gemischt-konfessionellen Ehe lebt, antwortete der Papst in Anlehnung an Paulus: „Eine Taufe, ein Herr, ein Glaube. Sprecht mit dem Herrn und geht voran“. Und der andere Impuls ist für mich das Geschenk des Papstes an die Gemeinde von Rom, an den Pfarrer der Gemeinde. Papst Franziskus überreichte Pastor Kruse damals einen jener Zelebrationskelche, die er auf seinen pastoralen Reisen auch den Bischöfen überreicht.

Mit diesem Geschenk sehe ich u. a. ein Zeichen der Verbundenheit und eventuell ein weiterer Bezug dazu, was der Papst am Anfang seines Pontifikats gesagt hat: Er ist Bischof von Rom. Und in dieser Funktion, als Pontifex von Rom ist er Brückenbauer, beauftragt Einheiten zu schaffen und nicht zu trennen. Dieser Kelch ist für mich eine Brücke oder besser ein entscheidende Brückenpfeiler.

Aber auch das Zitat, der Impuls, den der Papst gesetzt hat, führt zu einer Brücke. Dabei hat er nicht eine Brücke gebaut, er hat vielmehr gezeigt, wie wir, das gemeinsame Volk Gottes, sie bauen können, diese Brücke. Denn die Brücke, die wir zur Einheit benötigen muss tief in uns beginnen, in der Gemeinschaft, im Glauben der einen Kirche. Baumeister dieser Brücke sind wir, wenn wir uns auf Gott einlassen, wenn wir im Gebet uns an den Bau machen, wenn wir im Bauen zulassen, dass der entscheidende Statiker und der bindende Mörtel der Heilige Geist ist.

Und dabei ist aus meiner Sicht – der Kelch und das Ziel des Pauluswortes unterstützen dies – die Eucharistie entscheidend. Eine Einheit ist erst dann erreicht und erst dann möglich, wenn wir uns auf die Eucharistie einlassen, wenn wir nicht nur darüber reden, wer sie einnehmen darf oder nicht, sondern wenn wir zutiefst ein eucharistisches Leben anstreben, wenn nicht die Handlung, sondern das Leben entscheidend ist. Bisher reden wir nur über Struktur und Regeln, wir müssen darüber reden, was uns verwandelt (hat). Wir müssen darüber reden was uns treibt, in jener Offenheit der Freiheit des Christenmenschen, die uns der Heilige Geist schenkt durch die Taufe, im Gebet, durch den Glauben.

Der Kelch ist der Ort, auf den die Brückenteile zulaufen, die wir bauen müssen. Er ist aber nicht Materie, er ist nicht ein Gral über dessen Bestand wir streiten sollten. Der Kelch ist das mehr, das wir nur gemeinsam erreichen.

Heute (Samstag, 28 Woche Jahreskreis) ist als Evangelium die Stelle Lk 12,8-12 vorgesehen. Darin gibt es eine Stelle über die ich heute gestolpert bin: „Jedem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben.“

Jesus benennt hier zwei „Personen“: Sich, den Menschensohn, und den heiligen Geist und hebt den Heiligen Geist in der Wichtigkeit des Lebens des einzelnen Gläubigen hervor. Er positioniert den Heiligen Geist (vgl. Lk 8,12) als jene Instanz, die im Leben der Menschen ihnen zur Seite steht, wenn es schwierig wird.

Klar präsent ist der Heilige Geist irgendwie an Pfingsten. Da kommt er – oder soll er – runter kommen und das Antlitz der Welt neu machen. Und da schon denke ich mir: „Na, der kann ja gern kommen und rumschweben. Die Menschen werden ihn schon am Tun hindern.“ Und umgekehrt ergibt sich damit für mich die Klarheit: Ohne das Werkzeug „Mensch“ kann der Heilige Geist nichts schaffen. Ist eventuell lästern gegen den Heiligen Geist ein „nicht handeln“ im Sinne des Heiligen Geistes? Lästern wir gegen den heiligen Geist, wenn wir nicht das tun, was wir können, um das Antlitz der Welt zu verbessern?

Der Heilige Geist wird darüber hinaus überall dort hervorgeholt, wo es irgendwie mystisch oder unerklärlich wird. So zum Beispiel bei den Sakramenten, bei der Papstwahl und ja auch aktuell in der Synode. Und es bleibt da irgendwie offen – zumindest dem regelverwöhnten Deutschen – wie man diesen Heiligen Geist und sein Tun greifen kann und ihn dann bitte auch Verklagen und zu Regress bemühen kann, wenn was falsch läuft.

Nach dem heutige Lukasevangelium steht Glaubensbekenntnis und Heiliger Geist in einer Verbindung, steht Glaubensleben und Heiliger Geist in einer Verbindung. Daher müsste doch auch das, was das Glaubensleben regelt, strukturiert, damit wir eben als Christen in der irdischen Welt leben können, irgendwie in einer Verbindung zum Heiligen Geist stehen. Wie ist das dann aber bei den Forderungen die aktuell im kirchlichen Raum stehen, wie ist das dann bei den anstehenden notwendigen Veränderungen, die anstehen: Wirkt da der Heilige Geist und wer kann da wie und wann mit dem Heiligen Geist argumentieren? Bzw. argumentiert da irgendjemand mit dem Heiligen Geist?

Der Faktor Heiliger Geist finde ich selten bei den Diskussionen um Zölibat, Frauenordination, Macht, Struktur, Pfarreireform und vielem mehr – aber ist er nicht eventuell doch der entscheidende Punkt?