Björn Siller

Im Rahmen meiner Tätigkeit darf ich mit den Kolleginnen der beiden evangelischen Landeskirchen in Baden-Württemberg und mit dem Kollegen der Diözese Rottenburg-Stuttgart das ökumenische Projekt Advent-Online betreuen. Seit 2005 besteht dieses Projekt und ich bin fasziniert darüber wie viele Menschen Advent-online.de lesen.

Zum Abschluss der Aktion im Jahr 2020 haben wir vier zusammen einen Schlussbeitrag geschrieben. Da ich Teil des Teams bin und den Text voll mittragen kann poste ich ihn hier:

„Und wieder ein Weihnachtsfest“, so beginnt Theodor Fontane sein Weihnachtsgedicht. Und wie gerne würden wir sagen „Und wieder ein Weihnachtsfest“ so wie „Alle Jahre wieder“. Aber das ist dieses Jahr nicht so. Das Jahr 2020 mit seinen Ereignissen hat uns überrascht, unseren Alltag verändert, Strukturen aufgebrochen, Zukunftsperspektiven verschoben.   

Wir, die Redakteurinnen und Redakteure des ökumenischen Angebots Advent Online, haben unter all den vielen Eindrücken des Jahres 2020 ganz besonders das Warten als eine Grenzerfahrung erlebt. Darauf sind unsere Autorinnen und Autoren in ihren Beiträgen mit sehr persönlichen Geschichten von Wartesituationen eingegangen. Dabei zeigte sich: Warten ist selten schön. Warten ist anstrengend, fordert, überfordert. Gleichzeitig können Phasen des Wartens ein Potenzial in sich bergen, können durch einen Perspektivwechsel eine positive Botschaft eröffnen.   

Wir alle standen in den Wochen vor der Schließung der Geschäfte sicher einmal in den Warteschlangen, die sich überall in unseren Städten, vor Apotheken, Lebensmittelläden und anderen Geschäften gebildet hatten. Uns ist aufgefallen, dass viele dieser wartenden Menschen ihren Blick nach unten gerichtet hatte, auf das Display ihres Mobilgerätes gerichtet. Das ist eine logische Beschäftigungsmöglichkeit, ein Zeitvertreib: Wartezeit bietet Zeit etwas anderes zu tun: Mails zu beantworten, zu telefonieren oder Nachrichten zu lesen. Oder gar sich über die neueste Pandemieentwicklung zu informieren.   

Es gibt aber auch die Möglichkeit sein Mobilgerät in der Wartezeit nicht zum Zeitvertreib, sondern zum Perspektivwechsel zu nutzen. Ein Beispiel: Wer die Handykamera nutzt, kennt das, je nachdem wie ich den Focus einstelle, verändert sich der Blick auf mich, auf meine Mitmenschen. Weitwinkel und Zoom verändern den Blick auf die gleiche Situation. Nur eine kleine Veränderung lässt uns eine völlig neue Perspektive einnehmen.   Wie wäre es folglich in Analogie zur Handykamera diesen Perspektivwechsel zu vollziehen: Von mir als allein wartender Person zu den anderen mit mir wartenden Personen? Nachdem wir durch diesen Perspektivwechsel den anderen wartenden Menschen wahrgenommen haben, wäre der nächste Schritt, den Nachbarn und die Nachbarin in der Schlange anzulächeln – mit Mund und Augen, zuzuzwinkern oder gar in ein Gespräch zu verwickeln. Das ist mit 1,5 Meter Abstand und Gesichtsmaske möglich. Das hat das Potenzial aus einer Wartezeit eine Begegnung werden zu lassen.   

Vielleicht werden Sie einwenden, dass dies kein neuer Gedanke ist. Und doch kann schon so eine kleine Veränderung große Wirkung entfalten. Es ist deshalb entscheidend, weil mit einem Lächeln, mit einem freundlichen Wort Beziehung entsteht. Es ist deshalb entscheidend, weil durch den Perspektivwechsel aus Wartezeit eine Zeit der Begegnung werden kann. Und es ist deshalb entscheidend, weil Weihnachten von solch einem Perspektivwechsel erzählt. Gott nimmt mit Weihnachten einen Perspektivwechsel vor, indem er Mensch und Kind wird. Er sieht uns, er lächelt uns an und ist damit ungeschützt, ausgeliefert, frierend, eben ganz Mensch. Der Gott der Bibel fokussiert sich in der Geburt als Mensch nochmal neu auf den Menschen. Der Mensch, der einzelne Mensch, steht für Gott im Mittelpunkt.    

Der Heilige Abend, die Weihnachtstage, sind in diesem Jahr nicht geprägt von großen Feiern und vielen Begegnungen. Vielmehr ist es in diesem Jahr für alle so: die Weihnachtstage sind reduziert auf einen überschaubaren Freundes- und Familienkreis oder auf eine Feier zu zweit oder alleine. In anderen Jahren blicken wir mit einem Weitwinkel auf unsere Umgebung, in diesem Jahr müssen wir unseren Blick in unseren so vielen Beziehungen auf einige wenige Menschen konzentrieren. Manchmal müssen wir auch neue Wege gehen, um mit jemanden beim Weihnachtsfest in Gemeinschaft zu gehen: Ein Telefonat anstelle eines Gesprächs. Ein Brief an Stelle eines Treffens. Das mag sicher für viele von uns ungewohnt sein, es ist aber auch eine Möglichkeit sich Zeit zu nehmen, den Blick auf den einzelnen Menschen zu werfen, mit ihm oder ihr länger ins Gespräch zu kommen.

Im Rahmen von http://www.advent-online.de durfte ich einen Impuls für den 22.12.2020 schreiben. Den Beitrag findet ihr hier

Adventszeit ist für mich die Zeit auch wieder in den Texten dazu zu lesen und immer wieder neu zu lernen. Unter anderem von Karl Rahner: „Weihnachten? Man sagt das Wort fast etwas verzagt, denn kann man jemandem heute wirklich verständlich machen, was damit gemeint ist: Weihnachten feiern? Klar ist, daß es bei diesem Fest nicht mit dem Christbaum, Geschenken, trautem Heim und ähnlich rührendem, aber doch mit milder Skepsis weitergetriebenem Brauch getan ist. Was aber darüber hinaus?“ (Rahner; Was Weihnachten bedeutet. Freiburg 2014. S. 33)