Das bunte Flackern eines brennenden Magens

Schon vor vier Jahren ist bei Sallerio Editore (Palermo) ein Roman von Giosuè Calaciura mit dem schlichten Namen Borgo Vecchio. Zwei Jahre dauerte es bis der Roman 2019 in Hartcover und nun, 2021 als Taschenbuch im Aufbau-Verlag herausgegeben wurde. 

Übersetzt wurde das Buch von Verena von Koskuli, die unter anderem auch Bücher von Antonio Scurati (M. der Mann der Vorsehung) und Carlo Levi (Die Uhr) übersetzt hat. 

Irgendwo im Süden Italien, der echte Ort ist egal. Eine Stadt am Meer mit einem Viertel namens   Borgo Vecchio, dort wachsen drei Kinder auf; Cristofaro, Celeste und Mimmo. Sie sind keine Kinder mehr und doch noch, leben an der Schwelle des Erwachsenen. Ahnen die Schrecken des Lebens, wissen darum, können aber noch immer abtauchen, die harte Wirklichkeit für Momente ausblenden, besitzen noch Momente der kindlichen Unschuld und handeln oft in einer kindlichen Reinheit, die trotzdem nichts an der Härte vermissen lässt, die ihnen die Erwachsenen vormachen: 

Der eine Vater, Metzger, betrügt die Kundschaft, der andere ein gewalttätiger Säufer, der seinen Sohn Abend für Abend schlägt, und Celestes Mutter, die Hure des Viertels. Sie sind die Vorbilder der Kinder und werden komplettiert durch Totò dem erfolgreichen Räuber, dessen Heldentaten ihn zum Traumvater werden lässt. 

Die drei Kinder, ja alle Protagonisten, werden mit Attributen versehen. Attribute, die dabei helfen die Handlung voranzutreiben oder besser durchwirbelt werden in Vor- und Rückblenden, in Höhenflügen über das Viertel und hinein in die Tiefen des Lebens der Kinder: Der Fußball, das Pferd, die Bücher, die Waffe, … 

Hoffnung, der Wandel des hoffnungslosen Leben zu etwas besseren, scheint allein Totò zu bringen. Er wird in seinem Ganoventum zu einem, der die Schranken überwindet, der sich aus einem Waisenkind zu einem erfolgreichen angesehenen Bewohner des Viertels mausert und es schafft, dass selbst die Mutter von Celeste im neuen Licht gesehen wird. 

Wie der immer wieder beschriebene Wind wirbelt die Geschichte der drei Kinder, in sieben Kapiteln erzählt, umher, oft im ersten Moment verwirrend, wie spontane Einblicke, die sich meist erst im Nachgang erschließen, lässt der Roman eine tiefe Traurigkeit spüren. Die Ausdrucksfähigkeit des Autors (und seiner Übersetzerin) verzaubert und berührt: ungewöhnlichen Sprachbildern, Metaphern und Symbolen, die Auflösung von scheinbar zwingend logischen Prozessen, dichte und eindringende Bilder, sorgen in ihrer Fremdheit für eine ganz eigene Nähe.  

Der Roman ist gerade durch die Sprachgewalt, durch das Ausschöpfen der Nuancen, eine Anforderung an die Lesegenauigkeit, was sich dann aber lohnt. Was andere an Klitschebilder negativ ablehnten empfinde ich hier gerade als die Fähigkeit des Autors die Klitschehaftigkeit des Lebens an sich und hier der Menschen am scheinbaren Rande der Welt, so herauszuarbeiten, dass diese Klitsche nicht albern, sondern tragisch sind. 

Es ist die Fähigkeit der Sprache, die in dieser Welt des italienischen Borgo, in einer Burgenwelt der Vergangenheit, die bekannten Bilder des Robin Hood unter den Ganoven, der heiligen Hure mit jener radikalen Bosheit der Gesellschaft zu kombinieren und diese Bosheit, die viel zu oft in einem Wegschauen gipfelt, als höchste Form des Verrates, hier des Verrates an einem Kind, dem Lesenden entgegenzuschleudern. Schnell wird einem bewusst, das sind keine Geschichten, die nur in einem fernen Ecke geschehen, es sind Grundmuster, die wir selbst zu gut in unserem Leben entdecken könne: in Abstufungen, aber sie sind da.
Die beschriebene Ungerechtigkeit, der Neid, die Gewalt und Grausamkeit ist so grundsätzlich, dass sie nichts Besonderes mehr ist und gerade darin zeigt sich die Perversion. Gerade darin zeigt sich eine eventuell gewünschte moralische Botschaft, oder das aufrüttelnde Moment dieses Romans.

Nachdem ich die letzte Seite des Romans abgeschlossen hatte war sofort die Sehnsucht groß. Eine leere, eine grundsätzliche Traurigkeit war da und wie der Roman im letzten Satz verspricht, so geht es auch weiter, zurück zum Anfang, zu einem neuen, zum gleichen, aber zu einem Anfang, so dass auch ich sofort zurückblättern musste, um nochmal einzelne Stellen nachzulesen. Der Plot ist sicherlich nicht außergewöhnlich. Gesellschaftskritische Romane sind fast ein Spezialgebiet der italienischen Literatur und deshalb ist dieser Roman einzureihen in die Nähe von Werken wie „Christus kam nur bis Eboli“ etc. Die Geschichte ist schlicht, ja einfach, aber die Sprache ist ergreifend, fassend und allein deshalb lohnt es sich dieses Buch zur Hand zu nehmen. 

(Überschrift nach einem Zitat aus dem Buch, S. 56.)

Buch: Calaciura, Giosuè: Die Kinder des Borgo Vecchio. Berlin 2021.

Franziskus: Die Kraft der Berufung

Und ein weiteres Franziskusbuch steht im Schrank. Genauer: Wieder ein Interviewbuch. Das Format nervt so langsam, gerade auch deshalb weil die Gesprächspartner des Papstes nicht die spritzigsten sind. Der aktuelle Interviewpartner, Fernando Prado, hat diesmal Zwischentexte oder Erklärungen und eine Einführung eingefügt, die keine weitere sinnvolle Information liefern, eher nur die Seiten füllen.

Nichtsdestotrotz: Lesenswert ist das Büchlein sicherlich. Der Papst bestärkt die Schwestern und Brüder des geweihten Lebens und oft genug auch nochmal einzeln darauf hingewiesen, die Weltpriester in ihrem Dienst für Gott und Volk Gottes. Dabei verweist er auf die Texte, die diesen Dienst definieren (II. Vatikanum) und in welchem Kontext die Mitglieder des geweihten Lebens und Priester zum Volk Gottes stehen. Er motiviert sie nochmal mehr auf Jesu zu vertrauen, mehr Abschied zu nehmen von Sicherheit und seine drei „P“ als Grundlage für das Leben, für die Gemeinschaft, für den Dienst zu nehmen. Die „P“s  sind im spanischen vorhanden. Übersetz bezieht er sich hier auf Armut, Gebet und Geduld. Daraus heraus spricht Franziskus dann über die Qualität von Gemeinschaften und Gruppen, davon ausgehend spricht er aber genauso über Ausbildung und deren zwingend notwendigen Grundlagen.

Andeutungsweise spricht Papst Franziskus Themen rund um Macht, um Missbrauch aber auch über neuere geistliche Bewegungen, die manchmal nur vordergründig zum Vorteil der Kirche sind und in sich manche Probleme und Unmenschlichkeiten enthalten. Klar und direkt spricht er über die Themen „Rolle der Frau“, „Homosexualität“, „Klerikalismus“ und dem Grundauftrag der Kirche, der Mission, dem Glaubenszeugnis, das allein gelingen kann in einem vorgelebten positiven Glaubensleben.

Das Buch ist klein, das Buch ist kurzweilig. Das Buch bietet viele Textpassagen, die versierte Papst-Leser in vielen anderen Texten schon gehört und gelesen haben und trotzdem, so wie der Papst nie müde wird seine Christuszentrierung der ganzen Kirche zu verordnen, so dürfen wir auch dieses Büchlein nutzen zur Erbauung und zur Stärkung zu einem Leben, das die Botschaft Jesu Christi nicht nur prägt sondern auch ausstrahlt.

Fazit: Lesenswert, ganz besonders für kirchliche MitarbeiterInnen und Mitglieder des geweihten Lebens. 

Zur Ergänzung: Man wünscht sich ein besseres Lektorat. Allein auf der Coverrückseite sind drei Fehler, die Übersetzung kann besser werden, das Buch ist mit 16,00 € einfach zu teuer und es wäre schön, wenn Papst Franziskus sich kompetentere (im Bereich von Interview) und unterhaltsamere Gesprächspartner sucht.

Papst Franziskus: Die Kraft der Berufung. Ein Gespräch mit Fernando Prado, CMF. Freiburg, Basel, Wien 2018.

Frings, Thomas: „Aus, Amen – Ende?“

Die Meldung im Jahr 2016, dass ein Priester seine Gemeinde nach vielen Jahren der Seelsorge abgibt und eine Auszeit braucht um sich neu zu sortieren, ging durch alle möglichen Medien. Trotz ausführlicher Stellungnahme konnte man aus den Meldungen damals meist mehr die Meinung der Berichterstatter herauslesen, als die Meinung des Geistlichen Thomas Frings.

Nun, ein Jahr später legt der Seelsorger einen ausführlicheren Text vor als die damalige Stellungnahme. Ausführlich dahingehend, dass er den Text aus dem Jahr 2016 noch einmal zur Hand nimmt, seine Aussagen von damals reflektiert und vertieft. Hinzu kommt ein Modell, ein Vorschlag für eine neu gelebte Seelsorge.

Nun kann so manch ein Leser sagen: nichts Neues findet sich in diesem Buch. Das mag sein, dass Theoretiker genau dies so sehen. Was ganz sicher der Fall ist: Neu ist es nicht, dass Priester, die als Pfarrer Gemeinden leiten, sich davon zurückziehen. Die auffallendsten Fälle sind meist jene, die danach dann laisiert werden, da sie in einer Beziehung lebten. Eher unauffällig aber dafür noch Mahnender sind jene Pfarrer, die aufgrund der beruflichen Situation nicht mehr weiter wissen. Oft genug werden diese Priester, von den Kollegen die „Durchhalten“, nicht gerne gesehen. Ich selber kenne ein paar Priester, die sich mit diesem Problem beschäftigen und auch einer, der sich zum gleichen Schritt aufgerafft hat.

Bei Thomas Frings ist das jedoch ein bisschen anders, denn  endlich – und das ist das erste Neue daran – kommt hier ein Priester in einem größeren Rahmen zu Wort, der Seelsorger war, ist und auch bleiben will, sich aber bewusst gegen die aktuelle Pfarreien-Struktur stellt. Der also aus dem Hamsterrad aussteigt in das sich, dank Strukturreform und Zustandsbewahrer von Formen und Strukturen, die katholische Kirche in Deutschland an vielen Punkten verrannt hat.

Ebenfalls ist (leider) auch Neu an diesem Buch, dass alle Probleme, Sorgen und Misstände nicht mit Frustration, sondern mit einem hohen Respekt gegenüber all den darin Wirkenden benannt werden. Ich kenne leider kein anderes Buch, keinen anderen Text, der in dieser Form Kritik anbringt. So wird dieses Buch zu einem Text in dem ich immer wieder positiv zustimmen kann, denn viele Situationen sind mir bekannt, da ich sie so oder so ähnlich selber erlebt habe und mir davon von Freunden berichtet wurde. Was ich darüber hinaus noch schätze an dieser Situationsbeschreibung von Thomas Frings, ist die Wertschätzung, die gegenüber der Arbeit sich durch alle Anfragen, durch alle Beispiele zieht.

Das Buch ist aufgeteilt in zwei grobe Bereiche: Der erste Teil der gut zwei drittel des Buches umfasst, stellt eben die schon benannte Situationsbeschreibung und Analyse aus dem Alltag des Pfarrers Frings, dar. Der zweite Teil könnte als „Vorschlag zum Weiterdenken“ überschrieben werden. Wie gesagt, vieles ist nicht neu, was hier zu lesen ist, es ist aber gut zusammengefasst und bietet so eine gute Grundlage für eine nachfolgende Diskussion. Und eine Diskussion ist doch wohl notwendig nach diesem Buch, ganz besonders auch, zum Vorschlag eines neuen Modells für die Gemeindeseelsorge, der „Entscheidungsgemeinde“.  Hier handelt es sich aus meiner Sicht wirklich erst einmal um einen Vorschlag, einen Ausgangspunkt für eine Diskussion. Nicht weil er unausgereift erscheint, vielmehr weil es für viele Haupt- und Ehrenamtlichen doch schon eine große Anforderung ist, das einmal durchzudenken, was er vorschlägt und somit das eigene Wirken auf einen ehrlichen und reflektierten Prüfstand zu stellen. Dieses neue Gemeindemodell bricht mit so manchen Ansätzen, die für uns Standard sind. Wer hier weiterdenkt wird merken, dass alte Begriffe und Modell gar nicht mehr tragen würden. Damit wären die Fragen nach einer „Komm- oder Gehpastorale“ überholt. Begriffe wie Grundversorgung würden als das erscheinen, was sie sind: Unwürdig für den Auftrag der Kirche. Und Theorien von Schließungen würden ersetzt werden müssen gegen Modelle des Aufbaus und der Motivation.

Das Buch ist ein kleines Buch, schnell zu lesen, das so manch einer schnell weglegen wird. Es wird eventuell auch in zehn Jahren nicht mehr allzu bekannt sein. Es ist keine große Reformtheologie, die in diesem Buch zu lesen ist. Das Buch ist aber genau das, was wir heute eher brauchen. Keine Konzepte- und Strukturpapiere sondern eine Motivation zur Seelsorge – ja, das ist dieses Buch und damit hat dieses Buch auch eine wichtige Rolle, denn es steht in einer Linie mit den Wünschen des aktuellen Papstes, die Seelsorge wieder aus einem spirituellen Ansatz heraus anzugehen, damit Hirte und Herde sich gemeinsam auf die Wurzeln der Kirche, auf Christus beziehen.