Es freut mich, wenn ich immer mal wieder auf ein Buch stoße, das mich von der ersten Seite an fasziniert.
Und Sven Recker schafft das mit seinem Buch „Der Afrik“1.
Franz Xaver Luhr kam zurück. Das war nicht geplant, denn die Bewohner aus Pfaffenweiler haben das Geld gegeben um 132 Bewohnern, den Ärmsten aus Pfaffenweiler, die Auswanderung zu ermöglichen. Jedoch sollte es nicht, wie aus den anderen Ortschaften im Markgräflerland und Breisgau, nach Amerika gehen, sondern nach Algerien. Das hatten sie mit dem Präfekt von Colman organisiert. Den Auswanderern wurde ein besseres Leben versprochen. Die Sehnsucht war groß, doch sie wurde nicht erfüllt.
Luhr lernen wir am Ende seines Leben kennen. Er hat geplant sich für das Erlebte zu rächen, doch bevor er seine Tat umsetzt geschieht etwas, das alles verändert. Ausgehend von diesem Moment bekommen wir einen Blick in dieses Leben von Luhr. Wie in einem Selbstgespräch, Tagebuchartig, erfahren wir von Auswanderung, Hunger, Sehnsucht nach er Heimat, Ausgrenzung und vielem mehr.
Damit tauchen wir ein in ein gar nicht so harmonisches Jahrhundert. Wir lernen eine Welt kennen, die nur selten so in den Geschichtsbüchern steht. Dort geht es um die großen Entdeckungen, Veränderungen, Erfindungen oder Kriege. Hier geht es um jene Menschen, die dies ermöglicht haben, die gelitten haben, die als Soldaten Kanonenfutter waren und die als Kolonialisten und Auswanderer lebten.
Das Buch hat für uns in dieser Region eine große Bedeutung. Wie viele von uns haben Vorfahren, die im 19. Jhdt., angesichts des Bevölkerungswachstums, der politischen Veränderungen, der Missernten etc. hier keine Lebensgrundlage mehr sahen und aufbrachen. Im Buch fallen Namen, die für unsere Region typisch sind: Hiß, Burget, Gutgsell, Eckerle, Litschgi, … es sind Namen aus meiner Familie, es sind Namen aus der Nachbarschaft meiner Kindheit. Wenn ich die Kirchenbücher meine Heimatgemeinde Tunsel öffne, entdecke viele meiner Vorfahren, die auswanderten. Von vielen gibt es seither kein Lebenszeichen mehr. Manche tauchen erst heute auf, wenn ich ihre Namen in Listen eingebe, ich entdecke Grabsteine in der „neuen Welt“. Wie ist es ihnen ergangen? Die meisten waren drüben auch „nur“ Land- und Hilfsarbeiter, waren Migranten, die in ihrer Sprache und Volksgruppe lebten, fern der Heimat, aber nicht neu angekommen.
Und das bringt mich zum zweiten mich berührenden Punkt: Im 19. Jhdt. machten sich die Deutschen auf und suchten Orte an denen sie nicht nur überleben konnten. Sie suchten voll Hoffnung eine Zukunft, denn die Heimat gab ihnen nichts.
Je nach Schätzung waren es allein aus Baden zwischen 200-500 Tsd. Menschen und aus Deutschland rund 5 Millionen Menschen. In der heutigen Debattensprache waren es das alles Wirtschaftsflüchtlinge, die vor Krieg, Hunger und Arbeitslosigkeit u. a. nach Amerika flüchteten. Sie gaben alles Geld, das sie hatten. Die Ortschaften sammelten, verkauften Land, damit die damaligen „Schlepper“ (das wären dann Reedereien wie Hapag-Loyd etc. ) sie in menschenunwürdigen Transporträumen über das Meer fuhren. In Amerika wurden sie nicht mit offenen Armen empfangen. Und wie heute war eine Integration erst dann möglich, als sie die Sprache sprechen konnten und sie die Möglichkeit zur Arbeit bekamen.
Das Buch erinnert uns daran, wie die Menschen von damals leben mussten. Wir werden aber auch daran erinnert, dass unsere Vorfahren das waren, was die Menschen, die mit Booten über das Mittelmeer kommen, auch heute sind: Arme Menschen, die der allzuverständlichen Sehnsucht folgen, nach einem lebenswerten Leben.
Das Buch erzählt eine gute und spannende Geschichte, es ist gut geschrieben und ist trotz der historischen Geschichte mehr als aktuell. Das Buch ist gute Unterhaltung mit einem „Mehrwert“. Ich wünsche dem Buch viel Erfolg und viele Lesende.
- Sven Recker: Der Afrik. Roman. Edition Nautilus 2023 ↩︎
Hinweis: Für meine Besprechungen und Empfehlungen bekomme ich kein Geld. Das Buch habe ich selbst gekauft und bezahlt. ich bitte jedoch darum, dass ihr das Buch, wenn ihr es kauft, in der Buchhandlung vor Ort kauft, dort wo Menschen arbeiten und sich um das Kulturgut Buch kümmern. Wer meine Teilzeitstelle sichern will kauft das Buch bitte in der Buchhandlung zum Wetzstein, in Freiburg.