Wenn ich an Einhörner denke, dann taucht im Hinterkopf sowohl die Titelmusik wie auch die Bilder des Filmes „Das letzte Einhorn“ (1982) auf.
Somit wurde es für mich Zeit endlich mal ein seriöses Buch zu diesen besonderen Tieren in die Hand zu nehmen. Dass die Beschäftigung mit diesem Thema oft nicht ganz seriös oder nur kitschig daherkommt, betonen die beiden Autoren (Bernd Roling/Julia Weitbrecht) des Buches Das Einhorn gleich zu Anfang ihres Buches und schaffen es, im Text den Spagat zwischen Legende und Wissenschaft durchzuhalten. Sie folgen dem „Leben“ des Einhorns in der Literatur der Menschheit von den ersten Erwähnungen des Tieres in der Antike bis hin zu neuzeitlichen Texten und Beschäftigungsprozessen. So entsteht ein gut verständliches Bild all der Berichte, Sagen, Legenden, religiösen Zuschreibungen aus den letzten Jahrtausenden. Dabei darf auch die Rolle des Einhorns als Liebessymbol, besonders im Kontext der mittelalterlichen Minne, nicht fehlen. Wunderbar, wie gerade in diesem Kapitel auch die Kunst des Mittelalters erläutert wird.
Wo möglich wird auch die Kunst zur Bearbeitung des Themas hinzugezogen, was ich ungemein interessant und eine gelungene Ergänzung zu den Schriftquellen fand.
Die Besonderheit des Textes zeigt sich, wenn die Autoren sich an die Entmystifizierung des Einhorns machen und dabei nicht einfach über Denkkonzepte der Vergangenheit urteilen. Hier zeigt sich für mich einfach ob eine Arbeit seriös ist.
Trotz der Fülle an Fachwissen ist dieses Buch ein lesbarer Erzähltext, der zeigt, woher die Traditionen und Zuschreibungen kommen, warum sie so lange anhielten und welche Schönheit und welcher Sinn hinter diesen zu finden sind. Das Buch erzählt und berichtet, ordnet ein und rückt gerade und lässt einen Raum offen, um auch nach der Lektüre noch ein bisschen auf eine Existenz von Einhörnern hoffen zu können. Denn die Welt braucht doch immer ein wenig Alltagsmystik, oder?
Bernd Roling/Julia Weitbrecht: Das Einhorn. Geschichte einer Faszination. Hanser Verlag.
Der Text ist zuerst für den Wetzsteinbrief im Juli 2023, in abgewandelter Form erschienen.