… natürlich sahen sie die Dinge wie sie waren …

Eine erste Annäherung an Gertrude Stein / erste Gedanken.

Neue Autorinnen und Autoren entdecken, das ist was Schönes. Nicht nur zeitgenössische Autorinnen und Autoren sondern auch historische. Um dieser Freude zu frönen hatte ich schon lange Gertrude Stein auf meiner Leseliste. Wann ich zum ersten Mal von ihr gehört habe, das weiß ich nicht, aber wer sich mit der ersten Hälfte des 20. Jhdts. beschäftigt, sich in Kunst und Literatur der damaligen Zeit vertieft, wird an ihrem Namen auf kurz oder lang nicht vorbeikommen. Sie gehört zu jenen Menschen, die im Paris der damaligen Zeit interessante Persönlichkeiten um sich versammelte, von denen wir heute noch sprechen: Picasso, Hemingway, Porter und viele mehr.

Nun bin ich im Antiquariat auf eines ihrer Bücher gestoßen, welches nun spontan (ohne einer Planung) zum Einstiegbuch in ihr eigenes Oeuvre wurde: „Paris Frankreich“. Das Buch, das im Jahr 1940, wohl zeitgleich mit der Kapitulation Paris vor Nazi-Deutschland, erschienen ist, könnte wohl als Meditation über Paris und Frankreich bezeichnet werden. 

In einem erst (heute wieder?) fremd anmutenden Stil (zumindest ging es mir so) eröffnet Gertrude Stein dieses Buch mit der ihr frühesten Erinnerung an Paris (Kindheit) und reflektiert dann das französisch werden/sein der Franzosen als ein zivilisiert werden. Dieses „zivilisiert sein bzw. werden“, die Moden, die Logik sind in diesem wohl sehr persönlichen Werk zentrale Begriffe.

Der Stil des Buches ist, so findet sich dies bei Fachleuten bezeichnet, ein surrealistischer. Was das bedeutet kann ich nicht sagen, aber ich erlebe den Text sehr umgangssprachlich, wie erzählt, wie in einer schnellen, spontanen Betrachtung oder Zusammentragung von Geschichten und Meinungen zwischen zwei Menschen irgendwo auf der Straße. Mir kam es so vor, wie wenn Komma fehlen würden und es brauchte bei mir zu Anfang eine Zeit des Einlesens um in den entsprechenden Rhythmus zu kommen und den Text genießen zu können.

Stein beschreibt ein zivilisiert werden das einem Wachsen entspricht, einmal der Franzosen und einmal des Jahrhunderts. Um diesen Prozess zu beschreiben, verwendet sie die oben genannten zentralen Begriffe der Logik und der Moden, aber auch Eleganz. Sie betrachtet das Leben der Franzosen in Paris und in ganz Frankreich, speziell in dem kleinen Ort, in dem sie nun (während der Kriegszeit) lebt. Stein beschreibt erfahrene Ereignisse, erzählt Geschichten aus ihrem Leben und von denen sie gehört hat, verwebt das mit Gesprächen aus ihrem Freundeskreis und schafft so einen Text der einen Blick auf Frankreich offenbart, der überbordet. 

Manchmal erscheint der Text plakativ, hart oder fantastisch. Manchmal erscheint die Hervorhebung der Begriffe der Mode, der Autonomie, Logik, Tradition und Zivilisation, die sie als entscheidende Teile des französischen Seins an sich beschreibt, zutiefst überzogen. Manchmal fragt man sich ob dies alles die Verklärung einer verrückten Amerikanerin ist, wenn sie all diese Aspekte so absolut setzt, dass ein Abweichung davon gleichbedeutend ist, mit einem Infrage stellen eines Franzosen als Franzose.

Manchmal wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte, manchmal fand ich Passagen charmant und manchmal war ich fasziniert und gefangen. Aber schlussendlich kann ich nicht sagen, ob mir der Text gefallen hat oder ob ich das Buch empfehlen kann. Es war auf alle Fälle ein Erlebnis, den Text zu lesen und unterstützt von weiteren Informationen aus dem Netz besteht bei mir zumindest weitere Neugierde das Werk dieser Frau, die so viele Künstler begleitet und wohl auch geprägt hat, zu entdecken.  

Stein, Gertrude; Paris Frankreich. Frankfurt am Main 1975.