Die Ignoranz beenden

Gleich zu Anfang: „Der Mann mit dem roten Rock“ von Julian Barnes ist kein Roman. Doch was für ein Textstück es stattdessen ist, das ist schwer zu benennen. Ist es ein langes Essay, eine Charakterstudie, ein Sachbuch, eine Sammlung von kleinen Kalenderblättern, …? 

Mittelpunkt des vorliegenden neuesten Buches von Julian Barnes ist der Mann im roten Rock, einem Morgenrock, der schon mehr von jener Zeit zu erzählen weiß, als im ersten Moment es erscheinen mag. Der Träger dieses Rocks, der zusammen eben mit diesem, auf einem Gemälde von John Singer Sargent verewigt wurde, ist ein Salonlöwe, Arzt, Kunstsammler, etc.: Dr. Samuel Pozzi.

Eher uns heute unbekannt, war Pozzi eine der bekannten Persönlichkeiten seiner Zeit, er war immer und überall und schaffte es, als einer der in einfacheren Verhältnissen geborener, sich in die große Gesellschaft seiner Zeit, nicht nur der Pariser, emporzuarbeiten. Pozzi war Freund und Vertrauter, Geliebter und Arzt von Autorinnen und Künstler, Prinzessinnen und Adeligen – von Menschen, die uns noch heute als Geister der Vergangenheit mit einer gewissen Aura bekannt sind, oder die uns heute gänzlich vergessen und doch so zentral für die Zeit der Belle Époque waren.

Der Roman beginnt daher auch nicht mit der Einzelperson, sondern direkt mit einem Eintauchen in die verwobenen Verhältnisse, in die Freuden und Alltäglichkeiten all jener in der Zeit, die Rum, Geld, Namen oder Können ihr Eigen nennen. Der Roman startet mit einer Reise Pozzis mit dem Grafen Robert de Montesquiou und dem Prinzen Edmond de Polignac nach London. Mit einer Reise, die zur Freude, zum Kunstgenuss, zum geistigen Austausch gedacht ist. Die Herren, treffen englische Literaten, hören Musik, bewundern Galerien. Und mit ihnen, geht es in die Vernetzung eben der Kunst, Gesellschaft, des Adels, der Politik und des Lebens hinein.    

„Heute erscheint es selbstverständlich (…), dass die Belle Époque eine Blütezeit der französischen Kunst war. Ein Jahr nach dem Trauma von 1870/71 schuf Monet Impression, Sonnenaufgang. 1914, am Ende der Epoche, hatte Braque und Picasso die Grundlagen des Kubismus gelegt und (…) dazwischen: Manet, Pisarro, …“ (S. 39-40). Die Lesenden lernen Pozzi kennen, sie lernen Montesquiou kennen und damit das gesamte Kaleidoskop der europäischen Gesellschaft, die sich recht zentral zwischen Paris und London austariert, aber Europa nachhaltig beeinflusst. Und so wie auf einer Gartenparty jener Zeit, auf der die einzelnen Teilnehmenden durch die Menge, durch die Ecken des Gartens und der Villa schlendern, so geleitet Barnes uns durch die Zeit zwischen dem letzten Kaiserreich und den 1920iger Jahren.

Barnes benutzt ein Bild um Menschen, um eine Zeit zu erschaffen (vgl. S. 233), die vergessen scheint, die veraltet und unwichtig erscheinen mag. Es sind Sprengsel einzelner Geschichten, es sind wunderbare Zitate und Sätze, die einfach, weil sie schön sind, aufgegriffen werden, es sind Einblicke in das (Liebes-)Leben der Menschen, Dramen, Gerichtsurteile und Zeitgeschehnisse, die oft zu Anfang nicht ganz verständlich, so doch nach und nach zu einem bunten, großen Gesellschaftsbild führen. 

Barnes entfernt nicht nur den Staub des Vergessens von jener Zeit und jenen Menschen. Und er setzt sich auch mit Überlegungen der Zeit, dem Umgang mit der Vergangenheit, dem Urteil und dem moralischen Verhalten der Nachgeborenen auseinander. Barnes wird damit zum Anwalt all jener Toten der Telefonbücher jener Zeit, die vielen nur noch als oder mit Fußnoten bekannt sind (vgl. 207). Und er hinterfragt damit einem Umgang mit der Geschichtsaufarbeitung, die alleine nur urteilt: „Warum drängt es die Gegenwart ständig, über die Vergangenheit zu urteilen? … Woher nehmen wir uns das recht zu einem Urteil?“ (S. 187). 

Damit holt Barnes die Geschichte und die Menschen aus den Geschichtsbüchern hervor und stellt sie uns Gegenüber, nicht um uns an ihrem „Widerschein“ abzuarbeiten, sondern um uns an uns selbst abzuarbeiten, um uns selbst zu erkennen (vgl. S. 215).

Dies alles gelingt dem Autor in einer Leichtigkeit, die meisterlich ist. Und gerade damit zeigt sich die Komplexität und die Gefahr eines Scheiterns. Barnes zeigt damit die Fragilität der Errungenschaften jener Zeit: Auf der einen Seite die Folgen der Aufklärung, die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die Chancen der Internationalität, des geistigen und gesellschaftlichen Austauschs. Auf der anderen Seite das erwachende Nationaldenken, die Vorurteile, der neu erstarkende Rassismus (Dreyfuß etc.), der in vielen Gewändern daherschleichende Chauvinismus. Er zeigt damit aber auch die Räume, die uns ermöglichen zu lernen zu erkennen, zu denken, indem er die Beschäftigung mit Pozzi und seiner Zeit, ausgehend des Lebensmottos des Doktors: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ (zuletzt im Buch S. 294), in den Kontext der Geschehnisse rund um den Brexit in einen Kontext stellt. Ohne Moralisierung: Da können wir heut was davon lernen, denn damit zeigt sich eben auch die Fragilität unserer Systeme etc.!

Fluch des Buches: Es ist wahrlich ein Buch der (heute sehr kleinen) Bildungsbürgerschaft! All jener die viel gelesen, die ein Leben leben, das voller Lust und Freude am Lernen und Entdecken ist. Es ist ein Buch, das gefüllt ist mit Menschen, Geschichten, Ereignissen, die für viel zu viele „nur“ noch im besten Falle eben jene Fußnoten der Geschichte sind, die zu gerne überlesen werden, da mit ihnen die Vergangenheit und das Verstehen „zu kompliziert wird“. Es ist ein Buch für all jene, die Ignoranz nicht kennen und bekämpfen. 

Segen des Buches: Es ist eine Fundgrube der Erinnerung. Jede Seite ist pure Motivation verschüttetes wieder aufzudecken und Bücher neu zu lesen, Museen neu zu entdecken und Unwissendes verschwinden zu lassen.

Mir erscheint es, dass Barnes ein Buch geschrieben hat, das immer wieder durchblättert werden kann. Ein Buch das immer wieder Ausgangspunkt sein kann, um zum Beispiel Wilde immer wieder neu zu lesen und den Kosmos von Proust endlich einen weiteren Schritt zu erobern. Und nicht nur deshalb ist es lesenswert.