Halte mich nicht fest!

Der Leichnam ist weg! Maria von Magdala ist verzweifelt, denn Jesus ist nicht nur tot, sondern auch nicht mehr greifbar. Es bleiben nur Verzweiflung, Erinnerung und Sehnsucht. Der Morgen ist jener Moment des Stillstands, bevor Jesus neu und verwandelt in ihr Leben eintritt mit der Forderung: „Halte mich nicht fest“.

Im Freiburger Priesterseminar hängt eine Jesusdarstellung, die mich an diese Gartenszene (Joh 20, 1 -18) erinnert. Wer diesen Korpus aus Metall sieht, weiß: Klar, eine Jesusdarstellung! Die ausgebreiteten Arme, der Ort und das Umfeld, alles sagt: Jesus! Aber warum sind wir uns so sicher, dass das Jesus darstellen soll? Es gibt kein Kreuz zu diesem unvollständigen Korpus, und doch ist allen klar wer da dargestellt wird: Jesus! Die Ebene des Abbildes, der Analogie greift hier und füllt dieses Kunstwerk mit Botschaften.

Egal wo ich im Raum stehe, sehe ich mal mehr, mal weniger von der Darstellung bzw. fallen die Leerstellen auf. Diese Bruchstücke eines Korpus bieten Raum für Fragen: Was weiß ich von Jesu? Was weiß ich über ihn, dass er greifbar wird für mich? Bilder, Vorstellungen, Gefühle prägen mein Jesusbild, dabei haben wir nicht mehr als ein paar Fakten, die Evangelien, Theorien der Exegese etc. Aber es reicht, um daraus Bilder entstehen zu lassen – aber eben kein Gesamtbild. Jesus bleibt, wie der Korpus, ein unvollständiges Puzzle.

Wie Maria von Magdala stehe ich da und merke: Jesus ist weg, denn einen Jesus, den ich mir greifbar mache ist nicht Jesus. „Noli me tangere – halte mich nicht fest (EÜ 2016) bedeutet hier: Wer mir nachfolgen will, muss sich von all den vorgefassten Bilder lösen. Es sind nur Beschreibungen, Ahnungen.

Maria von Magdala und die Jünger standen vor einem Scherbenhaufen. Sie mussten neu denken lernen; nicht das Greifbare, sondern die Botschaft, die Erfahrungen zählen. Nachfolgen wird von einem „dabei sein“ zu einem „leben“. Das passt auch zur Darstellung im Priesterseminar. Das, was wir von Jesu dort sehen, sind Umfassungen, Ahnungen. Vieles bleibt offen, das gefüllt werden darf, mit meinem Leben, meinem Christsein, mit dem der ich bin. Es sind Leerstellen, die auffordern zum Leben in und mit einem Jesus, der nicht greifbar, aber erlebbar ist.