Gegen das Vergessen, für das Leben

Das Buch lässt einen nicht los. Fertig gelesen ist es, aber es wirkt nach. Die Sprache ist kräftig, knallhart, klar und nachklingend. Dabei ist es schwer in diese Welt einzutauchen, merke ich doch an jedem Satz, an jeder Seite, an jeder tiefer gehenden Betrachtung, dass ich von diesem Serbien, von diesem Krieg, von diesen Menschen mir nichts bekannt ist. Eine völlig fremde Welt ist das, eine fremde Geschichte aus einer völlig fremden Zeit:

„Wie reden die Leute oben über uns, Alter? Nur schlechtes aus dem Westen über Serbien, oder?

„Man hört gar nichts über Serbien im Westen“ antwortete ich, „ich glaube, die Leute oben wissen überhaupt nicht, wo Serbien liegt!“

Diese kurze Textpassage findet sich am Ende des Buches, „Die guten Tage“ von Marko Dinic, als Svabo zurück aus Wien, in Belgrad, zur Beerdigung ist. Es ist eine der vielen kurzen leibhaftigen Begegnungen mit der Vergangenheit, die Svabo in diesem Buch hat und es ist wohl auch eine Anklage und eine Aufforderung nicht bei der Erkenntnis stehen zu bleiben, dass wir nichts von diesem Land, den Menschen und dem Krieg wissen. Vielmehr ist dieses Buch die Anklage der Vergessenen gegen das Vergessen Europas.

Unserem Vergessen und Verdrängen stehen die verschiedenen Formen des Erinnerns und Verdrängens, des Abschied und des Verhaftetbleibens mit der Heimat, mit Serbien, mit dem Krieg. Ob die verschiedenen Reisenden in dem Gastarbeiterexpress, ob der Ich-Erzähler und sein Sitznachbar, ob die Menschen in der Heimat – alle scheinen in Zwischenwelten zwischen Vergessen und Verdrängung zu leben. Narben tragen diese Menschen in sich, Narben sind sichtbar, auf Gesichtern und Körpern, auf dem Gesicht der Stadt Belgrad, in den Lebenskonzepten der Menschen. Narben und die eigene Geschichte, der „Geist unter dem Bett“ der ausbrechen kann, der gut gehütet zurückgehalten wird, auf Zeit, aber eben nur auf Zeit, prägen diese Geschichte. Geschichten, die geprägt von Vorherigem, erhalten durch Angst und System, nicht verdrängt werden (dürfen), nicht vergessen werden (können).

Zentral sind die Gespräche zwischen dem Ich-Erzähler Svabo und seinem Mitfahrer. Ein radikaler Chronist, kein Schriftsteller, vielmehr ein Elektriker, der mit seinen Zwischenrufen, Störungen nicht nur die Leute im Bus verwirrt, sondern auch den Ich-Erzähler. Ist dieser Elektriker ein Hirn-Gespinst, oder vielmehr das was wir brauchen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Elektriker der neu verbindet und dafür sorgt, dass Licht in das Dunkel dringt?

Fremd ist uns die Geschichte und doch auch wieder nicht. Wir erahnen noch aus gefühlt fernen Zeiten diese Erfahrungen, denn auch in der dritten Generation in Deutschland sind die ähnlichen Erfahrungen wie die des Ich-Erzählers nicht aufgearbeitet und eventuell – wenn auch nicht die Entschuldigung – ist das einer der Gründe warum wir gerade diese Geschichte Europas nicht kennen, ja die Menschen und diesen Krieg schon in jenen Momenten vergessen und verdrängt haben, als er stattfand und es schlussendlich bis heute noch tun. Doch ein Europa, das sich Europa nennen will, darf das nicht, braucht eine Haltung des „lichtbringens“. Ein Europa, das eine Zukunft haben will, darf nicht stehen bleiben beim II. Weltkrieg und dessen Folgen. Darf trotz der Herausgehobenheit des Grauens nicht bei der Shoa stehen bleiben, nicht im Stalinismus und den anderen Diktaturen, sondern muss in das gemeinsame europäische Gedächtnis auch Jugoslawien und die Kriege auf exjugoslawischem Gebiet aufnehmen. Der Kontinent endet nicht an Staatsgrenzen und Europa eint sich nicht durch politische und wirtschaftliche Begriffe. Unser Leben endet nicht, wenn wir uns einrichten in die eigene kleine abgeschottete Welt des Alltags, des Hier und Jetzt.

Dazu braucht es mehr, unter anderem solche Bücher denn erst wenn wir davon wissen, erst wenn wir zulassen was war und uns in Verbindung bringen, können Kapitel geschlossen werden und Leben beginnen.

Heile Welt

Im Jahr 2000 ist ein Buch erschienen, das sich mit den in den 1970igern und frühen 1980iger aufgewachsenen Deutschen beschäftigt. Als ich das Buch damals las, fand ich mich, obwohl ich nicht ganz in die Generation reinpasse, absolut wieder. Florian Illies schuf mit seinem Buch eine Studie jener Zeit, die für viele eine Zeit der heilen Welt war und in der Rückschau noch immer ist. Die Welt war damals irgendwie einfacher, klarer und wie er es schon auf den ersten Seiten beschreibt: Es gab noch Momente, in denen man irgendwie wusste, dass alles gerade irgendwie stimmt. Trotz der heilen Welt erkannte aber Illies damals schon die großen Schwächen der „Generation Golf“.

Daran musste ich gerade denken, als ich zur kleinen Pause auf YouTube ein „70er Jahre Musiksammlung“ anmachte und dabei auch auf die Kommentare stieß. Da träumen und berichten einzelne Follower wirklich davon, dass in den 1970iger die Welt besser war, ja dass damals die Welt noch heil war.

Dabei vergessen die Menschen den Terrorismus von München (1972), die Ölkrise, Watergate-Affäre, Geiselnahmen, Bürgerkriege, die Reste des Vietnamkrieg, den „Deutschen Herbst“ mit seinem Terrorismus direkt in der „Nachbarschaft“ und so vieles mehr …

Die Welt war damals nicht besser oder schlechter, sie war anders. Unsere Lebenswirklichkeit war anders. Die Welt kam noch nicht so schnell und so detailliert in unser persönliches Leben und vermeintliche sichere Strukturen und Verhaltensmuster bestanden noch.

Aber ich frage mich, ist diese „Schönmalerei“ der Vergangenheit, ja ist gerade die Zeit der 1970iger selber, nicht eventuell der Grund, oder eine Wurzel dessen was uns im Heute umtreibt. Finden wir da nicht Antworten warum wir in dieser Welt so viele Krisen und Probleme haben, warum es in Deutschland wieder salonfähig ist, rassistische und nationalsozialistische Gedanken öffentlich zu verbreiten, warum unser Bildungssystem versagt, unsere Sicherungssysteme scheitern und unsere gesellschaftlichen Systeme immer mehr auseinanderbrechen?

Ich frage mich das auch im Kontext der Kirche(n). Wenn ich mir so manche Konzepte, Systeme, Planungen und Aussagen (Theorien) anschaue, dann finden wir die Idee und die Wurzel in den 1960/1970iger Jahre. Das ist per se nicht schlecht, aber vieles davon ist auf diese Zeit, auf jene Weltsicht zementiert und wurde nicht weiterentwickelt. Manch ein Redetext, manch eine Publikation kann man heute noch lesen, die auch 1973 geschrieben hätte werden können unter den gleichen Prämissen. Ich weiß nicht ob das gut ist! Zeigen sich nicht auch hier die Schwächen der „Generation Golf“?