Ein Tag bei Schwester Ulrika Nisch

Gestern war ich ein Tag – naja ein halber Tag im Kloster Hegne, bei der Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz. Diesen Tag verbrachte ich dort, weil ein wunderbarer Mensch, zu dem ich Freund sagen darf, in die Gemeinschaft als Novizin aufgenommen wurde. Der Tag gestern, diese schlichte klare Feier, die Worte von ihr, der Novizin und der Ort selbst berührten mich.

Gestern dachte ich an meine Kindheit zurück. Interessanterweise war Schwester Ulrika eine der wenigen Heiligen die in unserer Familie flächendeckend verehrt wurde. Ulrika gehört zu unserer Familie. Meine Mutter erzählt immer, dass schon in meiner Kindheit und auch in ihrer Jugend in der Familie gebetete wurde: „Heilige Ulrika Nisch, bitte für uns“ Der Volksglaube prägt und so war Ulrika auch für mich zeitlebens eine Heilige. Bevor der Papst sie 1987 zu den Altären erhob, machte dies meine Familie und sicher viele andere auch.

Immer wieder waren wir an ihrem Grab. Ein Sonntagsausflug, ein Besuch mit meiner Uroma oder anderen Reisende. Ich weiß nicht wie oft ich auf dem Friedhof war, aber es waren prägende Momente, die mich begleiten und die meine Kindheit wohl geprägt haben. Was wusste ich damals von ihr? Nicht viel aber die Quintessenz, die ich zu Ulrika im Herzen trage ist: Sie liebte Gott und Gott liebte sie!

Witzigerweise ist mir erst die Tage wirklich bewusst geworden, dass sie Küchenschwester war. Klar wusste ich das, aber bewusst wurde es mir erst die Tage als ich irgendwo gelesen habe, dass sie deshalb von manchen gering geachtet wurde. Welch eine Arroganz. Ich denke gerade die einfache Abstammung, das in Stellung gehen in einer Familie, die Krankheit und die schlichte Lebensform brachte und bringt eventuell noch heuten Menschen Mut und Zuversicht. Eventuell ist die Vita sogar ein Aspekt, weswegen in meiner Familie die Verehrung vorhanden war und ist. Selbst heute noch, nach vielen Jahr habe ich im Gotteslob ein Ulrika-Bild und in unserer Familie finden sich wohl kaum Geldbeutel, in denen nicht das kleine Medaillon der Seligen drin ist. Gerade an die Medaillons kann ich mich gut erinnern, wie faszinierend die für mich waren als Kind. Die gab es nämlich in verschiedenen Arten, manche waren poliert, andere nicht. Und noch heute habe ich an meiner Seite, hier beim Schreibtisch Ulrika bei mir.

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Ich verwende keinen Geldbeutel, daher findet sich die Sel. Ulrika Nisch neben den Medaillons von Pater Rupert und Papst Paul VI griffbereit zur Fürbitte an meinem Schreibtisch

Später, wir lebten in Radolfzell, durfte meine Familie ganz direkt erleben, welch ein Segen das Tun der Kreuzschwestern war und ist. Unsere Kindergartenschwester sorgte sich um alle Kinder und ihre Familien, und so auch um uns. Die Liebe, die sie verschenkte hat mich begeistert.

Das ging und geht mir durch den Kopf und gerade deshalb bin ich so wundersam berührt, dass ich seit zwei Jahren eben diesen großartigen Menschen, so ganz bewusst, erleben darf, wie sie ihre Berufung immer lauter aussprach und nun gestern in das Noviziat aufgenommen wurde. In jenen Orden der mein Leben so bereichert hat. Wunderbar, dass Sr. Marie-Salome nun so nah bei Ulrika ist, denn da ist sie zu Hause. Gestern, als sie im neuen Kleid aus der Tür getreten ist, erkannte ich, dass das was Michaela immer irgendwie „gefehlt“ hat, Sr. Marie-Salome nun „hat“. Sie musste erst dort ankommen, wo sie nun ist und dieses Kleid, das zeigt eben, dass sie nun ganz zu Christus gehört – so ganz, dass sie auch nochmal mit dem neuen Namen ausdrücken darf, wie sehr sie Gott liebt. Und ich denke, dass auch sie von Gott geliebt wird. Ganz und gar. Dankbar bin ich Gott, dass diesen Moment erleben darf und sie auch weiterhin auf dem Weg begleiten darf und dankbar bin ich für unsere Kirche, für all die Kinder Gottes, dass Er ihnen eine neue Dienerin geschenkt hat.

Als Seminarist berührt es mich ganz besonders, diese Lebensform. Auch wir übergeben unser Leben in ganz besonderer Weise Gott und ordnen uns ihm als Diener zu. Die Ordenstracht und auch die Übernahme eines im Gebet gereiften Namens, hat eine ganz eigenen Qualität, die mich fasziniert und ich frage mich warum wir uns als Seminaristen und Priester damit nicht mehr auseinandersetzten. Eine klare Kleidung war früher der Fall. Die Argumente mancher Christen gegen Priesterkleidung kann ich aus historischen Gründen ergreifen, aber gestern wurde mir nochmal klar, wie prägend Priesterkleidung sein kann, wenn sie, wie die Ordenstracht, mit Demut getragen wird.  Die Übernahme eines Namens ist bei Priestern nicht üblich. Allein der Heilige Vater stellt sich (aus dem Kreis der Weltpriester) in einen neuen Zuruf von Gott und nimmt einen neuen Namen an. Dabei denke ich, dass es nicht darum geht einen alten Namen abzulegen, die Entscheidung der Eltern gar für diesen Namen zu negieren, sondern vielmehr im Namen die besondere Berufung nochmal sprachlich zu zeigen, so wie Abram, der zu Abraham wurde.

 

 

Vater,

der du die Welt geschaffen hast und uns in deine Nachfolge ruft, dein Ruf ist direkt und genau. Jeden rufst du. Du flüsterst uns unsere Möglichkeiten zu und wartest und ruft, bis wir die Berufung und Gaben die du uns schenkst ausleben.

Voller Dankbarkeit dürfen wir dich loben, dich preisen und danken für die Gaben, die du austeilst, für die Momente, die wir erleben, für die Menschen, die du uns als deine Nachfolger sendest. Begleite Sr. Marie-Salome auf ihrem Weg, halte segnend deine Hände über sie, schenke ihr dein Antlitz in den Momenten der Dunkelheit des Alltags, schenke ihr Mut in ihrem Tun, Weisheit im Gebet und Handeln und Güte im Umgang mit jenen die ihr anvertraut werden.

Herr segne sie und durch die Fürbitte der Sel. Ulrika auch uns, die wir unser Leben dir zuordnen.

Sprache, manchmal zum …

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Es gibt so Tage, da fallen einem Dinge auf, da stören einem Sachen, die eigentlich im normalen Alltag ganz weit nach hinten rutschen in der Aufmerksamkeit. Man hat sich daran gewöhnt und verdrängt vieles. Aber an manchen Tagen kommt das in den Sichtkreis zurück. Woran das liegt kann ich oft genug gar nicht sagen. Das hat meist nicht mal einen speziellen Grund oder einen sichtbaren Auslöser. Es ist alleine eine andere Wahrnehmung.

Heute ging es mir im Seminar so. Wir hatten heute einen Gast in der Sitzung und der hat eine Supervision angeleitet zu alttestamentlichen Texten. Das Seminar hatte ich mir selber ausgesucht und grundsätzlich finde ich es ungemein spannend und gut. Trotzdem wurde mir hier in diesem Seminar zum ersten Mal bewusst, was sich entscheidend verändert hat an der Universität. Die Uni ist wirklich von einem Studienort zu einer weiteren Schule mutiert. Das mögen manche gut finden. Ich jedoch nicht. Die Seminarsitzungen sind nichts anderes als Unterrichtsstunden der Mittelstufe, nur mit eigentlich schwierigeren Themen. Leider empfinde ich es so, dass der Wissensinput in einem großen Maße den didaktischen Spielereien und Methoden geopfert wird. Was wir in einer Sitzung machen, könnte man mit einer Textarbeit im Vorfeld und Frontalunterricht in einer Stunde absolvieren und könnte dann einfach mehr bearbeiten. Wohl wissend, dass ich da alleine bin auf weiter Flur, sage ich: Bitte kehrt zurück zur Uni. Ich sage nicht, dass früher alles besser war, aber wieso muss man ein System ganz und gar zerstören, nur weil es Schwächen hatte. Das mutet mir an, wie wenn man einfach grundsätzlich nur ein neues Auto will und damit man es bekommt, halt einen Grund sucht wie einen vollen Aschenbecher o. Ä.

Ja, also meine Abneigung gegen Methoden, Didaktik etc. im Unialltag habe ich ausgedrückt. Ich will aber betonen, dass ich bis zu einem gewissen Punkt dafür bin, den schulischen Unterricht methodisch und didaktisch besser zu gestalten. In der Grundschule, in der Mittel- und Unterstufe …  aber irgendwann ist auch gut, denn Kompetenzen mögen zwar gut und recht sein; Wissen UND Können sind aber entscheidender in den wichtigen Momenten des Lebens.

Das andere Thema was mir echt gegen den Strich ging war die Sprache des Gastdozenten. Ich wurde an Erik Flügge erinnern, der davon spricht, dass die Kirche an ihrer Sprache zugrunde geht. Es ist wahrlich eine Binsenweisheit, aber sie ist nun mal wahr. Wir müssen uns einfach wirklich bewusst werden, dass es hier nicht alleine um eine Unverständlichkeit der Sprache oder der Wörter geht, sondern auch um eine Sprache, die den Gegenüber negiert, zum Kind degradiert und einfach nicht ernst nimmt. Unsere pastorale Sprache in den Gesprächen, in der Seelsorge, in Supervisionen und Runden und eben auch ganz oft bei Einführungen und Predigten im Gottesdienst sind so von einem süßlichen Ton geprägt, von einem „ich würde dir jetzt gern sagen wollen“ oder einem „wie bist du so da“, „was macht das mit dir“ und anderen verbalen Kuscheleinheiten. Gerne würde ich sagen, dass kein Mensch mit solch einer Sprache glücklich wird. Das stimmt leider nicht, denn wir haben uns in unseren kirchlichen und pädagogischen Kreisen mit dieser Sprache, von der ich nicht mal weiß woher sie kommt und was sie schlussendlich soll, so selber weichgespült, dass wir es nicht einmal mehr selber wahrnehmen wie Menschenverachtend sie ist. Schlussendlich nehmen wir den Gegenüber doch gar nicht mehr ernst, auch wenn wir es mit dem vielen Kopfnicken, dem vielen „ja ich verstehe“ dem vielen Nachfragen suggerieren wollen. Wenn mir jemand – und das noch am Besten im Stuhlkreis – gegenüber sitzt und mich fragt, was „das so mit mir macht“ – ach… irgendwann springe ich auf und benehme mich wie die Beamten im Haus der Verrückten im Buch/Film „Asterix erobert Rom“.

Mein Wunsch: Hören wir doch endlich mal mit diesem süßlichen, rettenden, kindlichen Gerede auf und sagen wieder was wir denken. Dankesagen, den Gegenüber freundlich ansprechen, auf Gefühle und Haltungen achten – ja, das ist völlig gut und entscheidend wichtig – aber übertreiben wir es nicht. Reden wir endlich wieder wie Menschen und nicht wie ängstliche Stimmen, die hinter jedem Wort eine Gefahr für irgend wen fürchten.