Die Reisen Benjamins des Dritten

Im Hanserverlag ist im Jahr 2019 ein Büchlein erschienen, das den meisten LeserInnen eher unbekannt sein dürfte, auch wenn die ersten Teile des Romans schon 1876 erschienen sind: Die Reisen Benjamins des Dritten, herausgegeben von Mendel dem Buchhändler (Sholem J. Abramowitsch, 1835-1917). 

Das Büchlein, und mehr ist es auch nicht mit seinen nicht mal ganz 160 Seiten, handelt von einem Jüdlein (S. 10), das zusammen mit seinem Freund, aufbrach um zu reisen, genauer um östlich vom Heilige Land (Erez Israel) die Roten Juden zu erreichen, die, der alten Reiseliteratur nach, die Einzigen sind, die die Juden im Exil befreien können.

Die Geschichten in den vierzehn Kapitel sind ein Fenster in die jüdisch-russische Welt des 19. Jhdt’s. Die beiden Weltreisenden brechen auf, verlassen ihre Frauen und wandern in die Welt hinein. Sie erreichen andere Städte, neue Orte und schlagen sich auch dort mit den Problemen ihres Lebens herum. Mittellos verlassen sie sich auf das soziale Netz der jüdischen Welt und tauchen damit in die jeweiligen jüdischen Gesellschaften der angereisten Orte ein. Ihre Reise ist, auch wenn sie versucht sind die Zwänge zu verlassen, geprägt von den ihrer Zeit und Gesellschaft. Das steigert sich hin, bis zwei Juden, denen sie begegnen und die es nicht gut mit ihnen meinen, sie an das Militär verkaufen.

Die Ereignissen ihrer Zeit, subtil, oft mit bissigem Humor, hat der Autor ganz tief mit der Geschichte verwoben und damit nicht nur die herrschende politische Gesellschaft kritisiert, sondern auch die aus seiner Sicht in Lethargie und Engstirnigkeit verhaftete jüdische Welt. 

Das Buch ist schnell gelesen, trotz der eher fremden Literatur (Sprachstil). Ausschweifende Sätze, mehr Beschreibungen als Berichte, in unterschiedlichen Stilen, versetzt mit jiddischen, hebräischen, ukrainischen Sätzen, machen die die Beschäftigung damit nicht leicht. Wer den Text einmal liest, der wird ihn als nette kleine Geschichte in den Schrank stellen. Das wäre aber fast traurig. Daher ist es zu empfehlen den Text einmal unbedarft zu lesen und ihn dann im zweiten Schritt nochmal zu lesen, mit dem Leseband (es gibt derer zwei) in den Anmerkungen, zur Unterstützung. Die Anmerkungen ab Seite 159 bieten eine Einstiegsmöglichkeit, die den Text um ein Vielfaches erschließt und den subtilen Humor, die vielen Anspielungen und die geschichtlichen Bezüge großartig auffächert.

Als dritter Teil der Ausgabe, nach Text und Anmerkungen, findet sich ein Nachwort der Übersetzerin und Fachfrau zu Abramowitsch, Susanne Klingenstein. Auch dieser Texte lohnt sich. Die klare und kurze Einordnung der Lebensgeschichte des Autors, die Textauslegung und die ersten Interpretationen (in aller Kürze) dürfte Neugierde auf weitere Texte des Autors wecken, bietet aber auf alle Fälle Grundlage zur Einordnung des Textes und zu einem Verstehen.

Mit diesem Werk von Abramowitsch kann ein Einstieg in die Welt der jüdischen (jiddischen) Literatur des 19. Jhdt. gelingen. Ein Einstieg nicht nur in eine literarische Sprache, sondern auch in eine Zeit, in eine Denkform, in eine Lebensform. Abramowitsch der zurecht als Gründer und Großvater der jiddischen Literatur gilt, schreibt in einer Sprache und von einer Zeit, die, als er davon schrieb, fast schon im Schwinden begriffen war. Damals wie heute zeigt sich an seinen Texten, dass es absolut unverzeihliche wäre, wenn diese Sprache und damit auch das geistige Denkkonzept ganz verschwindet.

Aber nicht nur aus historischen Aspekten heraus ist es sinnvoll und erfüllend dieses Buch zu lesen. Zwei weitere Aspekte finden sich als Argument der Lektüre. Einmal gilt es zu bedenken, dass dieses Buch in einer Zeit erschien, in der der Antisemitismus erstarkte. Die Hasstexte gegen das Judentum, allen voran die unsäglichen „Protokolle der Weisen von Zion“ kommen aus jener Welt die Abramowitsch beschreibt und in der er lebte. Zwischen Emanzipationsbewegungen in den westlichen Ländern, Verarmungs- und Unterdrückungsprozessen gegen die Juden in den russischen Ländern, zwischen Pogromen auf der einen Seite und einer Blüte der jüdischen Geisteswelt, zwischen dem Scheitern von Freiheitsbestrebungen und dem Erwachen eines Zionismus, strebte die Welt des 19. Jhdt’s auf eine Katastrophe zu, die sich schlussendlich erst in der Katastrophe des II. Weltkrieges völlig eröffnet und die bis heute noch nicht beendet ist. Ja nie beendet sein wird, solange Rassismus und Antisemitismus in unserer Welt noch eine – wenn auch oft scheinbar marginale – Rolle spielen.

Ein zweiter, weiterer Grund der Beschäftigung mit Die Reise Benjamins des Dritten findet sich in seiner literarischen und philosophischen Tiefe. Ein Aspekt greife ich hier heraus: Die Freiheit!

Benjamin hat eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit, ist aber gefangen in Unfreiheit. In einer Unfreiheit, die ihm aufgezwungen wurde, durch Gesellschaft und Tradition. Und daraus befreit er sich, überzogen idealistisch. Das heroische Ziel die roten Juden zu finden, ist aus einer Sehnsucht nach einer messianischen Freiheit heraus zu verstehen. Sie sollen die Juden im Exil befreien, nicht ganz ausgesprochen aber doch zu vermuten in dem sie – darüber lässt sich trefflich streiten aber nach dem Traktat Ketubot wohl auch möglich – in dem sie aus der Diaspora heraus die Ankunft des Messias unterstützen oder anstoßen. Die ganze Reise wird so zu einer Freiheitsbewegung. Zu einer Freiheitsbewegung, die notgedrungen idealistisch sein muss, genauso wie jene Benjamins. 

Aus der Freiheit der Wanderung – was damals ja fast unerhört war – werden Benjamin und sein Gefährte wieder eingefangen und wieder geknechtet. Aber der Drang ist höher, die Sehnsucht nach Flucht groß. Doch auch wenn nicht die Flucht gelingt, so kommt es zu einer Rede, die in ihrer Schlichtheit großartig ist: „Aber Menschen am helllichten Tage aufzugreifen und wie Hühner auf dem Markt zu verkaufen soll erlaubt sein? Und wenn die Armen versuchen, sich zu retten, nennt man das ein Verbrechen? …“ (S. 156 f.). Schlussendlich sind es Worte, die die Menschenrechte prägen, die Frage nach der Freiheit, die der Unversehrtheit des menschlichen Lebens, nach der Würde des Menschen und nach der Sinnhaftigkeit von Rollen, Mustern und Formen des gesellschaftlichen Lebens, die Ungerechtigkeiten zementieren. 

Gerade dieses Freiheitsstreben, das diesen (gescheiterten?) Helden prägt, lässt seine Gegenüber ihn als Narren erscheinen. Aber das närrische und heilige sind bekanntlich nur zwei Seiten der einen Medaille und bietet so den Raum des Nachdenkens und der Nachfolge. 

Die Reisen des Benjamins des Dritten ist ein literarisches Werk seiner Zeit. Es ist aber mehr, denn es steht in der Tradition großer Werke, oft erwähnt des Don Quichottes, aber auch der großen Romane des Mittelalters, der avanture (Artusroman, Parzival et.), zeitgenössischer Romane (Gerichtsszene Kleist?), der Divina Commedia des großen Dantes und nicht zuletzt der Bibel selbst, denn es ist die Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Gott, mit seinem Leben und mit den Träumen, die uns die Botschaft des „Gott mit uns“ einprägt. 

Bild: Cover Hanser Verlag

Die Geträumten

Am Samstag, 18.04. strahlt 3Sat eine Dokumentarverfilmung des Briefwechsels von Ingeborg Bachmann und Paul Celan aus.

Dabei handelt es sich um den im Jahr 2016 auf der Berlinale vorgestellten Film „Die Geträumten“, eine Dokumentation die sich zentral auf die Aufnahme der Gedichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan in einem Tonstudio in Wien konzentriert.

Grundlage des Filmes sind die Briefe, die im Jahr 2008 im Suhrkamp Verlag verlegt und damit damals zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Anja Plaschg (Ingeborg Bachmann) und Laurence Rupp (Paul Celan) werden bei der Rezitation der Briefe gefilmt aber auch in den Pausen, in den Zeiten zwischen den einzelnen Aufzeichnungen. So dringen zwischen die Worte der beiden verstorbenen Liebenden der Alltag. Gespräche über Belangloses wird verwoben mit dem Nachklang der Worte der beiden großen und prägenden Lyriker des 20. Jahrhunderts. Dadurch, dass es keine weitere Wissensvermittlung zu Celan und Bachmann gibt, treten die historische Persönlichkeiten in den Hintergrund. Bestehen bleiben nur die Gefühle, die Liebe und die Abneigung, der Lebens- und Liebeskampf beider, der sich fast noch stärker abzeichnet im Kontext des pragmatischen und doch eintönigen Zwischenspiels der beiden Akteure. Die Worte werden klarer, schneidender und prallen voll und absolut auf den Hörenden.

Die Regisseurin Ruth Beckermann wollte mit dieser Dokumentation zur Reflexion motivieren. Sie will den Film als Impuls zur Reaktion gerade jüngerer Menschen sehen, denn diese Liebesbeziehung voller Liebe und Schmerz, die sich in diesen über 260 Seiten langem Briefkonvolut zeigt, ist, trotz der lyrischen Sprache, ein modernes Drama, das eventuell gerade heute anspricht.

Beitragsbild: Rechte bei www.absolutmedien.de

Bohm: Hermann Hesses wundersame Geschichte

Maren Bohm legt in der von Karl Alber Verlag herausgegebene Reihe „Philosophische Romane“ ihren zweiten Roman vor. Diesmal mit einem Thema zu Hermann Hesse. Die Rahmenhandlung des Romans erzählt von Bernd und Karla, die sich zufällig, in schwierigen Lebenssituation, begegnen und zueinanderfinden. Der erlebte Bruch im eigenen Leben führt die beiden Menschen zueinander, die Verbindung schafft jedoch Hermann Hesse, der, wie es viele Menschen immer wieder berichtet haben, mit seinen Werken jene Menschen prägt, die in schwierigen Lebenskrisen stecken. Bernd hat über Hesse gearbeitet, Karla ihn schon als junge Frau „verschlungen“. Das Werk Hesses verbindet und führt zu einem Gedankenspiel, das verrückt und auch unerlaubt ist. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Hermann Hesse in seiner Erzählung „Narziss und Goldmund“, das Leben des Narzisses in großen Teilen im Dunkeln bleibt, beschließen sie, diese Leerstelle zu füllen. So macht sich Bernd auf ein Buch im Stile von Hermann Hesse zu schreiben. Dieses wollen sie als ein verschollenes Werk Hesses an den Hausverlag des Autors verkaufen.

Der vorliegende Roman endet nicht mit dem Abschluss des Pseudo-Hesse-Werkes, sondern verlangt von den Karla und Bernd auch die Konstruktion einer Geschichte, wie die beiden an das Manuskript gekommen sind. Dabei und auch im Kontext der Kontaktaufnahme mit dem Verleger, bekommt der Lesende Einblicke in die Zeit der Bonner Republik, genauer der Kulturwelt, aber auch nochmal einen tieferen Einblick in das Leben des Autors Hermann Hesses in der Nazi-Zeit.

Die über 400 Seiten des Werkes fallen mehrheitlich dem Hesse-Werk zu, das ungemein unterhaltsam und spannend zu lesen ist. Detailreich, mit vielen Zitaten aus den Werken Hermann Hesse verwoben, lädt es zu einer unterhaltsamen Reise in das Leben eines Abtes ein. In wie weit hier das Werk von Hesse wirklich aufgenommen wird, kann ich nicht beurteilen, da ich kein Hesse-Fachmann bin. Allemal bietet der Schreibstil aber eine schöne Geschichte, die auch nicht von den wirklich informativen philosophischen Exkursen, unterbrochen wird. Der philosophische-historische Exkurs zu Abaelard und seine Schülerin Héloïse zum Beispiel bietet so wie er ist auch einen Querverweis zu einem anderen Roman der Autorin, im gleichen Verlag.

Genauso spannend ist jedoch auch das Eintauchen in die Welt von Hermann Hesse und in das was der Verleger Suhrkamp zu erzählen hat. Dieser Teil kommt jedoch ein bisschen zu kurz, bzw. bricht irgendwie ab und lässt den Lesenden ein bisschen unbefriedigt zurück, gerade weil auch hier viele spannende und gute Ansätze des Erzählens gibt, die aber nicht ausgeführt werden, sondern eher grob zusammengefasst werden.

Ganz zum Ende des Buches hin gibt es ein kleiner Satz, ein kleiner Hinweis, dass sich die Geschichte, die Beziehung zwischen Karla und Bernd weiterentwickelt hat oder entwickelt haben könnte. Oder doch nicht? Der Beziehungsstatus, die Lebenssituation bleibt unklar und lässt leider auch nicht, da zu wenige Andeutungen vorhanden sind, Raum zu wirklichen Spekulationen bzw. zu einer Einordnung. Was der Rahmenhandlung, genauer den Personen, ein bisschen Farbe nimmt, denn die Geschichte ist damit nicht ganz rund.

Die Reihe „Philosophischer Roman“ des Verlages Karl Alber hat nun schon einige Bücher in den letzten Jahren bekommen. Nicht alle sind gut und man wünschte dem Lektor mehr Ruhe und die Entspanntheit so manch ein Werk abzulehnen, mag es auch von „großen Namen“ geschrieben sein. Das vorliegende zweite Buch von Maren Bohm in dieser Reihe jedoch ist (ohne beurteilen zu können, ob der Hauptteil Hesse nahe kommt und ihm gerecht wird), wieder ein Buch, das mit Freuden, zur angenehmen Unterhaltung, zur Hand genommen werden kann.

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Bohm, Maren; Hermann Hesses wundersame Geschichte. Freiburg, München 2020. 24,00 € ab dem 03. Januar im Handel.