13 Gedichte

Da gibt es wirklich nicht viel zu sagen: einfach kaufen, lesen und Freude finden.

Oliver Wurm hat mit diesem Magazin (das, so die Einführung kein Unikat bleibt) ein Lesevergnügen geschaffen. 13 klassische Gedichte mit Kommentierungen und 13 moderne Gedichte umfasst dieses Heft.

Wurm und seine Mitstreitenden hegen mit diesem neuen Magazin ein kleines zartes (hoffentlich) neu wachsendes Pflänzchen der Poesie, denn während gestrige Politiker wieder mehr Gedichte im Unterricht fordern und selbst keines kennen, lädt dieses Magazin jeden/jede Weit denkende(n) dazu ein sich langsam und vorsichtig sich der Welt der Lyrik anzunähern. Also eine perfekte Einladung für alle „Neulinge“ aber auch für all jene, die bisher die Gedichtwerke eher im heimischen Zimmer gelesen haben; nun können auch diese wieder ganz mondän und den Cafés sitzen und zeigen: ein Gedicht macht die Welt einfach ganz besonders.

Wurm, Oliver: dreizehn Gedichte. Hamburg 2021. mehr unter http://www.dreizehnplus13.de

Rache und Bestrafung ist nur ein kindlicher Tagtraum

In Geschichte, Politik und Religion habe ich immer wieder Aspekte der NS-Zeit durchgearbeitet: In der Hauptschule gefühlt jedes Jahr. In der Wirtschaftsschule, in der Schulzeit der Ausbildung und auch später in der Zeit des Abiturs. Aber es blieb ein Wissensfleck für die Zeit zwischen 1945 – 1949. Zumindest bei mir: Kapitulation und dann kam die Gründung der BRD. Alles andere fehlte. 

Zwischenzeitlich gibt es Bücher, die diese Leerstellen aufhellen. Es sind meist Biografien, die das persönliche Leben nach dem Zusammenbruch und der Befreiung beschreiben, wie zum Beispiel den von Jörg Bremer herausgegebene Tagebuchauszug aus dem Jahr 1945-1946 von Werner von Kieckebusch (Ich traue dem Frieden nicht, Freiburg 2020)

Zwischenzeitlich schrumpfen meine Wissenslücken, aber die Zeit bleibt weiterhin unwirklich. Ein wenig erhellend wirken Zeitungsberichte, Dokumentationen aus jener Zeit, so wie auch jene von Kriegsberichterstattern bzw. Journalisten, die im Tross der Alliierten das zerstörte Deutschland besuchten. Einer dieser Journalisten war George Orwell, damals Journalist für den englischen The Observer. 

In der Reihe textura, im Verlag C.H.Beck ist eine kleine Auswahl an Texten aus der Feder Orwells erschienen. Es handelt sich um elf Berichte aus der Zeit um die Kapitulation herum, die ergänzt werden um drei weitere Texte: Zwei aus der Kriegszeit (1940/1943) und einen aus dem Jahr 1945, zur Zeit der Potsdamer Konferenz.

Die Texte sind Zeitungsreportagen. Deshalb auch genau so angenehm und schnell zu lesen. Perfekt für einen Samstagnachmittag auf dem Balkon oder im Café.

Der Inhalt ist indessen nicht ganz so leichte Kost, denn Orwell blickt stark auf die Zwangsarbeiter in Deutschland, auf die Situation der Menschen in den zerstörten Städten und auf die Frage, was kommt nach der Kapitulation: Hunger, große Armut, eine schwierige politische Weltlage. Bei all diesen Punkten blickt der Autor nicht hoffnungsvoll in die Zukunft.

Orwell lernt selbst und zeigt auf, dass sich sein Bild von den Deutschen wandelt. Der ferne deutsche Feind, ehemals eher eine Bestie, wird zu einem Menschen der Leid erfährt, der in Schutt und Untergang sein Leben fristet. Ganz stark zeigt sich dieser Wandel in seinem Beitrag „Rache ist Sauer“ (S. 55).

Orwell macht sich Gedanken um die Zukunft. Dabei erkennt er, dass die deutsche Frage keine regionale Frage bleiben kann. Die Gestaltung der Zukunft Deutschlands entscheidet über die Zukunft Europas und der Welt. So stellt er den Morgentau-Plan in Frage, ist sich bewusst, dass Großbritannien und die USA große Anstrengungen leisten muss, damit die Deutschen nicht vollends verarmen, erkennt Schwächen der französischen Besatzung und benennt eine erste Ahnung, dass die Zukunft der Welt durch Einflusssphären begrenzt werden. 

Der Blick auf die Zwangsarbeiter in Deutschland ist für mich dahingehend versehen mit neuen Aspekten, da ich mich erst seit kurzem mit dieser Gruppe von Menschen beschäftige. Auslöser dazu ist die erste späte Erkenntnis, dass „die Polin“ aus den Geschichten meiner Familie, nicht einfach eine Magd war, sondern ebenfalls eine jener Frauen, die verschleppt und in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt wurden. 

Die drei ergänzenden Texte sind Fenster zu kleinen Blickwinkeln auf die Geschichte. Die Rezension zu „Mein Kampf“ (S. 62 ff.) zeigt nochmal, wie ambivalent die Präsenz Adolf Hitlers in der damaligen Zeit war. Er hatte ein Charisma (oder eine Form davon), was auch Orwell spürte, schrieb er doch klar: „ich möchte ausdrücklich festhalten, dass ich es bisher nicht geschafft habe, Hitler nicht zu mögen“ (S. 64.) was ihn nahe an Thomas Mann rückte, dessen 1943 (?) erschienene Sammlung an politischen Reden und Beiträgen im zweiten Text besprochen wird. Orwell hebt heraus, dass Mann daran glaubt und glaubte, dass „Wahrheit und Gerechtigkeit am Ende siegen müsse“. Trotz der Erfahrungen, trotz der Sehnsucht der Jugend nach der Abgabe der Selbstbestimmung zugunsten von Militarismus. Die Besprechung lässt ahnen, dass es sinnvoll ist sich diese Texte auch heute nochmal zu Gemüte zu ziehen, erleben wir doch heute bei verschiedenen Gesellschaftsgruppen ähnliche Sehnsüchte.

Der letzte Text von Orwell nimmt die immer wieder vorhandene Frage nach der Zukunft der Weltordnung auf. Er erkennt die Schwächen des politischen Systems in Großbritannien (S. 80-81), sieht die Tendenz die Welt aufzuteilen in Einflusszonen (S. 78), erkennt die zentrale politische Schwäche der USA, die wir in unserer Zeit wieder aktiv erlebten (S. 82.) und sehnt sich nach „einer Organisation, welche die ganze Welt umfasst“ (S. 84). 

Wie schon beschrieben sind es schnell zu lesende Texte. Eindrücke, Fenster in eine Vergangenheit, die so fern und unwirklich erscheint, eben auch, weil der Wiederaufbau, die Veränderungen so schnell verliefen und dafür sorgten, dass die ersten Jahre nach dem Krieg in Vergessenheit geraten sind. Es sind aber auch Texte, die einzelne kleine Informationen geben, die das Leben, die Fragen und Sorgen der damaligen Zeit klarer aufscheinen lassen. Deshalb ist es gut und sinnvoll auch dieses Buch zur Hand zu nehmen. 

Am stärksten prägt mich an diesem Buch die Ausführungen Orwells zum Thema der Rache. Hier zeigt sich, dass Rache keine Antwort sein kann auf Gewalt und den dadurch erfahrenen Taten. Verbunden mit seinen Ausführungen zur politischen Weltlage und den Gründen zeigt sich in mir die Sehnsucht nach einer so weit als möglich pragmatischen Politik, die sich nicht treiben lässt von Emotionen und momentanen Aufregern.   

Warum diese Texte erst jetzt erscheinen, dürfte wohl an einem veränderten Geschichtsbild liegen und auch daran, dass der Autor nun über 70 Jahre tot ist.

So wertig die Bücher auch sind und so sehr ich mir bewusst bin, dass es gut für die Buchhandlungen ist, dass die Bücher hochpreisig sind, so sehr nervt es mir persönlich, dass dieses Buch 16,00 € kostet. Der Preis sichert das Überlegen von Vertrieb und Verlag, aber er begrenzt auch die Verbreitung.    

Orwell, George; Reise durch Ruinen. Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. Mit einem Nachwort von Volker Ulrich. München 2021.      

… natürlich sahen sie die Dinge wie sie waren …

Eine erste Annäherung an Gertrude Stein / erste Gedanken.

Neue Autorinnen und Autoren entdecken, das ist was Schönes. Nicht nur zeitgenössische Autorinnen und Autoren sondern auch historische. Um dieser Freude zu frönen hatte ich schon lange Gertrude Stein auf meiner Leseliste. Wann ich zum ersten Mal von ihr gehört habe, das weiß ich nicht, aber wer sich mit der ersten Hälfte des 20. Jhdts. beschäftigt, sich in Kunst und Literatur der damaligen Zeit vertieft, wird an ihrem Namen auf kurz oder lang nicht vorbeikommen. Sie gehört zu jenen Menschen, die im Paris der damaligen Zeit interessante Persönlichkeiten um sich versammelte, von denen wir heute noch sprechen: Picasso, Hemingway, Porter und viele mehr.

Nun bin ich im Antiquariat auf eines ihrer Bücher gestoßen, welches nun spontan (ohne einer Planung) zum Einstiegbuch in ihr eigenes Oeuvre wurde: „Paris Frankreich“. Das Buch, das im Jahr 1940, wohl zeitgleich mit der Kapitulation Paris vor Nazi-Deutschland, erschienen ist, könnte wohl als Meditation über Paris und Frankreich bezeichnet werden. 

In einem erst (heute wieder?) fremd anmutenden Stil (zumindest ging es mir so) eröffnet Gertrude Stein dieses Buch mit der ihr frühesten Erinnerung an Paris (Kindheit) und reflektiert dann das französisch werden/sein der Franzosen als ein zivilisiert werden. Dieses „zivilisiert sein bzw. werden“, die Moden, die Logik sind in diesem wohl sehr persönlichen Werk zentrale Begriffe.

Der Stil des Buches ist, so findet sich dies bei Fachleuten bezeichnet, ein surrealistischer. Was das bedeutet kann ich nicht sagen, aber ich erlebe den Text sehr umgangssprachlich, wie erzählt, wie in einer schnellen, spontanen Betrachtung oder Zusammentragung von Geschichten und Meinungen zwischen zwei Menschen irgendwo auf der Straße. Mir kam es so vor, wie wenn Komma fehlen würden und es brauchte bei mir zu Anfang eine Zeit des Einlesens um in den entsprechenden Rhythmus zu kommen und den Text genießen zu können.

Stein beschreibt ein zivilisiert werden das einem Wachsen entspricht, einmal der Franzosen und einmal des Jahrhunderts. Um diesen Prozess zu beschreiben, verwendet sie die oben genannten zentralen Begriffe der Logik und der Moden, aber auch Eleganz. Sie betrachtet das Leben der Franzosen in Paris und in ganz Frankreich, speziell in dem kleinen Ort, in dem sie nun (während der Kriegszeit) lebt. Stein beschreibt erfahrene Ereignisse, erzählt Geschichten aus ihrem Leben und von denen sie gehört hat, verwebt das mit Gesprächen aus ihrem Freundeskreis und schafft so einen Text der einen Blick auf Frankreich offenbart, der überbordet. 

Manchmal erscheint der Text plakativ, hart oder fantastisch. Manchmal erscheint die Hervorhebung der Begriffe der Mode, der Autonomie, Logik, Tradition und Zivilisation, die sie als entscheidende Teile des französischen Seins an sich beschreibt, zutiefst überzogen. Manchmal fragt man sich ob dies alles die Verklärung einer verrückten Amerikanerin ist, wenn sie all diese Aspekte so absolut setzt, dass ein Abweichung davon gleichbedeutend ist, mit einem Infrage stellen eines Franzosen als Franzose.

Manchmal wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte, manchmal fand ich Passagen charmant und manchmal war ich fasziniert und gefangen. Aber schlussendlich kann ich nicht sagen, ob mir der Text gefallen hat oder ob ich das Buch empfehlen kann. Es war auf alle Fälle ein Erlebnis, den Text zu lesen und unterstützt von weiteren Informationen aus dem Netz besteht bei mir zumindest weitere Neugierde das Werk dieser Frau, die so viele Künstler begleitet und wohl auch geprägt hat, zu entdecken.  

Stein, Gertrude; Paris Frankreich. Frankfurt am Main 1975.