Franziskus: Die Kraft der Berufung

Und ein weiteres Franziskusbuch steht im Schrank. Genauer: Wieder ein Interviewbuch. Das Format nervt so langsam, gerade auch deshalb weil die Gesprächspartner des Papstes nicht die spritzigsten sind. Der aktuelle Interviewpartner, Fernando Prado, hat diesmal Zwischentexte oder Erklärungen und eine Einführung eingefügt, die keine weitere sinnvolle Information liefern, eher nur die Seiten füllen.

Nichtsdestotrotz: Lesenswert ist das Büchlein sicherlich. Der Papst bestärkt die Schwestern und Brüder des geweihten Lebens und oft genug auch nochmal einzeln darauf hingewiesen, die Weltpriester in ihrem Dienst für Gott und Volk Gottes. Dabei verweist er auf die Texte, die diesen Dienst definieren (II. Vatikanum) und in welchem Kontext die Mitglieder des geweihten Lebens und Priester zum Volk Gottes stehen. Er motiviert sie nochmal mehr auf Jesu zu vertrauen, mehr Abschied zu nehmen von Sicherheit und seine drei „P“ als Grundlage für das Leben, für die Gemeinschaft, für den Dienst zu nehmen. Die „P“s  sind im spanischen vorhanden. Übersetz bezieht er sich hier auf Armut, Gebet und Geduld. Daraus heraus spricht Franziskus dann über die Qualität von Gemeinschaften und Gruppen, davon ausgehend spricht er aber genauso über Ausbildung und deren zwingend notwendigen Grundlagen.

Andeutungsweise spricht Papst Franziskus Themen rund um Macht, um Missbrauch aber auch über neuere geistliche Bewegungen, die manchmal nur vordergründig zum Vorteil der Kirche sind und in sich manche Probleme und Unmenschlichkeiten enthalten. Klar und direkt spricht er über die Themen „Rolle der Frau“, „Homosexualität“, „Klerikalismus“ und dem Grundauftrag der Kirche, der Mission, dem Glaubenszeugnis, das allein gelingen kann in einem vorgelebten positiven Glaubensleben.

Das Buch ist klein, das Buch ist kurzweilig. Das Buch bietet viele Textpassagen, die versierte Papst-Leser in vielen anderen Texten schon gehört und gelesen haben und trotzdem, so wie der Papst nie müde wird seine Christuszentrierung der ganzen Kirche zu verordnen, so dürfen wir auch dieses Büchlein nutzen zur Erbauung und zur Stärkung zu einem Leben, das die Botschaft Jesu Christi nicht nur prägt sondern auch ausstrahlt.

Fazit: Lesenswert, ganz besonders für kirchliche MitarbeiterInnen und Mitglieder des geweihten Lebens. 

Zur Ergänzung: Man wünscht sich ein besseres Lektorat. Allein auf der Coverrückseite sind drei Fehler, die Übersetzung kann besser werden, das Buch ist mit 16,00 € einfach zu teuer und es wäre schön, wenn Papst Franziskus sich kompetentere (im Bereich von Interview) und unterhaltsamere Gesprächspartner sucht.

Papst Franziskus: Die Kraft der Berufung. Ein Gespräch mit Fernando Prado, CMF. Freiburg, Basel, Wien 2018.

Klimawandel-Leugner

Wer das Sommerinterview mit dem AFD-Vorsitzende Alexander Gauland gehört und gesehen hat, der hat einen Klimawandel-Leugner gehört. Gauland behauptet, dass der Klimawandel nichts mit dem CO2 Ausstoß zu tun hat. Er bringt das Argument, dass es auch früher Eiszeiten und kalte Perioden gab, aber dass der Mensch an dem aktuellen Klimawandel, zu dem der Mensch aber nichts (oder nicht viel) beitragen kann. Dann führt er weiter aus, dass Deutschland nur an 2 % des CO2 Ausstoßes schuld ist und deshalb auch nicht viel ändern kann. Auch die Idee, dass wir Vorbild sein sollten negiert er. Er tut Klimaschutzpolitik ab, negiert das alles, denn „da ist viel Lobbyismus unterwegs“ und diese Akteure in dem Bereich räumen ihm die Zweifel nicht aus, somit sind sie überflüssig. Als Fazit kann man ihn zitieren und sagen: „Ich (Gauland) glaube nicht, dass es gegen den Klimawandel irgendwas gibt, was wir Menschen machen können“.

Das ist starker Tobak. Da sitzt in unserem Bundestag (da sitzen zig Mitglieder der AFD in Deutschland), die wirklich hinstehen und behaupten, dass wir nichts gegen den Klimawandel tun können, dass wir ja nicht mal wirklich schuld sind am Klimawandel. ich bin nachhaltig geschockt. Ich habe schon den einen oder anderen Klimawandel-Leugner erlebt – aber ich habe immer irgendwie gedacht, dass ein Mensch, der ein bisschen logisch denkt, das nicht mittragen kann. Aber ich irre mich, es zeigt sich an Alexander Gauland und seine Partei, es zeigt sich am aktuellen US-Präsidenten und vielen anderen. Wobei die Frage erlaubt sein muss, ob die logisch denken können bzw. mit Vernunft oder so …

Aktuell ist in deutscher Sprache ein Buch erschienen, das zuvor in englischer Sprache zum Thema erschienen ist; „The Madhouse Effect“. Geschrieben wurde es von einem Klimaforscher, Michael E. Mann und einem Karikaturist, Tom Toles. Dieses Buch beschäftigt sich eben mit den Klimawandel-Leugner und zeigt genau die Thesen und Reaktionen dieser Bewegung auf. Mann strukturiert die Aussagen der Bewegung in sechs Stufen, von denen einige ungemein mit dem, was Gauland so daher-brabbelt im Interview, übereinstimmt, bzw. die es dem Lesenden ermöglichen das was Gauland sagt einzuordnen.

Wer vor dem Kauf des Buches sich dazu weiter informieren will findet eine ausführliche Rezension und Hinweise auf weitere Internetseiten etc hier: https://bit.ly/2w99Ju3

Wir befinden uns in einem ungemein heißen Sommer. Die Geschichte erzählt uns von vielen heißen Sommern, von Hitzeperioden und von Hungerperioden. Im Gegenzug zur Hitze (zum Jahrhundertsommer von dem ich schon einige mitbekommen habe) gibt es immer öfters Überschwemmungen (selbst in bis vor kurzem ganz unvorstellbaren Regionen) und Naturkatastrophen. Das alles gab es schon immer, klar, aber in dieser Stärke und Häufigkeit? Dazu schmelzen die Polkappen, der Wasserspiegel steigt. Die Frage wird immer brennender: Was geschieht mit den vielen Inseln und Länder die auf höhe des Wasserspiegels, darunter oder nur wenige Meter darüber liegen? Mit den neuen grünen Flächen am Pol werden wir diese nicht kompensieren können. Es tut sich was auf unserer Welt und am stärksten werden es zuerst die armen Länder und Menschen spüren. Ein kleiner Seitenhieb: Aber das dürfte uns ja nicht stören, wir lassen Flüchtlinge ja nicht mehr rein und somit gilt: Solange Hamburg nicht untergeht ist das alles nicht unser Problem.

Auf unserer Erde tut sich was und zwar in einem solch rasenden Tempo, dass es wahrlich keiner mehr leugnen kann, dass wir daran (mit-)schuld sind. Die Frage wird bleiben, wie lange wir es uns noch erlauben so zu tun als wäre alles halb so schlimm. In diesem Jahr haben wir am 01. August jenen Punkt erreicht an dem wir eigentlich über unsere Verhältnisse leben. Jedes Jahr ein bisschen früher ….

Als die Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus erschien, machten sich viele darüber lustig. Unter anderem mit solchen Sätzen: „Die Nicht-Nutzung von Plastiktüten ist nun ein Dogma“, oder „Plastiktüten sind nun Sünde“. Papst Franziskus wurde als der grüne Papst belächelt und die Enzyklika entschwand aus dem Gedächtnis. Im Gegensatz zum Versuch vieler Kommentatoren diese Enzyklika als singulärer Text darzustellen und somit als ein Text der, bzw. dessen Inhalt, dessen Forderungen und Gedanken zu vernachlässigen sei, steht dieser Text in einer entscheidenden Tradition des Christentum, die sich auf die Lehre bezieht, dass Gott der Schöpfer dieser Welt ist und uns, den Menschen die Verantwortung zum Erhalt dieser Welt übertragen hat. Es ist unsere Aufgabe, diese Welt zu erhalten und als einen Raum zu bewahren in dem Natur besteht, in dem Mensch und Tier leben kann. Umweltschutz ist ein Dienst am Leben – so schreibt Papst Benedikt XVI. (Botschaft zum katholischen Weltfriedenstag 1.1.2010) und bezieht sich damit auf die Gedanken des Hl. Papstes Johannes Paul II. der eine Humanökologie propagiert (Centisimus annus , 38). Der bald heilige Papst Paul VI. aber auch der Hl. Johannes XXIII. nehmen sich schon davor diesen Themen an und fordern von uns ein Umdenken, eine Übernahme von Verantwortung. Und damit zeigt sich: Die Forderungen des Papstes Franziskus sind Forderungen, die in einer lehramtlichen Tradition stehen. Somit haben sie doppelten Wert. Einmal aus der Logik und aus der Folge von wissenschaftlichen Erfahrungen und Forschung heraus und zum zweiten aus theologischen Aspekten heraus. Da es leider gerade unter traditionelleren Christen eine negative Haltung zum Umweltschutz gibt, die eben auch manchmal bis hin zur Klimawandel-Leugnung sich bewegt, sollte gerade diesen der zweite Aspekt wichtig sein. Wer Gehorsam in dogmatischen Punkten einfordert, der sollte dies bei allen Themen tun – und sich selbst auch dahingehend bewegen, denn christlich-katholischer Glaube ist kein Wunschprogramm oder Selbstbedienungsladen.

Die deutsche Buchkultur in Rom

IMG_2025

Den nachfolgenden Artikel habe ich im Jahr 2016 auf einer anderen Internetseite geschrieben und nun überarbeitet und neu eingestellt. Ich denke es wird ein Artikel sein, den ich immer wieder umschreibe. – Das Thema ist spannend und noch nicht zu Ende (17.07.2017).

Vor über 170 Jahren wurde an der Piazza di Spagna eine deutsche Buchhandlungen eröffnet. Schon lange ist diese Geschlossen, aber mit Ihr entstand eine Tradition die in den Gedanken noch aktuell ist. Die Buchhandlung damals war eine positive Folge der Liebe zu Italien vieler deutscher Akademiker und Italienreisenden. Nicht nur Goethe und Winkelmann eroberten im 19. Jahrhundert mit ihren Bildungsreisen Italien. Auch für viele andere Menschen, ganz besonders auch für Pilger wurde die Möglichkeit größer in die ewige Stadt, zum Papst zu reisen. Dies veränderte die deutsche Gemeinde in Rom. Dies veränderte die deutsche Kultur. Drei Buchhandlungen sind prägend für diese deutsche römische Welt. Spitzhöfer, Herder und Brettschneider

Seit Gutenberg vor über 500 Jahren den Buchdruck mit beweglichen Lettern in Europa einführte, mussten der Buchhandel und das Verlagswesen viele Veränderungen ertragen und annehmen. Meist überlebten nur diejenigen Häuser die schmerzhaften Veränderungen vornahmen. Die waren zwar nicht immer leicht für die Beteiligten, aber in der Rückschau erlaubt sich der Geschichtsschreiber doch stets, das höhere Ziel dazu aufzuzeigen. Und das ist im Buchhandel, der Erhalt einer Verkaufsstelle, die Sicherung des Angebots, je nach Nachfrage. Und der Erhalt einer Kulturbotschaft Deutschlands in den Hauptstätten der Welt.

Deutsche Bücher in Rom

Es war ein schöner Maientag des Jahres 1925, an dem ein frischvermähltes Paar auf Hochzeitsreise aus Freiburg im Breisgau in Rom eintraf. Das Paar sollte über ein Jahr in der ewigen Stadt bleiben und dort eine kleine neu eröffnete Buchhandlung leiten. Im Rückblick war das ein großes Ereignis. Was aber oft genug vergessen wird, ist die Tatsache, dass es sich hier nicht um eine Neueröffnung handelte, sondern um eine Wiedereröffnung. Das Ereignis der Eröffnung, an dem sogar die Bettlerinnung den neuen Inhabern einen Blumenstrauß überbrachte, war also der Versuch des Erhalts eine Tradition, die schon im Jahre 1845 begann. 1845, die deutsche Italienverliebtheit war auf einem ersten Höhepunkt angelangt, sah der junge Buchhändler Josef Spithöver die Chance und ergriff sie. Er eröffnete in nächster Nähe zur späteren ersten herderschen Buchhandlung, an der Piazza di Spagna 55-56 (später 84-85) seine deutsche Buchhandlung. Als Buchhändler, Verleger, Kunsthändler und Musikalienhändler wurde Spithöver vermögend. Nachdem er 1862 das Gebiet des ehemaligen Gartens des Sallust mit der darauf vorhandenen Villa Barbarini kaufte, hatte er ausgesorgt ohne es zu wissen. Durch die Reicheinigung 1870/71 und die daraus heraus bedingte Veränderung der Stadt stiegen die Grundstückspreise und der italienische Staat verabschiedete ein Gesetz, das alle antiken Fundstücke demjenigen gehören sollten, dem der Grund und Boden gehört auf dem sie gefunden wurde. So wurde Spithöver auch noch ein Händler für Kunstwerke der Antike. Leider gab es keine direkten Nachfolger des Buchhändlers welche die Buchhandlung führten (eine Nichte zwar), sodass das Buchgeschäft oft seinen Inhaber wechselte. Indirekt übernahm dann im Jahre 1925 Hermann Herder sen. den Buchverkauf auf der Piazza di Spagna und trat in die Tradition ein.

Spithöver war aber im 19. Jahrhundert nicht der einzige deutsche Buchhändler, wohl aber der Platzhirsch. Nicht vergessen werden darf in diesem Bezug dann auch die Buchhandlung des deutschen Verlages Pustet aus Regensburg, die sich im Borgo befand (erste Hälfte 20 Jhdt.).

Die Tradition der Buchhandlung Bretschneider

Kennen Sie die deutsche Buchhandlung in Rom? „Ja, natürlich, Herder kennt jeder“, so konnte man einst allenthalben in der ewigen Stadt hören. Aber es gibt (bzw. gab) eben nicht nur Herder in Rom. Seit 1907 gibt es eine Buchhandlung in Rom, die nun schon in der dritten Generation geführt und seit 1928 seine Türen im Stadtviertel Prati offenhält. Die L’Erma di Brettschneider ist eine Fachbuchhandlung und ein Fachverlag für Altertumswissenschaften, Archäologie und Kunstgeschichte. Brettschneider ist ein Treffpunkt – aber eben nicht für den klassischen deutschen Romreisenden, sondern für die ganze Welt, die sich mit den hauseigenen Fachthemen beschäftigt. Weltweit bekannt in ihren Fachbereichen verlegt der Verlag, der von Max Bretschneider gekauft, seit 1894 (1896?) schon Bücher produziert und seit 1870 als Buchhandlung Löscher einen guten Namen hatte, in erster Linie italienische Fach-Werke.

Aber ein Besuch ist die Buchhandlung allemal wert, auch für jene, die sich nicht aktiv für die präferierten Themen interessieren. Der Geist des Humanismus atmet dieses Haus, was nicht nur an der Hermesstatue liegt, die den Besucher seit 1927 im Eingangsbereich begrüßt. Brettscheider ist ein Teil des alten Roms, das nur als so spezielle Nische noch lebensfähig ist und hoffentlich noch lange bleibt.

Der Papst und die Deutschen

Josef Spithöver, der ein katholischer Sohn seiner Zeit war, lebte die Besonderheiten der katholischen Welt des 19. Jahrhunderts aus. Noch lange vor Leo XIII. und seiner Enzyklika Rerum novarum ließ er sich von den Ideen Bischof Kettelers anstecken und erkannte die Wichtigkeit der täglich gelebten Caritas. Aktives Handeln für Menschen die Hilfe brauchen, war sein Antrieb, auch in seiner alten Heimat caritativ zu Wirken mit der Errichtung einer Stiftung. Aber wie auch seine anderen deutschen Mitstreiter des 19. Jahrhundert ging es ihm um den ganzen Menschen. Lebenssicherung ist wichtig, dazu gehört doch nicht nur das tägliche Brot sondern auch die geistliche Nahrung. Diese geistliche Nahrung verteilte er großzügig – in Buchform aber auch in der Organisation von Pilgerreisen und Audienzen beim Papst, denn durch seine Nähe zu Pius IX. konnte er vielen deutschen Pilgern eine Audienz vermitteln. Die Verantwortung für die Mitchristen zeigte sich auch in seiner spirituellen Heimat, der Erzbruderschaft am Campo Santo. Dort ist der Buchhändler auch begraben.

Spithöver war Zeit seines Lebens Buchhändler, Verleger, Kunstsammler und vieles mehr. Brettschneider oder Herder, damals Benjamin Herder, waren Buchhändler und Verleger. Auch Benjamin Herder, zweiter Verleger des Verlages Herder sah sein Tun als Unternehmer in einem christlichen Lichte. So war sein caritatives Wirken ausgerichtet auf die Ausbildung und Bildung junger Menschen und im verlegerischen Bereich auf die Verbreitung gut katholischer Schriften. Da lag es nahe, das damalige Verlagsprofil zu weiten und im Jahr 1846 die erste päpstliche Schrift zu verlegen. Im Verlag Herder begann der Rombezug eben auch mit Pius IX., mit dessen Pontifikat ja auch eine neue Nähe zwischen Rom und Deutschland begann.

Mit den Jahren wuchs die Zahl der Publikationen und auch das Interesse daran. Benjamin Herder und seine Nachfolger weilten immer mehr in der ewigen Stadt und sie bekamen auch die Veränderungen auf dem Buchmarkt der Stadt mit, sicherlich auch im Bereich der eigenen Absatzzahlungen, wenn man die These aufstellt, dass die Buchhandlung Spithöver auch herdersche Produkte verkaufte. Was schlussendlich der letzte Tropfen im Fass der Entscheidungen war, dass die Familie die Lücke der fehlenden Buchhandlung Spithöver ausfüllen wollte ist nicht Allgemeingut. Überliefert ist eben die Tatsache, dass im Jahr 1925 die Buchhandlung und dann im selben Jahr auch mit dem ersten Buch, einer Nachauflage und Überarbeitung eines Buches von de Waal, die Produktion der Editrice Herder Roma startete.

Der Start gelang trotz all der Wirren, welche die goldenen 20iger Jahre so mit sich brachten. Der Kundenkreis und auch der Autorenkreis wurde für das Haus Herder größer und Internationaler, denn Herder war damals ein Unternehmen, das in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Mexico, Japan, England, und den USA Unternehmungen und Partner hatte. Globalisierung wird diese Situation erst in den späten 1990er Jahren genannt, aber die Situation gab es damals schon. Bei Herder war es damals somit möglich auf kurzem Wege Bücher aus allen Ecken der Welt zu bestellen und auch alle Ecken der Welt beliefern zu können.

Diese Zeit damals begründete auch den Ruhm des römischen Verlages. Herder Rom wuchs, auch trotz der durch die Nationalsozialisten eingeführten Devisengesetzte, die kurzzeitig dazu führten, dass der Betrieb 1936 eingestellt werden musste. Aber mit dem Jahr 1936 verbinden die Römer allein nur den Umzug der Buchhandlung an den Ort, der römische Geschichte schrieb, an die Piazza Montecitorio, direkt am Parlament. Hier gaben sich nun Politiker und Kuriale die Klinke in die Hand. Hier wurde sowohl der Staatssekretär Pacelli, wie auch – so sagt man – die königliche Familie bedient. Schwarzer und weißer Adel kam hier her und nach dem zweiten Weltkrieg auch so manch ein italienischer und bundesdeutscher Staatsmann. Herder hatte den Krieg trotz gefährlichen Situationen im Mutterhaus und trotz der Enteignungsphase deutscher Unternehmen und Immobilien gut überstanden und konnte nur wenige Monate nach Kriegsende den Betrieb wieder aufnehmen.

Die 50iger Jahre waren die Jahre des Aufstiegs, die Zeit des Konzils schuf Sicherheit, obwohl die Entscheidungen des Konzils nicht immer segensreich für den italienischen Herderverlag waren. Bisher war Herder weltweit bekannt für seine lateinischen Werke, aber nun? – Die Zeiten ändern sich nun mal. Aber der Verlag fand neue Produktionszweige und die Buchhandlung wuchs. Als Parlaments- und Universitätsbuchhandlung gab es viel zu tun. Fachbücher waren gefragt und die Antiquariats-Abteilung wuchs ebenfalls. Wenn es damals ein Buch nirgends mehr gab, so fand man es zumindest noch in der Libreria Herder. Die mit Kindheitserinnerungen verbrämten Geschichten berichten von großartigen Taten. Eines jedoch gilt als gesichert. Herder war eine deutsche Kulturbotschaft in den Jahren nach dem Krieg, eine Institution mit Schaufenstern „an denen sich junge Leser die Nase zerdrückten“ denn es gab hier all die schönen Sachen aus Deutschland. Bücher und ganz wichtig – den deutschen Adventskalender und viele andere schöne Advents- und Weihnachtssachen. Herder ist auch der Ort, an dem Generationen von Kindern ihre Schulbücher abholten. Diese Welt fand man auch noch in den Jahren des neuen Jahrtausends. Herder war ein Bollwerk gegen die Welt. Der Laden war die Bücherhöle, in die man eintauchen konnte und sich vergessen konnte. Aber das reichte nun einmal nicht mehr. Veränderte Situationen im römischen Verlag Herder, verändertes Kaufverhalten, Generationenwechsel, das Internet, Umsatzrückgänge bei den bis dahin sicheren Kunden, den Universitäten, aufgrund von radikalen Sparplänen und vieles mehr führte dazu, dass die Libreria Herder geschlossen wurde. Es ist verständlich, dass Schuldige gesucht werden. Aber hier mag schlussendlich der Satz angebracht sein: Es musste wohl so kommen, denn es brauchte ein Wandel, denn die Zeit für die alte Libreria war vorüber.

Deutsche Bücher im Ausland

Wenn der amtierende Papst Franziskus sich zu Wort meldet, dann blickt die ganze Welt auf die ewige Stadt. Mehrere Millionen an Pilger werden im Heiligen Jahr 2016 erwartet. Es ist ein wiederkehrendes Ereignis, das die deutschen Buchhandlungen in Rom schon öfters erlebt haben. Schon sehr oft, denn in Rom gab es nicht erst im 19 Jhdt. deutschsprachige Buchhandlungen, sondern eventuell auch ein traditionelles deutschsprachiges Druckgewerbe. Die (wahrscheinlich) erste Druckerei auf italienischem Boden wurde von einem Deutschen eröffnet. Zusammen mit dem Prager Drucker Arnold Pannartz eröffnete Konrad Schweinheim aus Frankfurt im Jahr 1467 diese damals hochmoderne und innovative Unternehmung. Das Druckgewerbe war und ist wohl somit auch eine deutsche Tradition in der ewigen Stadt und somit auch die Verbindung zwischen Druck und Verkündigung. Für die Drucker aber eben auch für die oben beschriebenen Buchhandlungen waren die heiligen Jahre erfolgreiche Veranstaltungen. All die Spithöver, Herders und Co. waren gerade im 19. und 20 Jhdt. eine beliebte Anlaufstelle für die passende Literatur und weitere Druckwerke.

Noch immer gibt es in Rom eine deutschsprachige Gemeinde. Und noch immer gibt es deutsche Buchhandlungen, leider nun eben nicht mehr so aktiv: L’Erma Brettschneider ist noch immer im Prati zu finden und direkt am Petersplatz gibt es eine kleine Verkaufsfläche des Verlages Herder. Leider gibt es dort nach zwei Versuchsjahren nur noch die Bücher des Verlages und keine ergänzende Literatur.

Buch als Kulturgut

Im Jahr 2015 gab es in Deutschland eine große Diskussion um die Bestimmungen zur Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Eine Diskussion und ein Gesetz, das notwendig war. Doch was ist denn dieses Kulturgut? Wenn die Geschichte der deutschen Buchhandlungen im Ausland, am Beispiel Roms, oder Paris und an vielen andere Orte der Welt, in den Blick genommen wird, dann ist das eine Geschichte die für Deutschland wichtig und entscheidend war und ist. Es geht nämlich um die Ausfuhr von deutschem Kulturgut. Deutsche Literatur, das in deutscher Sprache gedruckte Wort der Wissenschaft, der Poesie und Prosa, ist ein entscheidendes Kulturgut, das ausgeführt werden muss, denn es zeigt ein Bild Deutschlands in der Welt, das keine deutsche Diplomatie und Politik leisten kann. Das war in früheren Zeiten so, das ist noch heute so. Somit überrascht es noch immer, dass es für die deutschen Buchhandlungen im Ausland keine finanziellen Unterstützungen gibt. Reden wir doch mal über dieses Kulturgut und den Schutz darum, bzw. eher die Förderung dafür.

Sowohl in Rom wie auch in Paris gab es wieder den Versuch eine Buchhandlung zu etablieren. Beides – so traurig es ist – scheiterte. Woran? Am Geld, klar, das ist die einfachste Aussage. Ich denke, dass es scheiterte und weiterhin scheitern wird, weil der Bezug zum Thema Kultur sich gewandelt hat. Das Buch ist ein Gebrauchsgegenstand und hat den Habitus des Besonderen verloren. Das ist grundsätzlich O.K., denn jeder sollte Bücher lesen, nicht nur Wissenschaftler und Menschen mit einem großen Geldbeutel, wenn damit nicht die Tatsache einhergehen würde, dass auch von anderen Seiten her das Verhältnis zum Buch sich verändern würde. Zum Buch und zu der Form wie ein Buch und damit Wissen erworben wird, bzw. wie der eigene Horizont geweitet wird. Das ist eine Erfahrung die ebenfalls nicht neu ist und auch nicht in eine Kulturkritik abflachen soll. Vielmehr bietet diese Situation die Möglichkeit ganz neu und ganz offen darauf zu reagieren. Wenn wir heute in Deutschland über Werte und Normen sprechen, über die Frage, was denn ein „Deutscher“ kenne und können muss und was dieser „Deutsche“ dann von Zuwanderern erwarten darf, dann ist es der Moment in der Gesellschaft, Institutionen, kulturelle Einrichtungen, Autoren etc. mit ihrer Persönlichkeit, mit ihrem persönlichen Denken und Erfahren Vorbild sein können und zeigen können, was deutsche Kultur ist.

Kulturvermittlung braucht primär kein Gesetz oder staatliche Initiative. Es braucht Lust und Freude der Menschen aus allen Gruppen und Ebenen der Gesellschaft. Und es braucht die Bereitschaft damit auch ehrlich umzugehen, mit allen Konsequenzen. Das ist eine Diskussion für die Heimat, die dann auch Einfluss nehmen sollte auf unser Leben in Deutschland und überall. Im 20. Jahrhundert wurde Deutschland von einer Kulturnation, zur Täternation hin zur Friedensnation. Wie wäre es denn, wenn wir als Friedensnation jetzt auch wieder zur Kulturnation werden würden, die Möglichkeiten sind da …

Schwanengesang

In Rom ist also was deutschsprachige Buchhandlungen angeht nicht mehr viel los. In Barcelona findet sich eine privat geführte Buchhandlung und auf Mallorca eine. In Kappstadt gibt es die Buchhandlung Naumann, in Athen, Tel Aviv, und selbst ganz nach den Worten Papst Franziskus „am anderen Ende der Welt“ findet sich deutschsprachige Buchhandlung(en). In Lateinamerika sind deutsche Bücher zu erstehen. Aber all das nur, weil Unternehmen, einzelne Persönlichkeiten sich auf dieses Risiko einlassen. Mögen sie zumindest von den deutschsprachigen Institutionen und den deutschsprachigen Einwohnern dort unterstützt werden. Aber solange der Staat nicht hilft könnte man auch den Grundsatz der Subsidiarität bemühen: Bei den Zahlen von Deutschen in Rom und Paris würde es schon reichen, wenn jeder deutschsprachige Bewohner dieser Städte, pro Jahr, zwei Bücher in den deutschen Buchhandlungen kaufen würde. Also Auslandsdeutsche übernehmt Verantwortung für eure Buchhandlungen auf dieser Welt – kauft die Bücher dort.

Bis dahin bleibt uns nichts anderes übrig als die Bücher in Deutschland zu kaufen und den traurigen wenigen Regalmetern in den verschiedenen Ländern vorbei zu schleichen.