Februar 1925 – Februar 2025

Wo stehen wir? Wie konnte das alles geschehen? Das sind die Fragen des heutigen Tages für mich. Noch kenne ich die Wahlergebnisse nicht und doch ist es leider klar: Mindestens jeder fünfte Wählende wird heute mit einem demokratischen Akt sich gegen die Demokratie stellen und die AfD wählen.

Vor 100 Jahren (am 27.02) wurde die NSDAP, nach Putsch und Teilverboten, neu gegründet. Am 28. Februar starb der ersten Reichspräsident Friedrich Ebert viel zu früh, was zu Neuwahlen führte. Gewählt wurde Paul von Hindenburg, schlussendlich ein Gegner der Republik als oberster Vertreter dessen was er ablehnte.

Wie immer in Geschichte gibt es keinen Prozess, der durch klare Daten mit einem Anfang versehen werden kann. Daher wird jeder andere Starttage nennen, aber angesichts der heutigen Wahl ist es eventuell opportun zwei Daten des Februars zu nehmen. Nur zwei Daten, die aber als zentrale Daten festgesetzt werden können. Die Ideen, die die erste deutsche Republik zerstörten, Personen und Prozesse, die zu einem Weltkrieg, zu einem millionenfachen Vernichten führten treten angesichts der zwei Ereignisse neu in den Mittelpunkt.

Wir haben (so dachte ich lange) an der Geschichte gelernt. Das zeigt sich heute als ein falscher Schluss von mir. Eventuell haben wir in den letzten 80 Jahren viel zu sehr auf die Folgen von Prozessen und uns zu sehr auf die Zeit ab 1939 konzentriert. Wir haben uns die greifbaren Belege von Hass, Gewalt und Vernichtung angeschaut, aber viel zu wenig auf die vielen kleinen Schritte hin betrachtet. Wir haben die Taten gesehen, aber vergessen, dass davor das Wort und das Denken steht.

Und heute, heute hören wir die Worte, ahnen das Denken jener, die die Geister der Vergangenheit wieder heraufbeschwören. Wenn wir diese Frauen und Männer der AfD anschauen, dann vergleichen wir sie mit den Nazis und heraus kommt viel zu oft: die sind nicht gleich. Aber der Schluss ist falsch, weil wir die heutigen Faschisten mit jenen Faschisten an der Macht vergleichen und nicht mit jenen, die in den 1920igern mit ihren Parolen und Narrationen, mit ihren Lügen und ihrem Hass nach und nach die Gesellschaft infiltrierten und zerstörten.

Ja, die Faschisten von heute sind nicht vergleichbar mit den Nazis von damals. Aber in diese Erkenntnis gehört ein: Noch nicht! Ihre Ideen, ihre Ziele sind die gleichen.

Wenn Historiker davon sprechen, dass sich Geschichte nicht wiederholt, sich aber reimt, so sagt das, dass Krisen nicht verschwinden, sich nur die Konstellationen verändern. Und das ist auch heute so.

1925 wie 2025 stehen wir vor grundlegenden Veränderungen. Unsere gesellschaftlichen Strukturen stehen vor einer Transformation. Sicherheiten die unser Leben (vermeintlich) prägten brechen sichtbar weg. Entscheidungen, die eventuell Angst bereiten, müssen getroffen werden. Damals wie heute steht die Aufgabe auf dem Plan unsere Gesellschaft offen zu gestalten, wir müssen der Kreativität Raum geben, Ideen ausprobieren, ein Scheitern einplanen und Verantwortung für ein neues Miteinander in einer sich verändernden Welt übernehmen.

Damals wie heute macht das Angst. Und diese Angst nutzen populistische Akteur:innen. Sie nutzen Unsicherheit und Angst, verstärken diese durch Lügen und Verdrehungen und motivieren die Menschen dazu ihre Entscheidungen durch Gefühle zu treffen. Populisten schaffen Szenarien und Sündenböcke die es nicht gibt, sie bieten damit Antworten, die keine sind und schaffen so eine Kultur in der Widerspruch, rationales Denken und Differenzierungen nicht gewünscht sind und bekämpft werden. Das zeigt sich am Überthema des Wahlkampfes. Seit Monaten wird uns erzählt, wir hätten ein Migrationsproblem und wenn wir das geregelt bekommen wird alles wieder gut. Jeder rational denkende Mensch weiß, dass dies eine Lüge ist.

Diese Wahl und der Wahlkampf im Januar 2025 ist nicht der Anfang von etwas. Vielmehr wird nun sichtbar, was wir – und damit meine ich uns alle – in den letzten 20-30 Jahren verschlafen haben. Wir haben jetzt, bei dieser Wahl aber auch in den nächsten Monaten, die Chance uns zu entscheiden. Wollen wir Konzepte des Rückschritts, der Abgrenzung und Zerstörung wie es die AfD will und manche sogenannte Konservative oder übernehmen wir Verantwortung, gestehen wir unsere Fehler ein und gestalten die Zukunft aktiv mit: Offen, kreativ, wertschätzend, menschlich und bereit zu Debatte, zum Scheitern und zum Neu beginnen.

Ich hoffe, dass wir viele sind, die die Zukunft wählen und nicht die Geister der Vergangenheit.