Kommentierte Ausgabe. Claassen Verlag, 120 Euro
Angesichts der nun vorliegenden Gesamtausgabe der Romane und Erzählungen von Marlen Haushofer (1920-1970) stellt sich mir die Frage: Wie konnte geschehen, dass ich diese Autorin erst jetzt lese, warum nicht schon vor zwanzig Jahren, als ich die deutsche Literatur lieben lernte? Marlen Haushofer ist eine viel zu unbekannte Größe der Literatur. Dabei ist sie eine ganz große Autorin. Es gibt nicht viele so radikale, subversive, klare, literarische Stimmen des 20. Jahrhunderts wie sie. Aber eventuell war und ist dies genau ihr „Problem“, denn keine:r, der/die ihre Texte liest, die so ungeschönt, ehrlich und präzise Schuld und Versagen, Ungerechtigkeiten und die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Strukturen beschreiben, kann diese beiseitelegen und so weiter leben wie bisher.
Marlen Haushofer zwingt zum Denken, zu Veränderung und Aufbruch. Das zeigt sich in ihrem wohl bekanntesten Roman Die Wand genauso wie in ihrem letzten Roman Die Mansarde. In beiden reduzieren sich Text und Handlung auf das Wesentliche. Auf das Ich, auf das Leben selbst, angesichts einer seelischen Einsamkeit, die zur sichtbaren Wand wird, die alles auslöscht, genauso wie angesichts gesellschaftlicher Einsamkeit, die die Frau sich zurückziehen lässt in den letzten ihr verbliebenen Schutzraum, die Mansarde.
Noch bin ich über die beiden genannten Romane und die ersten Erzählungen nicht hinausgekommen. Noch warten auf mich drei weitere Romane der Gesamtausgabe (und es fehlen die Kinderbücher), aber ich kann jetzt schon davon schwärmen und mich nur wiederholen: Nach dieser Lektüre hat sich mein Blick auf Literatur, auf das Leben geweitet. Marlen Haushofer bereichert und verändert die Wahrnehmung. Das ist gut so und notwendig. [BS]
Der Text ist zuerst im Wetzsteinbrief Mai 2024 erschienen.