Suhrkamp Verlag, 12 Euro
Vor wenigen Wochen erhielt Fleur Jaeggy den Gottfried-Keller-Preis für ihr literarisches Werk, auch als Aufforderung an uns, dass wir unbedingt ihre Texte zur Hand nehmen sollten. Die ersten drei erschienenen Bücher, beim Suhrkamp Verlag neu editiert, kann ich Ihnen alle zur Lektüre empfehlen: die beiden Erzählbände Ich bin der Bruder von XX und Die Angst vor dem Himmel, sowie ihre Novelle Die seligen Jahre der Züchtigung, auf die ich nachfolgend eingehe.
Wie in allen Texten von Fleur Jaeggy fällt zuallererst die haarscharfe Sprache, die Nüchternheit und Klarheit auf, in der sie das Leben der Mädchen im Internat erzählt. Im Mittelpunkt stehen die Ich-Erzählerin (oder X), Frédérique und Micheline, die sich im Internat begegnen und miteinander durch diese Zeit gehen. Es ist eine elitär-bürgerliche Welt, in der Gehorsam und die Einhaltung vorgegebener Rollen alles bestimmen, die jedes Leben, das nach Freiheit und Entwicklung strebt, zu brechen versucht.
Die Mädchen sehnen sich nach Nähe und Wärme in dieser kühlen und spröden Umgebung. Aber ungeübt in der Liebe werden sie von der Härte der Lehrerinnen gebrochen. Sie, die eine Sehnsucht nach dem Leben verspüren, fügen sich, driften ab oder entschwinden in den Wahnsinn.
Ja, die Welt die Jaeggy beschreibt, ist eine harte, kalte und emotionslose Welt – und doch sind ihre fast gemeißelten Worte voller Wärme gegenüber diesen Mädchen, voller Hoffnung, dass aus dieser Welt der Grautöne doch eine Welt wird, die aus der Düsternis heraustritt. [BS]
Zuerst im Wetzsteinbrief des Monats Juli erschienen.