Ministrantenwallfahrt 2018

Es passiert dann doch oft viel zu schnell. Da ist man in einem Trott, da hat man einzelne Erfahrungen gemacht und dann sieht man nur die Fehler und die Nachteile. So ging es mir bedingt auch bei der Ministrantenwallfahrt in der letzten Woche. Aus dem Abstand heraus zeigen sich die positiven Punkte und auch die Erfahrungen und Fragen, die sich für mich aus der Wallfahrt ergeben haben.

Das entscheidende ist , dass ich fasziniert bin von einzelnen wunderbaren Erfahrungen. Zuallererst einmal die absolute Zahl. Ja, Quantität ist nicht entscheidend, aber doch auch ein Statement. Ein Statement, dass eine Zukunft möglich ist, dass Kirche und kirchliches Leben in unserer Welt noch immer, auch für Jugendliche möglich erscheint.

Ein bisschen plump wurden in den Social Media einige angefragt: „Und habt ihr den Frieden gefunden?“ Dahinter steckte so manches Mal die unausgesprochene Anklage: „Es ändert sich doch eh nichts.“ Ist das so? Ich habe das anders erlebt: Am Dienstag vor, während und nach der Audienz, in der restlichen Woche, überall in der Stadt, immer dann, wenn Jugendliche – oft auch ein bisschen motiviert durch weitblickende, weltoffene Betreuer – in Kontakt traten mit Jugendlichen aus anderen Bistümern, aus anderen Ländern, ja auch schlussendlich aus anderen Kulturkreisen. Ich finde, dass Begegnung, die erfolgreichste Form von Friedenssicherung ist. Und Begegnung gab es hier ganz oft. Ja, ich denke, dass es möglich war hier dem Frieden nachzujagen.

In einigen Gesprächen davor und danach und auch während der Ministrantenwallfahrt war bei mir und Freunden von mir stehts die Frage nach dem spirituellen Aspekt der Wallfahrt. Da gab es leider von verschiedenen Seiten, von Seiten der Organisatoren, aber auch ganz besonders von Seiten der Betreuer Haltungen, die davon zeugen, dass spirituelle Aspekte eher verschämt angeboten werden oder zur Sicherheit noch mit irgendwelchen scheinbar modernen und coolen Aspekten übermäntelt werden – wir wollen ja die Jugendlichen nicht erschrecken oder abschrecken. Dabei lernte ich einiges neu. Einmal, dass wir uns von Konzepten der 1980iger und 1990iger Jahren verabschieden müssen und dass Jugendliche ernst genommen werden wollen und sich mit Desinteresse gegen Konzepte stellen, die veraltet, unehrlich oder eben unreflektiert sind. Jugendliche, gerade Ministranten, wissen wie Liturgie, wie Spiritualität sein kann, sie wissen um was es geht, und das fordern sie ein. Das zeigt sich dann auch, bei jenen Gruppen, die während der Romtage dann doch die 7-Kirchen-Wallfahrt gemacht haben oder im Programm tägliche Gebets/Liturgiezeiten eingeplant hatten. In diesem Kontext war ich fasziniert über die spontanen Rückmeldungen, die ich im Umfeld der Audienz von Jugendlichen erfuhr. Mein Fazit ist da: Die wollen mehr! Und sie wollen es von uns als Kirche, wir müssen es ihnen nur anbieten, nicht authentisch, sondern schlicht und ehrlich. Aber wie machen wir es? Wie können wir das? Sind wir so offen, dass wir auch über unsere eigenen Lebenskonzepte hinausgehen und – auch wenn so manches nicht „meins“ ist trotzdem mit Elan und Ehrlichkeit anbieten und umsetzten?

Einen Großteil der Zeit in Rom verbrachte ich an den Domitilla-Katakomben mit einem Team des ZfB. Es war mir eine Freude, dort mit anderen Studierenden und Berufenen ein Programm anzubieten. Anfangs war ich mir ehrlich gesagt nicht ganz so sicher, ob das alles zieht was wir hatten; ein Ratespiel und Gewinne, die dann doch sehr katholisch waren, aber ich wurde mit Erfahrungen beschenkt die einfach wunderbar waren. Im Alltagstrott der verfassten Kirche gelangt man ja in so ein jammern hinein, zu einer Untergangsmentalität. Aber da wurde ich eines Besseren belehrt. Natürlich sind die Jugendlichen nicht perfekt oder ideal, so wie wir es uns irgendwie erträumen, aber sollen sie das denn wirklich sein, so wie wir es uns wünschen? Sie sind begeisterungsfähig und sie gehen mit ihrem Glauben, mit der Bibel, mit der Liturgie entspannt um. Ganz viele zeigen sich wie ein Schwamm, der alles aufsaugen will, was nahrhaftes Wasser ist. Die meisten Ministranten die ich dort erlebt habe sind wählerisch, sie sind neugierig, offen und begeisterungsfähig – was wollen wir mehr? Eventuell, und das war oft genug der kleine Wermutstropfen, Betreuende (Eltern, Ehren- und Hauptamtliche) die ihren Jugendlichen etwas zutrauen und die selber so neugierig, so offen, so lebensbejahend sind. Die traurigen Erfahrungen habe ich im Kontakt mit Hauptamtlichen erlebt, was meine Erfahrungen der letzten Monate und Jahre bestätigt hat: Wir haben ein Ausbildungsproblem auf allen Ebenen!

Ein weiteres besonderes Erlebnis hatte ich am Mittwoch in der Magistralvilla der Malteser. Dort gab es eine Führung und ich hatte ein bisschen Angst davor. Die Rahmenbedingungen waren kritisch: Hitze, reine Führung und die in englischer Sprache. Aber ich wurde mit einer Gruppe beschenkt, die wunderbar dabei war: Von den Betreuern bis hin zum kleinsten Mini. Sie waren alle voll dabei und haben unsere Gesprächspartnerin und Begleiter mit Fragen gelöchert – einfach wunderbar. Und, was dann wieder alle Unkenrufe widersprochen hat: Alle wussten sich in diesem doch ganz besonderen Umfeld absolut zu benehmen. Ehrfurcht in der Kirche, Respekt vor dem Umfeld, das zeugten alle.

Papst Franziskus hatte recht mit seinem Buchtitel: „Die Kirche ist jung“. Das setzt voraus, dass wir die Jugendlichen ernst nehmen, mit ihren Themen und nicht mit Themen, von denen wir meinen, dass es ihre sind. Der Heilige Vater hat die Ministranten ernst genommen, der heilige Vater nimmt die Jugend ernst, so ernst, dass er ihnen zuruft: „Heute könnt ihr als Jugendliche Apostel sein, die andere zu Jesus bringen. Das geschieht, wenn ihr selbst voller Begeisterung für ihn, für Jesus, seid; wenn ihr ihm begegnet seid, ihn persönlich kennt und wenn ihr als erste von ihm »ergriffen« worden seid.“ Papst Franziskus traut den Jugendlichen, er vertraut ihnen, dass sie sich auf Christus ausrichten wollen und können. Tun wir das auch? Nein besser, tun wir das doch auch! Das ist mein Fazit aus der Ministrantenwallfahrt.

Kirche der Bürokratie?

Im Jahr 2016 erschienen die „Letzten Gespräche“, das vierte Interviewbuch mit Joseph Ratzinger/Vater Benedikt. Wir erlebten damals einen recht persönlichen Papst und ein leider sehr schlecht bearbeitetes Buch, das sich mit Fehlern und einem schlechten Lektorat präsentierte. Manch eine Aussage darin schlug Wellen. Leider oft nicht so, dass es zu einem Nachdenken kam. Die Worte Benedikts zum Thema Deutschland brachten starke Reaktionen. Er sagte damals u. a. „Das ist, glaube ich, die große Gefahr der Kirche in Deutschland, dass sie so viele bezahlte Mitarbeiter hat und dadurch ein Überhang an ungeistlicher Bürokratie“ (Benedikt XVI.; Letzte Gespräche S. 247) — Liegt er denn hier so falsch?

In der Weihnachtsansprache des Jahre 2014 präsentierte Papst Franziskus den versammelten Kurienleitern fünfzehn Krankheiten der Kurie. Damals formulierte er unter Punkt 4.: Zu viel planen: „Es ist nötig, gute Pläne zu machen. Aber verfallt nicht der Versuchung, die Freiheit des Heiligen Geistes einzuschließen oder zu dirigieren, denn er ist größer und großzügiger als jeder menschliche Plan„. In seinem neuesten Interviewbuch ging Papst Franziskus nochmal auf diese fünfzehn Krankheiten ein und diagnostizierte sie uns allen, bzw. warnte uns alle davor. Auch hier gibt es den Punkt vier, der sich aber wie folgt anhört: „Die vierte Krankheit ist die des Planungswahns und des Funktionalismus: Wer alles minutiös durchplant und glaubt, dass die Dinge nur dank seiner perfekten Planung Fortschritte machen, wird zu einem Buchhalter, einem Betriebswirt der Existenz. Die Freiheit des Heiligen Geistes lässt sich nämlich nicht in ein Programm einsperren. Der Heilige Geist bringt dir Frische, Phantasie, Neues – achte auf die Ähnlichkeit zum Begriff des Jungseins, von dem wir gesprochen haben.“ (Franziskus; Gott ist jung, Freiburg 2018. S. 42) – Haben wir das in Deutschland, im Land der Bürokratie, der Verbände und der Strukturpapiere verstanden????

An diese und viele andere Zitate muss ich in den letzten Tagen viel denken. In den letzten Tagen, weil ich immer wieder – aktuell sehr bewusst – Menschen innerhalb der Kirche erleben, die sich lieber auf Versicherungen und auf ihre Strukturpläne, Konzeptionen und Listen zurückziehen statt mutig nach vorne zu gehen. Ich erlebe an vielen Punkten eine abgesicherte Kirche. Eine Kirche, die sich so verschanzt hinter Regeln, Gesetzten und Normen, dass es schwer wird noch zu leben, noch eine Kirche zu sein in der es windet und in der der Staub aus den Ecken hinweggefegt wird.

Aktuell schlagen wir uns alle mit der Datenschutzrichtlinie rum. Nicht jene der EU sondern einer Richtlinie, die von kirchlicher Seite eingeführt wurde und die an vielen Stellen zu Unklarheit führt und Kommunikation und Medienarbeit zerstört oder zumindest behindert. Bistümer führen Mail-Systeme ein, die dazu führen, dass jeder, der nicht zwingend muss, jeden Kontakt vermeidet. Facebook, Instagram, Whatsapp und Co. werden nun wieder zu „bösen Buben“ negiert und so manch einer fordert den Ausstieg der Kirche aus den Social Media. Der Satz: „Technik rettet uns nicht“ und viele ähnlichen Sätze, die grundsätzlich stimmen, werden pauschal und unreflektiert verbreitet um Kirche im Bereich des Digitalen und der Kommunikation einzuschränken. Ein Zukunfts-Pessimismus bekommt hier Raum, der gefährlich wird. Dabei vergessen gerade jene, die die heutigen Formen der Kommunikation negieren, dass Kirche vom Wort lebt und Kirche der Raum einer „Ur-Kommunikation“ ist. Wenn es eine Institution gibt, die das von sich behaupten kann, dann hat das Christentum Kommunikation „erfunden“. Mit einem Gott der dialogisch ist, der logos wurde begann die Möglichkeit echter Kommunikation ganz neu. Die neuen Richtlinien aber und jene Menschen, die sich hier als die großen Retter aufspielen, sind eher die Gefahr für die Kirche. Wir brauchen Theologen (auch Kanoniker) die den heiligen Geist wehen lassen und nicht Juristen. Wir brauchen Abschied und Widerstand von einer juristisch eingeengten Welt hin zu einem Leben voller Freude, Überraschungen und Zumutungen.

Das ist aber nur ein Thema. Deutsche Brandschutzverordnungen zerstören manch ein Alltag, behindern Glaubenspraxis und die Nutzung von jahrhundertealten Räumen in den Kirchen. Gut gemeinte Arbeitsschutzverordnungen, finanzielle Regelungen lassen uns zu einem schlingernden Tanker auf dem Ozean werden. Wir haben Strukturpläne und Konzepte, die eher Visionen verhindern als dass sie Kirche wachsen lassen – das und vieles mehr können wir in der Kirche sehen.

Jetzt mal ein bisschen hart und zugespitzt: Ich kenne kein mutiges Papier jüngeren Datums in der deutschen Kirche, das wirklich den heiligen Geist walten lässt. Es sind meist verschrobene Worthülsen, die juristisch abgesichert ein Wohlgefühl schaffen wollen, aber spätestens beim dritten Mal lesen nichts als einen schalen Nachgeschmack hinterlassen. Nicht dass wir uns hier falsch verstehen. ich bin mir bewusst, dass wir Verwaltung brauchen und ich negiere dies auch nicht, ich will ein Nachdenken und ein Abschiednehmen von einem immer mehr Verwaltung. Ich will auch keine Revolution oder einen Umsturz in allen Lagen. Ich will eine Kirche, die sich der Fragen ihrer Zeit aus dem Glauben, aus dem Gebet und Gespräch mit und zu Jesus Christus stellt. Ehrlich, menschenfreundlich und christlich, der Offenbarung und der Tradition verbunden.

Ich liebe meine Kirche, ich bin katholischer Christ, der all die vielen schönen Traditionen liebt, der sich auch gerne geborgen fühlt in dem was wir von unseren Ahnen bekommen haben. Ich liebe es in einer Heimatgemeinde das kleine Gemeindeleben zu leben. Ich tanke in der Eucharistie Kraft und finde Ruhe in der Anbetung. Stundengebete, Wegkreuze, Heiligenfrömmigkeit – all das gehört zu meinem Leben – aber auch die Freude an der „Utopie“ der Botschaft Jesu Christi, an der Hoffnung auf eine bessere Welt, die wie uns Christus versprochen hat, schon hier beginnen kann. In all meiner Glaubensfreude werde ich traurig, wenn ich wieder mal eine Verordnung vorgelegt bekomme, wieder einmal sich jemand dank einer Liste absichert, oder sich hinter vermeintlich absoluten Regeln versteckt um seine Feigheit Entscheidungen zu treffen versteckt. Traurig und wütend werde ich, wenn Gebräuche und Sitten, Gewohnheiten oder geistiges Versagen und Kleinheit Grund dafür sind, dass wir nicht mutig vorwärts gehen und eine junge Kirche sind und werden.

Mit all unseren Fragen stehen wir an einem Punkt, wo die Fragen nicht neu sind. Sie sind abgedroschen, angestaubt und meist mit Antworten versehen, die wirklich nicht funktioniert haben. Wenn ich die Texte das II. Vatikanum lese, wenn ich das Papier „Unsere Hoffnung“ von Würzburg und viele andere Papiere, Reden, Enzykliken etc. in die Hand nehme, dann merke ich immer und immer wieder: Antworten sind da, wieso setzten wir sie nicht um? Wieso bleiben wir kleingläubig und verstecken uns hinter Versicherungen und unseren Ängsten? Wieso lassen wir uns nicht umgestalten zu einer Kirche Christi, in der die Offenbarung sichtbar wird, in der der Heilige Geist weht?

Franziskus: Gott ist jung! Unbedingt lesen

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Habt keine Angst“ – das ist wohl eine der entscheidenden Aussagen des kleinen Büchleins von Papst Franziskus, das in diesen Tagen in verschiedenen Sprachen erschienen ist (Deutsch im Verlag Herder). Wer die letzten Zeilen des Interviewbuches liest, dürfte da etwas in sich (nach-)klingen hören. Es sind irgendwie Worte, die manche schon kennen, die aber gerade deshalb nicht alt oder abgedroschen klingen, sondern so wie Gott voller Jugendlichkeit, sprich Vitalität, sind. Das was Papst Franziskus uns – und nicht nur den Jugendlichen alleine – zu sagen hat, das erinnert eben an jenen jungen mutmachenden Papst aus Polen. Wieder klingen dessen Worte, wie am Tag der Wahl des Papstes vor fünf Jahren, nach. Papst Franziskus hat, so lassen es die Worte erahnen, in der Sprache ein Vorbild. Das „Fürchtet euch nicht“ des jungen Papstes, in Polen, gegen die Mächtigen der damaligen Welt gesprochen, ließ Mauern zerbrechen. Dies dürfen wir auch diesen Worten, schlussendlich allen Worten Franziskus wünschen. Diesmal ruft er die mutmachenden Worte den Jugendlichen zu und – ganz dediziert – den Alten, die wir bitte nicht verwechseln dürfen mit den Erwachsenen. Zwar in vermeintlichen fest-gezurrten und pauschalen Begriffen redend, will der Papst eben zeigen, wie bunt, wie reichhaltig, wie ungreifbar und unangreifbar gerade die jungen Menschen sind.

„Die Zeit ist reif für eine echte kulturelle Revolution des Dialogs“ (S. 126). Dieser neue Dialog ist, nach Papst Franziskus, der Dialog zwischen den Träumen und den Erfahrungen der Alten und den Hoffnungen und Erwartungen der Jungen. Hier kann sich die Zukunft der Menschheit entwickeln, die jetzt gerade in eine falsche, unmenschliche Richtung abdriften, so der Papst. Der Interviewpartner des Papstes malt diese Welt noch radikaler aus, er negiert und präsentiert eine doch sehr pessimistische – ja fast schon verstockte – Haltung zur heutigen Kultur und es scheint im ersten Moment, dass der Papst hier einsteigt, gerade wenn er die Situationen der Jugendlichen, der Menschen die von einer Welt des „Konsums um des Konsums willen“ (S. 45) weggeworfen und vernichtet werden, benennt und auch drastisch betitelt. Aber der Heilige Vater ist Seelsorger. Er öffnet Räume und schafft neue Horizonte, denn sein in Gottes Liebe fußendes Vertrauen schenkt er den Jugendlichen – nicht ohne auch sie vor Verstockung und Gefahren zu warnen (S. 81/85).

Die Themen sind reichhaltig in diesem Buch. Von Internet, Drogen, Ökologie bis hin zur Freiheit des Menschen und zum Selbstmord, vieles wird angesprochen. Das mag einem zu viel vorkommen, der Papst zeigt aber, dass es hier immer nur um Auswüchse geht, vielmehr zeigt er an diesen Themen, was falsch läuft und wo das gemeinsame Grundübel verortet werden kann und dass alles zusammenhängt an dem einen: Jesus Christus.

Das neue Buch des Papstes ist ein kleines Buch, aber eines das Mut macht, das die Fehler und Schwächen unseres Lebens aufzeigt, uns warnt aber immer wieder sagt: Brecht auf, noch ist die Zeit!