Die Kirche denkt in Jahrhunderten

Das ist ein Satz, eine Aussage, die in manchen Kreisen gerne verwendet wird, um auszudrücken, dass nichts vorwärts geht in der Kirche.

Einmal abgesehen davon, dass es „die“ Kirche nie gab und gibt, denn sie ist keine irgendwie geartete Größe mir gegenüber, fasziniert mich die Überlegung, was der Satz denn aussagen würde, wenn wir ihn einmal als einen positiven Impuls nehmen würden.

Wie wäre es, wenn wir all unser Denken, und das sich anschließende Reden und Handeln genau in diesen Kontext stellen würden, in jenen der Jahrhunderte?

So manche indigenen Völker redeten davon, dass eine Tat nur gut ist/war, wenn sie zum Wohle der sieben nachfolgenden Generationen ist, oder zumindest nicht zum Nachteil dieser gereichte.

Und die Bibel mahnt doch an, dass alles Handeln in einem Kontext der Generationen zu stehen hat. Ob bei Ezechiel mit „Die Väter essen saure Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf?“ (Ez 18 ff. mit einer spannenden Diskussion dazu), oder bei dem sehr zu diskutierenden „Generationenvertrag“ in 1 Tim 5, oder bei der Erinnerung an die Folgen von Schuld oder Fehlern bis in die nächsten Generationen hinein (vgl. Ex 20,5b).

Daher würde es uns heute nicht guttun, dass wir tagtäglich den Balanceakt vollführen zwischen schnellen Reaktionen und reflektiertem Nachdenken? Seit Jahrzehnten erleben wir doch Tag für Tag, dass Handlungen, die allein auf ein enges und übersichtliches Zeitfenster ausgerichtet waren und sehr schnell dann auf die Füße fielen. Und trotzdem rufen wir bei allen Themen nach einem schnellen Wandel und wundern uns, dass es dann Probleme gibt, oder dass sich die Aktionen als Vordergründig herausstellen.  

Es geht nicht darum, sich gegen einen Wandel auszusprechen. Es geht nicht darum einem Stillstand und einem Vormarsch der Bedenkenträger und Ewiggestrigen Vorschub geleistet werden, sondern einer gewissen Entschleunigung allen Tuns. Es geht darum endlich nicht mehr den Entwicklungen nachzurennen, sondern selbst für Veränderung zu sorgen. Gerne unter dem gerade beliebten Wort „Nachhaltigkeit“.   

Bisher nutzen die Schlagworte Nachhaltigkeit, Entschleunigung, Innehalten, Reflexion, Werteerhalt, ganz oft und sehr laut, entweder die „Gestrigen“ in Politik, Gesellschaft oder Kirche rechtsgerichtete, konservatorische, evangelikale Gruppen oder ihre radikalen Gegenstücke auf der fälschlicherweise als „liberal“ bezeichneten „Seite“ des Spektrums. Damit werden diese Punkte in ein ungutes Licht gerückt. Das muss nicht sein, haben wir, gerade die christliche-katholische Tradition, da nicht ungemein viel zu bieten? 

Veränderung II.

Ja, wir müssen an vielen Stellen umdenken. In meinem beruflichen Umfeld werden gerade viele Veranstaltungen, Sitzungen und Konferenzen abgesagt. Das schafft zuerst mal eine richtig blöde Situation. Sitzungen und Konferenzen sind ja nicht zum Selbstzweck, sondern aufgrund von Prozessen, und die werden behindert, Vorgänge werden schwieriger, ja auch über den Haufen geworfen – ganz viel Probleme und neue Arbeiten kommen dazu.

Ich persönlich finde es ganz schlimm, dass durch die Maßnahmen sich auch die Beziehungen verändern und Kommunikationsebenen unterbrochen oder abgebrochen werden.

Aber weil jetzt so viele Fragen kommen, weil jetzt so viel sich verändert, stellt sich eine zentrale Frage, wie wir uns neu strukturieren müssen, dass eine solche Epidemie in Zukunft nicht wieder so unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben lahmlegt. Wie muss sich unsere Gesellschaft verändern, dass wir unabhängiger werden. Eventuell liegt gerade die Antwort in der Frage in einer scheinbaren neuen Abhängigkeit: Der Digitalität und der neuen Kommunikationsformen.

Das Paradoxe dürfte darin liegen, dass wir uns noch mehr mit dem beschäftigen müssen, was uns in neue Formen einfügt, aber uns daraus heraus eventuell eben auch mehr Möglichkeiten entstehen.

Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie wir eine geplante Tagung eventuell mit Technik doch noch teilweise stattfinden lassen können. Klar Telefonkonferenz, aber reicht das? Was kann man da noch machen, was kann man da noch nutzen, das einfach ist, das nicht mehr Probleme schafft als löst … gerade in einem Umfeld, das eben noch nicht daran gewöhnt ist. 

Gerade mit Telefonkonferenzen, mit Videokonferenzen eröffnen sich neue Räume, die etwas verändern, was gerade erst angefangen hat. Die Generation „Messenger“, die lieber textet als telefoniert, könnte sich hier nochmal verändern. 

Auch andere Aspekte sind positiv. Wenn wir erkennen, dass wir einige der vielen Sitzungen und damit Dienstreisen und Kosten und klimafeindliche Aspekte gar nicht brauchen, sondern ein gutes Telefonat, eine gut geplante und von der Infrastruktur machbare Videokonferenz, uns genauso weiterbringt, dann wäre das doch schon ein gutes Ergebnis. 

Oder wenn wir in den nächsten Wochen auf schnelle Reisen, Abendveranstaltungen, Einkaufbummel, Freizeitaktionen verzichten, dann könnte doch damit ein Raum entstehen, der die Frage zulässt: Was brauche ich davon eigentlich. Und wenn wir jetzt eventuell plötzlich mehr mit Familie, engere Freunde oder den Partnern verbringen und merken, dass das auch seine schönen Seiten hat – ist das eventuell der „Anfang einer (neuen) Freundschaft“?

Eventuell gibt’s da noch so ein paar Punkte, die sich nun ergeben und die uns dazu führen über manche Dinge in unserem Leben nachzudenken. In dem Fall nicht: „Ist das Kunst oder kann das weg“ sondern „Schafft das Leben oder kann das weg“?  

Aufbrechen, wagen …

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Aufbruch wagen, Veränderungen stehen an. Wandel. Gerade aktuell sehen wir in den Lesungen des Gottesdienstes in der Osterzeit, wie die Jünger sich hinter Mauern und geschlossenen Türen zurückziehen. Oder sie hauen ab. Sie hatten sich mit diesem Jesus nach vorne gewagt. Eventuelle Utopien schienen sogar möglich, aber dann, ja dann ging es bergab. So richtig sogar. Jesus starb am Kreuz und allen verließ der Mut, das Zutrauen. Die Sache Jesu ging zugrunde – fast, denn nochmal kam eine Wende. Jesus bezwang den Tod. Jesus ist leibhaftig auferstanden. Da gibt es nichts daran auszudiskutieren. Die die ihn gesehen haben, haben es bezeugt. Er war nicht ein Geist (Lk 24,39), er war leibhaftig. Die Jünger konnten ihn berühren, er aß mit ihnen. Und wie in Lukas 24,35-48 erschien er noch einige Male. Leibhaftig und mit klaren Worten, er lehrte, er erklärte und er forderte. Brecht auf, beginnt und bleibt nicht haften in ganz profanen Vorstellungen, sondern wagt das Besondere, das Utopische. Diesen Anfang mussten sie nicht alleine meistern. Sie wussten Jesus war bei ihnen, der Heilige Geist gab ihnen einen langen Atem und Verstand, um alles anzugehen. Sie wussten, dass das Gebet und das Leben und Handeln in der Botschaft mehr leistet, als alles Überzogenes werkeln. Es ist nun mal so, die junge Kirche wuchs nicht aufgrund eines Masterstrukturplanes oder Leitlinien oder irgendwelcher Dialogprozesse, sondern aufgrund der Mission, der Festigung des eigenen Glaubens und der Evangelisierung der Anderen.

 

Eine Bekannte aus der Region schickte mir einige Gedanken die sie sich zum Thema „wagen“ gemacht hat. Die finde ich gut, ich erlaube mir hier einen Ausschnitt darzustellen:

WAGEN würde ich so buchstabieren wie:

W = Wille zur Veränderung

A = Aufbruch zu neuen Möglichkeiten

G = Gemeinschaft pflegen, aufeinander zugehen

E = Eigenheiten bewahren

N = Notwendigkeit die SE einzurichten.

Sie dekliniert das Wort aus dem Blickwinkel des aktuellen Prozesses in einer Seelsorge- einheit. Als praktische und aktive Ehrenamtliche zeigt sie, was ihre Gedanken, ausgehend von ihrer Glaubenshaltung, dazu sind. Vornean stellt sie den Satz: „Persönliche, gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen beginnen mit der Einsicht in deren Notwendigkeit“.

Ich finde, dass diese Aussagen mutig sind. Ja, sie sind mutig, gerade heute. Sie verlangen, dass es eine wirkliche Veränderung gibt, dass es anders als bisher wird. Anders, aber eben miteinander anders. Miteinander – und so schätze ich sie ein – bedeutet aber mit allen, nicht nur mit den von uns als gut bezeichneten Christen weil sie in Gottesdienst gehen – immer mit dem Blick auf Jesus Christus.

Veränderung, wirklich gewollte Veränderung bedeutet dann die Masterpläne und alles was uns lieb und teuer geworden ist erstmal zur Seite zu räumen um zu beten, den Heiligen Geist wirken lassen, ihm und uns zuzumuten auf den Geist zu warten, damit wir in ihm handeln.

Meine Gedanken zu diesen Schlagworten die sie gewählt hat sind:

Wille = Ein Wille im Glauben denn wir beten: Vater, Dein Wille geschehe.

Aufbruch = Aufbrechen wie Abram und Sarah aus den scheinbaren Sicherheiten, wie Elimelech und Noomi, wie Josef in jener Nacht um nach Ägypten zu fliehen. Es gibt nur unseren Glauben, den es mitzunehmen gilt. Mehr braucht es nicht.

Gemeinschaft = Im Brotbrechen, im Gebet, im Glauben. Alle Freunde (Joh 15) Jesu sollen vereint sein, egal in welcher Nähe sie sich zu ihm befinden, egal welcher Gesellschaftsschicht, …

Eigenheiten = Selbst sein. Wir haben zwei Formen des Glaubensbekenntnisses: „Wir glauben …“ und „Ich glaube … “. Alleine geht Glaubensweitergabe, Glaubenserlernen nicht, es braucht das „wir“, die ekklesia, die Versammlung oder wie wir heute sagen, die Kirche, also das Volk Gottes. Ich kann aber auch nIMG_7624ur Glauben leben, wenn ICH mich kenne, wenn ICH mich vor Gott stelle. Ich, jeder einzelne von uns ist wichtig und auch jede einzelne Gemeinde. Paulus schreibt an verschiedene Gemeinden und fordert keine Vereinheitlichung der Glaubenspraxis, sondern der Haltung, des Glaubens selber.

Notwendig = Es ist notwendig im Gespräch zu sein, sich einigen. Paulus hat sich mit seinen Mitreisenden beraten, schon die Jünger erkannten, dass man miteinander reden muss, zusammenkommen muss um gemeinsam weiter zu gehen. Das zeigt auch das Apostelkonzil. Gemeinschaft, in den jeweiligen Größen bedeutet Notwendiges zu klären, Notwendiges, das aber nicht der Mittelpunkt, sondern eine Hilfe des Glaubens sein muss.