Ein Buch, das gerade richtig kommt – Authentizität

Seit Jahren zucke ich immer wieder zusammen, wenn ich höre, wenn ich lese, dass dieser und jene, dieses und jenes authentisch zu sein hat. Politikerinnen und Politiker, Priester, Freunde, Partnerinnen; sie MÜSSEN authentisch sein. Authentizität, das ist DAS Wort, der Wunsch, die „Sehnsucht der Gegenwart“ (vgl. besprochenes Buch). 

Und genau zu diesem Thema ist im Jahr 2020 das Buch Authentizität. Karriere einer Sehnsucht, von Erik Schilling erschienen. Darin will der Autor „ein Bewusstsein für den Vorgang der Authentizitätszuschreibung(…) schaffen“ und „einen prüfenden Blick auf verwandte Konzepte: Eindeutigkeit, Identität, Echtheit und Wahrheit“ (S. 15) werfen. Dies nimmt er ausgehend von fünf Thesen in Angriff (vgl. S. 10). Zu diesen fünf Thesen gehört auch die Definition von Authentizität, was er als „ausschließlich die Übereinstimmung einer Beobachtung mit einer Erwartung des Beobachters“ (S. 11) definiert. Dieser Aspekt wird auf den folgenden Seiten zentral bleiben, verwiesen mit der Erkenntnis, bzw. der Erinnerung daran, dass dies subjektiv ist.

In den sechs Abschnitten / Kapiteln des Buches betrachtet er die Karriere des Begriffs in verschiedenen Bereichen, bzw. in verschiedenen Umgebungen: In der Politik, Literatur und Kultur und im Blick auf das persönliche Beziehungsgeschehen der / des Menschen. Der Text endet dann in einem „Plädoyer für Pluralität“.

Das vorliegende Buch spricht zentrale Punkte an indem auf Erfahrungen und Sehnsüchte eingegangen wird, die wir alle kennen dürften und die sich hinter dem Modell der Authentizität verbergen. Dabei ordnet er diese Sehnsüchte in geistesgeschichtliche Prozesse genauso ein, wie in gesellschaftliche. Wenn der Autor so nach und nach seine Einordnungen und Thesen auffächert geht er sowohl zu Anfang (S. 28) wie auch in seinem Schlussplädoyer gleich auf mögliche Gegenreden ein. 

So sehr dies mir alles als richtig erscheint zeigt sich dann aber auch, dass die Diskussion dieses Buches bei einer geisteswissenschaftlichen Ebene stehen bleibt und eine Übersetzung in eine „Wirklichkeit“ nicht vorhanden ist, denn sein Plädoyer löst die Sehnsüchte rational auf, jedoch nicht emotional. Es handelt sich hier um ein Buch, das „Im Grundsatz (…) ein Plädoyer für eine aufgeklärte Hermeneutik“ abgeben will. Antworten die „Ausprägungen einer hermeneutisch-kulturwissenschaftlichen Methodik“ (S. 28) darstellen sind absolut notwendig, bleiben aber eben genau dort stehen, wo sie schon immer stehen geblieben sind. Die Übersetzung daraus überlässt dann die Gesellschaft wieder verschiedenen populistischen und/oder interessengeleitete Gruppen. Dies ist nicht das Problem des Buches, jedoch zeigt es dieses Problem auf.

In seinem Schlussplädoyer (S. 135) greift Erik Schilling die schon eingangs genannten drei Alternativkonzepte einer Pluralität wieder auf: Professionalität, Situativität und Ambiguität. Was dies bedeuten kann, abseits von eines Pippi-Langstrumpf-Vorwurfs (S. 28) wird nun ausführlich dargestellt. Dabei dürfte hier nochmal zentral der Satz sein, dass es gilt die „Menschen nicht danach zu beurteilen, was sie (vermeintlich oder tatsächlich) sind, sondern nach dem, was sie tun“ (S. 137). Dabei soll es, eben entgegen des Fokus auf Authentizität, nicht darum gehen, hinter jedem „Handeln ein Sein zu identifizieren und damit (sehr schnell zu urteilen, oft auch zu ver-urteilen“ (S. 137). Das erscheint ein schönes Ziel zu sein und mit Blick auf die Ausführungen über das Modell der Authentizität und den drei Alternativkonzepte, auch ein Ansatz, der weiterverfolgt werden könnte. Damit löst sich auch mein Unbehagen auf, wenn immer wieder, gerade auch in kirchlichen Kreisen, die Forderung nach Authentizität laut wird. Ja, ich stelle mir nun ganz direkt die Frage ob authentische Menschen überhaupt angestrebt werden sollten, in der Kirche. 

Dazu habe ich für mich, dank des Buches eine Antwort gefunden, der ich weiter nachgehen kann und werde. Die mir auch einen Leitfaden gibt, an mir selbst, an meinem Glauben, an meiner Haltung weiter zu arbeiten. Aber wie schon weiter oben erwähnt, fehlt hier eine praktische Anleitung. Die muss dann an anderer Stelle gesucht werden, oder eben auch wieder nicht, denn sie gibt es eventuell ja auch in der Frohen Botschaft Christi. Wenn Schilling also von Professionalität, Situativität und Ambiguität spricht könnte das bedeuten, dass dies allein eine weitere Übersetzung dessen ist, was Jesus an Lebenskonzept vorgestellt hat und Menschen wie Paulus, Petrus, Mutter Theresa, Edith Stein, etc. gelebt haben. 

Sehr reizvoll erscheint mir der Blick darauf, dass die drei Konzepte eine Beziehungsebene unter den Menschen erschaffen, die nicht auf ein Urteilen heraus läuft. Was mich dazu bringt sofort Bilder der aktuellen Lage in der Gesellschaft und der Kirche zu sehen. Wie würde sich der Umgang mit einzelnen Themen verändern, wenn die verschiedenen Lagerbildungen diese drei Konzepte präferieren würden?       

Ich bin dankbar, dass mir eine Freundin dieses Buch empfohlen hat und möchte dieses Buch jedem zur Reflexion und Diskussion empfehlen. Es bereitet viel Freude beim Lesen und für alle, die es zulassen, gute weitere Überlegungen.

Schilling, Erik; Authentizität. Karriere einer Sehnsucht. München 2020. 

Karfreitag

Wie überwinden wir das Böse? Indem wir es vergeben ohne Ende. Wie geschieht das? Indem wir den Feind sehen als den, der er in Wahrheit ist, als den, für den Christus starb, den Christus liebt.

Bonhoeffer, Dietrich; Illegale Theologenausbildung: Sammelvikariate 1937-1940, DBW Band 15, Seite 469f.

Selig die nicht sehen …

Selig die, die nicht sehen und doch glauben! Das ist ein zentraler Satz für den heutigen Tag. Als er gesprochen wurde, in jenen Tagen nach der Auferstehung, lebten Menschen, die den Messias leibhaftig gesehen haben. Es sind Menschen, die vor und nach der Kreuzigung mit ihm leben. Darunter Thomas, der nicht nur sehen, sondern den Herrn anfassen musste. Er musste ihn und die Botschaft be- und ergreifen. Er gehört zu den ganz vielen, die eben gesehen haben, die gehört und gesehen haben und geglaubt haben.

Uns bleibt nichts anderes als zu Glauben ohne zu sehen. Nur wirklich sehr wenigen kommt die große Ehre zuteil, den Herrn zu sehen so lange sie leben. Ein paar wenige Heilige (Was ich persönlich ganz angenehm finde, dass es so ist). Anderseits: Wie sehr würde manches sich erleichtern, wenn wir auch anfassen können, wenn wir Jesus leibhaftig ergreifen können. Manchmal, das muss ich gestehen, wünschte ich mir den kindlichen Wunsch, dass es für mich auch ein Kreuz gibt, das spricht, wie bei Don Camillo – aber wie gesagt, es ist auch gut so, dass das nicht eintrifft.

Im Münster von Freiburg stehen sich die Figuren von Jesus und Thomas gegenüber. Es erscheint so, wie wenn sie über den Altar hinweggehend auf einander zu gehen könnten. Jesus und Thomas, Wahrheit und Zweifel begegnen sich, am Altar.

Wenn ich im Münster ministriere, dann sitze ich manchmal so, dass ich bis zur Eucharistie den Thomas ansehen kann. Nach der Kommunion sitze ich so, dass ich Jesus im Blick habe. Und es erinnert mich, dass das ganze Christenleben ein sich hinbewegen zu Jesu ist. Geprägt von Zweifel und von den Momenten, der Gewissheit. Das Wort Gottes hören wir, wir nehmen es an, wir versuchen es zu verstehen, wir zweifeln und sind unsicher. Dafür schenkt uns Gott seine Gegenwart im Leib und Blut. Die Eucharistie ist ein Ort an dem Zweifel aufgehoben werden, denn hier ist absolut Erinnerung, ein Aha-Moment, des Lebens für das Leben. Aber schon danach bleibt nichts als Glaube, ein Glaube, der von Prämissen ausgeht, die schlussendlich nach menschlichen empirischen Ansätzen nicht belegbar sind. Es bleibt als Gewissheit allein die Grundhaltung, die Offenheit, die Beziehung zu den Erfahrungen, nicht allein von mir, sondern von allen vor mir. Und es bleibt, der so schwere Satz: Selig, die nicht sehen und doch glauben!