Überlegungen zur Corona-Osterliturgie

Vor wenigen Tagen wurde von der „Gottesdienstkongregation“ einige Impulse und Anordnungen für die Feier der Karwoche und des Triduum herausgegeben. Dabei wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Situation „die Bischöfe und Presbyter die Riten der Karwoche ohne Beteiligung der Menschen, an einem geeigneten Ort alleine feiern“ (eigene Übersetzung von: Vescovi e i Presbiteri celebrino i riti della Settimana Santa senza concorso di popolo e in luogo adatto).

Weiter heisst es, dass: Die Gläubigen über den Beginn der Feierlichkeiten ( in den jeweiligen Kirchen) informiert werden müssen, damit sie in ihren Häusern gemeinsam beten können. Hilfreich können hierzu auch Livestreams oder TV-Übertragungen sein. Es ist in jedem Fall wichtig, ausreichend Zeit für das Gebet aufzuwenden, insbesondere durch die Feier der Tagzeitenliturgie. (Übersetz nach: „I fedeli siano avvisati dell’ora d’inizio delle celebrazioni in modo che possano unirsi in preghiera nelle proprie abitazioni. Potranno essere di aiuto i mezzi di comunicazione telematica in diretta, non registrata. In ogni caso rimane importante dedicare un congruo tempo alla preghiera, valorizzando soprattutto la Liturgia Horarum.„)

Nun ist das mit diesen Livestreams schon ein bisschen gespenstisch. Trotzdem bietet diese Art der Teilnahme in einer Form des „Schauens“ eine Bezugsgröße. Wenn dabei die Möglichkeit besteht über andere digitale Kommunikationsformen am Geschehen teilnehmen zu können, dann ist das eine schöne Erweiterung. Die allenthalben gerade vermisste „Beteiligung der Laien“ wäre nach der Krise ein guter Ansatzpunkt zur Diskussion, was denn unter „vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern“ (SC 14) gemeint ist. Im Moment habe ich gar das Gefühl, dass unter tätige Teilnahme ein: „Alle müssen beschäftigt sein!“, verstanden wird. Ich bin mir nicht sicher ob SC davon spricht, dass etwas aktiv getan werden muss, sondern, dass es Beteiligung gibt. Da dieser Punkt so entscheidend verbunden ist mit der „Liturgischen Bildung“ und damit zur Theologie Romano Guardini, wäre es gut, wenn wir hier nochmal uns ausführlich damit beschäftigen – nach Corona!

Aber was nun tun, während Corona. Ich kann mich nicht damit zufrieden geben, dass ich von Gründonnerstag bis Ostersonntag vor einem Bildschirm sitze und die Liturgie an mir vorüber ziehen lasse. Und mehr ist es nicht, denn in der Kürze der Zeit werden es die Verantwortlichen nicht schaffen, die Choreographie der Liturgie so zu prägen und rüberzubringen, dass hier „mehr“ geschieht – ein gelungenes Beispiel wäre das Sonder-Urbi-et-Orbi von Papst Franziskus.

Somit braucht es mehr, als „nur“ die digitale Teilnahme an der Eucharistie.

Der erste Ansatz gibt uns das Dekret der Kongregation: Die Tagzeitenliturgie. Die Gebetstradition, die bei Laien wie Priestern, vielerorts eingeschlafen ist, bietet einen großen Schatz. Wäre es nicht jetzt eine große Chance, die die Verantwortlichen für Liturgie in den Bistümern nützen könnten, um gerade anhand dieser Gebetsform den Gemeinden und dem ganzen Volk Gottes hier Materialien zur Hand zu geben, die in ganz eigener Form von dem Ereignis berichten und in das Ereignis hineinbegleiten?

In den Klöstern gehört zur Liturgie, gerade an Hochfesten, auch die gemeinsame Mahlzeit. In den Gemeinden gab es immer wieder mal die Versuche, zu einzelnen Terminen auch eine Tradition des „Tischwechsels“ einzuführen. Vom Tisch des Brotes/Weines und dem Tisch des Wortes hin zum Tisch der Sättigung. Wenn dies gelungen wäre, dann wäre das eine gute Grundlage für Pastoral 2030, denn solch eine Tradition würde zeigen, dass der Pfarrer, nur in der Eucharistie „Imago Christi“ ist und dass er eben ein Teil der Gläubigen ist. Dies Tradition haben wir aber so nicht, es ist jetzt aber die Möglichkeit damit zu beginnen! Ausgehend von der Familie.

Dabei könnten wir auf eine unserer (liturgischen) Wurzeln des Judentum blicken. In der Tradition des Pessachs (die Pessach Haggada wäre da Impulsgeberin) könnte es in den Familien einen kleinen Leitfaden des gemeinsamen Feiern geben. Dabei gilt es natürlich darauf zu achten, dass hier kein „Nachfeiern“ von Pessach (und auch nicht der Eucharistie) stattfindet. Aber sowohl am Gründonnerstag, wie auch in der Osternacht könnten hier zentrale Impulse gesetzt werden. Ausgehend von einem Dreischritt des Lobpreis – Dank – Bitte, könnte den Familien, Texte, Gebete und bekannte Lieder zur Hand gegeben werden, damit das gemeinsame Abendessen eben nicht nur eingenommen wird, sondern „zelebriert“ wird. Damit wird nicht nur das Ereignis nochmal zentral gewürdigt sondern auch Räume für neue Erfahrungen eröffnet oder für Erinnerungen, an andere gemeinsame Zeiten der Freude.

Das Feiern der heiligen Zeit würde so nochmal einen wirklichen Lebensbezug bekommen. Eucharistie (diesmal allein schauend) und Communio in Freude und Genuss.

Zusatz: Wie aber Karfreitag?

Dass der Karfreitag keine fremde, dem Alltag enthobene Liturgie ist, das zeigt eigentlich schon das Messbuch. Gerade der Karfreitag müsste ausserhalb von Corona jener Tag sein, der in seiner Tiefe mit einer Auseinandersetzung von Tod und Leben, in jeder Kirche einer Seelsorgeeinheit gefeiert wird. Und gerade deshalb ist es der Tag der den Alltag der Familie, jeder Person gerade im Blick auf Corona prägen kann und soll. Hier auch wieder die Tagzeitenliturgie als Ausgangspunkt, bieten die Texte der Karfreitagsliturgie viele Impulse zu einer Zeit der Stille und/oder des gemeinsamen Gebetes und Gesprächs. Die Passion zu lesen, oder in einer musikalischen Form zu Hause im Wohnzimmer zu hören, sich darüber auszutauschen, danach zentral die großen Fürbitten gemeinsam zu beten, sich bewusst zu werden, dass das nicht nur lange Texte sind, sondern unsere Verbundenheit untereinander, nicht nur im kleinen Kreis sondern Weltweit, ausdrücken, das sind Ansätze, die diesen Tag prägen. Darüber hinaus bietet dieser Tag, mehr denn je (eventuell mit dem Impuls von Papst Franziskus vom 27.03.2020) sich, im Angesicht des Sterbens Jesu, mit dem eigenen Leben, mit dem Tod, mit der Erinnerung an die Verstorbenen auseinanderzusetzen. So könnte dieser Tag, geprägt von Gebet, gemeinsamer Zeit, gemeinsamer Mahlzeit, zu einem echten Familientag werden.

  • Der Karfreitag könnte aber, gerade auch für die Technikfreunde, ein Gottesdienst sein, der interaktiv gefeiert wird.
  • Soweit ich weiß, gibt es kein Verbot des Kommunionempfangs. Welche Formen der Kommunionausteilung wären denn möglich? Wie wäre es, wenn wir hier ein bisschen kreativ wären?

Der Vorstehersitz

In der Herder Korrespondenz vom Mai 2019 weist Benedikt Kranemann auf einige Punkte in der Liturgie hin, die angesichts der Missbrauchsfälle, der Frage nach einem Klerikalismus, neu in den Blick genommen werden sollten. Dabei geht er auch auf den Vorstehersitz (S. 16) ein und greift ein Punkt auf, den ich schon lange, gerade im Kreis von Freunden, hinterfrage.

Immer wieder treffen wir in Kirchen auf Vorstehersitze, die bis hin zu kleinen Thronen herausgeputzt werden. Viele Sitzanordnungen für den Vorsteher sind so, dass sie der restlichen Gottesdienstgemeinde gegenübersitzen. Aber warum? Dieses Gegenüber und oft genug, durch den Chorraum, die Erhöhung schafft Trennungen und bietet Raum für Botschaften, die doch nicht gewollt sind, oder? Welche Ziele werden mit diesen Vorstehersitzen verfolgt und in wieweit ist dieses recht neue Möbelstück im Kirchenraum förderlich für die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils in der „die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen“ ja gefördert und „institutionalisiert“ werden und damit der Aspekt des gemeinsam pilgernden Volk Gottes und dem allgemeinen Priestertums hervorgehoben werden sollte.

Immer wieder wird betont, dass die Positionierung des Vorstehersitzes und der anderen Sitzgelegenheiten im Kirchenraum zeigen sollen, dass man sich um den Altar herumgruppiert. Angesichts des Kirchenraumes war mir das aber nur sehr selten ganz schlüssig und ich stellte und stelle mir die Frage, ob die meisten der heutigen Raumkonzepte wirklich eine Entwicklung im Blick haben oder in erster Linie eine Abwendung zementieren wollen/wollten. Sind Vorstehersitz und Anordnung von Kirchenbänken wirklich eine Antwort auf die neu beachteten theologischen Ansätze oder nur ein „nein“ zum Hochaltar und manch einer da hineininterpretierte Theologie bzw. ein nein gegen Auswüchse der „alten“ Liturgie?

Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich bin keiner, der die ordentliche Form abschaffen will. Vielmehr stelle ich mir die Frage ob es nicht in der letzten Liturgieform Aspekte gibt, die eben eher nur aus einem „nein“ heraus entstanden sind.

Ich persönlich plädiere dafür, dass der Vorstehersitz neu ausgerichtet wird. Unter zwei Aspekten: Auf Christus hin und nicht dem Volk entgegen oder gegenüber. Da ich voraussetze, dass bisher das Volk auf ein Kreuz, auf den Tabernakel sich hin ausgerichtet hat, wäre es für mich somit logisch, dass der Priestersitz aus dem klassischen Konzept des Chorraums (wieder) herausgenommen wird und er sich einfügt, als Vorsitz, in das bisher dem Volk zugeordneten Konzept Daher: Stellen wir doch passende Stühle/Sitzgelegenheiten z. B. in einen Mittelgang, dort hin wo die erste Reihe der Kirchenbänke beginnt o. ä.. Dabei ist es zweckmäßig, dass der Vorsteher nicht einfach in die erste Reihe der Bänke sich setzt. Er/Sie braucht Bewegungsfreiheit und hat den Vorsitz innerhalb der Gemeinschaft, das soll schon sichtbar sein.

Mit dieser Veränderung würde der Aspekt der Prozession, der Bewegung, wie Guardini sie hervorhebt, wieder sichtbarer werden. Darüber hinaus würde sich klarer zeigen, wo und wie der Vorsteher eben seine Vorsteherrolle ausfüllt und wo er Christ unter Christen ist. Eine gemeinsame Gebetsrichtung wird hier sichtbar und ein bisher oft ungutes „Gegenüber“ verhindert. Die Einheit des Volkes kann so stärker herausgearbeitet werden. Alle gemeinsam sind wir Hörer des Wortes. Auch eventuell ganz besonders der Priester, denn sein Dienst ist der Dienst der Einheit und die kann nur gelingen durch das Wort und durch die Memoria.

Eventuell könnten sich einzelne Gemeinden, die in den letzten Jahren den Altar mehr in das Zentrum des Kirchenraums gerückt haben, die Frage sich stellen, ob es auch am Altar einer Neuausrichtung bedarf. Dies sollte aus meiner Sicht kein gesamt-kirchlicher Wandel sein, denn ein pauschales zurück zur Zelebration des Priesters an irgendwelchen fernen Hochaltären mag zwar ästhetisch schön sein, aber ersehe ich nicht als passend. Aber auch hier, beim Thema des Hochaltars, gerade in kleineren Kirchen und Kapellen, sollten sich Gemeinde und Leitung nochmal stärker die Frage stellen, was stimmig ist und wie gemeinsames hören und beten, wie „die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen“ im konkreten Gottesdienstraum wirklich gefördert werden kann – ohne kirchenpolitische Beweggründe und ohne Selbstinszenierung einzelner Personen und Gruppen (was eventuell zur Entsorgung von zu vielen Möbelstücken und so zu mehr Spielraum, Bewegungsraum führen könnte).

Schreiben von Papst Franziskus

Papst Franziskus hat einen Brief geschrieben und gesteht die Schuld ein. Die Kirche hat versagt. Die Kirche, alle Glieder haben versagt. Der Brief geht nicht an irgendwelche einzelne Personen, nicht allein an die Opfer oder an eine Nation, sondern an das gesamte Volk Gottes. Er stellt diesen Brief unter das Wort des hl. Paulus: „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit (1 Kor 12,26) und mahnt uns, dass der Missbrauchsskandal nicht ein Problem von irgendwem ist, oder nur allein der Täter und der Opfer sondern ein Thema ist, das uns alle angeht. Jeden, dich lieber Leser, aber ganz besonders auch mich. Wie bei allen Themen, die aktuell anstehen, erinnert er uns daran, dass eine Veränderung der Situation, eine Veränderung dessen was zu dieser Situation des Todes geführt hat, bei uns, bei mir selber, beginnen muss. Wir können auch hier nicht allein auf eine Order von oben warten. Der „Vatikan“ hat – in dem Wissen, dass sich noch einiges verändern muss – einiges an Grundlagen geschaffen. Nun sind die Bischofskonferenzen und die (Erz)Bischöfe in der Pflicht und Verantwortung etwas grundlegendes zu ändern. Aber nicht allein das kirchliche Person, sondern wir alle stehen in einer Verantwortung, denn die aktuellen Priester sind Teil des Volkes Gottes und die zukünftigen kommen eben auch aus dem Volk Gottes. Priester sind keine Elitegruppe die irgendwo fernab gezüchtet werden und das Leid ist zwar meist hinter verschlossenen Türen, aber nicht unsichtbar geschehen. Klerikalismus, ein Grund für diese Vergehen, ist nicht allein ein Problem der Priester, denn „Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen.“ (Auszug aus dem Brief). Deshalb fordert der Papst ein grundsätzlicher Wandel im gesamten Volk Gottes, der sich eben in unserer Grundhaltung, in unserer Spiritualität zeigen muss: In der Betrachtung des Herrn. Ausgehend von ihm, von Jesus Christus und seiner Botschaft gibt es die Möglichkeit, grundsätzlich etwas zu verändern. Unser Gebet, unser Fasten unsere büßende Haltung kann und muss Grundhaltung sein für das gesamte Volk Gottes. Den klassischen Antworten auf diese Forderung antwortet er schon im Voraus: Hier gilt nicht der Satz des Kain: „Bin ich der Hüter meines Bruders?« (Gen 4,9). Es gilt das Wort des Paulus.

Dieser Brief ist keine Flucht, ist kein abhauen vor der Verantwortung, dass Priester und Ordensleute unsagbares Leid zugefügt haben. Er zeigt die Grundhaltung dieses Papstes, der eventuell für einige eine scheinbar zu simple Antwort parat hat, aber die einzige die wirklich gelten kann. Wenn das Volk Gottes versagt, wenn es den Blick abwendet von den Menschen, dann wendet es den Blick ab von Gott, von dem Menschen in dem sich alles Leid und alles Heil bündelt: Jesus Christus.

Beten wir, fasten wir, büßen wir gemeinsam, denn daran muss man uns erkennen: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“ (Apg 2,42)

Der Brief in deutscher Sprache!