Denn es geht ein neues Leben an …

Im Jahr 2020 ist von Jörg Ernesti ein Rombuch erschienen, welches sich in die große Bibliothek früherer Werke zur ewigen Stadt einreiht. Ernesti ist Kirchenhistoriker. Der seit 2019 in Augsburg lehrende Historiker ist in den letzten Jahren mit seinem Forschungsschwerpunkt, der neuere Papstgeschichte, aufgefallen. Unter anderem mit seinen letzten drei Papstbiographien, mit denen er drei Päpste vorstellte, die entweder fast vergessen oder hinter einzelnen Meinungen und engen Bildern versteckt erscheinen: Leo XIII., Benedikt XV. und Paul VI. 

Das vorliegende kleine Buch, 224 Seiten und wieder im Verlag Herder erschienen, nimmt die Geschichte Roms aus deutscher Sicht in den Blick. In 20 Kapitel, Spaziergänge benannt, werden deutsche Persönlichkeiten, Autorinnen, Künstler oder Politikerinnen, geschichtliche Ereignisse und Verbindungen und Geschichten um einzelne Orte, die in einem deutschen Kontext stehen vorgestellt. Dabei gilt es zu beachten, dass Ernesti ein „deutsch“ im Blick hat, welches die Länder des Hl. Römischen Reiches deutscher Nation einschließt. Als Historiker sieht er hier eine größere kulturelle Einheit und engt den Begriff nicht auf die verengten Formen des Nationenbegriffs ein.  

Der Band soll, wie der Klappentext berichtet, an Orte führen, „die der Massentourismus noch nicht entdeckt hat“. Das dürfte dann doch eher ein Werbeversprechen sein. Weniger führt der Text an eher unentdeckte Orte als hin zu vergessenen Geschichten und Persönlichkeiten. Ernesti erzählt besonders ausführlich von den Künstlern und Forschenden aus den deutschen Landen, greift in den ersten Kapiteln stark die Papst- und Vatikangeschichte auf und legt in vielen Kapiteln einen intensiven Blick auf das 18/19. Jhdt. Damit greift er unter anderem das Zitat Goethes (S. 107) auf. Wer in Rom lebt, wer in Rom arbeitet und Zeit verbringt, mit dem/ bei dem beginnt ein neues Leben – und von diesen neuen Leben berichtet der Autor (denken wir z. B. an das römische Leben Ludwig I.).

Sprachlich, im Aufbau des Textes, ist der Autor nicht immer so qualitativ, wie in seinen früheren Arbeiten. Manch ein Text beginnt ein wenig holprig. Es fehlt immer mal der Fluss in der Erzählung. Aber es gibt auch Texte, da kann man erahnen, dass hier auch eine ganz persönliche Nähe zum Thema, eine Liebe zur Geschichte auf das Papier gebracht wurde. 

Ernesti spricht immer wieder von der deutschen Gemeinschaft in Rom. Er reißt auch das eine oder das andere an. Der Titel des Buches und auch die eine oder andere Kapitelüberschrift macht jedoch mehr Versprechung als es dann manchmal geschieht. Es ist leider wieder „nur“ eine Sammlung von Geschichten von den „großen“ Menschen der Geschichte (wenn auch Frauen der Geschichte hier auftauchen). Die kleinen, die alltäglichen, die das alltägliche Leben geprägt haben, tauchen hier fast nicht auf, was schade, ist, da gerade dies in Rom doch auch heute noch immer wieder durchscheint und gerade das Leben der deutschen Gemeinschaft intensiv prägte. Ansatzweise in einzelnen Kapiteln, einmal in einer ausführlicheren Form, stellt der Autor Menschen im Kontext jener handwerklichen Berufe vor, die stark von Deutschen in Rom geprägt wurden. Hier führt ihn der Lauf der Geschichte auch kurz zu den deutschen Buchhandlungen, Druckereien und Verlagen in Rom.

Nichtsdestotrotz ist solch eine Kritik nur etwas für all jene, die in ihrem Leben schon einige Bücher zur Stadt und Geschichte Roms gelesen haben. Für alle Neueinsteiger, für alle, die künstlerisch interessiert sind und einen ersten Einblick, über den Reiseführer hinaus, finden wollen, kann dieses Buch empfohlen werden. Es sollte aber bitte nicht das letzte Rombuch gewesen sein. Wer es zur Hand nimmt wird sicherlich auch nicht in solch eine Gefahr kommen. So manch ein Kapitel, klar und kurz angerissen, macht nämlich wirklich Lust, zu diesem Thema mehr zu lesen. Was sicherlich bei der Geschichte rund um den deutschen Kapitol der Fall sein dürfte, oder zu den Frauen, die im Petersdom begraben sind, den Handwerkern, etc. An diesen Stellen ist das Buch fast urrömisch: Es gibt Andeutungen, kleine Häppchen, die hungrig machen müssten. 

Dem Kaufvorgang nachteilig dürfte der Preis sein. Die 30,00 € sind dann doch ein Kostenfaktor, der eingeplant sein will, oder der dazu führt ein anderes Buch zu Rom zu kaufen. 

Ernesti, Jörg: Deutsche Spuren in Rom. Spaziergänge durch die ewige Stadt. Freiburg 2020.

Lust am Lesen, auch bei einem Sachbuch!

Mit „Von Rom bis an die Ränder der Welt“ erschien 2020 ein neues Werk aus der Feder von Professor Arnold Esch, ehemaliger Direktor des Deutschen Historischen Instituts. Das neue Buch erscheint fast, wie ein weiterer Teil aus einer mehrteiligen Reihe an Büchern, denn auch diesmal sind die einzelnen Texte eher Spaziergänge durch geschichtliche Räume. 

Diesmal nimmt Arbold Esch die Lesenden über römische Fernstraßen mit in das historische Burgund, auf die Höhen der Schweizer Pässe oder an den Limes. Er lässt uns eintauchen in Landschaften in Italien, in die griechische Inselwelt des Mittelalters, lässt uns mitreisen mit Pilgern nach Jerusalem, quer durch Deutschland bis in die Niederlande oder gewährt uns Einblicke in Reiseberichte, Register, Quittungsbücher, Rollen, und vielem mehr. Damit stellt uns der Autor Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsschichten vor: Adelige, römische Soldaten und Handwerker, Pilger, Reisende, Kaufleute, Kardinäle, gescheiterte und erfolgreiche Existenzen. Das Gemeinsame all dieser Geschichten ist, auch wenn wir in diesem Buch diesmal wirklich bis an die Enden der Welt eilen, wieder die Beziehung zu Rom, von der Antike bis hin zum Papsttum des 20. Jahrhunderts.

Ein Unterschied zu den früheren Büchern ist die Breite der Themen und der große Sprung durch die Epochen und Zeiten. Übereinstimmend zu den vorherigen Büchern ist, dass auch dieses Buch ein prallgefüllter Raum der Geschichten und Entdeckungen darstellt. Wieder ist das Buch ein Quell der Neuentdeckungen, denn auch für Geschichtsfans ist dieses Buch voller Neuentdeckungen, weil es wahrlich ein Spiegel all jener Archive darstellt, aus denen der Autor schöpft. Esch meistert es aus der Summe der sicherlich oft trocken daherkommenden Zahlenreihen, Berichten und Darstellungen ein lebendiges Kaleidoskop der Geschichten zusammenzustellen. Er schafft es auf jeder Seite eine Welt zu beschreiben, die nicht irgendwie fern ist, sondern spannend und gefüllt mit Informationen, die begeistert und die zumindest bei mir zu einer weiteren Leseliste geführt hat. Wer dann noch daneben, auf seinem Endgerät die jeweilige Landschaft aufruft, ist endgültig gefangen. Das Buch informiert und es motiviert zu weiteren Entdeckungen.    

Manch eine Geschichte, und da sticht die Reise am Limes entlang heraus, bietet sich auch absolut an, sie selbst, vor Ort, nachzugehen. Dank der mitgelieferten Positionsbestimmungen ist solch eine Urlaubsreise gut machbar. Am liebsten würde man dazu Esch einladen, das müsste dann die absolute Steigerung des Genusses sein.

Es ist absolut großartig, dass es solche Bücher gibt. Hier entdecke ich immer neue Informationen und Geschichten und wenn ich auch immer wieder Google hinzuziehen muss, um Bildungslücken zu schließen, so ist die Lesezeit eine Lust und ein dauerhafter Ertrag. Mit der Fülle der Informationen, die fundiert und unterhaltsam aufbereitet sind ist das neue Buch von Arnold Esch ein weiterer Beweis, dass wissenschaftlich fundierte Fachbücher nicht langweilig sein müssen. Und es ist eine Aufforderung an die Kolleginnen und Kollegen der Wissenschaft den Spagat anzugehen, zwischen Sachbuch und wissenschaftlicher Monographie um zu einem literarischen Sachbuch zu gelangen.

Esch, Arnold: Von Rom bis an die Ränder der Welt. München 2020.

Einmal muss das Fest ja kommen

220 Seiten die viel zu lange ungelesen in meinem Regal gestanden sind. Das sind die Seiten des „Reisebuches“: „Eine Reise zu Ingeborg Bachmann“ von Frauke Meyer-Gosau (im C. H. Beck-Verlag). Dabei handelt es sich wirklich um ein Reisebuch. Es ist ein Reisebuch der Autorin zu den Lebens- und Schauplätzen des Lebens von Ingeborg Bachmann. Es ist ein Reisebuch in der die Autorin eine neue Bachmann kennen lernt, eine Autorin und Mensch, die eben nicht (nur) so ist, wie sie im Laufe der Jahrzehnte in der Öffentlichkeit geworden ist. Es ist ein Reisebuch für den Lesenden, denjenigen der Ingeborg Bachmann erst jetzt entdeckt. Dabei liegt (meiner Meinung nach) der Fokus auf jene Lesenden, die keine jahrzehntelange Erfahrung mit Ingeborg Bachmann haben.

Und somit: Das vorliegende, schon 2008 erschienene Buch ist ein Buch für die Nachgeborenen. Ein Buch, das zur Lesehilfe werden kann und darf für die Gedichte, Texte, Romane und Beiträge die Ingeborg Bachmann geschrieben hat.

Station macht die Autorin in Rom, in Berlin, Zürich, Paris, Wien, Klagenfurt und auf Ischia. Überall sucht sie räumliche und persönliche Zeitzeugen: Häuser, Wohnungen, Zimmer, Freunde und Lebenspartner kommen zu Wort und schaffen Annäherung an Ingeborg Bachmann. Annäherungen, die zu Lesehilfen werden für einzelne Gedichte und Romane.

Die Sprache dieser Reisebiografie lädt ein zum zügigen lesen. Sie ist ästhetisch ansprechend. Nur manchmal lässt sie eine schale Frage zurück ob es bei diesem Buch um die Bachmann geht oder um eine sprachliche Übertrumpfung der Beschriebenen.

Immer wieder werden biografische Verbindungen zu einzelnen Romanfiguren und Gedichten hergestellt. Das ist stimmig. Das dürfte wirklich der Fall sein. Die Warnung, dass aber hier keine eins-zu-eins Übertragung erfolgte, die kommt aus meiner Sicht eher zu schwach und zu spät.

Eines störte mich noch: Die Wiederholung einzelner Zitate. Bis zu drei-vier Mal finden sich die gleichen Zitate, was im ersten Moment dazu führt die Frage zu stellen, ob die Biografieautorin nur das gelesen hat, oder ob die aufgestellten Bezüge und Belege  einseitig sein könnten.

Aber abgesehen von diesen drei Punkten, die ein bisschen stören ist es ein wunderbares Buch und wirklich ein Buch, das für jeden (jüngeren Leser, wie das mit erfahrenen Bachmann-Leser ist, weiß ich nicht), der gerne deutschsprachige Literatur ließt, ansprechend ist. Es gibt einen Blick frei auf Ingeborg Bachmann, auf die literarische Welt der Nachkriegszeit und bietet eine Fülle von kleinen wunderbaren Momenten auf viele andere Persönlichkeiten des Literaturbetriebes.

Für Romliebhaber sind gerade die ersten 70 Seiten etwas Wunderbares. Das heutige Rom mit Ingeborg Bachmann zu entdecken, das ist etwas Schönes und hat mich schwelgen lassen. Nicht zuletzt auch, weil hier nicht nur Räume, sondern Personen auftauchen, die manch ein deutsch-Römer noch erleben durfte.