Stille

Halten wir Stille aus? In einem zwischenmenschlichen Miteinander gibt es kaum Momente der Stille. Schweigen wird von vielen als unangenehm erlebt. „Wer miteinander reden kann, muss auch miteinander schweigen können“ – so eine Aussage, die ich immer wieder höre. Aber stimmt das? Welchen Wert hat das Schweigen, welchen Wert hat die Stille? Oder hat beides denn überhaupt einen Wert?

Ich persönlich denke schon und ich gehöre auch zu jenen, die es ungemein genießen eine Zeit der Stille zu haben. Dabei gibt es verschiedene Stufen und Formen. Stille, gerade im Miteinander oder gar in der Liturgie sind zuerst einmal Momente der Lautlosigkeit, der Pausen zwischen den einzelnen „Akten“ des liturgischen Ablaufs, wobei nein. Stille ist ein „Akt“, der immer wieder kommt. Zumindest lässt sich das vermuten, wenn wir die Grundordnung des römischen Messbuchs anschauen.

So heißt es unter Punkt 45: „Auch das heilige Schweigen ist als Teil der Feier zu gegebener Zeit zu halten. Sein Charakter hängt davon ab, an welcher Stelle der Feier es vorkommt. Beim Bußakt und nach einer Gebetseinladung besinnen sich alle für sich; nach einer Lesung aber oder nach der Homilie bedenken sie kurz das Gehörte; nach der Kommunion loben sie Gott und beten zu ihm in ihrem Herzen.
Schon vor der Feier selbst ist in der Kirche, in der Sakristei, im Nebenraum und in der näheren Umgebung angemessenerweise Stille zu halten, damit alle sich auf den Vollzug der heiligen Handlung andächtig und in der gehörigen Weise vorbereiten
.“

Riten mit Leben

Ein Beispiel: Ein Kommunionhelfer eilt nach der Kommunionausteilung in Richtung Tabernakel. Mit dem Hostienkelch in der Hand macht er eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und stellt danach die Hostien ein. 

Eine Gläubige betritt eine Kirche, greift zum Weiwasserbecken, verharrt, schlägt das Kreuzzeichen und tritt in die Kirche ein.

Ein Ministrant ist eifrig bemüht all das zu machen, was zu tun ist. Dabei macht er vor einem Hochaltar, ohne Tabernakel, mehrmals in der Liturgie eine Kniebeuge. Jedoch nicht vor dem Tabernakel und auch nicht vor dem Zelebrationsaltar. 

Das sind kleine Beispiele, ganz nebensächlich für jene die in der Kirche aktiv der Liturgie folgen und sich auf das Geschehen, das in der Gemeinschaft geschieht konzentrieren. Gerade aber im Kreis von Kirchenfunktionären, von Theologisierenden, Seminaristen und Priestern sind Haltung, Benehmen, Rituale ein großes Thema, drücken sie doch – so zumindest die Meinung – ganz klar die jeweilige Haltung, Spiritualität und kirchliche Gesinnung aus.

Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass wir heute viel weniger Wert auf die Ausführung der Ritualien legen, so beobachte ich doch statt dessen eine höhere Aufmerksamkeit gegenüber dem was der/die Andere so im Gottesdienst tut. Und auch der Gläubige macht sich, so erlebe ich es, insgeheim immer mehr Gedanken, welche Botschaft er oder sie mit dem was er tut sendet.

Seit der Liturgiereform in Folge des II. Vatikanischen Konzils hat sich viel verändert. Dabei brachte diese Reform aber kein Stillstand oder einen allgemein gültigen Zustand sondern vielmehr eher mehr Unsicherheiten, mehr nicht voll verankerte Handlungen und Vorgänge, mehr hinterfragbare Handlungen und Ritualien, die eben auch mit kirchenpolitischen Botschaften aufgeladen sind. Ohne irgendwelche Personen oder Personenkreise negieren zu wollen oder unterstellen zu wollen, dass es an spiritueller Grundhaltung mangelt, so muss ich doch sagen, wachsen meine Zweifel über den Zusammenhang zwischen dem was in der Liturgie getan und was geglaubt wird.

Dabei ist das, mag es auch für manche nicht so sein, ein wichtiges entscheidendes Thema und nicht nur in katholischer Kirche. Wenn wir von unseren liturgischen Ritualen sprechen, dann sind diese auch ein Teil der vielen verschiedenen rituellen Handlungen und Ritualien, die wir alle im Leben tun, bzw. die unser Leben prägen. Dabei haben diese verschiedene Gründe. Diese festen Handlungsabläufe und eingeübten Handlungen vermitteln Sicherheit, Zugehörigkeit, Heimat. Sie aktivieren eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe und sie verbinden die Gegenwart mit der Vergangenheit. Gerade im Glauben ist der letzte Aspekt ein entscheidender. Riten und rituelle Handlungen sind gewachsene Vorgänge. Sie sind aus einer Grundhaltung heraus entstanden und übernommen worden, als Zeichen, als Erinnerungshandlung, o. Ä.

Im Alltag übernehmen wir Handlungen und Abläufe von unseren Eltern, wir prägen unseren eigenen Tagesablauf in unserem Leben aufgrund unseres Berufs, aufgrund unserer Lebenssituation und Erfahrungen. Sie haben einen Sinn! Trotzdem gilt es diesen immer wieder anzufragen. Ist es noch sinnvoll dieses oder jenes zu tun? Es ist nicht mehr sinnvoll Kohlen einzulagern, wenn man eine Ölheizung hat. Und genauso ist es zu prüfen, ob die Handlungen in der Liturgie mit dem Übereinstimmen, was theologische Grundhaltung ist. Darüber hinaus braucht es auch hier noch die Frage, ob es zwischen der Handlung und der einzelnen Person, ob Priester oder Laie, eine Verbindung besteht. Eine Verbindung hin zum Denken, Erkennen zum eigenen Leben.

Zum Glauben gehört ein Verstehen und ein Glauben im Alltag leben. Die Liturgie, ganz besonders die Eucharistie soll diese Beziehung zwischen Glauben und Leben aufzeigen. Eucharistie ist in Liturgie geprägtes Lebensereignis und gerade deshalb ist es wichtig, den Ablauf, die Worte und Handlungen mit Leben zu füllen. Einmal in dem der/die einzelne sich auf das Weitergegebene einlässt, sich einübt und zum anderen indem wir uns alle immer wieder anfragen lassen, was wir eigentlich da gerade tun.

Und wie bei den obigen Beispielen gilt es das Tun in Frage zu stellen. Ist es sinnvoll, ist es gelebter und auch theologisch stimmiger Ausdruck des Glaubens, wenn ich meine Kniebeuge, mein Kreuzzeichen oder andere Handlungen vornehme? Die Zeichen wirken nicht alleine, Sakramente und sakramentale Handlungen zaubern nicht irgendwas her sondern sind Zeichen zu etwas was „da ist“.

Deshalb sollten wir uns die Frage stellen – in aller Offenheit und Bereitschaft zur Selbstreflexion – zu unserem Glaubensleben im Gebet und in der Ausprägung. Dies aber, und das ist mir wichtig, ohne irgendeine spirituelle Prägung grundsätzlich zu negieren oder irgendwelche Formen der Liturgie abzulehnen. Aller gelebter Glaube ist wertvoll und würdig solange er nicht andere herabwürdigt oder negiert.

Die Bibel stört

In der Zeit der Ministrantenwallfahrt in Rom durfte ich mich beteiligen an der Betreuung von Jugendlichen, die auf eine Führung in der Domitilla-Katakombe warteten. Dieses Programm wurde vom Zentrum für Berufungspastoral verantwortet und ich durfte dabei sein. War echt schön, denn das ganz besondere daran war, dass ich somit nicht allein nur die Freiburger Minis erleben konnte, sondern Ministranten aus dem ganzen Bundesgebiet.

Am Donnerstag hatten wir eine Gruppe bei der war ein Diakon mit dabei. Wir vom Team hatten ein Ratespiel vorbereitet. Einige der Fragen waren zum Altes Testament. Da war eine witzige Frage dabei und dann kam die Frage, wie denn der Bruder von Jakob im Alten Testament heißt. Die Jugendlichen haben das ganz oft gewusst. Mussten aber schon auch nachdenken und so entstand eine Stille in die eben dieser besagte Diakon brüllte: Das wissen wir nicht und das ist ja auch unwichtig. Wir sind Christen und wir brauchen das Alte Testament nicht. Ich brauch nicht zu erzählen, dass ich geschockt war. Das habe ich ihm dann auch gesagt. Er fand das nicht falsch was er gesagt hat.

Gerade eben habe ich mit einer lieben Freundin telefoniert und wir hatten es davon, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung einen Exegese-Predigt abliefern muss und sie statt einer Evangeliums-Predigt einen Text zum Gottesknecht schreibt, denn sie finde gerade dieses Thema entscheidend wichtig in unserem Glauben und ihr fehlt da oft genug eine Predigt dazu für die Gemeinde. Dem konnte ich nur zustimmen und jetzt kommt mir die Frage; Wann habe ich denn das letzte Mal eine AT-Predigt gehört. Wann habe ich erlebt, dass der Priester im Gottesdienst einen der oft doch auch schwierigeren Lesungstexte aus dem Alten Testament als Predigtthema verwendet hat. Ich kann mich echt nicht mehr daran erinnern.

Im Jahr 2017 haben Priester des Weihejahrganges 1967 einen Brief geschrieben in dem sie bekundet haben, dass sie gerne der Kirche dienen, es aber Punkte gibt, die sich nicht so verändert haben, wie sie es sich in der Zeit des II. Vatikanischen Konzils erwartet haben. Dabei ging es auch um den Umgang mit der Bibel und dem Evangelium. So heißt es dort „Mit der Zeit wurde jedoch sichtbar, dass die liturgischen Reformen nicht zusammengingen mit einer neuen und gründlichen Auseinandersetzung mit der Bibel.“ Und weiter: „Uns bedrückt, dass die Frage nach Gott bei vielen Menschen hierzulande kein Thema mehr ist. Zudem stellen wir fest, dass die neueren Erkenntnisse über die Bibel und über die Geschichtlichkeit unserer Kirche nicht zum Allgemeingut im Glauben der Christen geworden sind. Eine neue Begeisterung für das Evangelium, die Papst Franziskus mit dem biblischen Leitwort Barmherzigkeit initiieren will, scheint bisher nur wenige zu packen.“  – Das sind Erkenntnisse, die ich mitunterschreiben kann. Es ist überraschend und ungemein traurig, dass trotz einer größeren textlichen Vielfalt in der Liturgie, trotz einer großen theologisch-wissenschaftlichen Auseinandersetzung, trotz einer Einheits-übersetzung das Wissen von Gott, die Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes im Bezug auf das eigene Leben immer weniger wird.

Ein bisschen traurig-witzig ist, dass einer der Unterzeichner Willi Hoffsümmer ist, Autor von Büchern, die Textsammlungen sind für die Liturgie. Gewollt oder ungewollt sind gerade diese Bücher eine der Grundlagen dafür, dass in meiner Kindheit und Jugend in meiner damaligen Gemeinde nahezu keine alttestamentlichen Lesungen gelesen wurden. Diese und auch ganz oft die oft einzige neutestamentliche Lesung (gerade bei Kinder- Und Jugendgottesdiensten) wurden gegen Texte aus den Hoffsümmer-Büchern ersetzt. Grund dafür war die Vorstellung: Wir können den Menschen, gerade den jungen Menschen biblische Texte nicht antun. Sie verstehen sie nicht, sie sind zu schwer … etc. Wie gesagt: Gewollt oder ungewollt hat der Autor gerade diesen Teil der liturgischen Erneuerung, die stärkere Verortung der Gemeinde in den biblischen Texten durch eine breite Lesungspalette behindert. Wenn nicht er, dann hätte das jemand anderer getan. Das aus meiner Ansicht nach schlimme an diesem Prozess ist: Die Texte waren keine Ergänzung, sondern viel zu oft Ersatz. Christ bin ich nicht, weil ich den kleinen Prinz kenne oder die Geschichte der kleinen Schraube im großen Schiff sondern weil ich Gottes Weg mit den Menschen weitergehe und davon gehört habe.

Kann es sein, dass wir Angst haben vor der Bibel, ganz besonders vor dem Alten Testament? Der Evangeliumstext von gestern war Mt 24, 42-51. Wahrlich kein Text, der so einfach mit dem Wort „Frohe Botschaft“ versehen werden kann. Es sind klare und harte Worte. Solche tauchen im Alten Testament viel öfters auf. Könnte es sein, dass wir uns vor solchen Worten fürchten? Sie sind hart. Sie bieten uns keine Kuschel-Gott und fordern Entscheidungen. Der Gott des AT und der Gott von Jesus ist ein Gott der viel von uns verlangt. Er schenkt uns immer seine Liebe, er ist barmherzig, aber Barmherzigkeit ist eine höhere Form der Gerechtigkeit und keine „ist ja schon gut“-Mentalität. Gottes Barmherzigkeit ist für mich als Christ Verantwortung für das eigene Leben und das meiner Mitmenschen. Barmherzigkeit schenkt und bietet die Kraft Entscheidungen zu treffen und das Leben auf Gott auszurichten. Auf einen Gott, der so ist, wie er erlebt wurde – und das erfahren wir in der Bibel. Diesen Gott gilt es zu kennen und zu erfahren. Dieser Gott ist unbequem. So unbequem, dass wir an der Krippe stehen und das süße Baby bewundern und gleichzeitig erleben müssen, dass Gott es zulässt, dass sein Volk bzw. seine Frommen, ermordet, gesteinigt, geschlagen und verfolgt werden.

Ich bin der Meinung, dass wir darüber reden müssen. Gott ist lieb, das ist nicht zu leugnen, wie eine Mutter. Er ist aber auch der Gott des Gerichtes. Er ist der strafende Gott, ebenso wie eine Mutter oder ein Vater. Damit müssen wir zurechtkommen und dabei hilft es nicht, wenn wir das ausblenden, sondern – so denke ich – dass wir uns damit beschäftigen und fragen, was das für unser Leben bedeutet. Das geht nur, wenn wir uns mit der Bibel auseinandersetzen, wenn wir das AT und das NT kennen und in dieser beider Tradition leben. Daher meine Bitte: Priester predigt zum AT! Kirche lebt mit dem Gott der ganzen Bibel und nicht mit einem Gott nach eigenem Zuschnitt!