Angst

Heute schon wieder. Auch heute finde ich in meiner Timeline Beiträge von Facebook-„Freunden“ und in Twitter Post, die mir die Haare zu Berge stehen lassen. Es sind Beiträge, die pauschal irgendwas behaupten und die versuchen rassistische und nationalistische Parolen zu relativieren und zu rechtfertigen. Es wird versucht zwischen Heimatliebe, Fragen für die Zukunft, Sorgen und nationalsozialistischen Parolen den Unterschied zu leugnen und eben alles zu relativieren. Aber das ist falsch und dumm. Wenn ich mein Land liebe, dann schaffe ich nicht Grenzen, sondern teile dieses Land mit anderen Menschen, wenn ich Respekt vor Menschen habe, dann teile ich die Menschen nicht in Rassen und Gruppen ein und schließe irgendwelche aus. Wenn ich Sorgen habe, dann artikuliere ich diese, dann suche ich die Begründungen und Lösungen und wälze sie nicht ab auf andere Menschen. Wenn ich erkenne, dass was falsch läuft, dann suche ich nicht Sündenböcke, sondern kümmere mich darum, dass es wieder besser läuft.

Immer wieder wird gesagt, dass Menschen die Afd wählen und der Pegida hinterherrennen, weil sie Angst haben. Auch ich habe Angst. Jeder von uns hat Angst. Vor dem Tod, ich genauer vor einem qualvollen Sterben, vor Krankheit, vor Armut, vor Einsamkeit, vor einem Krieg, … es gibt so viele Ängste. Und jede Angst ist erstmal gerechtfertigt und hat ein Recht darauf, dass sie angesprochen wird. Aber Angst rechtfertigt nicht, jeden Scheiß zu glauben. Angst rechtfertigt nicht, irgendwelchen Verschwörungstheorien nachzurennen. Angst rechtfertigt nicht, Sündenböcke zu schaffen und diese zu verfolgen. Angst rechtfertigt nicht unmenschlich zu werden.

Die einzige Antwort auf Angst ist Zuversicht, ist Glück. Wer glücklich ist, der hat keine Angst, der hat Respekt vor der Zukunft, der nimmt an, was geschieht und verändert das was möglich ist. Angst bekämpfen wir mit Verstand, damit, dass wir nachdenken, dass wir uns der Situation bewusst werden und durch Verstand die Welt verändern. Wer denkt wird glücklich. Wer behauptet, dass denken unglücklich macht, der hat nicht gedacht, der hat sich nicht befreit von seiner Angst und dem was ihn hemmt.

Angst, das ist O.K. Angst, die braucht Raum. Angst braucht Antworten, Angst braucht Menschen, denen man sie erzählen kann. Angst braucht Verantwortung jedes Einzelnen, sich nicht von Angst gefangen zu nehmen. Angst löst sich auf, wenn wir Menschen haben die einen lieben – wenn wir Liebe erfahren (aus meiner Sicht jene Liebe, die sich in Gott begründet). Aber ich muss halt die Liebe erkennen, ich muss sie annehmen. Ich muss denken und damit Mensch sein.

Angst rechtfertigt nicht Hass, Angst verlangt nach denkender Liebe!

Hl. Anna – Resonanzkörper der Liebe

Am vergangenen Donnerstag war der Gedenktag der hl. Eltern Anna und Joachim. An diesem Tag musste ich an einen Gottesdienst denken, den wir mit dem Propädeutikums-Kurs in St. Anna, jener alten Kreuzfahrerkirche direkt am Bethesda-Teich mitfeiern durfte. Das Leben der Hl. Anna und die Heilungsgeschichte am Teich wurden für mich dort, an diesem so spirituell aufgeladenen Ort, zu einer starken Gotteserfahrung.

Eine Besonderheit der Kirche der Hl. Anna ist ihre Akustik. Wer dort schon mal gebetet und gesungen hat kennt diesen wunderbaren Nachhall, der das menschliche Wort verstärkt und nahezu als eine Rückfrage an die Gläubigen und Sänger zurückgibt. Der Nachhall, dieser ganz eigene musikalische Korpus der Kirche lädt mich dazu ein, sich zu fragen, welchen Nachhall ich in meinem Leben finde. Welchen Nachhall ich aussende, aber auch welcher Nachhall mich prägt.

Geprägt sind wir von unserer Geschichte. Alles was geschehen ist hallt in uns nach. Ganz besonders aber hallt in uns das Leben unserer Eltern nach. Ihre Weltsicht, ihre Erfahrungen und ihr Leben. Ein Grund warum ich so bin, wie ich bin, das liegt an meinen Eltern, und ganz besonders an den Frauen meiner Familie; Mutter, Oma, Uroma – sie prägten meine Kindheit.

Warum wurde Maria zu einer jungen und mutigen Frau, die völlig frei ihr „fiat“ – mir geschehe nach deinem Wort – aussprechen konnte? Die Antwort finden wir, wie bei jedem Menschen, in ihren Eltern: Anna und Joachim. Maria konnte glauben, weil sie in ihren Eltern, so will es uns die Legende zur Hl. Anna erzählen, Heimat, Geborgenheit und Liebe erleben konnte, die sich im Glauben an den Einen und Einzigen begründet. Die Eltern schufen in Maria einen Resonanzkörper der Liebe Gottes, so wie die Kirche St. Anna in Jerusalem ein Resonanzkörper ist. Der Nachhall Annas ist die Tat Mariens, sie hat Anteil daran, dass das Lied der (Neu)-Schöpfung, das Gott durch den Engel in Maria anstimmte, bis heute in uns nachhallen kann.

Meine Mutter schenkte mir ihre Liebe, eine Liebe, die sie nicht selbst geschaffen hat, sondern erhalten hat von ihrer Mutter und deshalb teilen konnte. Diese Liebe ist ein Abglanz der göttlichen, schöpferischen Liebe und zeigt sich in dem wohl höchsten Ausdruck dieser Liebe, im Geschenk des Lebens, das wir erhalten haben. So spricht jede Mutter für unser Leben ein „fiat“ und lässt Leben und Liebe sichtbar werden in der Mutterliebe. Der Nachhall unserer Mütter, das sind wir, denn mit dem „Ja“ unserer Mütter öffnen sie sich, um die „Geburtszugehörigkeit unseres Fleisches zum Wort des Lebens[1], die uns die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus wieder ermöglichte, zu ermöglichen.

Es mag für manche ein konstruiertes Bild sein, dieser Nachhall und der Resonanzkörper. Aber wie die Kirche St. Anna, die aufgrund ihres Ortes und ihrer Geschichte schon spricht, bevor darin ein Mensch Worte formt und seine Geschichte mit einbringt, so fordert mich dieses denken an die Hl. Anna auf, auch mich als Resonanzkörper wahrzunehmen. Als Resonanzkörper der Liebe Gottes, der Nachhall schafft durch mein Glaubensleben, das sich im Gebet, im Tun und Reden zeigt. Die heilige Anna war ein Resonanzkörper der Liebe, nutzen wir diesen Impuls den Anna uns schenkt und richten wir uns aus auf unsere Mitmenschen, damit das Wort, das in uns eindringt, an sie sichtbar weitergegeben wird.

[1] Henry, Michel; Inkarnation. Eine Philosophie des Fleisches. Freiburg, München 2002. S. 366.