Werte – Contractio?

Es gibt einen Unterschied zwischen Werten die ich lebe und Werten, die ich gut und wichtig finde, die ich aber (noch) nicht lebe. Und es gibt Werte, die ich mir als Person, als Gruppe, als Gesellschaft „auf die Fahne schreibe“, mit denen ich „Werbung“ mache. 

Nun stellt sich mir (immer wieder) die Frage, welche Werte sich unter den ersten beiden Punkten finden und welche Werte ich gar nicht lebe, sondern nur vor mir hertrage. Und weiter: wie gehe ich damit um, gerade als Einzelperson, als Teil einer Gruppe / Unternehmen / Institution, dass hier eine Kontradiktion besteht.

Aus dem Blickwinkel meiner Rolle in Gesellschaft (ich als Teil des Souveräns) und auch in Kirche (Kirchenbild II. Vatikanum) ist diese Frage für mich doch zentral. Dabei möchte ich als freier Christenmensch nicht hängen bleiben bei „den da oben“ oder jenen „gegen die ich ja nichts machen kann“ (was Begriffe sind, die ich viel zu oft als Ausrede ansehe), sondern den Blick klar auf mich, auf meine kleine Welt von Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen richten, denn als Teil einer Gemeinschaft kann sich diese nicht ohne eine Entwicklung meiner Person verändern.

Oder?

Das bunte Flackern eines brennenden Magens

Schon vor vier Jahren ist bei Sallerio Editore (Palermo) ein Roman von Giosuè Calaciura mit dem schlichten Namen Borgo Vecchio. Zwei Jahre dauerte es bis der Roman 2019 in Hartcover und nun, 2021 als Taschenbuch im Aufbau-Verlag herausgegeben wurde. 

Übersetzt wurde das Buch von Verena von Koskuli, die unter anderem auch Bücher von Antonio Scurati (M. der Mann der Vorsehung) und Carlo Levi (Die Uhr) übersetzt hat. 

Irgendwo im Süden Italien, der echte Ort ist egal. Eine Stadt am Meer mit einem Viertel namens   Borgo Vecchio, dort wachsen drei Kinder auf; Cristofaro, Celeste und Mimmo. Sie sind keine Kinder mehr und doch noch, leben an der Schwelle des Erwachsenen. Ahnen die Schrecken des Lebens, wissen darum, können aber noch immer abtauchen, die harte Wirklichkeit für Momente ausblenden, besitzen noch Momente der kindlichen Unschuld und handeln oft in einer kindlichen Reinheit, die trotzdem nichts an der Härte vermissen lässt, die ihnen die Erwachsenen vormachen: 

Der eine Vater, Metzger, betrügt die Kundschaft, der andere ein gewalttätiger Säufer, der seinen Sohn Abend für Abend schlägt, und Celestes Mutter, die Hure des Viertels. Sie sind die Vorbilder der Kinder und werden komplettiert durch Totò dem erfolgreichen Räuber, dessen Heldentaten ihn zum Traumvater werden lässt. 

Die drei Kinder, ja alle Protagonisten, werden mit Attributen versehen. Attribute, die dabei helfen die Handlung voranzutreiben oder besser durchwirbelt werden in Vor- und Rückblenden, in Höhenflügen über das Viertel und hinein in die Tiefen des Lebens der Kinder: Der Fußball, das Pferd, die Bücher, die Waffe, … 

Hoffnung, der Wandel des hoffnungslosen Leben zu etwas besseren, scheint allein Totò zu bringen. Er wird in seinem Ganoventum zu einem, der die Schranken überwindet, der sich aus einem Waisenkind zu einem erfolgreichen angesehenen Bewohner des Viertels mausert und es schafft, dass selbst die Mutter von Celeste im neuen Licht gesehen wird. 

Wie der immer wieder beschriebene Wind wirbelt die Geschichte der drei Kinder, in sieben Kapiteln erzählt, umher, oft im ersten Moment verwirrend, wie spontane Einblicke, die sich meist erst im Nachgang erschließen, lässt der Roman eine tiefe Traurigkeit spüren. Die Ausdrucksfähigkeit des Autors (und seiner Übersetzerin) verzaubert und berührt: ungewöhnlichen Sprachbildern, Metaphern und Symbolen, die Auflösung von scheinbar zwingend logischen Prozessen, dichte und eindringende Bilder, sorgen in ihrer Fremdheit für eine ganz eigene Nähe.  

Der Roman ist gerade durch die Sprachgewalt, durch das Ausschöpfen der Nuancen, eine Anforderung an die Lesegenauigkeit, was sich dann aber lohnt. Was andere an Klitschebilder negativ ablehnten empfinde ich hier gerade als die Fähigkeit des Autors die Klitschehaftigkeit des Lebens an sich und hier der Menschen am scheinbaren Rande der Welt, so herauszuarbeiten, dass diese Klitsche nicht albern, sondern tragisch sind. 

Es ist die Fähigkeit der Sprache, die in dieser Welt des italienischen Borgo, in einer Burgenwelt der Vergangenheit, die bekannten Bilder des Robin Hood unter den Ganoven, der heiligen Hure mit jener radikalen Bosheit der Gesellschaft zu kombinieren und diese Bosheit, die viel zu oft in einem Wegschauen gipfelt, als höchste Form des Verrates, hier des Verrates an einem Kind, dem Lesenden entgegenzuschleudern. Schnell wird einem bewusst, das sind keine Geschichten, die nur in einem fernen Ecke geschehen, es sind Grundmuster, die wir selbst zu gut in unserem Leben entdecken könne: in Abstufungen, aber sie sind da.
Die beschriebene Ungerechtigkeit, der Neid, die Gewalt und Grausamkeit ist so grundsätzlich, dass sie nichts Besonderes mehr ist und gerade darin zeigt sich die Perversion. Gerade darin zeigt sich eine eventuell gewünschte moralische Botschaft, oder das aufrüttelnde Moment dieses Romans.

Nachdem ich die letzte Seite des Romans abgeschlossen hatte war sofort die Sehnsucht groß. Eine leere, eine grundsätzliche Traurigkeit war da und wie der Roman im letzten Satz verspricht, so geht es auch weiter, zurück zum Anfang, zu einem neuen, zum gleichen, aber zu einem Anfang, so dass auch ich sofort zurückblättern musste, um nochmal einzelne Stellen nachzulesen. Der Plot ist sicherlich nicht außergewöhnlich. Gesellschaftskritische Romane sind fast ein Spezialgebiet der italienischen Literatur und deshalb ist dieser Roman einzureihen in die Nähe von Werken wie „Christus kam nur bis Eboli“ etc. Die Geschichte ist schlicht, ja einfach, aber die Sprache ist ergreifend, fassend und allein deshalb lohnt es sich dieses Buch zur Hand zu nehmen. 

(Überschrift nach einem Zitat aus dem Buch, S. 56.)

Buch: Calaciura, Giosuè: Die Kinder des Borgo Vecchio. Berlin 2021.

Auch Krimis regen zum Denken an!

Walker, Martin; Connaisseur. Zürich 2020.

Eigentlich ist es egal, wie der einzelne Band der „Kommissar Bruno“-Reihe von Martin Walker ist. Lesen, das muss ich ihn, denn es ist eine Reihe und wer einmal angefangen hat, dürfte wohl eher nicht wieder aufhören. Aber nach einigen schwächeren Ausgaben steigert sich die Reihe spätestens seit dem neunten Band wieder und auch die aktuell erschienene Ausgabe, Band Nummer 12, bietet ausreichend Qualität, um in die Geschichte einzutauchen. Wohl wissend, dass es sich hier nicht um die hohe Literatur geht, sondern um anständig geschriebene Krimis.

Wieder ein neuer Fall für Bruno. Aus der anfänglichen einfachen freundschaftlichen Sorge um eine junge Dame, die vermisst wird, entwickelt sich ein weiterer Mordfall, den Bruno erkennt, untersucht und dann auch aufdeckt: Eine Leiche in einem Brunnen eines Schlosses. Eine junge Frau, Amerikanerin, sehr beliebt, jung, hübsch, intelligent, Spross einer reichen Familie, wird ermordet. Was steckt dahinter? Mit der Untersuchung des Mordfalls verwoben ist, wie in jedem Band, auch die Gaumenfreude Brunos, Geschichten und G’schichtle des Ortes, der Region der Freunde, ein bisschen Weltpolitik, ein bisschen Liebe – alles was es braucht, um keine Langeweile beim Lesen aufkommen zu lassen. 

So geht es in dieser Band wieder tief hinein in die französische Geschichte und zwar in jenen Teil, der auch heute noch seine braunen Schatten über Frankreich legt. Die Vichy-Zeit, der Algerienkrieg, Kolonialismus, der Gegensatz der Resistance und der im französischen Volk vorhandenen rassistischen und nationalsozialistischen Wurzeln, die heutigen Folgen daraus – all das wird angesprochen aber schlussendlich gekrönt mit einer Erinnerung an eine große Dame der französisch-amerikanischen Geschichte: Josephine Baker! 

Die kulinarisch-musikalisch-geschichtliche Grundstimmung auch dieses Buches lässt einen abtauchen in die sich dadurch breit machende Leichtigkeit, wirkt aber auch motivierend, sowohl zu einem ausführlichen Kochabend, wie auch zu einem weiteren Abend mit französischer Geschichte und auf alle Fälle zu einem weiteren Abend mit großartiger französischer Musik.

Die Walker-Krimis sind leichte Literatur. Auch trotz der vielen tiefen Themen und geschichtlichen Hintergrundinfos. Faszinierend ist dabei aber auch weiterhin die Figur des Bruno. Er leistet in seinem Beruf nichts Großartiges. Viele seiner Erfolge schafft er wahrlich nicht alleine und gerade darin zeigt sich ein Bildungsaspekt, den es nachzumachen gilt. Bruno ist kein besonders schlauer Ermittler, seinen ganzen Erfolg hat er aus einer einzigen Eigenschaft heraus, die er einfach perfektioniert: Der Lust und Neugierde an den Mitmenschen. Bruno leistet eines: Er bringt Menschen zusammen, er schafft Netzwerke, Kontakte und das an Stellen, in Situationen und unter Menschen, die sich sonst nie zusammenfinden würden und damit auch nicht zusammenwirken würden. An seinem Essenstisch versammeln sich Menschen unterschiedlicher Nationalität, Gesinnung, Berufsgruppen, Alter, … die eines dann doch vereint, die Neugierde am Leben, die positive Grundeinstellung, das Verlangen und die Sehnsucht nach dem Besonderen.

Ganz schlicht: Bruno ist Netzwerker, ja er betreibt Friendshiping! Das mag manchen so einfach erscheinen, ja banal, das ist es aber nicht, denn es steckt die tiefe Wahrheit dahinter, dass unser Leben so viel einfacher wäre, wenn wir dieses banale tun, mehr miteinander reden! Wenn wir äußere und innere Mauern, Denkmuster etc. abbauen würden. 

Dieser Aspekt wird in diesem Band verstärkt mit der mehrmals wiederholten Liedzeile der großen J. Baker „J’ai deux amours, mon pays et Paris“ – Es ist wohl die bekannteste Liedzeile der Sängerin, es ist der Titel ihrer Biografie, und es ist die Erinnerung, dass es in jedem Leben mehr gibt als nur eine Sichtweise, eine Liebe, ein Leben. Wer Frau Baker auf den Bannanenrock reduziert, der hat ihr Leben nicht verstanden, wer einen Menschen auf eine Erfahrung, Ebene reduziert, der hat das Leben nicht verstanden. 

Mir ist in diesem Buch endlich aufgegangen, warum ich diese Reihe wirklich lese. Weil ich gerne so sein will und es teilweise bin (oder mal war) wie Bruno. Das was Bruno tut, will ich auch tun, denn ich denke es ist das, was ich für die Welt tun kann: Menschen zusammenzubringen, Beziehungen schaffen! Das ist großartig, das verändert die Welt. Und in meinem aktuellen beruflichen Tun merke ich gerade, dass es dringend Not tut. Die Welt und damit auch die Kirche krankt genau daran, dass wir nichtmehr miteinander an einem Tisch sitzen, nicht nur ritualisiert in der Liturgie, sondern in all unserem Tun. Setzen wir uns wieder mehr an gemeinsame Tische, statt krampfhaft (wie ich in den letzten Tagen andauernd von einem gestrigenhören muss) „politisch zu denken“ und Abgrenzungen zu verfestigen. 

Selbst so ein schlichter Krimi zeigt uns was fehlt!