Israel 2017 Vierunddreißigster Tag

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Der letzte Tag in Israel geht so langsam seinem Ende entgegen. Wir lesen das Johannesevangelium und schweben somit in eine ganz andere Sprachwelt. Dazu passt eventuell auch der heutige Wind, der nicht nur unsere Gedanken durchwirbelt, sondern auch so manches Mal die Bibel und die Notizzettel. Sich sortieren, das ist wohl das Gebot der Stunde. Zwischen den nicht ganz einfachen Textstellen des Evangeliums schweife ich den ganzen Tag schon ab und denke an die Tage zurück und denke an die kommenden Tage. Der Koffer ist schon gepackt und braucht nur noch die letzten Sachen aufnehmen.

Die Wolken jagen über den Himmel. Wie meine Gedanken heute. Zwischen dem „Rumdenken“ hatten wir auch noch ein angenehmes Gespräch mit Bruder Matthias, der hier im Kloster lebt und sich bereit erklärt hat all unseren Fragen Antwort zu stehen. Es war gut mit ihm zu sprechen. Impulse hat er mir geschenkt zu der Frage was mir ein Leben im Kloster bedeutet.

Heute also das Johannesevangelium: Manches daraus ist uns in den letzten Tagen immer mal wieder begegnet. Gestern im Sonntagsevangelium die Geschichte der Frau am Brunnen oder eben gestern an der Primatskapelle das letzte Kapitel im Johannesevangelium und auch in Kapharnaum die Rede zum Brot des Lebens. Genauso präsent ist mir das erste Kapitel: Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott …Also wieder: bekannte Texte. Aber es gibt eben im Judentum die Aussage, dass jeder Mensch seinen Buchstaben zum Buch der Bücher hinzufügt – und so gilt es also auch heute wieder neue Blicke in das Buch zu werfen. Neue Blicke und neue Gedanken daraus zu bekommen.

Was mir heute unter vielen kleinen Punkten nochmal aufgefallen ist, ist ein kleiner Dialog am Teich von Betesta (Joh 5,7). Da spricht Jesus den Kranken an: Willst du gesund werden? – Und der Kranke antwortet nicht darauf, er weicht aus, er wird unpersönlich wo Jesus ihn persönlich anspricht, ihn persönlich um eine Antwort bittet. Wieso sagt er nicht einfach „Ja“, Ja ich will gesund werden. Stattdessen kommt ein „Aber“. Hier gibt es kein echtes Gespräch. Und trotzdem hilft Jesus und heilt, aber die Heilung erfolgt nicht ganz. Der Kranke „kennt Jesus nicht“. Es braucht eine zweite Begegnung.
Wer mich ein bisschen kennt, weiß, dass ich mich immer wieder mit diesem Thema beschäftige: Kommunikation! Daran sind ein paar Menschen „schuld“, die ich Gottseidank in der Zeit in Sasbach kennenlernen durfte und so lege ich diesem kleinen Dialog ein hoher Wert bei: Gott spricht an und der Mensch antwortet aber nicht auf die Frage, auf die Ansprache. Der Mensch weicht aus, er bleibt nicht auf der persönlichen Ebene sondern wird unpersönlich. Schlussendlich ist das ein Motiv, das sich durch die gesamte Bibel zieht. Schlussendlich ist das ein Motiv, das dem Mensch – auch und viel zu oft – mir selber zu Eigen ist. Auch ich weiche immer mal wieder der Frage aus: Liebst du mich? Willst die gesund werden …. Und darüber hinaus erlaube ich mir noch die These aufzustellen: Auch die Kirche (Priester, Seelsorger etc.) hat viel zu oft diese „Krankheit“ im Bezug auf den Laien, auf das Kirchenvolk.
Reden (wir/die) Hauptamtliche mit jenen die wir zu dienen haben? Oder überreden wir, reden wir an ihnen vorbei oder über sie hinweg? Ja oder reden wir überhaupt oder bedienen wir nur Meinungen, Vorstellungen etc? Gibt es in unserer Kirche ein Dialog oder nicht eher allein ein wiederholen von Meinungen, von Fragen die niemand hat oder das benennen von Antworten und Änderungsvorschlägen zu Fragen die gar nicht wirklich vorhanden sind? Gibt es in unserer Kirche eine Kommunikation, einen Dialog der den Namen verdient, also mit all den Grundlagen die es braucht um das auch zu tun? Bitte überzeugt mich jemand, dass ich da falsch liege. Das Buch von Frings, das ich gerade lese bestätigt mir jedoch teilweise meine These. Ich denke, dass in der Kommunikation der Schlüssel vieler unserer Probleme liegt. Sie gilt es zu verändern, ganz im Sinne Jesus, ganz im Sinne vieler Dialoge die wir gerade auch im Evangelium nach Johannes finden. Gott spricht und wir verstopfen unsere Ohren, damit wir nur das hören was wir wollen, kennen …. Ändere ich das bei mir als Vorbild, es wird Zeit. Herr, lass mich dein Wort ganz hören, schenke mirein offenes Herz, damit ich meine Ohren und Augen öffne um dich ganz zu finden.

Yad Vashem

Im Jahre 1953 entschied die Knesset, dass es in Erinnerung an die Shoa ein Erinnerungszentrum geben solle, das neben einer Ausstellung dafür Sorge zu tragen hat, dass die „Namen“ jener Menschen nicht vergessen werden, die in der Shoa ermordet wurden. Der Naziterror hat zwar hier in dieser Welt etwas „erreicht“ er hat Schrecken und Tod verbreitet, aber das Ziel des radikalen Todes, die Juden in ihrer Gänze als Volk zu vernichten wurde nicht erreicht. Die Menschen die leiden mussten sind nicht vergessen und nicht aus der Geschichte ausgemerzt.
Diese im Gesetz definierte Auftrag zeigt sich auch im Namen der Einrichtung selber, der sich auf einen Bibelvers bezieht. In Jes 56,5 heisst es: Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird“ – Und darum soll es hier gehen; Sorge zu tragen, dass die Namen nicht vergessen werden.

Zur Shoa wurde sehr viel schon gesagt. Sehr vieles wurde dazu auch schon missverstanden. Somit halte ich mich auch so weit als möglich zurück. In tiefer Trauer und Respekt habe ich die Stunden in diesen Räumen erlebt. Nie wieder! Da sollte jeder in seine Gehirnwindungen schreiben, wenn er sich im Rahmen dieses Besuchs daran erinnert, was Menschen anderen Menschen antun können. Yad Vashem ist für mich jedoch mehr als ein bloßes Erinnern. Yad Vashem ist ein Auftrag nicht zu vergessen in Respekt gegenüber jenen Menschen die in der Shoa gestorben sind, aus Respekt vor allen Menschen, damit so etwas nie wieder geschehen wird.

Hier in diesen Räumen gehört für mich auch der Liedtext von Shalom Ben-Chorin der nicht bei einer Trauer stehen bleibt die einengt sondern die Trauer weitet in eine Hoffnung, in ein Wissen, dass wir auch trotz der grauenhaften Ereignisse eine Zukunft besteht – in Gott:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht in Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
 Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.