Töten oder nicht?

Mich umtreibt schon seit einiger Zeit ein wichtiges Thema. Das der Abtreibung. Ich empfinde die Diskussion die hier geführt wird nicht als Zielführend, nicht als ehrlich und auch nicht menschenwürdig. Die Argumente der Pro Abtreibung kann ich nicht verstehen, ja ich finde sie geradezu oft zerstörerisch und beleidigend gegen die Menschheit selber. Ich finde aber auch die andere Seite, also die lauten Anti-Abtreibung-Fraktion unerträglich. Einfach nur gegen die Abtreibung zu sein ist mir zu wenig. Es braucht eine grundsätzliche Veränderung zu diesem Thema. Und so habe ich diesen Text geschrieben:

Vor wenigen Tagen hat der Papst einige Änderungen vorgenommen oder vornehmen lassen. Der einschlägige Artikel im KKK wurde nun geändert und die Todesstrafe ist auch von Seiten des Lehramtes ganz und gar abzulehnen. Diese Veränderung ist die Folge einer Entwicklung, eines immer wieder Fragens danach, wie wir unser Leben und unser gesellschaftliches Tun „im Lichte des Evangeliums“, an der frohen Botschaft, dass wir ganz und gar geliebt werden von Gott, ausrichten können.

Die Änderung des Artikels und die nun ganz in der Tradition von Johannes Paul II. und Benedikt XVI stehende Forderung nach Abschaffung der Todesstrafe hat, welch eine Überraschung für mich, in den Social Media sehr negative Kommentare hervorgerufen. Eine große Gruppe von Menschen kann dieses Umdenken nicht verstehen. Es scheint hier, dass es mehr Befürworter einer Todesstrafe gibt, als ich irgendwie erwartet habe. Wie der Papst sagt gibt es verschiedene Ebenen, warum die Todesstrafe abgeschafft gehört. Zu aller erst widerspricht sie der menschlichen Würde und unseren Zehn Geboten. Der Mensch hat kein Recht einen anderen Menschen zu töten, ihn am Leben zu hindern. Egal wie bösartig er sein mag. Eine sehr eng gefasste Ausnahme mag es hiervon noch geben, der Tyrannenmord. Dieser bleibt aber ein Problemfall zwischen Notwendigkeit, Verteidigung gegen das Böse und Schutz aller Menschen. Die Vorstellung, dass der Mensch von Gott geschaffen ist und grundsätzlich nach dem Guten strebt muss auch für Tyrannen, Diktatoren und Mörder gelten. Wir müssen hoffen, erwarten und auch die Möglichkeiten schaffen, dass böse Menschen sich ändern können. Ein weiteres, rein menschliches Argument was noch zur Ablehnung der Todesstrafe hinzukommt ist die Frage nach dem Justizirrtum. Eine vollzogene Todesstrafe kann nicht behoben werden und auch hier wird nicht die Möglichkeit zur Besserung geschaffen.

Aber wie gesagt, es fasziniert mich, dass wir heute in unserer Gesellschaft wohl wieder einen größer werdenden Anteil an Befürwortern der Todesstrafe bekommen. Töten in Einzelfällen ist wohl wieder gesellschaftlich stärker akzeptiert. Oder ist es einfach der Fall, dass es einfacher ist? Man schafft sich mit einer Forderung nach Tötung das Problem vom Leib. Und danach ist ja auch wieder alles gut. Ist es das aber wirklich? Ist alles wieder gut, wenn der/die TäterIn getötet wurde? Sind Wunden geheilt, Strafen gebüßt? Doch wohl eher nicht, oder? Vielmehr sind weitere Auseinandersetzungen umgangen. Heilung, Buße, Sühne und Verzeihen – all das ist durch eine Tötung nicht erreicht und mit dem Gefühl der Genugtuung zu leben ist auch nur eine Ausflucht.

Eine andere Form der Tötung, die immer wieder salonfähig gemacht werden soll ist die Tötung am Anfang und am Ende des Lebens. Während die Todesstrafe Ausdruck der Freiheit der Gesellschaft sein soll, sich von ihren Problemen zu befreien, so soll die Möglichkeit der Tötung am Anfang und Ende des Lebens auch Freiheit ausdrücken. Die Freiheit der Mutter soll gewahrt bleiben, denn ihr Bauch gehört nur ihr und die Freiheit des Menschen, der sich aufgrund von Krankheit und Gebrechlichkeit unfrei fühlt (oder zu fühlen hat), soll gewahrt bleiben in dem er seinem Leben selbstgewählt (?) ein Ende setzt.

In beiden Fällen werden emotionale Argumente gebracht. Bei der Tötung am Lebensanfang, der Abtreibung wird immer wieder auf Vergewaltigungen hingewiesen, auf Lebensgefahr bei der Mutter. Aber erstmal dazu ein paar Zahlen: Abtreibungen aufgrund von Vergewaltigungen erfolgten in Deutschland nach der Erhebung des statistischen Bundesamtes im Jahr 2017 20 mal. Aufgrund medizinischer Indikation waren es im gleichen Jahr 3.911 Fälle. Nach Beratung erfolgten in Deutschland dann weitere über 97 Tsd. Abtreibungen.

Schmerzt das keinen? Der Mensch bezeichnet sich ja gerne als Vernunftswesen. Wir sind ja auch sehr gerne human. Was uns doch eigentlich verpflichtet ethisch zu sein, moralisch zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Wer übernimmt die Verantwortung, dass wir uns in einer Gesellschaft befinden in der es wohl irgendwie normal ist, dass über 97 Tsd. junge Menschenleben getötet werden. Auf diese Aussage werden wahrscheinlich auch weitere emotionale Argumente kommen: zu jung, ungeplant, kein Geld, Schicksalsschlag, … im Einzelfall sicher alles zu verstehen. Aber jeder Einzelfall ist eine Anklage an die Gesellschaft, denn nicht die Abtreibung, das Recht auf Tötung sollte ein Menschenrecht sein, sondern die Würde des Menschen, die Möglichkeit, dass jeder Mensch leben kann sollte im Mittelpunkt stehen. Auch die Würde des noch ungeborenen Lebens. Abtreibung ist nicht Ausdruck der Freiheit. Von wem auch? Vom Kind? Von der Mutter? Abtreibung ist das sichtbare Versagen der Gesellschaft, dass die Menschen in unserem Staat eben nicht alle würdig leben können.

Wer übernimmt die Verantwortung dafür, dass wir das Recht des Menschen auf Leben am Anfang des Lebens mit Füßen treten? Wer übernimmt endlich die Verantwortung, dass (junge) Frauen in einer Gesellschaft leben in der sie nicht die Möglichkeit haben Kinder zu bekommen, wenn es ungeplant der Fall ist. Auch die 20 Abtreibung durch Vergewaltigung sind zu viel. Nicht weil ich die Frauen nicht verstehen kann sondern weil wir in einer Gesellschaft leben in der Vergewaltigung noch vorhanden ist. Abtreibung ist eine Reaktion auf Symptome, keine Sicherung der Lebensqualität unserer Menschheit.

Das Recht auf Leben, das sich durch den Satz „Du sollst nicht töten“ und durch die Würde des Menschen aus der Ebenbildlichkeit heraus ergibt ist mehr als ein Nein zur Abtreibung. Es ist die Forderung, dass wir auch wirklich ein Leben in Würde leben können und dass es irgendwann keine menschlich hervorgerufenen und nicht veränderbare Gründe mehr geben kann um Abtreibungen in Erwägung zu ziehen.

Die Verantwortung, dass sich was verändert liegt nicht bei irgendwelchen „da oben“ und kann auch nicht durch irgendwelche halbherzigen finanzielle Unterstützungen abgewendet werden. Die „da oben“ haben die Verantwortung, das Leben juristisch zu schützen. Die Veränderung, die erfolgen muss liegt bei „denen da unten“ – bei jedem von uns, in der Gesellschaft selber.

Wer das Recht auf Leben ernst nimmt, der kommt in Einzelsituationen (Vergewaltigung, medizinische Indikationen) in ein Dilemma. Schutz des Lebens ist keine einfache Sache, es ist eine lebensentscheidende Frage für Kind und Mutter und für alle Menschen, die zur Mutter gehören. Aber dieses Dilemma gilt es auszuhalten. Deshalb haben wir Menschen den Verstand, darin zeigt sich die Freiheit des Menschen und die Würde, dass er eben in einem Dilemma zu einer gut abgewogenen Entscheidung gelangt. Familie und Freunde, Seelsorger und Beratung haben hier in den einzelnen Situationen den Weg mitzugehen und eine Entscheidung zu begleiten. Die Entscheidung dazu kann alleine die Frau treffen, in der Gewissheit, dass sie geliebt wird und dass sie nicht alleine ist. Die Entscheidung kann aber nicht befördert oder abgewendet werden indem Abtreibung pauschal legalisiert oder verharmlost wird.

Somit nochmal: Wer übernimmt die Verantwortung für die Menschen? Für die ungeborenen aber auch für jene, die sich für eine Abtreibung entscheiden (müssen). Mit Geld und einer Beratungssitzung ist das nicht getan. Die Mütter bleiben allein mit ihren Ängsten und Sorgen. Wir drücken uns davor hier zur Seite zu stehen. Viel lieber fordern wir das Recht auf Abtreibung, wir legalisieren die Abtreibung! Das ist keine Hilfe, kein Einstehen für Rechte, das ist ein Abhauen vor dem Dilemma, vor der gegenseitigen Verantwortung für all die Menschen, die in Situationen sich befinden in denen Abtreibung eine Frage wird.

Der verborgene Gott?

Ein verborgener Gott – ist Gott das wirklich? Im heutigen Tagesgebet (MB 313,22) sprechen wir ihn als verborgenen Gott an. Aber nochmal: Ist er das? Verbirgt sich Gott vor uns? Oder verdecken/verbergen wir ihn vielmehr selbst vor uns? Verdecken wir ihn nicht eventuell mit all den Ersatzgöttern, die eben im unseren Alltag greifbarer sind, die schneller angreifbar sind und schneller zu Sündenböcken gemacht werden können?

Zum Sündenbock, oder zum Lückenfüller können wir Gott nicht machen, da gibt es nur ein entweder – oder. Gott anerkennen bedeutet, uns als Menschen anerkennen einzuordnen in die Schöpfung und dann können wir Gott nicht mehr für alles verantwortlich machen, denn Gott stellt uns in die Freiheit. Das ist anstrengend, zehrend, nervend. Damit übergibt uns Gott Verantwortung – Verantwortung, die wir annehmen, oder eben nicht. Prüfen wir uns heute einmal ob wir die Freiheit die Gott uns schenkt annehmen, ob wir die Verantwortung, die er uns übergibt leben.

 

Noch immer Bäume pflanzen …

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Aufgewachsen bin ich in einer elterlichen Welt der Widerstandsmusik. Puff the Magig dreagon kenne ich, Peter, Paul and Mary, Joaen Baez höre ich genauso wie John Denver und Santana … ich mag die Gedanken, ich finde die Zeit gut und der Widerstand gegen veraltete Strukturen. Ich mag es mir vorzustellen, dass Menschen für ihre Meinung auf die Straße gehen, friedlich demonstrieren und sich damit die Welt, die Politik verändert. Aber ich sage die Zweifel laut, ob diese Zeit und die damaligen Methoden eventuell vorbei sind. Andere fragen das nicht und das merkte ich, als ich auf einem Feld vor den Toren von Jerusalem eine Schaufel in die Hand gedrückt bekommen habe, um einen Baum gegen die bösen Israeli zu pflanzen – und ich habe nicht verstanden warum, warum … noch immer! Ich habe es getan, ich saß auch in einem Erdloch und habe mir die emotionalen Geschichten, die Lebensdramen angehört und es tut mir leid, mir blieb allein ein fahler Geschmack. Es tut mir wirklich leid, aber ich verstehe es nicht … was ich da dachte habe ich in mein Handy diktiert und vergessen. Hier die Gedanken:  

Wir leben wohl in einer Zeit die keine Antworten mehr hat, und keine echten Fragen. Oder noch trauriger, wir leben in einer Welt in der die Handlungen und das Tun von Gestern sind, wir drehen schlussendlich noch immer die gleichen Kreise, zu den gleichen Themen der letzten 50 Jahre.  Wir Pflanzen noch immer Bäume – und auch wieder auf illegalem Land –  reden von Brücken die wir bauen wollen und von frisch gebahnten Wegen, die wir ziehen wollen ohne miteinander zu reden. Wir tönen die alten Parolen, die alten Worte und die alten Modelle in die Welt hinein, wir akzeptieren die alte Propaganda die wir nicht mehr hinterfragen, die wir selber nicht mehr glauben.

Noch immer stehen wir in Israel und bejammern die Flüchtlinge, die zwischenzeitlich in der dritten Generation leben und dies in Flüchtlingslagern die eine bessere Infrastruktur haben als so manch eine russische Stadt. Wir akzeptieren, ja wir pflegen und lieben die alten Denkstrukturen ohne die Kruste aufzubrechen. Wir empören uns. Und dann treffen wir uns zu Friedensterminen, Konferenzen und anderen Begegnungen um schöne Bilder zu bekommen und feine Worte zu Papiere zu bekommen und immer noch reden wir nicht miteinander. Aber wir geben Stellungnahmen, Einschätzungen und Erwartungen ab. Wir sind Westler, wir verstehen die Welt, warum macht das nicht jeder so wie wir es wollen? Wer es nicht so will, wie wir es denken, der ist dumm.

Wer sich aber dann eines Tages gegen bäumepflanzen und friedenskettenbilden stellt, ist ein Mensch der den Wert nicht versteht, ein Nestbeschmutzer, einer der die Arbeit der Vorgänger nicht schätzt, denn er zerstört schlussendlich die heimelige Wohlfühlsituation, die gut gemauerte Lebensplanung, die so manch ein würdiger, verdienter und altgedienter Aktivist sich gebaut hat. Wer die Frage des „Warum“ stellt, an Menschen, die „etwas tun wollen“ stört, denn er zwingt zum Nachdenken, zwingt dazu aus den eigenen Sicherheiten heraus zu treten. Es ist so schön und einfach, heute im Jahr 2017, nach einem gepflanzten Baum die Hände, die man sich ja extra schmutzig gemacht hat, ganz kollegial mit den Landarbeitern an den Hosen abzustreifen und voller innerer Entspanntheit, ja auch mit einem wohl verdienten Maße an Wohlgefälligkeit zum biologisch angebauten Essen überzugehen und sich dann über jene aufzuregen, die gar nichts tun.

Wer solch einen Text schreibt, ja wer nur solche Worte denkt, ist ein Unmensch, einer der nicht versteht. Der hat es leicht, so entspannt hinter seinem PC während die wahren Menschen an Schlagbäumen stehen und Menschen zählen, während die guten Menschen hinter jedem möglichen Gewaltakt herrennen und stehst die jeweils genehme Seite ausblenden und die bösen Machenschaften der anderen auflisten. Der, der so schreibt ist der Nestbeschmutzer der Friedenswoller, ja schon fast ein Mörder, denn durch ihn wird weniger geholfen, wird weniger demonstriert und weniger auf das Unrecht der Welt gezeigt.

Aber was ist denn unrecht? Wer ist denn der oder die böse Seite? Wer hat denn angefangen? Noch immer eilen Menschen durch die Welt und teilen diese in Gut und Böse ein. Noch immer tragen die einen Schal und die anderen schaufeln Erde. Noch immer, noch immer … ja noch immer dreht sich die Welt und noch immer finden wir keine Veränderung in all den Problemen. Warum? Ich weiß es nicht. Nein, das stimmt nicht, ich will es nicht wissen, denn auch ich habe mich eingerichtet. Schweigen, nur hin und wieder mal ein bisschen ausbrechend um das Gewissen zu beruhigen, sitze ich auf meinem achtel Lorbeerblatt – und mache nichts. Eventuell sollte ich doch auch lieber Bäume pflanzen, denn es beruhigt das Gewissen, auch wenn ich weiß, dass Anderes mehr helfen würde – aber das bedeutet mein Leben zu ändern. Mein Leben, hier und jetzt, schmerzhaft, denn ich würde mit Menschen hier in Deutschland streit bekommen, wegen diesen Menschen da, weit weg von mir, die … ach das geht mich doch einfach auch nichts an. Die sollen ihre Probleme selber regeln. – Pfui Teufel, Björn, Pfui Teufel, … wer kann sich denn von uns noch im Spiegel anschauen, nach einer Baumpflanzaktion, nach einem Blick in die Tageszeitung …