Bin ich Antifaschist?

Eine komische Diskussion, dieses Thema „Antifa“. Trump will Sündenböcke, um seine Schwächen zu vertuschen. Das ist eine Handlung, die alt und gut geprobt ist. Dass es dies tut zeigt, wie nah er diktatorischen, absolutistischen, oligarchen Staatslenkern ist. 

Viele Reaktion gab es. Verschiedene PolitikerInnen sagten, schrieben, twitterten, dass sie Antifaschisten seien. Dabei präsentierten sich die Reaktionen oft genauso unreflektiert, wie die Aussage des Herrn Trump. Während er unter Antifa alles anarchistische und linke und damit liberale Denken abstempelt, reduzieren jene, die reagieren, oft genug die Antifa, auf den reinen „guten“ antifaschistischen Kontext und blenden aus, dass sich unter dem Schlagwort auch anarchistische und marxistischen engführenden Denkweise und damit auch gewaltverherrlichende und ausgrenzende Gruppen subsumieren.

In all seiner Dummheit hat Trump mit dieser Sündenbock-Methode eine Diskussionsgrundlage geschaffen, die notwendig in der aktuellen politischen Situation ist. Eine dauerhafte Diffamierung der antifaschistischen Bewegung(en), wäre nämlich auf Dauer eine große Gefahr und kommt den rechten Gruppen sehr zupass, denn wenn aus dieser Diskussion die antifaschistischen Gruppen als unhaltbar und nicht vertretbar heraustreten, dann haben die rassistischen und faschistischen Bewegungen der Neuzeit das erreicht, was Nationalsozialismus, Stalinismus, italienischer Faschismus und Co. nicht geschafft haben. Der Antifaschismus war und ist ein entscheidender Gegner von Diktaturen und Rassisten. 

Daher ist es ungemein wichtig, dass wir uns alle mit diesem Thema auseinandersetzten. Die Beschäftigung mit der Frage „Wie ich dazu stehe?“ ist die Prophylaxe die jeder Mensch als politischer Mensch braucht um nicht von den Rattenfängern der neuen Rechten (ADF, Pegida, Identitäre Bewegungen, Reichsbürger etc.) geblendet zu werden.

Als im Jahr 2019 sich die Italiener gegen die Rassisten und Faschisten in ihrem Land (u. a. Lega) aufbegehrten sangen sie ein Lied, das in Deutschland aktuell als Partyschlager bekannt ist: „Bella Ciao“, in Italien aber, wie nur wenige andere Lieder eben für den Widerstand der Italiener gegen den Italo-Faschismus und gegen die Nazi-Besatzung steht. Die Botschaft des Liedes ist klar: „Es gilt für die Freiheit, gegen die Gewalt des Faschismus, zu kämpfen“!

Aber diese Botschaft wurde und wird negiert. Ganz schnell und erfolgreich ist es, wenn alles, was antifaschistisch ist, pauschal mit Anarchie oder mit den Abarten des Kommunismus gleichgesetzt wird. Diesen Bildern entgegen steht dann strahlend und glänzend ein „Gutes Deutschland“ ein „Freies Italien“ etc. der AFD, Lega, AF, FPÖ und Co.

Daher gilt es die Augen zu öffnen und das Hirn einzuschalten. Über Parteigrenzen hinweg, über Kirchenmauern und Ideologien hinweg braucht es ein gegenseitiges Verstehen und eine Einigung auf Grundwerte, die jeder, aus seiner Grundhaltung heraus, vertreten kann. Wir brauchen diesen Konsens, wir brauchen diese Offenheit, um uns vor dem zu schützen, was in den nächsten Jahren wieder stärker aufbrechen kann.

Ich bin der Meinung: Ein gewaltfreier und erfolgreicher Kampf gegen den Faschismus ist nur dann zu führen, wenn wir nicht Gegner produzieren oder benennen und uns an ihnen „abarbeiten“ sondern wenn wir Werte annehmen, die wir nicht zur Diskussion stellen, sondern reflektieren, wenn wir Beziehungen schaffen und Ziele nicht aus den Augen verlieren.

Aufrichten

Es ist wie eine Überschrift meiner Tage hier, die ganz plötzlich auf mich zukam, heute Morgen. Das Wort des Zelebranten hat mich getroffen und mich erschüttert. Seine Predigt war kurz und er meinte – erst in deutsch und dann in spanisch – wenn wir von den heutigen Texten der Liturgie etwas behalten sollten dann das: „Richte dich auf, denn Gott wirkt/arbeitet in dir“.

Das sind deshalb großartige Worte für mich, da sie eben hier, in Spanien, in deutscher Sprache, fast direkt an mich gesprochen waren. Es sind deshalb großartige Worte für mich, da ich im Jahr 2019 (zuerst unfreiwillig) Abschied nahm von Menschen, die mir eben gerade immer und immer wieder klar machten, dass das, was ich bin, keinen interessiert. In ganz vielen Handlungen, aber auch in Worten wurde das was und wer ich bin negiert. Subtil und wahrscheinlich noch nicht einmal ganz bewusst bösartig, aber mit System.

Als ich zu Weihnachten 2016 in Rom war sagte mir ein geistlicher Freund damals im Gespräch, dass es auf meinem Entwicklungsweg der nächsten Jahre nicht ganz so einfach sein wird, weil ich an vielen Punkten schon sehr weit wäre und das, was geändert werden müsste, ganz kleine Schritte sind, aber ganz tiefe und intensive. Er forderte von mir, dass ich genau hier aktive Hilfe einforderte. Er forderte von mir genau hier ganz viel Kraft und Motivation weiter zu gehen.

Aber er konnte nicht ahnen, dass ich mich in einem Umfeld befand, das für diese Ratschläge nicht gut war. Ein Umfeld, das mir nicht die Hilfe gab, die ich brauchte. Und heraus kam die Tatsache, dass ich von Woche zu Woche, von Monat zu Monat mich immer wertloser, schwächer, dümmer und unwichtiger empfand. Das was ich konnte, das was ich machte, war nichts wert und statt Demut waren andere Formen gewünscht. Und das schlimmste: Ich machte mit, akzeptierte und hatte Angst, die mich lähmte.

Und nun steht da ein Pater der sagt so was und dann noch in deutscher Sprache. Wie kann ich mich aufrichten, wenn ich am Boden liege?

Aber er hat recht. Gott arbeitet und wirkt in mir. Mit Gott konnte ich das lernen, was ich kann, mit ihm und dank ihm. Die Berufung zum Priester umfasst auch ein ganz genaues Apostolat in dem er mir Gaben, Eigenschaften, Kompetenzen und Charismen geschenkt hat. Dank ihm waren die Menschen da die ich brauchte. Dank ihm kann ich das Überstehen, was ich an Schmerzen erlebe in dieser Welt, durch Mitmenschen. Er hat mir auch dafür was gegeben: Kraft und meinen Glauben.

Und ja, der Pater hat recht. Ja ich kann aufstehen, denn ich bin Christ, ich bin Gottes geliebtes Kind, mit all seinen Schwächen und guten Eigenschaften, ich bin ein Diener der in Freiheit die Berufung leben kann. Aber es wird dauern, bis ich mich wieder ganz aufrichte. Und genau in dieser Situation merke ich, dass ich auf die Ankunft hoffe. Ich hoffe, dass dies der letzte Advent ist!

Entscheidung, Berufung – Fragen …

„Was bisher nur ein theologisches Konzept oder ein Bild gewesen ist, muss jetzt gesucht und geliebt werden: „Die Vereinigung mit Gott.“ So geheimnisvoll, dass der Mensch am Ende vielleicht alles tun würde, um ihr zu entgehen, sobald er erkennt, dass sie ein für alle Mal das Ende seiner eigenen Ego-Selbstwahrnehmung bedeutet. Bin ich bereit? Natürlich nicht. Doch der Weg meines Lebens verläuft in diese Richtung.“ – Das schreibt Thomas Merton in seinem Tagebuch und er berührt da bei mir viele Fragen und Anfragen:

Was bedeutet denn „Berufung“. Wir beten andauernd für Berufung, wir verwenden das Wort für alle möglichen Berufszweige. „Ich bin berufen zum Arzt, Lehrer, Priester, Ordensschwester, zur Ehe, …“  – einfach zu ganz vielem kann man berufen sein, oder es wird zumindest gesagt.

Was bedeutet das aber? Für mich bedeutet „Berufen sein“, dass ich in irgendeine Situation, Lebensform durch Kompetenzen, Charismen o. eben durch den Ruf Gottes hineingestellt bin. „Berufen sein“ ist für mich von Gott einen Auftrag zu hören und anzunehmen.

Das bedeutet aber doch auch unverfügbar zu sein für andere Dinge. Ich komme damit gut zurecht, ich kann darin glücklich leben, da ich einen Freiheitsbegriff lebe, der mich eben nicht unabhängig macht, sondern frei zu leben. Aber wie passt das Thema der „Berufung“ in die heute geführte Freiheits-Diskussion? Gerade im Bezug auf Lebensplanung und Beziehung gilt doch allenthalben: Der Mensch ist absolut frei und unabhängig! Er ist frei zu entscheiden, was er tut, wie er lebt und liebt, wie er … was auch immer.

Wie passt da dieses in vieler Munde befindliche Wort Berufung zur Freiheit und auch gerade im Bezug auf Beziehung, Geschlecht etc.?

Hat Merton recht? Seine Vorstellung von Berufung, also im kirchlichen Bereich, im Blick auf Gott, was bedeutet das denn? Diese Ausrichtung auf Gott, diese überall propagierte Forderung des „Lebenslang“ und des „ganz und gar“; z.b. ja auch in der Ehe, im geweihten Leben oder bei Priestern, ja vergessen wir es nicht zuallererst in der Taufe – lebenslang ab der öffentlichen Bekundung! Aber bedeutet Berufung das in der heutigen Zeit noch? Kann es das heute noch bedeuten, also ist das heute denn noch lebbar?

Ein weiterer Gedankengang:

Immer wieder lese ich, der Eintritt in den christlichen Glauben ist eine „Entscheidungstat“. „Entscheidung“ ist eine Wahl aus mindestens zwei vorhandenen potenziellen Alternativen die zuvor eine Beschäftigung, eine Beachtung der übergeordneten Ziele verlangt. Entscheidung ist eine aktive Handlung. Das setzt Bereitschaft des Nachdenkens voraus. Der Bereitschaft alle möglichen Gesichtspunkte in die Entscheidung hinein zu nehmen, Objektivität, Distanz von Emotionen, …

Dazu kommen mir zwei Fragen: Erstens, wie steht das mit dem Thema „Entscheidungen“ heute? Wie ist die Entscheidungskultur in der heutigen Zeit, gerade im Blick auf das Thema „Freiheit“, aber auch auf das Thema „Sicherheit“ hin?

Und die zweite Frage wäre – im Blick auf die Bedeutung des Wortes „Berufung“ – hat dieses Wort heute eine Bedeutung haben auf der Ebene „och ich habe keine Wahl, macht mich nicht verantwortlich für die Entscheidung,“ oder gar dem Versuch sich vor dem Nachdenken zu drücken? Und wenn ja, was ist dann die heutige Form der „Berufung“ des sich ganz auf jemand anderen Einlassen und sich ihm zur Verfügung stellen?