Der Narr und Christus

Wenn die Heilsgeschichte im eigenen Ort stattfindet … Und das tut sie, zumindest auf diesem Bild, das ihr hier seht. Hinten rechts, die Stadt, die zu sehen ist, das ist Radolfzell. Von dort kommt die Gruppe, die man im Vordergrund sieht. Und wo geht’s hin? Nach Jerusalem, nach Golgatha. In der Mitte Christus, umgeben von Menschen aus der Zeit, in der das Bild entstanden ist. Menschen, die das durchleben, die das miterleben, die das mitverursachen, was hier geschieht, was damals geschehen ist.

Und Christus voraus: Der Narr! Im Narrengewand, mit Eselsohr und zweifarbigem Gewand zieht er Christus zur Kreuzigung. Er verstärkt das Leid des Messias, er befördert das Leid, eventuell ist er gar der Grund warum Christus die Verantwortung übernimmt für das grad steht, was der Narr verschuldet hat.

Hier ist die Heilsgeschichte nun eingebunden in das Leben der mittelalterlichen Stadt Radolfzell. Der Leidensweg Christi ist nicht fern, sondern hat was mit mir zu tun. Mit mir dem Bürger, der Bürgerin dieser Stadt. Wahrscheinlich sind die Gesichter, die wir sehen, Gesichter von damals lebenden Menschen. Sowohl von der hier auftretenden Rolle der Veronika wie von den gaffenden Menschen, ja selbst des Narren Gesicht wird ein lebendiges Vorbild haben.

Damals standen die Menschen vor dem Bild und haben verstanden: Das Bild zeigt mein Leben! Christus ist nicht irgendwann gestorben, er stirbt immer wieder, weil ich es nicht verhindere, sondern durch mein Tun, das nicht der Botschaft entspricht, es befördere. Mein Tun, zieht ihn geradezu auf den Hügel. Das aber auch, wenn ich nur am Straßenrand stehe und gaffe (ich mache ja nix) oder als Soldat unbeteiligt drein schaue. Ich habe doch nichts damit zu tun, was um mich rum geschieht. Die anderen (die Hohen, die Amtsinhaber, die … sind daran schuld). Und dann gibt’s auch die Momente, da prägt sich mir die Botschaft ein. Wie das Antlitz Christi auf dem weißen Tuch.

Der Narr, Ausschnitt aus dem Wandgemälde im Münster von Radolfzell.

Und der Narr? Der steht hier als Prototyp, einer der eben nie erkennt, wann genug ist. Das ist nicht der Narr, der an Fasnet gut närrisch ist, und dann auch weiß, wann Fasnet rum ist, wann das Feiern fertig und der Alltag wieder da ist. Das ist nicht der Narr, der weiß, was des Lebens Mitte, was Grundlage eines menschlichen Tun ist. Hier zeigt sich der Narr, der immer weiter rennt. Der nicht sich umschaut, sich nicht auf die Mitmenschen konzentriert. Der Narr hier ist jener, der alles auf sich ausrichtet, der Besitz, Lust, Befriedigung als das einzig Erstrebenswerte sieht, der das Äußere hochlobt, dem das bunte Gewand wichtiger ist als das was darin steckt.

Dieser Narr hier zieht auch schlussendlich sich selbst ins Verderben, denn er landet auch auf Golgatha und dort ist er nicht jener, der am Kreuz noch um Vergebung bittet. Aber nicht nur der Narr ist hier närrisch. Alle die ihn nicht daran hindern, ziehen mit. Wer das Böse tut, treibt sich auf diesem Weg weiter, wer aber nichts tut, der tut nicht das Gute! Gaffer, Wegschauer, Schreier, Schweiger – das Volk am Straßenrand, das sich wegduckt, wegguckt, ist am Schlechten mitbeteiligt. Das Bild erinnert: Das Heil kann hier geschehen. Das Heil kann aber auch hier vergehen und nur ein gar schlechter Narr vergisst das.

Aus der Distanz ..

Ja, heute ist Schmotzige Dunschtig und ich bin nicht in Radolfzell. Auch wenn das nicht das erste Mal ist, dann ist das noch immer ein komisches Gefühl. Wie einem die Fasnet – gerade die Radolfzeller Fasnet – doch prägen kann.

Und aus der Distanz fällt mir nochmal auf, was mir fehlt, bzw. was mir eben so besonders gefällt an dieser Radolfzeller Fasnet. Dazu gehört vor allem die Musik die man in Radolfzell hören, ja erleben kann. Das fällt einem Radolfzeller im „Exil“ erst dann wirklich auf, wenn man am Schmotzigen, ganz früh am Morgen, durch Straßen läuft und nichts zu hören ist. Keine Trommeln von Fanfarenzügen, der Garde o. Ä. keine Töne der Musiken, … keine Klepperle. Und dabei sind diese Morgenlaute, doch wirklich was besonderes, dieses Nachhallen von Musik am frühen Morgen, das durch Hauswände verstärkt, durch ganze Stadtteile schallt.

Ganz besonders fehlt mir die Musik der Froschenkapelle. Ich bin mit ihr aufgewachsen. Sie ist nicht mehr die Truppe meiner Kindheit, sie hat sich – was gut ist – verändert und doch sehe und höre ich im Geiste die Musik, die mich geprägt hat. Beim Froschenmarsch, beim Narrenmarsch oder bei den alten Fasnetsschlagern bis hin zum „Treuen Husar“ juckts mir in den Fingern … denn in Radolfzell juckts den Narr zuerst in den Fingern und nicht wie überall auf der Welt in den Beinen. Schuld daran sind die Klepperle, die ich außerhalb der Radolfzeller Welt, oft nur heimlich anschlage.

Aus der Distanz fällt einem auch auf, was sonst so ganz besonders an der Zeller Fasnet ist. Das ist, neben all der Masse an Veranstaltungen, der Menge an Menschen, gerade immer die Besonderheit der kleinen Gruppen. Auf den Strassen, Gassen, Plätzen findet man sich zusammen. Ob in der Wirtschaft, in den Unternehmen am Schmotzigen, im Zunfthaus oder im Baum – egal wo, es sind die kleinen Kreise, die sich finden, die sich öffnen für Ankommende, die sich verändern weil Einzelne weiterziehen. Oder diese „Vor-treffen“ bevor es in die Stadt geht: Gemeinsam sich richten, ein Glas in der Hand, immer länger brauchend als geplant, weil es ja so viel zum schwätze gibt. Das am Abend vor dem Hemdglonkerumzug in die Stadt laufen, wenn man auf diesem Weg andere Hemdglonker trifft. Kurz redet, weiter zieht, die Gruppe sogar immer größer wird, zu einem ersten kleinen Prä-Umzug. Oder das Nachhause gehen, plötzlich läuft man nicht allein, und irgendwo auf dem Weg, völlig spontan, kehrt man noch irgendwo ein. Zu einem Schorle, zu einem Wasser, ja gar zu einer Suppe morgens früh um halb drei, bevor man dann gestärkt und bereit für den neuen Tag, weiter zieht … das ist alles Radolfzeller Fasnet.

Aus der Distanz fällt mir nochmal auf, wie bunt, wie persönlich, wie vielfältig die Radolfzeller Fasnet ist. Diese Farben- und Bilderpracht ist der Grund, warum ich mich so auf den Sonntagsumzug in Radolfzell freue. Ehrlich: Ich moderiere den Umzug nur deshalb so gerne, weil ich erstens so viele Menschen treffe und zweitens: Es gibt keine besseren Plätze als die Moderationsbühnen um diesen für mich schönsten Umzug, zu sehen. Den Luxus gönne ich mir.

Und wenn ich aus der Distanz zurück schaue, dann waren die schönsten Momente meiner Präsidenten/Zunftmeisterzeit jene in denen ich auf der Marktplatzbühne stehen durfte. Einen Marktplatz vor mir, so bunt, so vielfältig so richtig närrisch. Was gibt es denn an Fasnet schöneres als Radolfzeller Straßenfasnet?

Ich bin gespannt auf ‚meine‘ Tage in Radolfzell am Sonntag und eventuell Montag. Viel hat sich in meinem Leben seit der letzten Fasnet verändert, vieles hat mich verändert – eventuell ist die Fasnet genau der Ort, den ich brauche um wieder ein bisschen zum Lachen zu gelangen. Ich freu mich auf alle Fälle auf Radolfzell, auf die Narren, auf Freunde und Begegnungen. Aus der Distanz brenne ich darauf, Fasnet zu feiern.

Straßenfasnet

Noch ein paar Stunden für mich und meine Fasnetzeit 2019 geht zu Ende. Es war in diesen Tagen immer ein wunderbares Erlebnis. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass ich die schönen Momente der Radolfzeller Fasnet nicht mit „meinem“ Verein erlebt habe. Das ist aber eine Erfahrung, die ich schon seit vielen Jahren mache. Schon als ich Vorstand des Vereins war musste ich akzeptieren, dass ich eigentlich irgendwie ein Fremdkörper bin, der eine Fasnet feiert und lebt, die in diesem Verein nicht (mehr) gefeiert wird.

Dafür gibt es gute – sehr gute – Alternative die Radolfzeller Straßenfasnet und eben Radolfzeller die einfach Straßenfasnet feiern. Und das ist wunderbar.

Es ist wunderbar, wenn man in den Radolfzeller Wirtschaften, Besenwirtschaften oder auf der Straße feiern kann. Mit lachenden Menschen und mit so vielen Musiken, ob groß oder klein.

Am Fasnetsonntag bin ich um halb elf aus dem Haus und um zehn am Abend nach Hause gekommen. Manches mal war es später, aber auf dem Heimweg ist mir wieder bewusst geworden: Es geht nicht um die Zeit, nicht um die Alkoholmenge, sondern um das grundsätzliche Gefühl der Freude und der Gemeinschaft und die konnte ich wieder erleben. Radolfzell sei dank!

Als ehemaliger Vorstand habe ich mir schon zu den aktiven Zeiten die Frage gestellt, wie Fasnet im 21. Jhdt. gefeiert werden kann. Die einzige Antwort, die mir bisher wirklich dazu kam und auch weiter kommt ist das Schlagwort: „Straßenfasnet“. Nur wenn die Vereine gerade dies unterstützen, wenn die Vereine in großen Bereichen Abschied nehmen von in den 1980/90er Jahren gewachsenen Strukturen, von Programm und Hallen und endlich wieder eine Mentalität der Beizenfasnet um sich greift, kann sich was verändern und sich Fasnet erhalten. Musik, kleine Gruppen, Freude am Kostüm, gute Unterhaltung, Offenheit zwischen den Generationen – manches kann man jetzt schon erleben, vieles muss wachsen. Ich freue mich auf eine solche Fasnet.