Glaube zeigen!

Heute wird in vielen Gemeinden die Prozession zu Fronleichnam ausfallen und auch in den nachfolgenden Tagen nicht nachgeholt werden. Das ist traurig, es bietet aber die Möglichkeit heute ganz besonders darüber nachzudenken, wie ich denn da mitgelaufen wäre. Wäre ich einer gewesen, der hinter etwas her gelaufen wäre, und wenn es im besten Falle, die Monstranz gewesen wäre, oder wäre ich einer, der „mit dem sichtbaren Zeichen Jesu Christi“ auf die Straße gegangen wäre?

Nein, keine Wortspielerei soll das sein. Ich meine das ernst. Wir begründen unsere Prozessionen stets damit, dass wir unseren Glauben sichtbar in die Welt tragen wollen. Und ich finde es gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dazu gehört die Ausschmückung von Strassen und Plätzen, schöne Kleidung, liturgische Feierlichkeit und auch eine gewisse „Würde“. Aber dies darf nicht alles sein. Prozession, das Zeugnis geben unseres Glaubens, in unserer alltäglichen Lebenswelt, darf sich nicht auf Äusserlichkeiten inklusive Monstranz und Corpus Christi reduzieren.

Auch bei der Prozession gilt doch eine „tätige Teilnahme“. Das darf nicht reduziert werden auf die Frage, wie so viele als möglich die Monstranz tragen können. Das darf sich aber auch nicht konzentrieren auf das Schmücken, das Singen oder das „sich Benehmen“.

Mit dem Ansinnen unseren Glauben sichtbar aus den Kirchenmauern heraus zu tragen machen wir auch ganz besonders sichtbar, was es bedeutet in der Liturgie die Aufgabe der „tätigen Teilnahme“ als Gläubiger (christfideles) ernst zu nehmen. Daher meine Frage: Laufe ich hinterher oder bin ich ein Teil, dieses Zeichens?

Überlegungen zur Corona-Osterliturgie

Vor wenigen Tagen wurde von der „Gottesdienstkongregation“ einige Impulse und Anordnungen für die Feier der Karwoche und des Triduum herausgegeben. Dabei wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Situation „die Bischöfe und Presbyter die Riten der Karwoche ohne Beteiligung der Menschen, an einem geeigneten Ort alleine feiern“ (eigene Übersetzung von: Vescovi e i Presbiteri celebrino i riti della Settimana Santa senza concorso di popolo e in luogo adatto).

Weiter heisst es, dass: Die Gläubigen über den Beginn der Feierlichkeiten ( in den jeweiligen Kirchen) informiert werden müssen, damit sie in ihren Häusern gemeinsam beten können. Hilfreich können hierzu auch Livestreams oder TV-Übertragungen sein. Es ist in jedem Fall wichtig, ausreichend Zeit für das Gebet aufzuwenden, insbesondere durch die Feier der Tagzeitenliturgie. (Übersetz nach: „I fedeli siano avvisati dell’ora d’inizio delle celebrazioni in modo che possano unirsi in preghiera nelle proprie abitazioni. Potranno essere di aiuto i mezzi di comunicazione telematica in diretta, non registrata. In ogni caso rimane importante dedicare un congruo tempo alla preghiera, valorizzando soprattutto la Liturgia Horarum.„)

Nun ist das mit diesen Livestreams schon ein bisschen gespenstisch. Trotzdem bietet diese Art der Teilnahme in einer Form des „Schauens“ eine Bezugsgröße. Wenn dabei die Möglichkeit besteht über andere digitale Kommunikationsformen am Geschehen teilnehmen zu können, dann ist das eine schöne Erweiterung. Die allenthalben gerade vermisste „Beteiligung der Laien“ wäre nach der Krise ein guter Ansatzpunkt zur Diskussion, was denn unter „vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern“ (SC 14) gemeint ist. Im Moment habe ich gar das Gefühl, dass unter tätige Teilnahme ein: „Alle müssen beschäftigt sein!“, verstanden wird. Ich bin mir nicht sicher ob SC davon spricht, dass etwas aktiv getan werden muss, sondern, dass es Beteiligung gibt. Da dieser Punkt so entscheidend verbunden ist mit der „Liturgischen Bildung“ und damit zur Theologie Romano Guardini, wäre es gut, wenn wir hier nochmal uns ausführlich damit beschäftigen – nach Corona!

Aber was nun tun, während Corona. Ich kann mich nicht damit zufrieden geben, dass ich von Gründonnerstag bis Ostersonntag vor einem Bildschirm sitze und die Liturgie an mir vorüber ziehen lasse. Und mehr ist es nicht, denn in der Kürze der Zeit werden es die Verantwortlichen nicht schaffen, die Choreographie der Liturgie so zu prägen und rüberzubringen, dass hier „mehr“ geschieht – ein gelungenes Beispiel wäre das Sonder-Urbi-et-Orbi von Papst Franziskus.

Somit braucht es mehr, als „nur“ die digitale Teilnahme an der Eucharistie.

Der erste Ansatz gibt uns das Dekret der Kongregation: Die Tagzeitenliturgie. Die Gebetstradition, die bei Laien wie Priestern, vielerorts eingeschlafen ist, bietet einen großen Schatz. Wäre es nicht jetzt eine große Chance, die die Verantwortlichen für Liturgie in den Bistümern nützen könnten, um gerade anhand dieser Gebetsform den Gemeinden und dem ganzen Volk Gottes hier Materialien zur Hand zu geben, die in ganz eigener Form von dem Ereignis berichten und in das Ereignis hineinbegleiten?

In den Klöstern gehört zur Liturgie, gerade an Hochfesten, auch die gemeinsame Mahlzeit. In den Gemeinden gab es immer wieder mal die Versuche, zu einzelnen Terminen auch eine Tradition des „Tischwechsels“ einzuführen. Vom Tisch des Brotes/Weines und dem Tisch des Wortes hin zum Tisch der Sättigung. Wenn dies gelungen wäre, dann wäre das eine gute Grundlage für Pastoral 2030, denn solch eine Tradition würde zeigen, dass der Pfarrer, nur in der Eucharistie „Imago Christi“ ist und dass er eben ein Teil der Gläubigen ist. Dies Tradition haben wir aber so nicht, es ist jetzt aber die Möglichkeit damit zu beginnen! Ausgehend von der Familie.

Dabei könnten wir auf eine unserer (liturgischen) Wurzeln des Judentum blicken. In der Tradition des Pessachs (die Pessach Haggada wäre da Impulsgeberin) könnte es in den Familien einen kleinen Leitfaden des gemeinsamen Feiern geben. Dabei gilt es natürlich darauf zu achten, dass hier kein „Nachfeiern“ von Pessach (und auch nicht der Eucharistie) stattfindet. Aber sowohl am Gründonnerstag, wie auch in der Osternacht könnten hier zentrale Impulse gesetzt werden. Ausgehend von einem Dreischritt des Lobpreis – Dank – Bitte, könnte den Familien, Texte, Gebete und bekannte Lieder zur Hand gegeben werden, damit das gemeinsame Abendessen eben nicht nur eingenommen wird, sondern „zelebriert“ wird. Damit wird nicht nur das Ereignis nochmal zentral gewürdigt sondern auch Räume für neue Erfahrungen eröffnet oder für Erinnerungen, an andere gemeinsame Zeiten der Freude.

Das Feiern der heiligen Zeit würde so nochmal einen wirklichen Lebensbezug bekommen. Eucharistie (diesmal allein schauend) und Communio in Freude und Genuss.

Zusatz: Wie aber Karfreitag?

Dass der Karfreitag keine fremde, dem Alltag enthobene Liturgie ist, das zeigt eigentlich schon das Messbuch. Gerade der Karfreitag müsste ausserhalb von Corona jener Tag sein, der in seiner Tiefe mit einer Auseinandersetzung von Tod und Leben, in jeder Kirche einer Seelsorgeeinheit gefeiert wird. Und gerade deshalb ist es der Tag der den Alltag der Familie, jeder Person gerade im Blick auf Corona prägen kann und soll. Hier auch wieder die Tagzeitenliturgie als Ausgangspunkt, bieten die Texte der Karfreitagsliturgie viele Impulse zu einer Zeit der Stille und/oder des gemeinsamen Gebetes und Gesprächs. Die Passion zu lesen, oder in einer musikalischen Form zu Hause im Wohnzimmer zu hören, sich darüber auszutauschen, danach zentral die großen Fürbitten gemeinsam zu beten, sich bewusst zu werden, dass das nicht nur lange Texte sind, sondern unsere Verbundenheit untereinander, nicht nur im kleinen Kreis sondern Weltweit, ausdrücken, das sind Ansätze, die diesen Tag prägen. Darüber hinaus bietet dieser Tag, mehr denn je (eventuell mit dem Impuls von Papst Franziskus vom 27.03.2020) sich, im Angesicht des Sterbens Jesu, mit dem eigenen Leben, mit dem Tod, mit der Erinnerung an die Verstorbenen auseinanderzusetzen. So könnte dieser Tag, geprägt von Gebet, gemeinsamer Zeit, gemeinsamer Mahlzeit, zu einem echten Familientag werden.

  • Der Karfreitag könnte aber, gerade auch für die Technikfreunde, ein Gottesdienst sein, der interaktiv gefeiert wird.
  • Soweit ich weiß, gibt es kein Verbot des Kommunionempfangs. Welche Formen der Kommunionausteilung wären denn möglich? Wie wäre es, wenn wir hier ein bisschen kreativ wären?

Ökumene – wo?

Vor vier Jahren besuchte Papst Franziskus die lutherischen Kirche in Rom. Er war der dritte Papst, der diese Kirche besuchte, und lebte damit die Tradition weiter, dass er die tiefe Verbundenheit aller Christen, in seiner eigenen Sprache und Gesten, aufzeigte und betont.

Damals schon, in den Tagen danach und bis heute, bin ich fasziniert darüber wie sehr dieser Besuch und seine großartigen Worte und Gesten verschwiegen wird, ja wie sowohl in katholischen wie evangelischen Kreisen über eine eher steinbruchartige Auswahl von Zitaten, der Besuch nahezu abgewertet (zumindest marginalisiert) und die Impulse so fast negiert werden.

Zwei Impulse bleiben mir in Erinnerung und sind für mich Mahnung. Auf die Frage einer Frau, die in einer gemischt-konfessionellen Ehe lebt, antwortete der Papst in Anlehnung an Paulus: „Eine Taufe, ein Herr, ein Glaube. Sprecht mit dem Herrn und geht voran“. Und der andere Impuls ist für mich das Geschenk des Papstes an die Gemeinde von Rom, an den Pfarrer der Gemeinde. Papst Franziskus überreichte Pastor Kruse damals einen jener Zelebrationskelche, die er auf seinen pastoralen Reisen auch den Bischöfen überreicht.

Mit diesem Geschenk sehe ich u. a. ein Zeichen der Verbundenheit und eventuell ein weiterer Bezug dazu, was der Papst am Anfang seines Pontifikats gesagt hat: Er ist Bischof von Rom. Und in dieser Funktion, als Pontifex von Rom ist er Brückenbauer, beauftragt Einheiten zu schaffen und nicht zu trennen. Dieser Kelch ist für mich eine Brücke oder besser ein entscheidende Brückenpfeiler.

Aber auch das Zitat, der Impuls, den der Papst gesetzt hat, führt zu einer Brücke. Dabei hat er nicht eine Brücke gebaut, er hat vielmehr gezeigt, wie wir, das gemeinsame Volk Gottes, sie bauen können, diese Brücke. Denn die Brücke, die wir zur Einheit benötigen muss tief in uns beginnen, in der Gemeinschaft, im Glauben der einen Kirche. Baumeister dieser Brücke sind wir, wenn wir uns auf Gott einlassen, wenn wir im Gebet uns an den Bau machen, wenn wir im Bauen zulassen, dass der entscheidende Statiker und der bindende Mörtel der Heilige Geist ist.

Und dabei ist aus meiner Sicht – der Kelch und das Ziel des Pauluswortes unterstützen dies – die Eucharistie entscheidend. Eine Einheit ist erst dann erreicht und erst dann möglich, wenn wir uns auf die Eucharistie einlassen, wenn wir nicht nur darüber reden, wer sie einnehmen darf oder nicht, sondern wenn wir zutiefst ein eucharistisches Leben anstreben, wenn nicht die Handlung, sondern das Leben entscheidend ist. Bisher reden wir nur über Struktur und Regeln, wir müssen darüber reden, was uns verwandelt (hat). Wir müssen darüber reden was uns treibt, in jener Offenheit der Freiheit des Christenmenschen, die uns der Heilige Geist schenkt durch die Taufe, im Gebet, durch den Glauben.

Der Kelch ist der Ort, auf den die Brückenteile zulaufen, die wir bauen müssen. Er ist aber nicht Materie, er ist nicht ein Gral über dessen Bestand wir streiten sollten. Der Kelch ist das mehr, das wir nur gemeinsam erreichen.