Seelsorge – Reflexion

Jetzt, wo wir in Deutschland einen gewissen Moment der Krisenentspannung haben wäre es doch wichtig einmal nachzudenken, was alles war. Was ging gut, was lief falsch, wo haben wir versagt.

Um „die“ Kirche ist es ruhig geworden. Das Beste was hier gerade noch geschieht ist, dass es Kreise gibt, die sagen „da lief was falsch“ in der Krise. Doch statt diese Kritiker pauschal abzulehnen und sich zu brüsten mit einzelnen Handlungen wäre es doch sinnvoll sich hinzusetzten und nachzudenken.

Gerade die katholische Kirch hat in ihren Kreisen einen starken Digitalisierungsschub erlebt. Doch während Livestream und YouTube-Predigten anwuchsen veränderte sich das Denken nicht, oft genug gab es den alten Wein in neuen – oft sehr schnell, aus altem Stoff genähten – neuen Schläuchen. Wie gehen wir hier in Zukunft damit um? Wie schaffen wir es, veraltete Reaktionen und lähmende Systeme zu überwinden und jetzt, solange noch Gelder da sind, uns umzustellen, auszubilden, wieder auszurichten?

Oder in der Seelsorge. Im Verborgenen, an einzelnen Orten blühte sie auf. Doch viel zu oft verschwanden Hauptamtliche – Laien wie Priester – in der Versenkung, versteckten sich hinter Regeln und Anweisungen. Können wir daraus nicht lernen? Können wir nicht eventuell auch aus den Seelsorgeerfahrungen in der Krise, gerade bei unseren europäischen Nachbarn Italien, in die Schule gehen. Das Gute, das dort auf so manch einen vertrockneten Boden stieß als Impuls annehmen?

Oder wie ist das mit der Seelsorge in ganz besonderen Lebenslagen? In Gefängnisse, Krankenhäusern und Altenheimen? Wie sind wir da präsent gewesen? Auch dort, einzelne großartige Glaubenszeugen, die ihren Dienst übernommen haben, bis hin zur freiwilligen Bereitschaft zur Quarantäne. Was können wir daraus lernen? Wo können wir mehr tun, wo müssen wir unsere Prozesse verändern, wo hätten wir eventuell „als Kirche“ lauter reden müssen?

Einfach lesen

Giordano, Paolo; In Zeiten der Ansteckung. Hamburg 2020.

Klein, handlich, perfekt für die Tasche und damit für die Straßenbahn. Paolo Gioardano hat uns einen kleinen Text geschrieben, in dem er sich mit der Corona Krise beschäftigt und den Lesenden damit so manch einen Satz vorlegt, der nicht einfach nur gelesen, sondern durchdacht werden soll. Begonnen hat er die Text am 29. Februar, geendet Mitte März, also zu einem Zeitpunkt als die Spitze der Krise in Italien noch nicht erreicht war. 

Giordano, Physiker, geht ganz wissenschaftlich an dieses Thema heran, bzw. nein anders, er nimmt seine Ängste und seine Situation auf und ordnet diese ein, stellt dies in den Kontext seines fachlichen Wissens. Daraus wird ein Text, der motiviert, der anspricht, der einordnet, der Raum gibt zu einer differenzierten Haltung zur aktuellen Situation, den erfolgten Reaktionen und den entstandenen Problemen. Die letzten Zeilen laden darüber hinaus ein, diese als Apell zu lesen, damit wird das Büchlein zu einem Streittext, der auffordert. 

Ich wünschte mir, dass dieses Büchlein von all jenen gelesen wird die sich gerade lieber aufregen, aber trotzdem noch offen sind für Fakten. Jene, die schon ihre Entscheidungen und Verurteilungen getroffen haben, wird das Buch nicht zusagen, denn es verlangt die Bereitschaft nachzudenken.

Liturgie und Gottesdienst

Jetzt soll es dann wieder losgehen. Endlich wieder öffentliche Gottesdienste. Aber nur unter Einhaltung von Regeln. Zugangsbeschränkung, kleine Gruppen, Abstandsregel, keinen Gesang, …

Und schon regt sich Widerstand: Es sei, angesichts der Lage, nicht geboten Gottesdienste zu feiern. Diese Grundthese wird, stark vertreten von einigen Priestern, untermauert mit recht spannenden Aussagen und Behauptungen.

Eine These finde ich sehr spannend. „Gottesdienste sollten wir aktuell unterlassen, da aufgrund der Zugangsbeschränkungen, die Gefahr besteht, dass Besucher nicht teilnehmen dürfen“. Nun gilt zumindest in BaWü die Regelung, dass die Zugangsbeschränkung abhängig ist vom Feierort.

Und auch wenn ich, da ich meist nur in eine Kirche gehe, einen einseitigen Blick auf die Besucherzahlen habe, so erlaube ich mir die These aufzustellen, dass die genannte Aussage von einer Gemeindesituation ausgeht, die es nur (noch) in den seltensten Fällen gibt.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier eine Diskussion geführt wird, die mehr als je zuvor in einem volkskirchlichen Denken verhaftet ist. Das verwirrt mich, da diese Diskussionen von jener Seite geführt wird, die sich als „links“ oder „liberal“ bezeichnet.

Ist das wirklich unser Problem? Zu viele Gottesdienstbesucher?