Christliches Haltung – Freude?

 

„Aber das Christentum und die christlichen Grundsätze sind nicht dafür da, um sonn- und feiertags hervorgehoben zu werden; sie müssen im täglichen Leben gelten, sie müssen im öffentlichen und besonders im politischen Leben gelten. Wir haben gesehen, wohin wir gekommen sind, da man die Grundsätze des Christentums verlassen hat: zu der Tiefe, in der wir uns jetzt befinden.“, sagte eins Dr. Konrad Adenauer im Jahr 1946. Ich denke, dass es ganz gut passt heute mit einem Adenauer-Zitat zu beginnen, da wir heute – also am 19. April – dem 50. Todestag des ersten Bundeskanzlers gedenken.

Mich beschäftigen natürlich noch immer die Kar- und Ostertage. Das, was wir da gefeiert haben, das erlebe ich jedes Jahr auf ein Neues als eine sehr intensive Erfahrung. Dabei musste ich lernen, dass diese drei Tage in den unterschiedlichen Ländern sehr verschieden gefeiert werden. Zwar mag die Liturgie gleich sein, der Ausdruck und die Emotionen dazu absolut nicht. Ich habe ja drei Ostern im Ausland gefeiert und da erlebte ich es wirklich als eine Feier. Hier in Deutschland erlebte ich stattdessen eine „Sack- und Asche“- Mentalität. Und zwar sowohl am Gründonnerstag wie auch in der Osternacht. Ich verstehe das nicht. Natürlich steht da das Kreuz in der Mitte des Karfreitags, da gibt es auch den Tag der Grabesruhe. Aber in all dieser Kreuzesnähe, in all der Trauer und des Mitleidens schauen wir dieses Kreuz doch in einer Vorfreude an, in einer Vorfreude auf Ostern. Wir wissen doch, dass die Auferstehung nicht ohne das Kreuz geht, aber eben, dass das Kreuz und damit der Tod schon bezwungen sind, für uns und es darum geht, dass das mich angeht, in mir wirkt, mich verändert. Braucht es dann diese so negativ-dunkle Haltung? Besinnung, nachsinnen, ja das braucht es, aber braucht es wirklich dieses „fast am Boden liegen“? Ich weiß nicht, ich habe einfach das Gefühl, dass sich hier die deutsche Gründlichkeit wieder zeigt …

Und dem Gegenüber, also dem Karfreitag, der Trauer als Gegensatz müsste ja dann, die absolute Freude stehen: Ja, Halleluja, Ich weiß, dass mein Erlöser lebt … – Ich hatte eine sehr schöne, feierliche und passende Osternacht im Freiburger Münster. Es war alles sehr anrührend, ich habe schon ganz besondere Augenblicke gehabt. Momente in denen die Freude, das „ja, es ist einfach Wirklichkeit“ von mir ganz intensiv Besitz ergriffen hat. Diese Freude schmerzte fast, ja ich musste vor Freude weinen. Das habe ich mich auch getraut, aber lachen, das traute ich mich nicht. Keiner lachte in dieser Kirche. Vielmehr stritten sich die Leute noch während des Exultet um die Sitzplätze, vielmehr musste ich dann am Folgetag hören, wie in einem Falle sich ein Priester in anderen Gemeinden sich so danebenbenommen hat, dass Gemeindemitglieder die Osternacht verlassen haben und andere – wirklich aktive Gemeindemitglieder – in dieser Osternacht absolut keine Osterfreude erleben konnten, vor lauter Streit und unmenschlichem Benehmen.

Kein Lachen im und nach dem Gottesdienst. Streit und Probleme in den Gemeinden. Mord, Terror und Gewalt auf dieser Welt und dabei sind über 2,1 Mrd. Menschen Christen. Wir sind ein Drittel der Weltbevölkerung aber wo kämpfen und leben wir für unseren Glauben außer in den Regionen, in denen Christen verfolgt werden? Auch da wieder, braucht es denn im Christentum immer Tod und Trauer um Zeugnis abzulegen? Kann, ja muss nicht eine entscheidende Form des Zeugnisses gerade die Freude, die positive Lebenshaltung sein? Schauen wir uns das noch im Kleineren an. In Europa haben wir 75 % Christen und was ist? Wir streiten uns, wir grenzen aus, wir diskriminieren, wir leben und handeln egoistisch in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft – ja, wir beleidigen sogar jene Menschen als „Gutmenschen“ die sich für Flüchtlinge, für Notleidende einsetzten. Die Spitze sind dann jene Menschen, die den amtierenden Papst für seine Haltung zu den Armen, Ausgegrenzten etc. als Spinnerei ansehen und ihn nur noch belächeln. Adenauer oben im Zitat sieht eine notwendige Verbindung zwischen Glaube und Handlung. Da zeigt sich eine notwendige Verbindung, eine logische Zuordnung. Eine Verantwortung des Christen sein Glaube, seine Hoffnung im Leben auszudrücken.

Ich verstehe es wirklich nicht. Ich stehe da, und zweifle. Wenn ich als Christ die Auferstehung, die Botschaft Jesu Christi in seiner Ganzheit annehme. Wenn ich mich Christ nenne, dann muss sich doch mein Leben verändern, oder? Und damit meine ich jetzt erstmal noch gar nicht, dass jeder alles verkauft und wir alle aus einer Gemeinschaftskasse leben sollen. Nein, darum geht’s mir erstmal gar nicht. Mir geht’s vorerst mal nur um die Haltung, um die Lebenseinstellung. Da kann ich auch gerne wieder ganz abgedroschen Nietzsche zitieren der ja dereinst schrieb: „Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müßten mir seine Jünger aussehen!“ (Zarathustra. Von den Priestern)

 Am Ostermontag merkte ich es wieder bei einem Osterlied. Die Orgel schmetterte, ich sang lautstark mit und irgendwie hörte ich irgendwie keine Emotion, keine überbordende Freude aus dem singenden Volk heraus, … da klingt nichts nach. Wo ist die Erlösung, wo sind die erlösten Gesichter? Weder an Ostern im Gottesdienst, wahrscheinlich auch kaum draußen und noch weniger in den nächsten Gottesdiensten … und dabei muss ich mir selbst an die Nase fassen. Zeuge ich den in anderen Gottesdiensten von meiner Freude, von meiner Erlösung, wenn ich stumm meinen Gebeten nachhänge und mich in den Texten und in anderen Gedanken die mich in der Liturgie anfallen, verliere? Ich sehe mich nicht im Spiegel, aber Freude strahle ich sicher auch keine aus. Erlöst sehe ich wahrscheinlich auch nicht aus. Ich weiß es nicht, aber ich befürchte fast.

Ich tröste mein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, dass man eigentlich da und dort helfen sollte, mit einer Tat, mit einem freundlichen Wort. Ja, mein schlechtes Gewissen plagt mich dann und ich rede mich raus mit: Keine Zeit, zu wenig Geld in der Tasche …peinlich ist das. Aber auch schon die Stimmung in diesem Text ist nicht wirklich überbordende Freude und ich drehe mich im Kreise, ja beiße mich in meinen eigenen Schweif bei diesem Thema. Ich muss anfangen! Wie Mutter Teresa es schon sagte: Was muss sich ändern in der Kirche: Ich und du! – also ein weiterer Punkt auf meinen Merkzetteln. Lache mehr, Björn. Lache und lebe ein Leben in Freude. Wer macht mit?

Berlin 2017 1. Tag Bibelreise

Und weiter geht’s! Diesmal nach Berlin. Warum? Ganz groß gesagt: Um die Texte der jungen Gemeinde im Kontext der Großstadt, der katholischen Diaspora zu lesen und aufzunehmen. Paulus schreibt an Großstadtgemeinden. Wir sind in einer solchen. Paulus schreibt auch zum Thema Politik & Kirche. Wir bewegen uns in den nächsten Tagen zwischen diesen Welten. So habe ich zumindest den Sinn dieser Reise verstanden.

Ups, die sprechen ja Deutsch! Natürlich, wir sind ja auch in Deutschland. Irgendwie kommt das in meinen Kopf nicht rein. Reisen ist ins Ausland … so spuckt die Regel in meinem Kopf. Ich weiß nicht wann ich zuletzt innerhalb Deutschland verreist bin und Dann auch noch geflogen. Was einem der Kopf so alles vorgaukelt.

Abfahrt 08:00 Uhr nach Basel, mit Flieger nach Berlin-Schönefeld und mit der S-Bahn in den Wedding. Die letzte Schritte zu Fuß in unsere Unterkunft – das wäre die Reise gewesen. Wir sind in einer ehemaligen Fabrik untergebracht. Es schließt sich an eine „Hausbesichtigung“ und eine schnelle Tour durch die Stadt für jene, die noch nie hier waren und einen Überblick brauchen. Gottesdienst in St. Hedwig und Abendessen in der Berliner Republik. Zurück. Ein bisschen Gespräch und ins Bett und der Tag ist vorbei.

Da wir in der Osloer Straße wohnen fuhren wir bis zur Haltestelle Bornholmer Straße. Also voll rein in die Deutsche Geschichte. Hier begann schlussendlich das Wunder von Berlin. An jenem Abend sammelten sich hier, nach der Ankündigung im Fernsehen von Schabowski, die DDR-Bewohner und prüften dessen Aussage. Um 23:30 erhoben sich die Schlagbäume und die DDR hatte endgültig ihre Zähne eingebüßt. Mir bleiben wahrscheinlich ewig die Bilder im Kopf, jener Nacht, in der ich selber gerade 12 Jahre alt war. Mit solchen Erinnerungen im Kopf bin ich stolz einen deutschen Pass zu haben. Das Verhalten der Menschen in jener Nacht, das und alles was dazu drum herum geschehen ist, ist der Grund für eine neue Friedensordnung der Welt, für das neue Europa also für das, was dumme Menschen heute wieder kaputt machen wollen, bzw. aktiv daran sind es zu tun. Das Gegenteil unserer heutigen Situation ist das, was wir bis 1989 hatten, das dürfen wir nicht vergessen.

Bei einem Zeitzeugen, einem politisch handelnden jener Zeit und jener Veränderung hatte ich am Nachmittag einen kurzen Besuchstermin. In der Konrad-Adenauer-Stiftung traf ich den Vorsitzenden der Stiftung und ehemaligen Präsidenten des Europaparlamentes Prof. Pöttering. Spontan hat er sich Zeit genommen und wir hatten ein nettes Gespräch, wie man so sagt über „Gott und die Welt“. Raus ging ich also mit weiteren guten Gedanken und zwei Büchern, die er mir schenkte. Nach dem Termin schloss ich mich wieder der Gruppe am Brandenburger Tor an. Wir spazierten dann gemeinsam Unter den Linden in Richtung Hedwigskirche und machten einen kurzen Abstecher ins „Willy-Brandt-Forum“. In St. Hedwig feierten wir in der Krypta, in nächster Nähe zum Seligen Bernhard Lichtenberg, die Messe mit. Ich kann mich mit dem Stil dieser Kirche recht gut anfreunden, muss ich sagen.

Den Abend verbrachten wir in der „Berliner-Republik“. Ganz nettes Restaurant. Jetzt nicht das, in das ich jeden Abend gehen würde, aber ganz O.K. Das Essen war gut, aber schon „sehr genau bemessen“ und für Biertrinker ist das ja ein Eldorado.

Kaum waren wir draußen aus dem Restaurant zeigte sich mal wieder wie klein die Welt ist. Wir wollten zur Haltestelle und wer läuft mir über den Weg: Eine ganz liebe Tunslerin mit Freundin und dessen Freund. Die beiden Mädels und eine weitere Freundin hatten mich auch in Rom einmal besucht, worüber ich mich sehr gefreut hatte. Und jetzt, zwischen all den Menschen laufen wir uns in Berlin – völlig ungeplant – in die Arme. Mal wieder ein Beweis, wie klein doch die Welt ist. Einfach schön.

Europa – 60 Jahre Römische Verträge

 

 

Gestern feierte Europa Geburtstag. Europa, nicht nur die Staatenlenker, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger gedachten der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957. Damals kamen Staatschefs sechs europäischer Nationen in Rom zusammen und unterzeichneten zwei Verträge die im entscheidenden Maße unser Vergangenheit, unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft prägen werden, denn sie waren fest entschlossen die „Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen“ (Präambel).

Die römischen Verträge, gerade die Unterzeichner, waren geprägt von der Geschichte, aber auch im hohen Maße geprägt von ihrem eigenen Glauben, von Visionen und Ideen, die ihnen die Möglichkeiten geben sollte das Leben von Millionen Menschen zu verbessern. Sie nahmen ihren Auftrag als Staatsmänner an und gestalteten ganz bewusst die Zukunft ihrer Staaten und deren Bürger. Aus diesem Vertrag mit sechs Ländern wurde die heutige EU mit 27 (naja 28) Staaten und weit über 500 Millionen Bürgern.

Heute war ich zum ersten Mal bei einer der Demonstrationen der Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. Bisher konnte ich nicht, da ich unter anderem ja im Ausland war, aber ich habe mir vorgenommen an jedem möglichen Sonntag – nächste Woche in Berlin – dabei zu sein. In 60 Städten treffen sich aktuell jeden Sonntag um 14:00 Uhr tausende Bürger um nicht gegen etwas zu demonstrieren, sondern um für Europa zu demonstrieren. Wohl wissend, dass nicht alles perfekt ist in diesem Staatenbund, geht es den Organisatoren und auch den Teilnehmern darum Flagge zu zeigen für eine einmalige politische Erfolgsgeschichte und damit zu signalisieren: Europa, das sind nicht Verträge oder wohlmeinende Reden, sondern die Bürgerinnen und Bürger der Länder.

Die sehr allgemein gehaltenen Aussagen auf der Internetseite von „Pulse of Europe“ kann ich alle voll mitunterschreiben. Mir gehen sie nicht weit genug. Jedoch stehe ich voll und ganz dahinter. Wir können Europa, wir können unsere Zukunft, eine Zukunft in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand nicht alleine den Politikern überlassen. Europa das sind wir selber, wir die einmal natürlich zur Wahl gehen müssen, wenn wir politische Veränderungen wollen, aber auch wir, die im Kleinen, im Alltäglichen zu Europa stehen und unsere Visionen aussprechen, um eine Stimme zu bekommen und die Politiker zu bewegen weiter zu gehen. Meiner Ansicht so weit zu gehen um eines Tages eine föderalistische politische Vereinigung zu erreichen, in der es allein regionale und sprachliche Grenzen aber keine nationalen Grenzen mehr gibt.

Mir ist ein gewähltes Parlament zu wenig, es braucht eine gewählte Regierung die ganz im Sinne der Subsidiarität arbeitet. Für mich ist es logisch, dass es in Anbetracht einer gemeinsamen Währung auch eine gemeinsame Finanzpolitik braucht. Für mich ist eine europäische Armee keine böse Vision, sondern in Zeiten von neuen Gefahren aber auch in Zeiten von Sparen und sinnvollem Wirtschaften eine gute und logische Folge der EU. Darüber hinaus muss sich auch im Bereich der Bildungspolitik entscheidendes verändern. Wir brauchen die Einführung von Standards in der Ausbildung, denn nur gut ausgebildete junge Menschen können auf einem europäischen Arbeitsmarkt in eine ehrliche Konkurrenz treten und dort eingesetzt werden wo man sie braucht.

Audienz beim Papst

Am Freitagabend hatten die 27 Vertreter der Länder der EU eine Audienz bei Papst Franziskus. Zum dritten Mal hielt der Heilige Vater eine Rede zur Lage der EU und stellte die Verbindungen zwischen EU und Christentum heraus. So sagte er: „Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit,“ (Franziskus 24,03.17). Hier und an vielen weiteren Textstellen mahnt er die Vertreterinnen und Vertreter an, nicht das Evangelium und die Botschaft Jesu Christi zu vergessen. Der Papst zeigt, dass er kein Politiker ist, dass aber die Kirche eine Verpflichtung hat in Wort und Tat die moralische Komponente einzufordern, die es braucht, dass ein Staat oder ein Staatsgebilde nicht nur Recht spricht, sondern auch stehts um Gerechtigkeit, auch um soziale Gerechtigkeit ringt.

Es ist gut, dass die Vertreterinnen und Vertreter der EU beim Heiligen Vater, dem Karlspreisträger 2016, zur Audienz waren. Es erinnert nämlich auch daran, dass die damaligen Ideengeber und Staatsmänner nicht nur christlich sozialisiert waren, sondern im hohen Maße ihre Politik aus einem gelebten Christentum heraus betrieben. Die Idee Europas ist eine zu tiefst christliche Idee, denn sie setzt die politische Komponente der Botschaft Jesu Christi in tägliches politisches und wirtschaftliches Handeln um – oder will es zumindest.

Für mich ist mein Glaube Grundlage einer Verpflichtung als Bürger, meine politische Meinung zu sagen, mich in politische und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und wählen zu gehen, damit Politik und Gesellschaft ein Raum werden, in denen die Botschaft der Liebe zumindest im menschlichen Maße Wirklichkeit wird. Deshalb nehme ich an diesen Veranstaltungen teil und werde auch zu jeder Gelegenheit ausdrücken, dass ich ein badischer Europäer bin.

 

Klar ist das „Schleichwerbung“, aber grad die Verbindung zwischen katholischer Lehre und Politik ist mir wichtig und daher empfehle ich einige Bücher:

Franziskus: Mein Traum von Europa

Schavan (Hg.): Päpste vor Parlamente

Ratzinger, Josef: Werte in Zeiten des Umbruchs

Patocka, Jan: Europa und Nach-Europa

Möde, Erwin (Hg.): Europa braucht Spiritualität

Hertz, Dietmar: Die Europäische Union

Kompendium der Soziallehre