Humor, Freude, Lachen

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Freut euch – Gaudete!

Heute geht’s um die Freude, die wir leben sollen, wie uns Jesaja 61, 1-2a.10-11 zum Gaudete-Sonntag zusagt.

In den Sprüchen Salomon (14,13) findet sich der Satz: „Auch beim Lachen kann das Herz trauern, und nach der Freude kommt Leid.“ Und noch negierender ist es bei Kohelet, der schreibt (7,3): „Trauern ist besser als Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebessert.“ An vielen weiteren Stellen der Bibel ist das Lachen, wohl meist als Spott verstanden, negativ belegt (vgl. Gen 21,6; Sprüche 1,26; Ps 52,6; Hes 47,11; Koh 7,6; Hiob 30,1). Lachen ist wohl irgendwie keine Tugend.

Mit diesem Thema, dem Lachen, setzt sich Umberto Eco mit/in seinem Roman „Der Name der Rose“ auseinander. Ausgangspunkt ist hier das geheim gehaltene zweite Buch der Poetik des Aristoteles, das von der Komödie handelt. Das Buch soll eine positive Haltung zum Thema Lachen haben und das missfällt. Der Bibliothekar Jorge von Burgos hält die in diesem Werk vertretene positive Einstellung zur Freude und zum Lachen für derart gefährlich, dass er schlussendlich lieber die gesamte Bibliothek verbrennen lässt, als zuzulassen, dass das Buch in fremde Hände gelangt. Lachen, so Borgos, gefährdet das System, Lachen ist aufklärerisch und zerstört die gottgewollte Ordnung.

Aber mal im Ernst, müssen wir als Christen eine ablehnende Haltung zum Thema „Lachen“ haben? Ist das „Lachen“ des Teufels, wie es uns der Bibliothekar im Buch einflüstert? Sind die zitierten Bibelstellen Belege für oder gegen das Lachen?

Die Frage kann man auch mit Blick auf die deutsche Literatur und Kunst stellen. Noch polemischer gefragt: Kann der Deutsche lustig sein? Und wenn ja, verblödet sich der „Gscheite“ nicht damit und macht sich gemein mit dem einfachen? Anders gefragt: kann der Akademiker, der Aufgeklärte lachen und darf er es auch?

Adorno schreibt zu diesem Thema: „Kunst […] muss von sich aus auf Heiterkeit verzichten“ (Adorno; Ist die Kunst heiter? 1967). Auch wenn wir in der deutschen Sprache schon ein eigenes Wort haben für eine Situation die zwischen heiter und komisch, zwischen Satire und Ironie angesiedelt ist – nämlich kafkaesk – und so manch ein Brief von Schiller, Goethe & Co., von einem hohen Maß am Humor berichtet (lesen sie dazu auch mal den Briefwechsel von Proust – wunderbar); die Werke selbst sind meist erschlagend.

Das kann ich aus eigener Erfahrung auch betrachten. Aufgewachsen in den 1980iger, also geprägt von Celans Todesfuge oder mit Schlinks Werk der Vorleser, wo wir erleben mussten wie Liebe in eine (für das damalige Alter) so verstörenden Verbindung der ersten schüchternen Liebe mit der brutalen, erschlagenden Verantwortung der deutschen Geschichte, zusammengefügt wurde. Fast scheu und verklemmt habe ich die ersten Bücher mit einem Hauch Humor gelesen. Literatur ist nicht lustig – so der Gedanke. Wohl erst viel später, eventuell erst mit dem 2000 erschienenen Buch von Florian Illies; Generation Golf, habe ich befreit schmunzeln und lachen können beim Lesen. Und heute? Ich habe die Känguru-Chroniken nicht im Schrank stehen – dafür dann wieder Arto Paasilinna, der ist mir dann doch auch näher.

Der alte Mönch in Ecos Roman sieht im Lachen eine Gefahr. Menschen, die lachen, sind nicht mehr kontrollierbar. Aber Lachen ist Ausdruck von Freude und Humor und gerade Freude ist ja doch auch in der Bibel ausreichend erwähnt – wir feiern sie ja sogar am 3. Adventssonntag.

Oscar Maria Graf – einer der vergessenen großen deutschen Autoren schrieb einst: „Man braucht Humor, um sich zu verteidigen … man braucht Humor, immer wenn man machtlos ist“ Und Joseph Beuys sagte einst: „Wollen sie eine Revolution ohne Lachen machen?

Humor, Freude, Lachen! Das ist für mich fast ein Dreischritt: Humor ist eine Grundstimmung, die irgendwo zwischen dem Tragischen des Alltags und dem Komischen des Momentes seine Wurzeln und Nahrung findet. Freude ist die grundsätzliche Lebensform die wir als Christen, die in der erfüllten Hoffnung leben, ausleben sollen und können. Und das Lachen? Das ist der Ausdruck all dessen.

Aber der Mönch hatte schon auch recht. Lachen ist gefährlich. Gefährlich für all die Verkrustungen und Verkrusteten des Alltags, für all jene die irgendeinem „Issmus“ anhängen, für all die Extreme. Für die, die sich selbst zu ernst nehmen.

Wer Humor hat, zerstört Mauern, wer lacht verliert Ängste und wer Freude lebt, gewinnt Liebe. Und mit dem Blick auf das Zitat von Beys wage ich die These: Das Lachen schenkt den (eventuell einzigen) Raum, der eine Revolution zu einem positiven Erfolg führt.

Und daher, wenn wir annehmen, dass es im Christentum eben nicht um Macht geht, sondern um Solidarität mit den Armen und Schwachen –  gegen das Lebenszerstörende -, ist das Lachen eventuell die beste Waffe, die wir besitzen. Und dass das Lachen das ist, das wurde zumindest auch einige Zeit gelebt, wenn ich an den risus paschalis – an das Osterlachen – denke. Der/das sollte doch zeigen, dass das Leben über den Tod, dass der scheinbar Schwache über das scheinbar Starke gesiegt hat.

Daher denke ich, dass wir morgen nicht nur „Gaudete“ rufen dürfen, sondern auch ganz direkt, morgen und ganz besonders an der Krippe, an der wir in den nächsten Tagen stehen auch: ridet! Ridet! Kommt lasst uns lachen in und voller Freude!

Jakobsweg – Schon geht’s weiter

 

Ich bin dann mal weg – ist zwischenzeitlich ein geflügeltes Wort: Dank Hape Kerkeling. Ich bin wieder da – das ist aber nur ein Satz. Ohne große weitere Infos. Ich bin dann mal wieder da, auch wenn es nur wenige Tage waren in denen ich dann mal weg war. Es ist kaum zu glauben, aber es ist wirklich viel passiert in den Tagen meiner kleinen Reise auf dem Jakobsweg, die ich machen durfte, dank des Priesterseminars.

Zuerst habe ich absolut gemerkt: Das Wandern ist nix für mich. Meine Füße tun mir noch immer weh. Diese Erkenntnis ist so nebensächlich aber überschattet aktuell noch – dank der Füße die ich eben noch immer spüre – meinen Rückblick auf die Tage.

Das nächste Thema ist die (wieder-)Erkenntnis, dass das „Auf dem Weg sein“ ein Bild ist, welches echt viel abverlangt. Es ist einfach das Thema, dass hierbei die Frage nach der „Berufung“ immer wieder kommt. Das ist ein immer wieder neu versichern, gerade dann, wenn die evangelischen Räte als Themen aufkommen.

Über den Punkt des Gehorsams habe ich ja schon geschrieben. Dazu kamen in den Tagen in Frankreich noch Armut und das Mega-Thema: Zölibat.

Reinhard Mey sang einst in seinem Lied: Ich liebe das Ende der Saison, folgende Worte: Du brauchst im Leben wirklich nur, um keine Not zu leiden, einen Freund, ein Stück Brot, ein Töpfchen Schmalz und ein Glas Wein! – das ist sehr romantisch diese Vorstellung, aber in diesem Tagen habe ich nochmal gemerkt, dass diese Reduktion sehr angenehm ist und – für mich – sehr stimmig. Was brauche ich zum Leben? Das ist die Frage. Noch klarer ist aber die Frage: Welches Verhältnis habe ich zu Besitz?

Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in einem Zimmer gelebt. Kindheit, Seminarzeit St. Pirmin, Rom, jetzt hier im Seminar und auch in der Zeit meines WG-Lebens. Und viele Jahre davon habe ich immer wieder gespürt, dass ich mich trotzdem mit dem kleinen vorhandenen Besitz nicht ganz glücklich fühle. In den Jahren in Rom und auch jetzt merke ich, dass ich wirklich nicht sehr viel brauche, gerade auch das nicht, was ich eingelagert habe und völlig aus meinem Gedächtnis gewischt habe. Es ist irgendwie komisch. Bücher, das ist ein Besitz den ich horte, den ich auch scheinbar nicht hergeben mag und doch merke, ahne ich auch hier: Das, was ich wirklich nicht loslassen will sind nicht die Bücher selber, sondern die damit einhergehende Selbstversicherung, dass ich irgendwie „was bin“, denn ich habe mir Wissen angelesen. Es geht also um die Sehnsucht nach Prestige, also einem Punkt den ich noch in Gänze ablegen sollte, wenn ich mich ganz auf Gott und den Menschen, dem ich dienen will in meinem Dienst, konzentrieren will.

Zum Thema Armut gehört für mich aber noch ein anderes Thema von dem ich das Gefühl habe, dass es nicht nur für mich ein Thema ist:

Ich brauche nur ein Zimmer – ich freue mich aber auch auf meine Arbeitszeit, wenn es dann auch mehr sein werden, mindestens zwei – aber das brauche ich. Scheinbar. Und auch hier. Es geht nicht um das Zimmer, es geht um etwas Anderes. Es geht um meine Privatsphäre. Es geht darum sich immer mal wieder zurückziehen zu können, selbst sein können ohne im zwischenmenschlichen Dialog sein zu müssen. Die Tage in der Gemeinschaft mit dem Mehrbettzimmer, auch die Zeit auf der Bibelreise mit der dauerhaften Gemeinschaft bei Tag und Nacht bringt und brachte mich an meine Grenzen. Ich denke ich habe diese gut gemeistert, aber ich weiß nun, dass ich mich genau darum sorgen muss: Raum zu haben für das Private. Dabei kommt mir der Rahmen in Erinnerung den sich Prof. Halik schafft in seinen Exerzitien. In einem seiner Bücher beschreibt er in welchem Umfeld er sich erholt und seine Bücher schreibt. Das ist in einem Kloster in dauerhaften Gegenwart Gottes, im Angesicht des Leibes Christi in einer Monstranz. Halik setzt sich dem Blick Gottes in ganz besonderem Maße aus. Das sehe ich gerade als eine Privatsphäre an nach der ich mich sehne.

Ich bin sehr gespannt was das Thema mir weiteres bringt.

Als ich vor einiger Zeit das Zimmer im Seminar wechseln durfte ging es wieder um das Ein- und Auspacken und es juckte mich ungemein in den Fingern mich wieder von Dingen zu trennen. Zuerst schmiss ich dann wieder Papier weg. Die moderne Technik ermöglicht mir hier einiges. Ich brauche keine Papierlager mehr, denn ich scanne alles ein, was machbar ist. Eine Datei hemmt mich nicht, schafft mir nicht die Frage: Wohin räume ich das. Ich denke, dass Armut eben da auch was mit Freiheit zu tun hat. Armut-Freiheit-Privatsphäre sind für mich aktuell drei Begriffe die sich gegenseitig bedingen, die zusammengehören.

Zurückkommend auf das Zitat von Mey gehört dazu auch das Thema der Freundschaft. So wie es die materiellen Punkte der Armut gibt, gibt es auch die persönlichen Aspekte, die ich eben schon benannt habe. Es kommt aber auch noch ein entscheidendes Thema hinzu: Liebe! Das ist nicht allein ein Zölibat-Thema. Auch eines für die Frage nach dem Reichtum. Um all das zu meistern, um sich zu konzentrieren auf das Wesentliche braucht es eben das Wesentliche: Liebe, Liebe zu Gott, aber auch zu den Menschen und da ganz besonders zu Menschen, die einem Liebe auch schenken. Hier also: Freunde.

Gedanken zu Joh 3,16-21

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Heute in der Auslegung beim Domradio hatte ich so viel was ich sagen wollte und dabei fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, was ich davon auswählen wollte. Ich wollte sprudeln, aber die Zeit hat nicht gereicht. Deshalb hier einmal die vielen Gedanken die ich hatte und von denen ich nicht wusste, welche ich sagen wollte.

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Licht und Dunkel, das sind sehr bekannte Gegensätze. Ganz oft werden diese Begriffe verwendet. Schon im Alten Testament finden sie sich. Dunkelheit ist Gottverlassenheit, ist Einsamkeit, ist Angst, ist der Raum der Abwendung von Gott – in den aber gerade auch im AT Gott immer wieder eindringt um uns zu führen, hinaus zu führen. Ob in Psalmen oder in einem ganz starken Bild des Exodus – der Feuersäule die den Israeliten vorauszieht, immer wieder zerstört das Licht, ein Feuer die Dunkelheit und befreit die Menschen.

Und auch das Christentum kennt diese Bilder. Nicht nur hier in dieser Perikope. Auch in der Liturgie verwenden wir diese Gegepole. Wir „feiern“ das Licht als Symbol. Da denke ich an die Liturgie der Osternacht, speziell im ersten Teil hat die katholische Liturgie (und auch die orthodoxe) eine Lichtfeier. Höhepunkt ist die Entzündung der Osterkerze und ein Liebeslied auf das Licht, das Exultes. = Licht als Verwandelndes Moment, Licht als Zukunft, als sich ereignende Hoffnung.

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Wenn ich diese Stelle lese, muss ich unweigerlich auch an eine Textstelle aus Berthold Brechts Dreigroschenoper denken: Da heißt es in der Zusatzstrophe der Moritat von Mecky Messer (aus dem Jahr 1930): „Denn die einen sind im Dunkeln. Und die andern sind im Licht. Und man siehet die im Lichte. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Auch hier, das Dunkle ist der Ort des Bösen, des Verbrechens. Das Licht es stört, denn es deckt auf. Das Evangelium, Jesu Leben und Botschaft, ist so ein Licht, das aufdeckt, das die Ecken ausleuchtet. Wie eine Halogenleuchte wirklich jedes Eck ausleuchtend, selbst hinter Verkantungen und Hürden reicht dieses Licht hin. Und doch, das Licht Jesu Christi ist nicht so zerstörerisch wie eine Halogenleuchte, vielmehr wie eine Kerze, die still und leise, aber intensiv leuchtet. Das Ausleuchten unserer Person durch das Licht Jesu ist nicht zerstörerisch und verbrennend, eher zärtlich, es drückt nicht den Finger in die Wunde, sondern bietet Heilung an. Heilung, die beginnt, wenn wir uns ganz in das Licht stellen.

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Bleiben wir bei dem Bild mit dem „Licht“. Jeder der Böses tut, hasst das Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden. Das klingt logisch. Wenn ich Fehler gemacht habe, dann habe ich zwei Möglichkeiten: Sie zuzugeben oder eben nicht. Aber wenn ich in einer Welt lebe, in der ich meine Fehler nicht eingestehen kann, in der meine Fehler immer und immer an mir haften bleiben, dann werde ich doch alles tun, damit ich eben meine Fehler nicht zeigen muss, damit ich selber auch nicht mit meinen Fehlern konfrontiert werde. Das Problem von unverarbeiteten Fehlern, mehr und mehr Fehler ist doch, sie führen zu Frustration, zu Unsicherheit, zu Angst, Hass, ja, zu einem lebenslosen Leben.

Jesus zeigt da ein Gegenangebot. Er bietet das Heil. Also eine Welt, ein Leben in dem der Mensch nicht per se verurteilt wird, in dem der Mensch nicht wegen Fehlern oder Eigenheiten grundsätzlich negiert oder zerstört wird. Jesus bietet einen Raum, eine Lebensform in der man neu anfangen kann. Rettung durch Jesu könnte an dieser Stelle bedeutet: Jesus bietet ein Leben in der Freiheit von Schuld und Fehler. Der Mensch hat die Möglichkeit auf dieses Angebot zu antworten. Indem er ins Lichte tritt: Also, Fehler eingesteht, sie verarbeitet und sich bemühen diese und andere nicht mehr zu tun. Und so entsteht ein Leben, frei von Ängsten, offen für Hoffnung, bereit zur Liebe.

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Jesus ist das Licht, Jesus ist der Bote und der Bote ist wie der Sender. Guardini schreibt: Gott hat „Licht-Kraft […] Dinge, Menschen und Geschehnisse bis auf den Grund zu durchblicken“ (Homelien). Gott sieht in jedem sein eigenes Wesen, sieht bis auf den Grund. Er sieht ganz klar.

Und diese Kraft, dieses klar sehen, das bietet Gott an. Mit dem Evangelium kann ich das. Mit Jesu gehend kann ich das. Auch hier: Nicht einfach, aber machbar. Denn im Licht muss ich mich nicht verstellen, da darf ich erfahren wer ich bin, da darf ich Mensch sein, Fehler machen und erkennen, was falsch ist. Gottes Licht bereinigt es, wenn ich bereit bin.

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Licht – Angebot der Weite! Mit Licht verbinde ich nicht nur ein hineinsehen können, sondern auch eine Weite. Dieses Jahr an Ostern war so richtig Frühling. Man konnte es also erleben, wenn das Morgenlicht über die Berge hinwegbrach, dann tauchte die Sonne die ganze Landschaft in ein weiches klares Licht. Von einem Moment auf den Anderen verändert sich der Sichtkreis, der Horizont.

Noch stärker kann man das erleben, wenn man aus einem dunklen Raum, eventuell aus einer der Höhlen die man als Kind erkundet hat heraustritt. Plötzlich wird es ganz hell. Die Sonne blendet aber eröffnet einem einen ganz neuen Blickwinkel. So ist das auch beim Licht Gottes. Ohne ihn, ohne dieses Licht sehen wir nicht über unsere Füße hinaus. Wir sind gefangen, eingeengt und tappsen nur ganz vorsichtig durch das Leben. Die Sonne, das Licht Gotte, das Licht der Weite, der Erkenntnis lässt uns ausschreiten. Leichte und doch sichere Schritte gehen. Auch hier. Das Licht, die Erkenntnis schenkt er uns, wir müssen allein den Schritt beginnen, der uns aus der Höhle der Dunkelheit herausführt. Dann macht er alles andere.

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Bisher habe ich mir das Gericht als einen Prozess vorgestellt. Ich glaube nicht und dann werde ich irgendwann gerichtet werden. Irgendwann in fernen Tagen, beim jüngsten Tag. Aber ist ihnen das auch aufgefallen? Es lautet hier: „Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ – das ist Perfekt, da ist schon jemand gerichtet – mit dem Akt des Nicht-Glaubens. Da richtet aber nicht Gott, sondern der Nicht-Glaubende richtet sich selber. Nicht-Glauben ist Selbstgericht. Nicht Jesus richtet, sondern rettet. Da wird dieser Satz noch klarer. Der Nicht-Glaubende richtet sich selber, stellt sich in die Dunkelheit, in ein Leben ohne Zukunft, ohne Hoffnung auf ein mehr im irdischen und darüber hinaus. Und Jesus steht da und will retten, retten aus der Selbstverurteilung.

Jetzt braucht es meiner Meinung nach dazu aber noch eine zweite Überlegung darüber, was denn „Nicht-Glaube“ ist. Was ist denn das Gegenteil von Glaube? Atheismus? Nein, zumindest heute nicht mehr, heutige Atheisten sind meiner Ansicht nach auch nur Menschen mit einem Ersatzglauben. Ist der Zweifel das Gegenteil von Glauben? Nein, ich denke, dass es gerade zum Glauben den Zweifel braucht. Das Gegenteil von Glaube würde ich an dieser Stelle einmal mit Gleichgültigkeit betiteln. Menschen, die Gleichgültig sind gegen Gott, also gegen das was wir darunter verstehen; reine Liebe, Freiheit, Frieden – leben genau das nicht und entschuldigt bitte, was gibt es schlimmeres als ein Leben ohne Liebe? Ohne Freiheit? Ohne Frieden?  Ohne Hoffnungen? Wer nicht glaubt richtet sich selber, denn er nimmt sich in der Konsequenz der Gleichgültigkeit Liebe, Freiheit, Friede. Hoffnung, ja Leben, so wie wir es uns vorstellen.

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