Um Berufung beten

Weltgebetstag für geistliche Berufungen, da gibts für mich mehr Fragen als Antworten an einem solchen Tag.

Beten ist wichtig, ist entscheidend, aber eben nicht alles und daher stellt sich mir die Frage:

Wenn wir für Berufungen beten, für was beten wir dann? Da gehts um die Priester, aber beten wir denn auch für die Diakone? Da gehts um die Ordensleute und diejenigen in den geistlichen Gemeinschaften, beten wir aber auch für die geweihten Jungfrauen und die Eremiten?

Ganz oft geht es dann bei Berufung auch um Pastoral- und GemeindereferentInnen, oder um PfarrhaushälterInnen, um OrganistInnen, … aber ist das eine Berufung? Und wenn ja, wo liegt der Unterschied zum Apostolat?

Ganz oft heißt es, es gäbe wenig Berufungen gerade. Stimmt das denn? Ich bin mir manchmal nicht so sicher. Vielmehr stelle ich mir die Frage ob wir in unseren Gemeinden, in unserer Kirche eine Kultur der Berufung zulassen. Ich habe in meinem Leben wenig von solch einer Kultur erlebt. Wer sich berufen fühlt ist verrückt, veraltet unzeitgemäß, das waren ganz oft die Rückmeldungen.

Lassen wir Berufungen zu? Ich meine auch im Blick auf die vorgefassten Meinungen. Wir alle bedauern, dass Klöster und Ordensgemeinschaften schwinden. Fördern wir aber da einen Aufbruch, unterstützen wir da einen Wandel? Kann es sein, dass wir da viel zu oft in Klitsches verfangen bleiben? Die dienende Schwester, das stumme Fräulein, der saufende Mönch, die inzestuöse Ordensgemeinschaft, …Innerhalb und ausserhalb der Gemeinschaften besteht eine geistige Enge – die eventuell Berufene nicht voranschreiten lässt. Nehmen wir die Berufungen der Jungfrauen ernst, fördern wir das Eremitentum, motivieren wir zum Ordensleben? Könnte denn heute ein(e) Benedikt, Franziskus, Teresa von Avila, Vinzenz von Pallotti, Don Bosco, oder wer auch immer aus der Kirchengeschichte in unserer Kirche „Fuß fassen“ um eine Gemeinschaft zum Wohle der Gesellschaft zu gründen? Die meisten OrdensgründerInnen hatten in ihrer Zeit Schwierigkeiten, aber ich befürchte, dass sie heute fast noch größer wären.

Und die große dritte Frage ist, direkt anschließend daran, ist, ob wir für diejenigen die eine Berufung spüren überhaupt einen Ausbildungsrahmen schaffen? Oder stoßen wir da nicht doch noch mehr ab? Geht die Ausbildung, ob zum Priester Diakon, Ordensmitglied o. a. neue Wege, wird sie neu gedacht oder ist all das Neue was da getan wird nur alter Wein in neuen Schläuchen? Nehmen wir die Lebenswirklichkeiten der Berufenen ernst, oder quetschen wir schlussendlich nur in alte Strukturen, denn „das war ja schon immer erfolgreich“? Einzelzimmer, Stuhlkreis und Sitzungsmentalitäten, Handy und Facebook, oder WLan im Seminar zulassen, ist noch lange nicht modern und noch lange kein erfolgreiches Ausbildungskonzept für das 21. Jahrhundert. Auch da wäre die Frage, wie würden da die Ausbildungs-Reformer der Kirchengeschichte dran gehen, waren die eventuell für ihre Zeit nicht mutiger als so manche heute?

Um Berufung beten. Ja, das ist entscheidend, aber wie bei allen anderen um das man bittet, beginnt das Gebet in einem Wandel beim Betenden. Der Betende verlässt überzogene Erwartungen und durchdenkt das Gewünschte, wie Jesus in jener Nacht sagt: Aber nicht mein sondern dein Wille geschehe (Lk 22,42).

Berufung ist …

Es ist ein schwer zu greifendes Erfahren, dieses komische, so abgedroschene, so erfreuende und Segen ausdrückende Wort „Berufung“. Es ist jenes Wort, das so viele dazu führt einen Weg einzuschlagen, der nicht „normal“ ist, der hinführt zu den verschiedenen geistlichen und geweihten Lebensformen, ob Mönch, Ordensschwester, geweihte Jungfrau, Eremit, Diakon, Priester …

Was ist diese Berufung also? Gute Frage, hier ein paar schwache persönliche in Worte gefasste Annäherungen, Stand heute, 15. Juni 2019:

Berufung ist für mich ein Erfahren Gottes, plötzlich, aus dem Nichts heraus, wie das aufflammen eines Streichholzes, einen Lebensraum erhellend und einen Weg oder den nächsten Schritt erkennend. Berufung ist eine Gabe, die ich nicht „verdient“ habe. Augenblicklich, aber lebenslang nachwirkend. Es ist die Erfahrung der Liebe Gottes zu dieser Welt und zu mir als Mensch in dieser Welt.

Berufung ist ein hautnahes Begreifen, ein geradezu leibhaftiges Erfühlen, dass da einer ist, dessen Zuneigung absolut ist, dessen Zuwendung durchhält durch alle Unwegsamkeiten.

Berufung ist für mich zu erfahren, dass Gottes Liebe mir, diesem nach Weltmaßstäben kleinen Menschlein, ganz direkt gilt und dass hier eine Liebe ist, die nicht endet mit meiner immer wieder gelebten und ausgesprochenen Verweigerung, die ich als Sünde benenne.

Berufung ist eine Erfahrung, dass da jemand durch sein „ja“ mich absolut mit Leben tränkt, mir das schenkt, das mich vollsaugen lässt, das mir lebensspenden Nachschub gibt und nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein bleibt.

Berufung ist, der Empfang eines Geschenks, das mich nicht nur erfreut, sondern ergreift und verändert und mich erkennen lässt, dass da ein Gott ist, der absolut und trotz allem, allein mein Heil will, mein Leben bei ihm und mit ihm will.

Berufung ist der Anfang eines Lebenskonzeptes und der Haltegriff in diesem Leben.

Berufung ist die je eigene Form Antwort zu geben, in seiner jeweils eigenen menschlichen Gestalt, als individuelle Antwort des einzelnen Christen  in und für die Gemeinschaft der Getauften.