Werte – Contractio?

Es gibt einen Unterschied zwischen Werten die ich lebe und Werten, die ich gut und wichtig finde, die ich aber (noch) nicht lebe. Und es gibt Werte, die ich mir als Person, als Gruppe, als Gesellschaft „auf die Fahne schreibe“, mit denen ich „Werbung“ mache. 

Nun stellt sich mir (immer wieder) die Frage, welche Werte sich unter den ersten beiden Punkten finden und welche Werte ich gar nicht lebe, sondern nur vor mir hertrage. Und weiter: wie gehe ich damit um, gerade als Einzelperson, als Teil einer Gruppe / Unternehmen / Institution, dass hier eine Kontradiktion besteht.

Aus dem Blickwinkel meiner Rolle in Gesellschaft (ich als Teil des Souveräns) und auch in Kirche (Kirchenbild II. Vatikanum) ist diese Frage für mich doch zentral. Dabei möchte ich als freier Christenmensch nicht hängen bleiben bei „den da oben“ oder jenen „gegen die ich ja nichts machen kann“ (was Begriffe sind, die ich viel zu oft als Ausrede ansehe), sondern den Blick klar auf mich, auf meine kleine Welt von Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen richten, denn als Teil einer Gemeinschaft kann sich diese nicht ohne eine Entwicklung meiner Person verändern.

Oder?

Auch digital sichtbar sein … Räume besetzten

Kaum einer in kirchlichen Kreisen konnte sich diesen Digitalschub vorstellen, wie er durch die Pandemie eingetreten ist. Auch wenn wir uns darüber bewusst sein müssen, dass nicht alles, was in den letzten Monaten im digitalen Raum angeboten wurde auch „gut“ war, so gab es einen Prozess der, so hoffe ich, jetzt so nach und nach in nachhaltige, innovative und sinnvolle Prozesse vertieft werden kann.

Die Veränderungen durch die Pandemie, auch im kirchlichen Leben, zeigte, oder lässt nun nicht mehr verleugnen, dass „analoges“ Handeln von einem „digitalen“ Handeln nicht getrennt werden kann. Ein digitales Grundrauschen ist vorhanden, das unser Alltag und ganz besonders auch das kirchliche Leben durchzieht. Es ist heute nicht mehr möglich eine Kirche zu sein, die sich aus den digitalen Räumen herauszieht. Und wer es doch versuchen will, der will schlussendlich die Kirche abschaffen, wenn wir voraussetzten, dass die Kirche Jesu Christi immer dort sich zeigt und „ist“ wo der Mensch ist und und lebt.

Wie über Jahrhunderten den Christen es zu eigen war dafür zu sorgen, dass der Glaube, dass die Botschaft Christi im Alltag, in der Landschaft, im Stadtbild sichtbar ist, so ist das genauso heute unsere Aufgaben als Christen, die in ihrer Zeit leben und diese prägen. Christen im Einzelnen, aber ganz besonders die Kirche als Institution, als Einheit an vielen Orten, hat in einem digitalen Raum eine Verpflichtung sichtbar zu sein. Es geht um direkte Präsenz, um Anwesenheit, um Gegenwart im Raum und in der Zeit.

Damit ergibt sich die Aufgabe der Kirche (und ihrer Glieder) den digitalen Raum, unter den Vorzeichen der Gegenwart, geprägt durch die Botschaft, einzunehmen. Das geschieht in kleinen Schritten, mehr oder weniger (gut), seit Jahren durch die Schaffung von Internetseiten. Dies geschieht mehr oder weniger durch die Nutzung der Social Media Plattformen wie Facebook und Instagram. Aber das ist zu oft nur sehr kurz und einseitig gedacht, geht es doch um eine grundsätzlicher(e) Präsenz.

Sichtbarkeit der Kirche im Netz bedeutet die Nutzung von Ortungsdiensten und Suchmaschinen (SEO, etc.), die Beschäftigung mit Branchenverzeichnisse, Themen- und Regionalseiten und ganz besonders die Auseinandersetzung mit Algoritmen, mit AI und Co.

Deshalb plädiere ich dafür, dass Kirchen nicht nur „Herren“ sind über die mit Baustoff geschaffenen Räume sondern auch über die digitalen Räume. Wer Google nutzt wird entdecken, dass Kirchen und Kapellen im Netz zu finden sind. Aber während wir bei den Gebäuden aus Stein über Schlüssel und Nutzung bestimmen, verschenken wir diesen „Besitz“ im digitalen, ja lassen ihn verwildern.

Dabei ist der Besitz diese Kirchenräume entscheidend. Hier werden wir als Kirche (noch) über den Aspekt von Caritas und History hinaus entdeckt. Es gilt diese digitalen Räume auszustatten mit dem, was gesucht wird, sodass sie zu Informationsräumen und Schauräumen unseres Glaubens werden. Hier gilt es genauso Frage und Antwort zu stehen, hier gilt es genauso wie an anderen Orten Erfahrungsräume des Christlichen zu schaffen.

Dabei braucht es erst einmal nicht viel: ein Google-MyBusiness-Konto, eine aufgeräumte eigene Internetseite (vom Archiv zur Serviceseite), die Bereitstellung klarer Informationen (aktuelle Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Informationen, …). Dies lässt sich weiter ausweiten: dasoertliche.de; meinestadt.de, … Maps und Ortungsdiensten, … , SEO-Opimierung, …

Dabei bin ich der Meinung, dass diese Sichtbarkeit eine sehr förderliche (zentrale?) „Grundlage“ ist für eine erfolgreiche Social Media Präsenz. Denn mit dieser Grundausstattung, und mit einem guten Plan (Konzept, aber nicht zerredet sondern geplant), mit einem gesunden Blick auf Kooperationen, Kompetenzen und Ressourcenbündelung kann es in den Social Media weiter gehen (es braucht eine Ehrlichkeit der Akteure in den Social Media).

Die aktuelle Digitalstudie D21 zeigt es ganz aktuell. Die Nutzung des Internets als Informationsraum ist in allen Gesellschaft- und Altersstrukturen angekommen (z. B. 88% der Gesellschaft ist online, 80% mobil). Daher gelten die alten Ausreden nicht mehr. Spätestens jetzt braucht es digitale Strategien für Social Media; prozessbezogen, vernetzt, kollaborativ und kreativ.

Wenn die Arbeit zur Sichtbarkeit von Kirche im Netz einher geht mit einem Blick auf das eigene Können (Kompetenz & Ressourcen), auf die Botschaft, dann kann Kirche, je nach Thema etc. in den verschiedenen Räumen erfolgreich sein: Instagram, Pinterest, TikTok, LinkedIn/Xing, Twitter (Mastadon), etc. Dies gilt dann auch besonders für die oft vernachlässigten Video- und Audioplattformen (übrigens auch Radio) wo die Menschen nach ausführlichen Antworten auf komplexere Themen suchen.

Bei einem bin ich mir sicher: Sichtbarkeit wird nicht durch Masse erreicht. Nicht die tausendste Seite und das millionste Zitatebild ist gefragt, sondern Qualität, Ehrlichkeit in der Botschaft. Deshalb dürfte die sinnvolle digitale Präsenz im Netzwerken und im kirchlichen Miteinander zu finden sein. Statt nach Territorialgrenzen und Machträumen könnte Kirche versuchen nach den Kompetenzen von Akteurinnen und Akteuren, nach Zielgruppen oder nach Themen sich zu vernetzen und dann zu präsentieren.

Auch wenn es das schon vereinzelt gibt, so ist das Ausbaufähig, wenn katholisch.de seine Plattformen zur Mitbenutzung frei gibt, wenn (Erz-)Bistümer gemeinsam Seelsorgeangebote wie internetseelsorge.de schaffen, wenn ökumenische Verbünde gemeinsame Advents-Angebote haben (www.advent-online.de) oder wenn, wie jetzt gerade geschieht, neun (Erz-)Bistümer dabei sind ihr Fachwissen, Kompetenzen und Ressourcen auf einer Internetseite http://www.digitalpastoral.de (ab Oktober 2021) bündeln.

Wahnsinn …

Echt, ich bin ja schon eher rational gerade auch in Situationen wo andere sehr schnell mit Gefühlen und so kommen. Auch gerade jetzt in dieser Corona-Phase, reagiere ich eher pragmatisch. Corona ist eine erlebbar Bedrohung meiner aktuellen Lebenssituation, aber um die Bedrohung ernst zu nehmen, braucht es auch ein gewisses Maß an Ironie, Distanz und Humor. Sonst kann ich das nicht.

Vorhin habe ich aber gemerkt, dass sich bei mir was verändert. Gestern war ich schonmal vor einem leeren Regal gestanden und dachte noch nur „Hä???“. Heute musste ich kurz in den Penny hier ums Eck um Öl zu kaufen. Wirklich, ich brauchte nur Öl. Die Stimmung in dem Laden aber, die vielen Leerstellen in den Regalen, hat mich echt dazu gebracht mehr zu kaufen. Schlussendlich ging ich mit einer Tasche voll Produkten raus – alles Dinge, die sich gut aufbewahren lassen und ich merkte dabei die Entschuldigung: „Das geht ja nicht kaputt“ und „sicher ist sicher“.

Ich stand dann draussen vorm Laden und fragte mich, was da gerade geschehen ist. Ich habe mich anstecken lassen. Dabei ist doch das Entscheidende, dass wir Ruhe bewahren, unser Leben der Situation anpassen, unser Leben aber nicht bestimmen lassen von Angst und abstrusen Handlungen.

Es gilt wirklich aufzupassen auf sich selbst und auf uns. Corona führt dazu, dass wir gewisse Formen der Kommunikation und des Miteinanders aktuell unterlassen. Aber das muss „aktuell“ bleiben und nicht auf Dauer.