Björn Siller

Heute wird in vielen Gemeinden die Prozession zu Fronleichnam ausfallen und auch in den nachfolgenden Tagen nicht nachgeholt werden. Das ist traurig, es bietet aber die Möglichkeit heute ganz besonders darüber nachzudenken, wie ich denn da mitgelaufen wäre. Wäre ich einer gewesen, der hinter etwas her gelaufen wäre, und wenn es im besten Falle, die Monstranz gewesen wäre, oder wäre ich einer, der „mit dem sichtbaren Zeichen Jesu Christi“ auf die Straße gegangen wäre?

Nein, keine Wortspielerei soll das sein. Ich meine das ernst. Wir begründen unsere Prozessionen stets damit, dass wir unseren Glauben sichtbar in die Welt tragen wollen. Und ich finde es gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dazu gehört die Ausschmückung von Strassen und Plätzen, schöne Kleidung, liturgische Feierlichkeit und auch eine gewisse „Würde“. Aber dies darf nicht alles sein. Prozession, das Zeugnis geben unseres Glaubens, in unserer alltäglichen Lebenswelt, darf sich nicht auf Äusserlichkeiten inklusive Monstranz und Corpus Christi reduzieren.

Auch bei der Prozession gilt doch eine „tätige Teilnahme“. Das darf nicht reduziert werden auf die Frage, wie so viele als möglich die Monstranz tragen können. Das darf sich aber auch nicht konzentrieren auf das Schmücken, das Singen oder das „sich Benehmen“.

Mit dem Ansinnen unseren Glauben sichtbar aus den Kirchenmauern heraus zu tragen machen wir auch ganz besonders sichtbar, was es bedeutet in der Liturgie die Aufgabe der „tätigen Teilnahme“ als Gläubiger (christfideles) ernst zu nehmen. Daher meine Frage: Laufe ich hinterher oder bin ich ein Teil, dieses Zeichens?

Vor wenigen Tagen wurde von der „Gottesdienstkongregation“ einige Impulse und Anordnungen für die Feier der Karwoche und des Triduum herausgegeben. Dabei wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Situation „die Bischöfe und Presbyter die Riten der Karwoche ohne Beteiligung der Menschen, an einem geeigneten Ort alleine feiern“ (eigene Übersetzung von: Vescovi e i Presbiteri celebrino i riti della Settimana Santa senza concorso di popolo e in luogo adatto).

Weiter heisst es, dass: Die Gläubigen über den Beginn der Feierlichkeiten ( in den jeweiligen Kirchen) informiert werden müssen, damit sie in ihren Häusern gemeinsam beten können. Hilfreich können hierzu auch Livestreams oder TV-Übertragungen sein. Es ist in jedem Fall wichtig, ausreichend Zeit für das Gebet aufzuwenden, insbesondere durch die Feier der Tagzeitenliturgie. (Übersetz nach: „I fedeli siano avvisati dell’ora d’inizio delle celebrazioni in modo che possano unirsi in preghiera nelle proprie abitazioni. Potranno essere di aiuto i mezzi di comunicazione telematica in diretta, non registrata. In ogni caso rimane importante dedicare un congruo tempo alla preghiera, valorizzando soprattutto la Liturgia Horarum.„)

Nun ist das mit diesen Livestreams schon ein bisschen gespenstisch. Trotzdem bietet diese Art der Teilnahme in einer Form des „Schauens“ eine Bezugsgröße. Wenn dabei die Möglichkeit besteht über andere digitale Kommunikationsformen am Geschehen teilnehmen zu können, dann ist das eine schöne Erweiterung. Die allenthalben gerade vermisste „Beteiligung der Laien“ wäre nach der Krise ein guter Ansatzpunkt zur Diskussion, was denn unter „vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern“ (SC 14) gemeint ist. Im Moment habe ich gar das Gefühl, dass unter tätige Teilnahme ein: „Alle müssen beschäftigt sein!“, verstanden wird. Ich bin mir nicht sicher ob SC davon spricht, dass etwas aktiv getan werden muss, sondern, dass es Beteiligung gibt. Da dieser Punkt so entscheidend verbunden ist mit der „Liturgischen Bildung“ und damit zur Theologie Romano Guardini, wäre es gut, wenn wir hier nochmal uns ausführlich damit beschäftigen – nach Corona!

Aber was nun tun, während Corona. Ich kann mich nicht damit zufrieden geben, dass ich von Gründonnerstag bis Ostersonntag vor einem Bildschirm sitze und die Liturgie an mir vorüber ziehen lasse. Und mehr ist es nicht, denn in der Kürze der Zeit werden es die Verantwortlichen nicht schaffen, die Choreographie der Liturgie so zu prägen und rüberzubringen, dass hier „mehr“ geschieht – ein gelungenes Beispiel wäre das Sonder-Urbi-et-Orbi von Papst Franziskus.

Somit braucht es mehr, als „nur“ die digitale Teilnahme an der Eucharistie.

Der erste Ansatz gibt uns das Dekret der Kongregation: Die Tagzeitenliturgie. Die Gebetstradition, die bei Laien wie Priestern, vielerorts eingeschlafen ist, bietet einen großen Schatz. Wäre es nicht jetzt eine große Chance, die die Verantwortlichen für Liturgie in den Bistümern nützen könnten, um gerade anhand dieser Gebetsform den Gemeinden und dem ganzen Volk Gottes hier Materialien zur Hand zu geben, die in ganz eigener Form von dem Ereignis berichten und in das Ereignis hineinbegleiten?

In den Klöstern gehört zur Liturgie, gerade an Hochfesten, auch die gemeinsame Mahlzeit. In den Gemeinden gab es immer wieder mal die Versuche, zu einzelnen Terminen auch eine Tradition des „Tischwechsels“ einzuführen. Vom Tisch des Brotes/Weines und dem Tisch des Wortes hin zum Tisch der Sättigung. Wenn dies gelungen wäre, dann wäre das eine gute Grundlage für Pastoral 2030, denn solch eine Tradition würde zeigen, dass der Pfarrer, nur in der Eucharistie „Imago Christi“ ist und dass er eben ein Teil der Gläubigen ist. Dies Tradition haben wir aber so nicht, es ist jetzt aber die Möglichkeit damit zu beginnen! Ausgehend von der Familie.

Dabei könnten wir auf eine unserer (liturgischen) Wurzeln des Judentum blicken. In der Tradition des Pessachs (die Pessach Haggada wäre da Impulsgeberin) könnte es in den Familien einen kleinen Leitfaden des gemeinsamen Feiern geben. Dabei gilt es natürlich darauf zu achten, dass hier kein „Nachfeiern“ von Pessach (und auch nicht der Eucharistie) stattfindet. Aber sowohl am Gründonnerstag, wie auch in der Osternacht könnten hier zentrale Impulse gesetzt werden. Ausgehend von einem Dreischritt des Lobpreis – Dank – Bitte, könnte den Familien, Texte, Gebete und bekannte Lieder zur Hand gegeben werden, damit das gemeinsame Abendessen eben nicht nur eingenommen wird, sondern „zelebriert“ wird. Damit wird nicht nur das Ereignis nochmal zentral gewürdigt sondern auch Räume für neue Erfahrungen eröffnet oder für Erinnerungen, an andere gemeinsame Zeiten der Freude.

Das Feiern der heiligen Zeit würde so nochmal einen wirklichen Lebensbezug bekommen. Eucharistie (diesmal allein schauend) und Communio in Freude und Genuss.

Zusatz: Wie aber Karfreitag?

Dass der Karfreitag keine fremde, dem Alltag enthobene Liturgie ist, das zeigt eigentlich schon das Messbuch. Gerade der Karfreitag müsste ausserhalb von Corona jener Tag sein, der in seiner Tiefe mit einer Auseinandersetzung von Tod und Leben, in jeder Kirche einer Seelsorgeeinheit gefeiert wird. Und gerade deshalb ist es der Tag der den Alltag der Familie, jeder Person gerade im Blick auf Corona prägen kann und soll. Hier auch wieder die Tagzeitenliturgie als Ausgangspunkt, bieten die Texte der Karfreitagsliturgie viele Impulse zu einer Zeit der Stille und/oder des gemeinsamen Gebetes und Gesprächs. Die Passion zu lesen, oder in einer musikalischen Form zu Hause im Wohnzimmer zu hören, sich darüber auszutauschen, danach zentral die großen Fürbitten gemeinsam zu beten, sich bewusst zu werden, dass das nicht nur lange Texte sind, sondern unsere Verbundenheit untereinander, nicht nur im kleinen Kreis sondern Weltweit, ausdrücken, das sind Ansätze, die diesen Tag prägen. Darüber hinaus bietet dieser Tag, mehr denn je (eventuell mit dem Impuls von Papst Franziskus vom 27.03.2020) sich, im Angesicht des Sterbens Jesu, mit dem eigenen Leben, mit dem Tod, mit der Erinnerung an die Verstorbenen auseinanderzusetzen. So könnte dieser Tag, geprägt von Gebet, gemeinsamer Zeit, gemeinsamer Mahlzeit, zu einem echten Familientag werden.

  • Der Karfreitag könnte aber, gerade auch für die Technikfreunde, ein Gottesdienst sein, der interaktiv gefeiert wird.
  • Soweit ich weiß, gibt es kein Verbot des Kommunionempfangs. Welche Formen der Kommunionausteilung wären denn möglich? Wie wäre es, wenn wir hier ein bisschen kreativ wären?

Ja, wir müssen an vielen Stellen umdenken. In meinem beruflichen Umfeld werden gerade viele Veranstaltungen, Sitzungen und Konferenzen abgesagt. Das schafft zuerst mal eine richtig blöde Situation. Sitzungen und Konferenzen sind ja nicht zum Selbstzweck, sondern aufgrund von Prozessen, und die werden behindert, Vorgänge werden schwieriger, ja auch über den Haufen geworfen – ganz viel Probleme und neue Arbeiten kommen dazu.

Ich persönlich finde es ganz schlimm, dass durch die Maßnahmen sich auch die Beziehungen verändern und Kommunikationsebenen unterbrochen oder abgebrochen werden.

Aber weil jetzt so viele Fragen kommen, weil jetzt so viel sich verändert, stellt sich eine zentrale Frage, wie wir uns neu strukturieren müssen, dass eine solche Epidemie in Zukunft nicht wieder so unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben lahmlegt. Wie muss sich unsere Gesellschaft verändern, dass wir unabhängiger werden. Eventuell liegt gerade die Antwort in der Frage in einer scheinbaren neuen Abhängigkeit: Der Digitalität und der neuen Kommunikationsformen.

Das Paradoxe dürfte darin liegen, dass wir uns noch mehr mit dem beschäftigen müssen, was uns in neue Formen einfügt, aber uns daraus heraus eventuell eben auch mehr Möglichkeiten entstehen.

Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie wir eine geplante Tagung eventuell mit Technik doch noch teilweise stattfinden lassen können. Klar Telefonkonferenz, aber reicht das? Was kann man da noch machen, was kann man da noch nutzen, das einfach ist, das nicht mehr Probleme schafft als löst … gerade in einem Umfeld, das eben noch nicht daran gewöhnt ist. 

Gerade mit Telefonkonferenzen, mit Videokonferenzen eröffnen sich neue Räume, die etwas verändern, was gerade erst angefangen hat. Die Generation „Messenger“, die lieber textet als telefoniert, könnte sich hier nochmal verändern. 

Auch andere Aspekte sind positiv. Wenn wir erkennen, dass wir einige der vielen Sitzungen und damit Dienstreisen und Kosten und klimafeindliche Aspekte gar nicht brauchen, sondern ein gutes Telefonat, eine gut geplante und von der Infrastruktur machbare Videokonferenz, uns genauso weiterbringt, dann wäre das doch schon ein gutes Ergebnis. 

Oder wenn wir in den nächsten Wochen auf schnelle Reisen, Abendveranstaltungen, Einkaufbummel, Freizeitaktionen verzichten, dann könnte doch damit ein Raum entstehen, der die Frage zulässt: Was brauche ich davon eigentlich. Und wenn wir jetzt eventuell plötzlich mehr mit Familie, engere Freunde oder den Partnern verbringen und merken, dass das auch seine schönen Seiten hat – ist das eventuell der „Anfang einer (neuen) Freundschaft“?

Eventuell gibt’s da noch so ein paar Punkte, die sich nun ergeben und die uns dazu führen über manche Dinge in unserem Leben nachzudenken. In dem Fall nicht: „Ist das Kunst oder kann das weg“ sondern „Schafft das Leben oder kann das weg“?  

In der Herder Korrespondenz vom Mai 2019 weist Benedikt Kranemann auf einige Punkte in der Liturgie hin, die angesichts der Missbrauchsfälle, der Frage nach einem Klerikalismus, neu in den Blick genommen werden sollten. Dabei geht er auch auf den Vorstehersitz (S. 16) ein und greift ein Punkt auf, den ich schon lange, gerade im Kreis von Freunden, hinterfrage.

Immer wieder treffen wir in Kirchen auf Vorstehersitze, die bis hin zu kleinen Thronen herausgeputzt werden. Viele Sitzanordnungen für den Vorsteher sind so, dass sie der restlichen Gottesdienstgemeinde gegenübersitzen. Aber warum? Dieses Gegenüber und oft genug, durch den Chorraum, die Erhöhung schafft Trennungen und bietet Raum für Botschaften, die doch nicht gewollt sind, oder? Welche Ziele werden mit diesen Vorstehersitzen verfolgt und in wieweit ist dieses recht neue Möbelstück im Kirchenraum förderlich für die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils in der „die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen“ ja gefördert und „institutionalisiert“ werden und damit der Aspekt des gemeinsam pilgernden Volk Gottes und dem allgemeinen Priestertums hervorgehoben werden sollte.

Immer wieder wird betont, dass die Positionierung des Vorstehersitzes und der anderen Sitzgelegenheiten im Kirchenraum zeigen sollen, dass man sich um den Altar herumgruppiert. Angesichts des Kirchenraumes war mir das aber nur sehr selten ganz schlüssig und ich stellte und stelle mir die Frage, ob die meisten der heutigen Raumkonzepte wirklich eine Entwicklung im Blick haben oder in erster Linie eine Abwendung zementieren wollen/wollten. Sind Vorstehersitz und Anordnung von Kirchenbänken wirklich eine Antwort auf die neu beachteten theologischen Ansätze oder nur ein „nein“ zum Hochaltar und manch einer da hineininterpretierte Theologie bzw. ein nein gegen Auswüchse der „alten“ Liturgie?

Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich bin keiner, der die ordentliche Form abschaffen will. Vielmehr stelle ich mir die Frage ob es nicht in der letzten Liturgieform Aspekte gibt, die eben eher nur aus einem „nein“ heraus entstanden sind.

Ich persönlich plädiere dafür, dass der Vorstehersitz neu ausgerichtet wird. Unter zwei Aspekten: Auf Christus hin und nicht dem Volk entgegen oder gegenüber. Da ich voraussetze, dass bisher das Volk auf ein Kreuz, auf den Tabernakel sich hin ausgerichtet hat, wäre es für mich somit logisch, dass der Priestersitz aus dem klassischen Konzept des Chorraums (wieder) herausgenommen wird und er sich einfügt, als Vorsitz, in das bisher dem Volk zugeordneten Konzept Daher: Stellen wir doch passende Stühle/Sitzgelegenheiten z. B. in einen Mittelgang, dort hin wo die erste Reihe der Kirchenbänke beginnt o. ä.. Dabei ist es zweckmäßig, dass der Vorsteher nicht einfach in die erste Reihe der Bänke sich setzt. Er/Sie braucht Bewegungsfreiheit und hat den Vorsitz innerhalb der Gemeinschaft, das soll schon sichtbar sein.

Mit dieser Veränderung würde der Aspekt der Prozession, der Bewegung, wie Guardini sie hervorhebt, wieder sichtbarer werden. Darüber hinaus würde sich klarer zeigen, wo und wie der Vorsteher eben seine Vorsteherrolle ausfüllt und wo er Christ unter Christen ist. Eine gemeinsame Gebetsrichtung wird hier sichtbar und ein bisher oft ungutes „Gegenüber“ verhindert. Die Einheit des Volkes kann so stärker herausgearbeitet werden. Alle gemeinsam sind wir Hörer des Wortes. Auch eventuell ganz besonders der Priester, denn sein Dienst ist der Dienst der Einheit und die kann nur gelingen durch das Wort und durch die Memoria.

Eventuell könnten sich einzelne Gemeinden, die in den letzten Jahren den Altar mehr in das Zentrum des Kirchenraums gerückt haben, die Frage sich stellen, ob es auch am Altar einer Neuausrichtung bedarf. Dies sollte aus meiner Sicht kein gesamt-kirchlicher Wandel sein, denn ein pauschales zurück zur Zelebration des Priesters an irgendwelchen fernen Hochaltären mag zwar ästhetisch schön sein, aber ersehe ich nicht als passend. Aber auch hier, beim Thema des Hochaltars, gerade in kleineren Kirchen und Kapellen, sollten sich Gemeinde und Leitung nochmal stärker die Frage stellen, was stimmig ist und wie gemeinsames hören und beten, wie „die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen“ im konkreten Gottesdienstraum wirklich gefördert werden kann – ohne kirchenpolitische Beweggründe und ohne Selbstinszenierung einzelner Personen und Gruppen (was eventuell zur Entsorgung von zu vielen Möbelstücken und so zu mehr Spielraum, Bewegungsraum führen könnte).

Halten wir Stille aus? In einem zwischenmenschlichen Miteinander gibt es kaum Momente der Stille. Schweigen wird von vielen als unangenehm erlebt. „Wer miteinander reden kann, muss auch miteinander schweigen können“ – so eine Aussage, die ich immer wieder höre. Aber stimmt das? Welchen Wert hat das Schweigen, welchen Wert hat die Stille? Oder hat beides denn überhaupt einen Wert?

Ich persönlich denke schon und ich gehöre auch zu jenen, die es ungemein genießen eine Zeit der Stille zu haben. Dabei gibt es verschiedene Stufen und Formen. Stille, gerade im Miteinander oder gar in der Liturgie sind zuerst einmal Momente der Lautlosigkeit, der Pausen zwischen den einzelnen „Akten“ des liturgischen Ablaufs, wobei nein. Stille ist ein „Akt“, der immer wieder kommt. Zumindest lässt sich das vermuten, wenn wir die Grundordnung des römischen Messbuchs anschauen.

So heißt es unter Punkt 45: „Auch das heilige Schweigen ist als Teil der Feier zu gegebener Zeit zu halten. Sein Charakter hängt davon ab, an welcher Stelle der Feier es vorkommt. Beim Bußakt und nach einer Gebetseinladung besinnen sich alle für sich; nach einer Lesung aber oder nach der Homilie bedenken sie kurz das Gehörte; nach der Kommunion loben sie Gott und beten zu ihm in ihrem Herzen.
Schon vor der Feier selbst ist in der Kirche, in der Sakristei, im Nebenraum und in der näheren Umgebung angemessenerweise Stille zu halten, damit alle sich auf den Vollzug der heiligen Handlung andächtig und in der gehörigen Weise vorbereiten
.“

Ein Beispiel: Ein Kommunionhelfer eilt nach der Kommunionausteilung in Richtung Tabernakel. Mit dem Hostienkelch in der Hand macht er eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und stellt danach die Hostien ein. 

Eine Gläubige betritt eine Kirche, greift zum Weiwasserbecken, verharrt, schlägt das Kreuzzeichen und tritt in die Kirche ein.

Ein Ministrant ist eifrig bemüht all das zu machen, was zu tun ist. Dabei macht er vor einem Hochaltar, ohne Tabernakel, mehrmals in der Liturgie eine Kniebeuge. Jedoch nicht vor dem Tabernakel und auch nicht vor dem Zelebrationsaltar. 

Das sind kleine Beispiele, ganz nebensächlich für jene die in der Kirche aktiv der Liturgie folgen und sich auf das Geschehen, das in der Gemeinschaft geschieht konzentrieren. Gerade aber im Kreis von Kirchenfunktionären, von Theologisierenden, Seminaristen und Priestern sind Haltung, Benehmen, Rituale ein großes Thema, drücken sie doch – so zumindest die Meinung – ganz klar die jeweilige Haltung, Spiritualität und kirchliche Gesinnung aus.

Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass wir heute viel weniger Wert auf die Ausführung der Ritualien legen, so beobachte ich doch statt dessen eine höhere Aufmerksamkeit gegenüber dem was der/die Andere so im Gottesdienst tut. Und auch der Gläubige macht sich, so erlebe ich es, insgeheim immer mehr Gedanken, welche Botschaft er oder sie mit dem was er tut sendet.

Seit der Liturgiereform in Folge des II. Vatikanischen Konzils hat sich viel verändert. Dabei brachte diese Reform aber kein Stillstand oder einen allgemein gültigen Zustand sondern vielmehr eher mehr Unsicherheiten, mehr nicht voll verankerte Handlungen und Vorgänge, mehr hinterfragbare Handlungen und Ritualien, die eben auch mit kirchenpolitischen Botschaften aufgeladen sind. Ohne irgendwelche Personen oder Personenkreise negieren zu wollen oder unterstellen zu wollen, dass es an spiritueller Grundhaltung mangelt, so muss ich doch sagen, wachsen meine Zweifel über den Zusammenhang zwischen dem was in der Liturgie getan und was geglaubt wird.

Dabei ist das, mag es auch für manche nicht so sein, ein wichtiges entscheidendes Thema und nicht nur in katholischer Kirche. Wenn wir von unseren liturgischen Ritualen sprechen, dann sind diese auch ein Teil der vielen verschiedenen rituellen Handlungen und Ritualien, die wir alle im Leben tun, bzw. die unser Leben prägen. Dabei haben diese verschiedene Gründe. Diese festen Handlungsabläufe und eingeübten Handlungen vermitteln Sicherheit, Zugehörigkeit, Heimat. Sie aktivieren eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe und sie verbinden die Gegenwart mit der Vergangenheit. Gerade im Glauben ist der letzte Aspekt ein entscheidender. Riten und rituelle Handlungen sind gewachsene Vorgänge. Sie sind aus einer Grundhaltung heraus entstanden und übernommen worden, als Zeichen, als Erinnerungshandlung, o. Ä.

Im Alltag übernehmen wir Handlungen und Abläufe von unseren Eltern, wir prägen unseren eigenen Tagesablauf in unserem Leben aufgrund unseres Berufs, aufgrund unserer Lebenssituation und Erfahrungen. Sie haben einen Sinn! Trotzdem gilt es diesen immer wieder anzufragen. Ist es noch sinnvoll dieses oder jenes zu tun? Es ist nicht mehr sinnvoll Kohlen einzulagern, wenn man eine Ölheizung hat. Und genauso ist es zu prüfen, ob die Handlungen in der Liturgie mit dem Übereinstimmen, was theologische Grundhaltung ist. Darüber hinaus braucht es auch hier noch die Frage, ob es zwischen der Handlung und der einzelnen Person, ob Priester oder Laie, eine Verbindung besteht. Eine Verbindung hin zum Denken, Erkennen zum eigenen Leben.

Zum Glauben gehört ein Verstehen und ein Glauben im Alltag leben. Die Liturgie, ganz besonders die Eucharistie soll diese Beziehung zwischen Glauben und Leben aufzeigen. Eucharistie ist in Liturgie geprägtes Lebensereignis und gerade deshalb ist es wichtig, den Ablauf, die Worte und Handlungen mit Leben zu füllen. Einmal in dem der/die einzelne sich auf das Weitergegebene einlässt, sich einübt und zum anderen indem wir uns alle immer wieder anfragen lassen, was wir eigentlich da gerade tun.

Und wie bei den obigen Beispielen gilt es das Tun in Frage zu stellen. Ist es sinnvoll, ist es gelebter und auch theologisch stimmiger Ausdruck des Glaubens, wenn ich meine Kniebeuge, mein Kreuzzeichen oder andere Handlungen vornehme? Die Zeichen wirken nicht alleine, Sakramente und sakramentale Handlungen zaubern nicht irgendwas her sondern sind Zeichen zu etwas was „da ist“.

Deshalb sollten wir uns die Frage stellen – in aller Offenheit und Bereitschaft zur Selbstreflexion – zu unserem Glaubensleben im Gebet und in der Ausprägung. Dies aber, und das ist mir wichtig, ohne irgendeine spirituelle Prägung grundsätzlich zu negieren oder irgendwelche Formen der Liturgie abzulehnen. Aller gelebter Glaube ist wertvoll und würdig solange er nicht andere herabwürdigt oder negiert.