Björn Siller

Heute wird in vielen Gemeinden die Prozession zu Fronleichnam ausfallen und auch in den nachfolgenden Tagen nicht nachgeholt werden. Das ist traurig, es bietet aber die Möglichkeit heute ganz besonders darüber nachzudenken, wie ich denn da mitgelaufen wäre. Wäre ich einer gewesen, der hinter etwas her gelaufen wäre, und wenn es im besten Falle, die Monstranz gewesen wäre, oder wäre ich einer, der „mit dem sichtbaren Zeichen Jesu Christi“ auf die Straße gegangen wäre?

Nein, keine Wortspielerei soll das sein. Ich meine das ernst. Wir begründen unsere Prozessionen stets damit, dass wir unseren Glauben sichtbar in die Welt tragen wollen. Und ich finde es gut, wenn wir das ernst nehmen.

Dazu gehört die Ausschmückung von Strassen und Plätzen, schöne Kleidung, liturgische Feierlichkeit und auch eine gewisse „Würde“. Aber dies darf nicht alles sein. Prozession, das Zeugnis geben unseres Glaubens, in unserer alltäglichen Lebenswelt, darf sich nicht auf Äusserlichkeiten inklusive Monstranz und Corpus Christi reduzieren.

Auch bei der Prozession gilt doch eine „tätige Teilnahme“. Das darf nicht reduziert werden auf die Frage, wie so viele als möglich die Monstranz tragen können. Das darf sich aber auch nicht konzentrieren auf das Schmücken, das Singen oder das „sich Benehmen“.

Mit dem Ansinnen unseren Glauben sichtbar aus den Kirchenmauern heraus zu tragen machen wir auch ganz besonders sichtbar, was es bedeutet in der Liturgie die Aufgabe der „tätigen Teilnahme“ als Gläubiger (christfideles) ernst zu nehmen. Daher meine Frage: Laufe ich hinterher oder bin ich ein Teil, dieses Zeichens?

Vor wenigen Tagen wurde von der „Gottesdienstkongregation“ einige Impulse und Anordnungen für die Feier der Karwoche und des Triduum herausgegeben. Dabei wird darauf hingewiesen, dass angesichts der Situation „die Bischöfe und Presbyter die Riten der Karwoche ohne Beteiligung der Menschen, an einem geeigneten Ort alleine feiern“ (eigene Übersetzung von: Vescovi e i Presbiteri celebrino i riti della Settimana Santa senza concorso di popolo e in luogo adatto).

Weiter heisst es, dass: Die Gläubigen über den Beginn der Feierlichkeiten ( in den jeweiligen Kirchen) informiert werden müssen, damit sie in ihren Häusern gemeinsam beten können. Hilfreich können hierzu auch Livestreams oder TV-Übertragungen sein. Es ist in jedem Fall wichtig, ausreichend Zeit für das Gebet aufzuwenden, insbesondere durch die Feier der Tagzeitenliturgie. (Übersetz nach: „I fedeli siano avvisati dell’ora d’inizio delle celebrazioni in modo che possano unirsi in preghiera nelle proprie abitazioni. Potranno essere di aiuto i mezzi di comunicazione telematica in diretta, non registrata. In ogni caso rimane importante dedicare un congruo tempo alla preghiera, valorizzando soprattutto la Liturgia Horarum.„)

Nun ist das mit diesen Livestreams schon ein bisschen gespenstisch. Trotzdem bietet diese Art der Teilnahme in einer Form des „Schauens“ eine Bezugsgröße. Wenn dabei die Möglichkeit besteht über andere digitale Kommunikationsformen am Geschehen teilnehmen zu können, dann ist das eine schöne Erweiterung. Die allenthalben gerade vermisste „Beteiligung der Laien“ wäre nach der Krise ein guter Ansatzpunkt zur Diskussion, was denn unter „vollen, bewußten und tätigen Teilnahme an den liturgischen Feiern“ (SC 14) gemeint ist. Im Moment habe ich gar das Gefühl, dass unter tätige Teilnahme ein: „Alle müssen beschäftigt sein!“, verstanden wird. Ich bin mir nicht sicher ob SC davon spricht, dass etwas aktiv getan werden muss, sondern, dass es Beteiligung gibt. Da dieser Punkt so entscheidend verbunden ist mit der „Liturgischen Bildung“ und damit zur Theologie Romano Guardini, wäre es gut, wenn wir hier nochmal uns ausführlich damit beschäftigen – nach Corona!

Aber was nun tun, während Corona. Ich kann mich nicht damit zufrieden geben, dass ich von Gründonnerstag bis Ostersonntag vor einem Bildschirm sitze und die Liturgie an mir vorüber ziehen lasse. Und mehr ist es nicht, denn in der Kürze der Zeit werden es die Verantwortlichen nicht schaffen, die Choreographie der Liturgie so zu prägen und rüberzubringen, dass hier „mehr“ geschieht – ein gelungenes Beispiel wäre das Sonder-Urbi-et-Orbi von Papst Franziskus.

Somit braucht es mehr, als „nur“ die digitale Teilnahme an der Eucharistie.

Der erste Ansatz gibt uns das Dekret der Kongregation: Die Tagzeitenliturgie. Die Gebetstradition, die bei Laien wie Priestern, vielerorts eingeschlafen ist, bietet einen großen Schatz. Wäre es nicht jetzt eine große Chance, die die Verantwortlichen für Liturgie in den Bistümern nützen könnten, um gerade anhand dieser Gebetsform den Gemeinden und dem ganzen Volk Gottes hier Materialien zur Hand zu geben, die in ganz eigener Form von dem Ereignis berichten und in das Ereignis hineinbegleiten?

In den Klöstern gehört zur Liturgie, gerade an Hochfesten, auch die gemeinsame Mahlzeit. In den Gemeinden gab es immer wieder mal die Versuche, zu einzelnen Terminen auch eine Tradition des „Tischwechsels“ einzuführen. Vom Tisch des Brotes/Weines und dem Tisch des Wortes hin zum Tisch der Sättigung. Wenn dies gelungen wäre, dann wäre das eine gute Grundlage für Pastoral 2030, denn solch eine Tradition würde zeigen, dass der Pfarrer, nur in der Eucharistie „Imago Christi“ ist und dass er eben ein Teil der Gläubigen ist. Dies Tradition haben wir aber so nicht, es ist jetzt aber die Möglichkeit damit zu beginnen! Ausgehend von der Familie.

Dabei könnten wir auf eine unserer (liturgischen) Wurzeln des Judentum blicken. In der Tradition des Pessachs (die Pessach Haggada wäre da Impulsgeberin) könnte es in den Familien einen kleinen Leitfaden des gemeinsamen Feiern geben. Dabei gilt es natürlich darauf zu achten, dass hier kein „Nachfeiern“ von Pessach (und auch nicht der Eucharistie) stattfindet. Aber sowohl am Gründonnerstag, wie auch in der Osternacht könnten hier zentrale Impulse gesetzt werden. Ausgehend von einem Dreischritt des Lobpreis – Dank – Bitte, könnte den Familien, Texte, Gebete und bekannte Lieder zur Hand gegeben werden, damit das gemeinsame Abendessen eben nicht nur eingenommen wird, sondern „zelebriert“ wird. Damit wird nicht nur das Ereignis nochmal zentral gewürdigt sondern auch Räume für neue Erfahrungen eröffnet oder für Erinnerungen, an andere gemeinsame Zeiten der Freude.

Das Feiern der heiligen Zeit würde so nochmal einen wirklichen Lebensbezug bekommen. Eucharistie (diesmal allein schauend) und Communio in Freude und Genuss.

Zusatz: Wie aber Karfreitag?

Dass der Karfreitag keine fremde, dem Alltag enthobene Liturgie ist, das zeigt eigentlich schon das Messbuch. Gerade der Karfreitag müsste ausserhalb von Corona jener Tag sein, der in seiner Tiefe mit einer Auseinandersetzung von Tod und Leben, in jeder Kirche einer Seelsorgeeinheit gefeiert wird. Und gerade deshalb ist es der Tag der den Alltag der Familie, jeder Person gerade im Blick auf Corona prägen kann und soll. Hier auch wieder die Tagzeitenliturgie als Ausgangspunkt, bieten die Texte der Karfreitagsliturgie viele Impulse zu einer Zeit der Stille und/oder des gemeinsamen Gebetes und Gesprächs. Die Passion zu lesen, oder in einer musikalischen Form zu Hause im Wohnzimmer zu hören, sich darüber auszutauschen, danach zentral die großen Fürbitten gemeinsam zu beten, sich bewusst zu werden, dass das nicht nur lange Texte sind, sondern unsere Verbundenheit untereinander, nicht nur im kleinen Kreis sondern Weltweit, ausdrücken, das sind Ansätze, die diesen Tag prägen. Darüber hinaus bietet dieser Tag, mehr denn je (eventuell mit dem Impuls von Papst Franziskus vom 27.03.2020) sich, im Angesicht des Sterbens Jesu, mit dem eigenen Leben, mit dem Tod, mit der Erinnerung an die Verstorbenen auseinanderzusetzen. So könnte dieser Tag, geprägt von Gebet, gemeinsamer Zeit, gemeinsamer Mahlzeit, zu einem echten Familientag werden.

  • Der Karfreitag könnte aber, gerade auch für die Technikfreunde, ein Gottesdienst sein, der interaktiv gefeiert wird.
  • Soweit ich weiß, gibt es kein Verbot des Kommunionempfangs. Welche Formen der Kommunionausteilung wären denn möglich? Wie wäre es, wenn wir hier ein bisschen kreativ wären?

Ja, wir müssen an vielen Stellen umdenken. In meinem beruflichen Umfeld werden gerade viele Veranstaltungen, Sitzungen und Konferenzen abgesagt. Das schafft zuerst mal eine richtig blöde Situation. Sitzungen und Konferenzen sind ja nicht zum Selbstzweck, sondern aufgrund von Prozessen, und die werden behindert, Vorgänge werden schwieriger, ja auch über den Haufen geworfen – ganz viel Probleme und neue Arbeiten kommen dazu.

Ich persönlich finde es ganz schlimm, dass durch die Maßnahmen sich auch die Beziehungen verändern und Kommunikationsebenen unterbrochen oder abgebrochen werden.

Aber weil jetzt so viele Fragen kommen, weil jetzt so viel sich verändert, stellt sich eine zentrale Frage, wie wir uns neu strukturieren müssen, dass eine solche Epidemie in Zukunft nicht wieder so unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben lahmlegt. Wie muss sich unsere Gesellschaft verändern, dass wir unabhängiger werden. Eventuell liegt gerade die Antwort in der Frage in einer scheinbaren neuen Abhängigkeit: Der Digitalität und der neuen Kommunikationsformen.

Das Paradoxe dürfte darin liegen, dass wir uns noch mehr mit dem beschäftigen müssen, was uns in neue Formen einfügt, aber uns daraus heraus eventuell eben auch mehr Möglichkeiten entstehen.

Ich mache mir gerade Gedanken darüber, wie wir eine geplante Tagung eventuell mit Technik doch noch teilweise stattfinden lassen können. Klar Telefonkonferenz, aber reicht das? Was kann man da noch machen, was kann man da noch nutzen, das einfach ist, das nicht mehr Probleme schafft als löst … gerade in einem Umfeld, das eben noch nicht daran gewöhnt ist. 

Gerade mit Telefonkonferenzen, mit Videokonferenzen eröffnen sich neue Räume, die etwas verändern, was gerade erst angefangen hat. Die Generation „Messenger“, die lieber textet als telefoniert, könnte sich hier nochmal verändern. 

Auch andere Aspekte sind positiv. Wenn wir erkennen, dass wir einige der vielen Sitzungen und damit Dienstreisen und Kosten und klimafeindliche Aspekte gar nicht brauchen, sondern ein gutes Telefonat, eine gut geplante und von der Infrastruktur machbare Videokonferenz, uns genauso weiterbringt, dann wäre das doch schon ein gutes Ergebnis. 

Oder wenn wir in den nächsten Wochen auf schnelle Reisen, Abendveranstaltungen, Einkaufbummel, Freizeitaktionen verzichten, dann könnte doch damit ein Raum entstehen, der die Frage zulässt: Was brauche ich davon eigentlich. Und wenn wir jetzt eventuell plötzlich mehr mit Familie, engere Freunde oder den Partnern verbringen und merken, dass das auch seine schönen Seiten hat – ist das eventuell der „Anfang einer (neuen) Freundschaft“?

Eventuell gibt’s da noch so ein paar Punkte, die sich nun ergeben und die uns dazu führen über manche Dinge in unserem Leben nachzudenken. In dem Fall nicht: „Ist das Kunst oder kann das weg“ sondern „Schafft das Leben oder kann das weg“?