Björn Siller

Walker, Martin; Connaisseur. Zürich 2020.

Eigentlich ist es egal, wie der einzelne Band der „Kommissar Bruno“-Reihe von Martin Walker ist. Lesen, das muss ich ihn, denn es ist eine Reihe und wer einmal angefangen hat, dürfte wohl eher nicht wieder aufhören. Aber nach einigen schwächeren Ausgaben steigert sich die Reihe spätestens seit dem neunten Band wieder und auch die aktuell erschienene Ausgabe, Band Nummer 12, bietet ausreichend Qualität, um in die Geschichte einzutauchen. Wohl wissend, dass es sich hier nicht um die hohe Literatur geht, sondern um anständig geschriebene Krimis.

Wieder ein neuer Fall für Bruno. Aus der anfänglichen einfachen freundschaftlichen Sorge um eine junge Dame, die vermisst wird, entwickelt sich ein weiterer Mordfall, den Bruno erkennt, untersucht und dann auch aufdeckt: Eine Leiche in einem Brunnen eines Schlosses. Eine junge Frau, Amerikanerin, sehr beliebt, jung, hübsch, intelligent, Spross einer reichen Familie, wird ermordet. Was steckt dahinter? Mit der Untersuchung des Mordfalls verwoben ist, wie in jedem Band, auch die Gaumenfreude Brunos, Geschichten und G’schichtle des Ortes, der Region der Freunde, ein bisschen Weltpolitik, ein bisschen Liebe – alles was es braucht, um keine Langeweile beim Lesen aufkommen zu lassen. 

So geht es in dieser Band wieder tief hinein in die französische Geschichte und zwar in jenen Teil, der auch heute noch seine braunen Schatten über Frankreich legt. Die Vichy-Zeit, der Algerienkrieg, Kolonialismus, der Gegensatz der Resistance und der im französischen Volk vorhandenen rassistischen und nationalsozialistischen Wurzeln, die heutigen Folgen daraus – all das wird angesprochen aber schlussendlich gekrönt mit einer Erinnerung an eine große Dame der französisch-amerikanischen Geschichte: Josephine Baker! 

Die kulinarisch-musikalisch-geschichtliche Grundstimmung auch dieses Buches lässt einen abtauchen in die sich dadurch breit machende Leichtigkeit, wirkt aber auch motivierend, sowohl zu einem ausführlichen Kochabend, wie auch zu einem weiteren Abend mit französischer Geschichte und auf alle Fälle zu einem weiteren Abend mit großartiger französischer Musik.

Die Walker-Krimis sind leichte Literatur. Auch trotz der vielen tiefen Themen und geschichtlichen Hintergrundinfos. Faszinierend ist dabei aber auch weiterhin die Figur des Bruno. Er leistet in seinem Beruf nichts Großartiges. Viele seiner Erfolge schafft er wahrlich nicht alleine und gerade darin zeigt sich ein Bildungsaspekt, den es nachzumachen gilt. Bruno ist kein besonders schlauer Ermittler, seinen ganzen Erfolg hat er aus einer einzigen Eigenschaft heraus, die er einfach perfektioniert: Der Lust und Neugierde an den Mitmenschen. Bruno leistet eines: Er bringt Menschen zusammen, er schafft Netzwerke, Kontakte und das an Stellen, in Situationen und unter Menschen, die sich sonst nie zusammenfinden würden und damit auch nicht zusammenwirken würden. An seinem Essenstisch versammeln sich Menschen unterschiedlicher Nationalität, Gesinnung, Berufsgruppen, Alter, … die eines dann doch vereint, die Neugierde am Leben, die positive Grundeinstellung, das Verlangen und die Sehnsucht nach dem Besonderen.

Ganz schlicht: Bruno ist Netzwerker, ja er betreibt Friendshiping! Das mag manchen so einfach erscheinen, ja banal, das ist es aber nicht, denn es steckt die tiefe Wahrheit dahinter, dass unser Leben so viel einfacher wäre, wenn wir dieses banale tun, mehr miteinander reden! Wenn wir äußere und innere Mauern, Denkmuster etc. abbauen würden. 

Dieser Aspekt wird in diesem Band verstärkt mit der mehrmals wiederholten Liedzeile der großen J. Baker „J’ai deux amours, mon pays et Paris“ – Es ist wohl die bekannteste Liedzeile der Sängerin, es ist der Titel ihrer Biografie, und es ist die Erinnerung, dass es in jedem Leben mehr gibt als nur eine Sichtweise, eine Liebe, ein Leben. Wer Frau Baker auf den Bannanenrock reduziert, der hat ihr Leben nicht verstanden, wer einen Menschen auf eine Erfahrung, Ebene reduziert, der hat das Leben nicht verstanden. 

Mir ist in diesem Buch endlich aufgegangen, warum ich diese Reihe wirklich lese. Weil ich gerne so sein will und es teilweise bin (oder mal war) wie Bruno. Das was Bruno tut, will ich auch tun, denn ich denke es ist das, was ich für die Welt tun kann: Menschen zusammenzubringen, Beziehungen schaffen! Das ist großartig, das verändert die Welt. Und in meinem aktuellen beruflichen Tun merke ich gerade, dass es dringend Not tut. Die Welt und damit auch die Kirche krankt genau daran, dass wir nichtmehr miteinander an einem Tisch sitzen, nicht nur ritualisiert in der Liturgie, sondern in all unserem Tun. Setzen wir uns wieder mehr an gemeinsame Tische, statt krampfhaft (wie ich in den letzten Tagen andauernd von einem gestrigenhören muss) „politisch zu denken“ und Abgrenzungen zu verfestigen. 

Selbst so ein schlichter Krimi zeigt uns was fehlt!

Giordano, Paolo; In Zeiten der Ansteckung. Hamburg 2020.

Klein, handlich, perfekt für die Tasche und damit für die Straßenbahn. Paolo Gioardano hat uns einen kleinen Text geschrieben, in dem er sich mit der Corona Krise beschäftigt und den Lesenden damit so manch einen Satz vorlegt, der nicht einfach nur gelesen, sondern durchdacht werden soll. Begonnen hat er die Text am 29. Februar, geendet Mitte März, also zu einem Zeitpunkt als die Spitze der Krise in Italien noch nicht erreicht war. 

Giordano, Physiker, geht ganz wissenschaftlich an dieses Thema heran, bzw. nein anders, er nimmt seine Ängste und seine Situation auf und ordnet diese ein, stellt dies in den Kontext seines fachlichen Wissens. Daraus wird ein Text, der motiviert, der anspricht, der einordnet, der Raum gibt zu einer differenzierten Haltung zur aktuellen Situation, den erfolgten Reaktionen und den entstandenen Problemen. Die letzten Zeilen laden darüber hinaus ein, diese als Apell zu lesen, damit wird das Büchlein zu einem Streittext, der auffordert. 

Ich wünschte mir, dass dieses Büchlein von all jenen gelesen wird die sich gerade lieber aufregen, aber trotzdem noch offen sind für Fakten. Jene, die schon ihre Entscheidungen und Verurteilungen getroffen haben, wird das Buch nicht zusagen, denn es verlangt die Bereitschaft nachzudenken.

Im Hanserverlag ist im Jahr 2019 ein Büchlein erschienen, das den meisten LeserInnen eher unbekannt sein dürfte, auch wenn die ersten Teile des Romans schon 1876 erschienen sind: Die Reisen Benjamins des Dritten, herausgegeben von Mendel dem Buchhändler (Sholem J. Abramowitsch, 1835-1917). 

Das Büchlein, und mehr ist es auch nicht mit seinen nicht mal ganz 160 Seiten, handelt von einem Jüdlein (S. 10), das zusammen mit seinem Freund, aufbrach um zu reisen, genauer um östlich vom Heilige Land (Erez Israel) die Roten Juden zu erreichen, die, der alten Reiseliteratur nach, die Einzigen sind, die die Juden im Exil befreien können.

Die Geschichten in den vierzehn Kapitel sind ein Fenster in die jüdisch-russische Welt des 19. Jhdt’s. Die beiden Weltreisenden brechen auf, verlassen ihre Frauen und wandern in die Welt hinein. Sie erreichen andere Städte, neue Orte und schlagen sich auch dort mit den Problemen ihres Lebens herum. Mittellos verlassen sie sich auf das soziale Netz der jüdischen Welt und tauchen damit in die jeweiligen jüdischen Gesellschaften der angereisten Orte ein. Ihre Reise ist, auch wenn sie versucht sind die Zwänge zu verlassen, geprägt von den ihrer Zeit und Gesellschaft. Das steigert sich hin, bis zwei Juden, denen sie begegnen und die es nicht gut mit ihnen meinen, sie an das Militär verkaufen.

Die Ereignissen ihrer Zeit, subtil, oft mit bissigem Humor, hat der Autor ganz tief mit der Geschichte verwoben und damit nicht nur die herrschende politische Gesellschaft kritisiert, sondern auch die aus seiner Sicht in Lethargie und Engstirnigkeit verhaftete jüdische Welt. 

Das Buch ist schnell gelesen, trotz der eher fremden Literatur (Sprachstil). Ausschweifende Sätze, mehr Beschreibungen als Berichte, in unterschiedlichen Stilen, versetzt mit jiddischen, hebräischen, ukrainischen Sätzen, machen die die Beschäftigung damit nicht leicht. Wer den Text einmal liest, der wird ihn als nette kleine Geschichte in den Schrank stellen. Das wäre aber fast traurig. Daher ist es zu empfehlen den Text einmal unbedarft zu lesen und ihn dann im zweiten Schritt nochmal zu lesen, mit dem Leseband (es gibt derer zwei) in den Anmerkungen, zur Unterstützung. Die Anmerkungen ab Seite 159 bieten eine Einstiegsmöglichkeit, die den Text um ein Vielfaches erschließt und den subtilen Humor, die vielen Anspielungen und die geschichtlichen Bezüge großartig auffächert.

Als dritter Teil der Ausgabe, nach Text und Anmerkungen, findet sich ein Nachwort der Übersetzerin und Fachfrau zu Abramowitsch, Susanne Klingenstein. Auch dieser Texte lohnt sich. Die klare und kurze Einordnung der Lebensgeschichte des Autors, die Textauslegung und die ersten Interpretationen (in aller Kürze) dürfte Neugierde auf weitere Texte des Autors wecken, bietet aber auf alle Fälle Grundlage zur Einordnung des Textes und zu einem Verstehen.

Mit diesem Werk von Abramowitsch kann ein Einstieg in die Welt der jüdischen (jiddischen) Literatur des 19. Jhdt. gelingen. Ein Einstieg nicht nur in eine literarische Sprache, sondern auch in eine Zeit, in eine Denkform, in eine Lebensform. Abramowitsch der zurecht als Gründer und Großvater der jiddischen Literatur gilt, schreibt in einer Sprache und von einer Zeit, die, als er davon schrieb, fast schon im Schwinden begriffen war. Damals wie heute zeigt sich an seinen Texten, dass es absolut unverzeihliche wäre, wenn diese Sprache und damit auch das geistige Denkkonzept ganz verschwindet.

Aber nicht nur aus historischen Aspekten heraus ist es sinnvoll und erfüllend dieses Buch zu lesen. Zwei weitere Aspekte finden sich als Argument der Lektüre. Einmal gilt es zu bedenken, dass dieses Buch in einer Zeit erschien, in der der Antisemitismus erstarkte. Die Hasstexte gegen das Judentum, allen voran die unsäglichen „Protokolle der Weisen von Zion“ kommen aus jener Welt die Abramowitsch beschreibt und in der er lebte. Zwischen Emanzipationsbewegungen in den westlichen Ländern, Verarmungs- und Unterdrückungsprozessen gegen die Juden in den russischen Ländern, zwischen Pogromen auf der einen Seite und einer Blüte der jüdischen Geisteswelt, zwischen dem Scheitern von Freiheitsbestrebungen und dem Erwachen eines Zionismus, strebte die Welt des 19. Jhdt’s auf eine Katastrophe zu, die sich schlussendlich erst in der Katastrophe des II. Weltkrieges völlig eröffnet und die bis heute noch nicht beendet ist. Ja nie beendet sein wird, solange Rassismus und Antisemitismus in unserer Welt noch eine – wenn auch oft scheinbar marginale – Rolle spielen.

Ein zweiter, weiterer Grund der Beschäftigung mit Die Reise Benjamins des Dritten findet sich in seiner literarischen und philosophischen Tiefe. Ein Aspekt greife ich hier heraus: Die Freiheit!

Benjamin hat eine tiefe Sehnsucht nach Freiheit, ist aber gefangen in Unfreiheit. In einer Unfreiheit, die ihm aufgezwungen wurde, durch Gesellschaft und Tradition. Und daraus befreit er sich, überzogen idealistisch. Das heroische Ziel die roten Juden zu finden, ist aus einer Sehnsucht nach einer messianischen Freiheit heraus zu verstehen. Sie sollen die Juden im Exil befreien, nicht ganz ausgesprochen aber doch zu vermuten in dem sie – darüber lässt sich trefflich streiten aber nach dem Traktat Ketubot wohl auch möglich – in dem sie aus der Diaspora heraus die Ankunft des Messias unterstützen oder anstoßen. Die ganze Reise wird so zu einer Freiheitsbewegung. Zu einer Freiheitsbewegung, die notgedrungen idealistisch sein muss, genauso wie jene Benjamins. 

Aus der Freiheit der Wanderung – was damals ja fast unerhört war – werden Benjamin und sein Gefährte wieder eingefangen und wieder geknechtet. Aber der Drang ist höher, die Sehnsucht nach Flucht groß. Doch auch wenn nicht die Flucht gelingt, so kommt es zu einer Rede, die in ihrer Schlichtheit großartig ist: „Aber Menschen am helllichten Tage aufzugreifen und wie Hühner auf dem Markt zu verkaufen soll erlaubt sein? Und wenn die Armen versuchen, sich zu retten, nennt man das ein Verbrechen? …“ (S. 156 f.). Schlussendlich sind es Worte, die die Menschenrechte prägen, die Frage nach der Freiheit, die der Unversehrtheit des menschlichen Lebens, nach der Würde des Menschen und nach der Sinnhaftigkeit von Rollen, Mustern und Formen des gesellschaftlichen Lebens, die Ungerechtigkeiten zementieren. 

Gerade dieses Freiheitsstreben, das diesen (gescheiterten?) Helden prägt, lässt seine Gegenüber ihn als Narren erscheinen. Aber das närrische und heilige sind bekanntlich nur zwei Seiten der einen Medaille und bietet so den Raum des Nachdenkens und der Nachfolge. 

Die Reisen des Benjamins des Dritten ist ein literarisches Werk seiner Zeit. Es ist aber mehr, denn es steht in der Tradition großer Werke, oft erwähnt des Don Quichottes, aber auch der großen Romane des Mittelalters, der avanture (Artusroman, Parzival et.), zeitgenössischer Romane (Gerichtsszene Kleist?), der Divina Commedia des großen Dantes und nicht zuletzt der Bibel selbst, denn es ist die Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Gott, mit seinem Leben und mit den Träumen, die uns die Botschaft des „Gott mit uns“ einprägt. 

Bild: Cover Hanser Verlag

Maren Bohm legt in der von Karl Alber Verlag herausgegebene Reihe „Philosophische Romane“ ihren zweiten Roman vor. Diesmal mit einem Thema zu Hermann Hesse. Die Rahmenhandlung des Romans erzählt von Bernd und Karla, die sich zufällig, in schwierigen Lebenssituation, begegnen und zueinanderfinden. Der erlebte Bruch im eigenen Leben führt die beiden Menschen zueinander, die Verbindung schafft jedoch Hermann Hesse, der, wie es viele Menschen immer wieder berichtet haben, mit seinen Werken jene Menschen prägt, die in schwierigen Lebenskrisen stecken. Bernd hat über Hesse gearbeitet, Karla ihn schon als junge Frau „verschlungen“. Das Werk Hesses verbindet und führt zu einem Gedankenspiel, das verrückt und auch unerlaubt ist. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Hermann Hesse in seiner Erzählung „Narziss und Goldmund“, das Leben des Narzisses in großen Teilen im Dunkeln bleibt, beschließen sie, diese Leerstelle zu füllen. So macht sich Bernd auf ein Buch im Stile von Hermann Hesse zu schreiben. Dieses wollen sie als ein verschollenes Werk Hesses an den Hausverlag des Autors verkaufen.

Der vorliegende Roman endet nicht mit dem Abschluss des Pseudo-Hesse-Werkes, sondern verlangt von den Karla und Bernd auch die Konstruktion einer Geschichte, wie die beiden an das Manuskript gekommen sind. Dabei und auch im Kontext der Kontaktaufnahme mit dem Verleger, bekommt der Lesende Einblicke in die Zeit der Bonner Republik, genauer der Kulturwelt, aber auch nochmal einen tieferen Einblick in das Leben des Autors Hermann Hesses in der Nazi-Zeit.

Die über 400 Seiten des Werkes fallen mehrheitlich dem Hesse-Werk zu, das ungemein unterhaltsam und spannend zu lesen ist. Detailreich, mit vielen Zitaten aus den Werken Hermann Hesse verwoben, lädt es zu einer unterhaltsamen Reise in das Leben eines Abtes ein. In wie weit hier das Werk von Hesse wirklich aufgenommen wird, kann ich nicht beurteilen, da ich kein Hesse-Fachmann bin. Allemal bietet der Schreibstil aber eine schöne Geschichte, die auch nicht von den wirklich informativen philosophischen Exkursen, unterbrochen wird. Der philosophische-historische Exkurs zu Abaelard und seine Schülerin Héloïse zum Beispiel bietet so wie er ist auch einen Querverweis zu einem anderen Roman der Autorin, im gleichen Verlag.

Genauso spannend ist jedoch auch das Eintauchen in die Welt von Hermann Hesse und in das was der Verleger Suhrkamp zu erzählen hat. Dieser Teil kommt jedoch ein bisschen zu kurz, bzw. bricht irgendwie ab und lässt den Lesenden ein bisschen unbefriedigt zurück, gerade weil auch hier viele spannende und gute Ansätze des Erzählens gibt, die aber nicht ausgeführt werden, sondern eher grob zusammengefasst werden.

Ganz zum Ende des Buches hin gibt es ein kleiner Satz, ein kleiner Hinweis, dass sich die Geschichte, die Beziehung zwischen Karla und Bernd weiterentwickelt hat oder entwickelt haben könnte. Oder doch nicht? Der Beziehungsstatus, die Lebenssituation bleibt unklar und lässt leider auch nicht, da zu wenige Andeutungen vorhanden sind, Raum zu wirklichen Spekulationen bzw. zu einer Einordnung. Was der Rahmenhandlung, genauer den Personen, ein bisschen Farbe nimmt, denn die Geschichte ist damit nicht ganz rund.

Die Reihe „Philosophischer Roman“ des Verlages Karl Alber hat nun schon einige Bücher in den letzten Jahren bekommen. Nicht alle sind gut und man wünschte dem Lektor mehr Ruhe und die Entspanntheit so manch ein Werk abzulehnen, mag es auch von „großen Namen“ geschrieben sein. Das vorliegende zweite Buch von Maren Bohm in dieser Reihe jedoch ist (ohne beurteilen zu können, ob der Hauptteil Hesse nahe kommt und ihm gerecht wird), wieder ein Buch, das mit Freuden, zur angenehmen Unterhaltung, zur Hand genommen werden kann.

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Bohm, Maren; Hermann Hesses wundersame Geschichte. Freiburg, München 2020. 24,00 € ab dem 03. Januar im Handel.

Slouhg House – ein Ort an dem die lahmen Hunde ihren Dienst tun. Lahme Hunde, das sind jene Agenten und Mitarbeiter des MI5 die irgendwann einmal einen groben Fehler begangen haben und abgeschoben wurden. Lahme Hunde sind jene Mitarbeiter, die mit dem Wegschieben nach Slough House, dazu motiviert werden sollen, selbst zu kündigen, denn Arbeitsschutz, Kündigungsschutz und vieles mehr hat auch Einzug gehalten in die englische Agentenwelt, was bedeutet, dass man mit Agenten nicht mehr so umgehen kann, wie in der Zeit als noch alles klarer erschien, als es noch schwarz und weiß, die guten und bösen, jene hinter dem Vorhang und jene davor gab.

Die lahmen Hunde erwachen in diesem ersten Band der Slough House Reihe um Jackson Lamb, oder anders gesagt, es stellt sich heraus, dass nicht jeder lahme Hund das ist, was er zu sein scheint. Und es zeigt sich, dass jene „guten“ Mitarbeiter des MI5 die in der Regent’s Park sitzen, eventuell anders einzuschätzen sind, als es vordergründig getan wird.

Ein Video taucht auf, ein Video mit der Botschaft, dass eine Gruppe einen Einzelnen entführt hat, um diesen nach Ablauf des Ultimatums zu köpfen. Dabei geht es um Rassismus, um Vergeltung und um einen dritten Aspekt, der sich nach und nach herauskristallisiert. Der Entführte ist ein Pakistani, die Entführer sind englische Nazis. Die Entführung, die Szene darum herum, birgt jenes Potenzial, das die schlafenden Hunde um Jackson Lamb, dem Leiter von Slow House und ehemaliger Spitzenagent der Zeit des Eisernen Vorhangs, „aufwachen“ und sich einmischen lässt. Es zeigt sich: Lamb wird oft falsch eingeschätzt und seine Männern und Frauen, die ihm unterstellt sind, ebenfalls. Und damit verändern sie den Lauf der Geschichte in eine Richtung, die von anderen nicht geplant wird.

Die Handlung eilt, denn sie ist so geschrieben, dass Szene um Szene rasch wechselt, und so eine Schnelligkeit entsteht, die die Handlung verstärkt. Die Geschichte nimmt fahrt auf, der Leser zittert, denn jede Minute zählt. Wer die EBook-Version liest, dem fällt es eventuell schwerer mitzukommen, denn der Umbruch ist so, dass Absätze nicht immer wahrgenommen werden können. Das schafft Verwirrung und wirft den Lesenden aus der Bahn. Wer ganz haptisch arbeitet, mit dem Buch in der Hand liest, der hat dieses Problem nicht und kann sich ganz in die Geschichte hineinfinden.

Dabei ist zu erahnen, dass diese Geschichte wirklich der erste Band einer Reihe ist, denn die Charakteren werden mit der Geschichte vorgestellt. Der Lesende erfährt die Lebensgeschichte, die Lebensumstände, Personenbeschreibung und die Gründe warum er oder sie im Slough House gelandet ist. Diese Personenvorstellung stört aber nicht, da sie eben in die Handlung gut eingebettet ist, sie fördert jedoch den Suchtfaktor den zweiten Band in die Hand zu nehmen und fördert die Enttäuschung darüber, dass bisher erst zwei Bände der Lamb-Reihe in deutscher Übersetzung vorliegen. Aber wer des Englischen mächtig ist sei getröstet, denn sieben Bände der Reihe hat Mick Herron schon herausgegeben.

Alles in allem ist es der erste Band „Slow Horses“ ein guter Einstieg in eine Agenten-Reihe. Spannend, gute Handlung, gut herausgearbeitete Charakteren und ein Rahmen und Umfeld, der und das Raum gibt für viele gute Geschichten. Aber wer bei einer MI5 Geschichte weitere James-Bond-Stories will, dürfte (vorerst) enttäuscht sein aber bald erkennen. Lamb und seine Mannschaft ist einfach besser. Somit: Absolut zu empfehlen.

Band II. „Dead Lions“ ist schon gekauft und verspricht zumindest auf den ersten paar Seiten ein spannendes Lesevergnügen.

Herron, Mick; Slow Horses. Ein Fall für Jackson Lamb. Verlag Diogenes. 2018. 24,00 €

Eine Freude …

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Ich bin sehr überrascht! Vor einigen Tagen habe ich erfahren, dass es im neuen Buch von Eva Mühlbacher doch glatt eine Namensnennung meiner Person gibt. Das freut mich sehr und ich sage danke für die Widmung, gerade auch, für eine Widmung in solch einem illustren Kreis von „Altrömern“ ;-).

Über das Buch kann ich noch nichts erzählen, denn ich habe es nun erstmal bestellt und warte auf die Zusendung. Aber ich freue mich schon sehr und empfehle es schon jetzt, allein deshalb weil es gut ist junge Autoren und Autorinnen durch gute Verkaufszahlen zu unterstützen .

Das Buch ist im Arovell Verlag in Wien erschienen. In dessen Online-Shop kann das Buch gekauft werden, aber noch besser ist es, wenn ihr in eure Buchhandlung vor Ort geht und das Buch dort bestellt, auch wenn es einige Tage Lieferzeit hat. Warum dort? Erstens: Wer Arbeitsplätze, AutorInnen und Kreativität sichern will, muss Buchhandlungen und kleine Verlage unterstützen und das geschieht nicht durch einen Einkauf bei Amazon und Co.

Gerade sitze ich am PC und schreibe und manchmal brauche ich dazu Musik, dabei gibt es nur wenig Musik die mich nicht ablenkt, sondern motiviert weiter zu denken. Dazu gehört viel von Bach und ganz besonders die Goldberg-Variationen von Glenn Gould. Wobei das „gefährlich“ für mich ist, dieses Werk auszusuchen, wie ich gerade wieder merke. Warum? Ganz einfach es ist ein „Lustmacher“ nach Literatur. Die von Gould gespielte Goldberg-Variationen machen Lust auf Thomas Bernhard, obwohl ich weiß, dass einer der Protagonisten des Romans „Der Untergeher“ zwar Glenn Gould heißt, aber fiktionale Ansätze hat, so gelüstet es mich nach den Worten Bernhards.

Solche Verbindungen von Musik und Bücher, von Situationen, Gerüchen, Geschmäckern und Stimmungen mit speziellen Büchern überkommt mich immer mal wieder. Da schmecke ich auf der Zunge etwas und denke an ein Buch, das ich unbedingt lesen muss, da bringt mich ein Musikstück in die Stimmung ein spezielles Buch in die Hand zu nehmen – so wie gestern Abend. Mitten in einem Orgelwerk von Bach überkommt es mich und ich habe Sehnsucht nach Dante.

Erlebt ihr sowas auch? Oder bin ich da ein bisschen Literaturverrückt?

Dutli, Ralph; Dantes Gesänge – Gerät zum Einfangen der Zukunft. Verlag Wallstein. 2017

Als ich in der Buchhandlung meines Vertrauens dieses kleine schmale blaue Bändchen griff und „Dante“ im Titel entdeckte, war es fast schon gekauft. Stehts bin ich auf der Suche um mich dem großen Autor anzunähern.

Dass ich dabei einem Autor begegne, den ich zwar rudimentär kenne, aber erstmal beim Kauf nicht wahrgenommen habe, war überraschend, aber irgendwie – es geht ja um Dante – logisch. Logisch deshalb, weil wirklich gute Poeten doch irgendwie sich immer an Dante abarbeiten, mit Dante arbeiten müssen. Irgendwie scheint doch zu gelten: Ohne Dante keine moderne Poesie.

Das Buch beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung Mandestams mit dem Werk Dante, genauer mit seiner Göttlichen Komödie. Der Autor Ralph Dutli zeigt an einzelnen Gedichten und an biografischen Informationen, wie sehr Dante den jüdisch-russischen Dichter Ossip Mandelstam geprägt und geformt hat, ja wie er in seinen Werken die Kunst Dantes vertieft und neu zum Sprechen gebracht hat.

Die 48 Seiten des Büchleins bieten Einblicke, Gedanken, Bilder und Worte, die einfach nachklingen und die so „zwischendurch“ die eigene Alltagswelt vergessen machen. Dante und Mandelstam, das ist eine Mischung, die man spätestens nach diesem Buch, weiter lesen muss.

Das Buch hat große Freude bereitet und hat zu weiteren Texten von Ossip Mandelstam motiviert. Den Dante sollte man – das merkt man an diesem Buch – eh immer zur Hand haben.

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Es ist echt schwer mit Maria 2.0 und anderen sehr „eigenen“ ähnlichen Kampfszenarien das vorliegende Buch zu lesen. Warum? Zuerst braucht es einen freien Kopf und die Offenheit sich mit denen im Buch aufgegriffenen Themen auseinanderzusetzen, hat man doch ganz viele aktive Angriffe gegen die Männer im allgemeinen und im besonderen im Blick und bin ich doch rund um die Themen „Geschlecht, Macht und Religion“ eine andere härtere und kämpferische Sprache gewöhnt.

Das Buch „Geschlecht, Macht und religiöser Wandel in westlichen Gesellschaften“ von Linda Woodhead bietet eine ganz andere Herangehensweise an die gerade auch in den letzten Wochen und Monaten aufgegriffenen Fragen, als es von den vielen Protagonistinnen in der letzten Zeit zu hören war.

Und gerade deshalb ist das Buch erhellend für die Diskussion rund um Frauen in Religionsgemeinschaften. Ich sage bewusst Religionsgemeinschaften, da es in diesem Buch, soweit ich es ersehen konnte, zwar um verschiedene christliche Gemeinschaften geht, aber doch sehr stark um Studien zu Gemeinschaften die im Bereich von Pfingstgemeinden, evangelikalen und (im weitesten Sinne) evangelischen Kirchen. 

Die vier Texte des Buches behandeln die Fragen zum Thema Frauen und Religion/Spiritualität. Es werden Studien aufgegriffen und eingeordnet und Strukturen der Forschung dazu vorgestellt. Es ist ein Grundlagenwerk, von dem aus es gilt weiter zu denken und zu diskutieren. Auch über die Grundlagen, auch über die Studien und die darin verwendeten Fragen und Grundannahmen. Gerade bei den Grundannahmen gibt es für mich eine Menge an Fragen, die sich mir nach der Lektüre gestellt haben. Wenn zum Beispiel Thesen aufgestellt werden, welches Frauenbild, welches Gottesbild die religiösen Gemeinschaften und ihre Mitglieder haben, und wenn dann gezeigt wird, wie Männer dies alles sehen, dann stellt sich für mich die Frage: Welche Männer? Woher kommen die Typisierungen und welchen Einfluss haben die Erfahrungen der Fragenden und Forschenden auf die Ergebnisse der Studien?

Die meisten Studien sind vor dem Jahr 2005 anzusiedeln. Sehr viele in den 1990er Jahren. Die Ergebnisse sind Grundlagen, die Ergebnisse daraus ermöglichen Strukturen zu benennen, aber ich denke es ist dringend nötig hier neu auf die Themen zu schauen, erstens ob die Themen noch Themen sind, die abgefragt werden und wie die Lebenswelt der Menschen und der jeweiligen Religionsgemeinschaft aussieht. Egal wie es genannt wird aber ich denke, wer noch in Konzepten von Moderne und Postmoderne denkt, und diese als aktuell definiert, der ist ein bisschen hintendran. Von diesen Epochen aus gilt es weiter zu gehen. Hin zu einer Welt der Digitalisierung, und einer Welt der neuen Wahrnehmung der Wirklichkeit. Und von da aus gilt es neu zu fragen.

Fasziniert und dankbar bin ich für die Gedankenanstößße aus dem zweiten Kapitel. Die Überprüfung der Säkularisierungsthese von Weber und Marx und deren Rezeption bietet ganz neue Blickwinkel. Und dass der Abschied und die Beziehung zwischen Mensch und Religionsgemeinschaft unterschiedlich ist bei den einzelnen Geschlechter ist zwar irgendwie klar, aber hier wurde das kurz und prägnant gut aufgerissen und die Möglichkeit geschaffen neue Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Die im dritten Kapitel aufgekommene Frage nach einem Identitätsdilemma ist eine absolut wichtige Frage, die dringend in den Diskurs gehört. Dabei stellt sich mir auch die ganz klassische Frage der Kommunikation nach Sender, Empfänger und der Botschaft auch hier. Welche Strukturen, welche Denkkonzepte, welche vorgefassten Meinungen führen zu was?

Was im dritten Kapitel zum ersten Mal auftaucht und am Rande auch im vierten ist die spirituelle Neuausrichtung auf östliche Religionen als positive Alternativen zur Enge der christlichen Religionspraxis. Das in diesen Religionen vorherrschende Menschenbild, die Rollenzuordnungen finde ich mindestens genauso fraglich wie so manch eine strengkonservative christliche Sekte. Kann es sein, dass hier vorgefasste Meinungen gibt, die dazu führen, dass Zuschreibungen nicht reflektiert werden? Und wenn ja, in wieweit behindert das eine seriöse Veränderung von wirklichen Schwächen und Fehlern in den Religionen?

Im vierten Kapitel finde ich die vier Positionierungen der Religion im Hinblick auf das Geschlecht und die Ausführungen dazu ungemein erhellend. Was mir noch unklar blieb ist die Frage von welchen Denkkonzepten aus wird das gedacht? Welche Rollenkonzepte von Religion in der Gesellschaft liegen hier der Theorie zugrunde? Was sind die Folgen daraus? Wie wird hier Macht gedacht? Wie können wir diese Theorie, geschlechtersensibel im Kontext der Botschaft des Evangeliums weiterdenken?

Die vier im Buch vorhandenen Texte sind ungemein spannend und ein guter Einstieg in eine weitere Diskussion. Die darin geforderten weiteren geschlechtsspezifische Studien wünschte ich mir auch. Und ich wünschte mir, dass daraus ein Diskurs entsteht, der nicht von „ich will“ bzw. von „ich weiß es besser“ geprägt wird sondern von einer gemeinsamen Sehnsucht danach die christliche Botschaft für Frauen und Männer voll und ganz, ohne Hemmschwellen und Einschränkungen erfahrbar zu machen.

 

Das Buch lässt einen nicht los. Fertig gelesen ist es, aber es wirkt nach. Die Sprache ist kräftig, knallhart, klar und nachklingend. Dabei ist es schwer in diese Welt einzutauchen, merke ich doch an jedem Satz, an jeder Seite, an jeder tiefer gehenden Betrachtung, dass ich von diesem Serbien, von diesem Krieg, von diesen Menschen mir nichts bekannt ist. Eine völlig fremde Welt ist das, eine fremde Geschichte aus einer völlig fremden Zeit:

„Wie reden die Leute oben über uns, Alter? Nur schlechtes aus dem Westen über Serbien, oder?

„Man hört gar nichts über Serbien im Westen“ antwortete ich, „ich glaube, die Leute oben wissen überhaupt nicht, wo Serbien liegt!“

Diese kurze Textpassage findet sich am Ende des Buches, „Die guten Tage“ von Marko Dinic, als Svabo zurück aus Wien, in Belgrad, zur Beerdigung ist. Es ist eine der vielen kurzen leibhaftigen Begegnungen mit der Vergangenheit, die Svabo in diesem Buch hat und es ist wohl auch eine Anklage und eine Aufforderung nicht bei der Erkenntnis stehen zu bleiben, dass wir nichts von diesem Land, den Menschen und dem Krieg wissen. Vielmehr ist dieses Buch die Anklage der Vergessenen gegen das Vergessen Europas.

Unserem Vergessen und Verdrängen stehen die verschiedenen Formen des Erinnerns und Verdrängens, des Abschied und des Verhaftetbleibens mit der Heimat, mit Serbien, mit dem Krieg. Ob die verschiedenen Reisenden in dem Gastarbeiterexpress, ob der Ich-Erzähler und sein Sitznachbar, ob die Menschen in der Heimat – alle scheinen in Zwischenwelten zwischen Vergessen und Verdrängung zu leben. Narben tragen diese Menschen in sich, Narben sind sichtbar, auf Gesichtern und Körpern, auf dem Gesicht der Stadt Belgrad, in den Lebenskonzepten der Menschen. Narben und die eigene Geschichte, der „Geist unter dem Bett“ der ausbrechen kann, der gut gehütet zurückgehalten wird, auf Zeit, aber eben nur auf Zeit, prägen diese Geschichte. Geschichten, die geprägt von Vorherigem, erhalten durch Angst und System, nicht verdrängt werden (dürfen), nicht vergessen werden (können).

Zentral sind die Gespräche zwischen dem Ich-Erzähler Svabo und seinem Mitfahrer. Ein radikaler Chronist, kein Schriftsteller, vielmehr ein Elektriker, der mit seinen Zwischenrufen, Störungen nicht nur die Leute im Bus verwirrt, sondern auch den Ich-Erzähler. Ist dieser Elektriker ein Hirn-Gespinst, oder vielmehr das was wir brauchen, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Elektriker der neu verbindet und dafür sorgt, dass Licht in das Dunkel dringt?

Fremd ist uns die Geschichte und doch auch wieder nicht. Wir erahnen noch aus gefühlt fernen Zeiten diese Erfahrungen, denn auch in der dritten Generation in Deutschland sind die ähnlichen Erfahrungen wie die des Ich-Erzählers nicht aufgearbeitet und eventuell – wenn auch nicht die Entschuldigung – ist das einer der Gründe warum wir gerade diese Geschichte Europas nicht kennen, ja die Menschen und diesen Krieg schon in jenen Momenten vergessen und verdrängt haben, als er stattfand und es schlussendlich bis heute noch tun. Doch ein Europa, das sich Europa nennen will, darf das nicht, braucht eine Haltung des „lichtbringens“. Ein Europa, das eine Zukunft haben will, darf nicht stehen bleiben beim II. Weltkrieg und dessen Folgen. Darf trotz der Herausgehobenheit des Grauens nicht bei der Shoa stehen bleiben, nicht im Stalinismus und den anderen Diktaturen, sondern muss in das gemeinsame europäische Gedächtnis auch Jugoslawien und die Kriege auf exjugoslawischem Gebiet aufnehmen. Der Kontinent endet nicht an Staatsgrenzen und Europa eint sich nicht durch politische und wirtschaftliche Begriffe. Unser Leben endet nicht, wenn wir uns einrichten in die eigene kleine abgeschottete Welt des Alltags, des Hier und Jetzt.

Dazu braucht es mehr, unter anderem solche Bücher denn erst wenn wir davon wissen, erst wenn wir zulassen was war und uns in Verbindung bringen, können Kapitel geschlossen werden und Leben beginnen.

Ein kleiner Schatz der „Traumwelt Literatur“, das ist das Buch „Die Nebelkrähe“ von Alexander Pechmann (Erschienen im Verlag Steidl). Der Autor verbindet darin wahre einzelne Geschichten, Fakten, Berichte und Quellen miteinander und verbindet sie zu einem Netz von Wahrheit und Fiktion, von Traum und Wirklichkeit. Ja, er nimmt uns hinein in eine Welt, die uns vor Fragen stellt, die leicht scheinen aber doch existenziell sind, es sind die Fragen nach Wahrheit und Lüge.

Zwei Aspekte des Buches möchte ich herausheben: der darin angesprochene Bereich der „Weltliteratur“ und die Verbindungswelt von Wahrheit und Lüge, des „Zweifels“.

Literatur, weil dieses Buch eintauchen lässt in die Lebenswelt eines der großen Autoren Europas. In das von Oscar Wilde, einem der für mich großartigsten Erzähler der englischen Sprache und eines Menschen den eine so wunderbar verruchte und lebensechte Aura umgibt. Wer sonst als Oscar Wilde konnte das Leben so großartig beschreiben und die Trennlinie von Fiktion und Wirklichkeit, von Gesellschaftskritik, Beschreibung und Satire so aufheben, dass oft nicht mehr klar ist, wo beginnt das eine und hört das andere auf. Seine Texte sind Momente in denen wirkliche Bildung geschieht, direkt beim Lesen.

Literatur aber auch, weil der Autor Pechmann in einer wunderbaren Sprache schreibt. Das Buch ist ein Buch für „einen Rutsch“ und damit meine ich die Sehnsucht danach, dieses Buch in einem Zug durchzulesen. Das Buch kann und darf eigentlich nicht zur Seite gelegt werden, wenn man es einmal begonnen hat zu lesen, daher: Lesezeit nur dann, wenn der Tag dazu bestimmt ist!

Das Thema des „Zweifel“ durchzieht dieses Werk auch wenn vordergründig das Drama des I. Weltkrieges (und deren Verarbeitung) entscheidend ist. Dieser Krieg, das Grauen und die verschiedenen Formen von Menschlichkeiten, die sich daran zeigen, ist Ausgangspunkt einer Geschichte, deren Verwobenheit sich erst nach und nach zeigt. Der Protagonist Peter Vane zweifelt und verzweifelt fast an dem was er erlebt hat und an dem was er erlebt. Geister, Botschaften aus dem Jenseits, die Vergangenheit die Auftaucht, das Verdrängte und Verschüttete das sich zeigt oder erahnen lässt schafft Zweifel und mahnt: Das Erkennen, die Wahrheit ist vielschichtig und das Gegenteil davon ist nicht immer die Lüge.

Und wie im Leben von Wilde werden im Buch Themen aufgegriffen, die existenziell sind: Was glaube ich, welche Wirklichkeiten lasse ich im Leben zu und wie sehe ich die Welt? Zwischen empirischer Wissenschaft und Transzendenz, ja gar Spiritismus bewegen sich Erfahrungen und die Frage: Was ist wahr?

Literatur und Zweifel. Zwei entscheidende Aspekte des Lebens. Die Literatur, die uns eintauchen lässt in Zwischenwelten und der Zweifel, der in unserem Leben mitgehen muss, um alles was wir erleben zu hinterfragen, um Wahrheiten für unser Leben zu entdecken. Was gibt es Schöneres und Wichtigeres als sich mit beidem zu beschäftigen. Das Buch lädt dazu ein.

220 Seiten die viel zu lange ungelesen in meinem Regal gestanden sind. Das sind die Seiten des „Reisebuches“: „Eine Reise zu Ingeborg Bachmann“ von Frauke Meyer-Gosau (im C. H. Beck-Verlag). Dabei handelt es sich wirklich um ein Reisebuch. Es ist ein Reisebuch der Autorin zu den Lebens- und Schauplätzen des Lebens von Ingeborg Bachmann. Es ist ein Reisebuch in der die Autorin eine neue Bachmann kennen lernt, eine Autorin und Mensch, die eben nicht (nur) so ist, wie sie im Laufe der Jahrzehnte in der Öffentlichkeit geworden ist. Es ist ein Reisebuch für den Lesenden, denjenigen der Ingeborg Bachmann erst jetzt entdeckt. Dabei liegt (meiner Meinung nach) der Fokus auf jene Lesenden, die keine jahrzehntelange Erfahrung mit Ingeborg Bachmann haben.

Und somit: Das vorliegende, schon 2008 erschienene Buch ist ein Buch für die Nachgeborenen. Ein Buch, das zur Lesehilfe werden kann und darf für die Gedichte, Texte, Romane und Beiträge die Ingeborg Bachmann geschrieben hat.

Station macht die Autorin in Rom, in Berlin, Zürich, Paris, Wien, Klagenfurt und auf Ischia. Überall sucht sie räumliche und persönliche Zeitzeugen: Häuser, Wohnungen, Zimmer, Freunde und Lebenspartner kommen zu Wort und schaffen Annäherung an Ingeborg Bachmann. Annäherungen, die zu Lesehilfen werden für einzelne Gedichte und Romane.

Die Sprache dieser Reisebiografie lädt ein zum zügigen lesen. Sie ist ästhetisch ansprechend. Nur manchmal lässt sie eine schale Frage zurück ob es bei diesem Buch um die Bachmann geht oder um eine sprachliche Übertrumpfung der Beschriebenen.

Immer wieder werden biografische Verbindungen zu einzelnen Romanfiguren und Gedichten hergestellt. Das ist stimmig. Das dürfte wirklich der Fall sein. Die Warnung, dass aber hier keine eins-zu-eins Übertragung erfolgte, die kommt aus meiner Sicht eher zu schwach und zu spät.

Eines störte mich noch: Die Wiederholung einzelner Zitate. Bis zu drei-vier Mal finden sich die gleichen Zitate, was im ersten Moment dazu führt die Frage zu stellen, ob die Biografieautorin nur das gelesen hat, oder ob die aufgestellten Bezüge und Belege  einseitig sein könnten.

Aber abgesehen von diesen drei Punkten, die ein bisschen stören ist es ein wunderbares Buch und wirklich ein Buch, das für jeden (jüngeren Leser, wie das mit erfahrenen Bachmann-Leser ist, weiß ich nicht), der gerne deutschsprachige Literatur ließt, ansprechend ist. Es gibt einen Blick frei auf Ingeborg Bachmann, auf die literarische Welt der Nachkriegszeit und bietet eine Fülle von kleinen wunderbaren Momenten auf viele andere Persönlichkeiten des Literaturbetriebes.

Für Romliebhaber sind gerade die ersten 70 Seiten etwas Wunderbares. Das heutige Rom mit Ingeborg Bachmann zu entdecken, das ist etwas Schönes und hat mich schwelgen lassen. Nicht zuletzt auch, weil hier nicht nur Räume, sondern Personen auftauchen, die manch ein deutsch-Römer noch erleben durfte.