Björn Siller

Das Buch „Das iPhone und der liebe Gott“ habe ich bei einem Antiquariat entdeckt. Ohne genauer reinzuschauen habe ich das Buch gekauft, denn es erschien mir passend für mein Themengebiet, denn es erschien mir ein theologisches Buch zu sein – Gott steht ja vorne darauf.

Klaus-Dieter Müller ist jedoch kein Theologe sondern Medienwissenschaftler. Deshalb handelt das Buch nicht von Gott sondern vielmehr davon, wie mit dem iPhone, genauer mit den digitalen Veränderungsprozessen im Bereich der Kommunikation, für die das iPhone hier steht, umgegangen werden soll. Dabei betont Müller, dass sich nicht die Frage nach einem „ob“ stellt sondern vielmehr die Frage nach einem „wie“.

Das Buch ist in zwei Kapitel aufgeteilt. Unter dem Kapitel „Irrwege“ untersucht, bzw. reflektiert der Autor verschiedene Entwicklungsprozesse in der Gesellschaft und ganz speziell in der Kommunikation. Dabei legt er einen starken Blick auf die (neue) Rolle des Individuums, auf das Thema der Sicherheit und auf das Konzept des Netzwerkes.

Im zweiten Teil werden diese theoretischen Grundlegenden noch einmal aufgegriffen indem verschiedene Handlungsschritte bzw. Überlegungen zum Umgang mit der Technik vorgestellt werden. Dabei dürfte wohl die Auseinandersetzung mit dem Konzept des Netzwerkes, des Kontaktes und der Beziehungen ein gewisser Mittelpunkt der Überlegungen darstellen.

Wie schon gesagt, das Buch hat nicht die Impulse gegeben, die ich ausgehend vom Titel erwartet habe. Trotzdem ist es für mich eine Bereicherung gewesen es zu lesen. Die Überlegungen zur Sicherheit als Religionsersatz, die Unterscheidung verschiedener Netzwerke und der daraus unterschiedlichen Formen von Kontakt und Beziehung und ganz besonders die dargestellte Form von Spiritualität (eine recht grundsätzliche Definition dazu) bieten eine gute Gesprächsgrundlage bzw. schaffen Argumente warum gerade bestehende Prozesse in Kirche, ausgehend durch die durch die Pandemie sichtbar gemachten digitalen Transformationen, einen Sinn ergeben (können) und damit eine Ebene zur Gemeindebildung anbieten.

Auch wenn das Buch, wie gesagt keine theologischen Überlegungen in der gewünschten Form bietet, so zeigt sich in Klaus-Dieter Müller ein Autor der seine Thesen und Überlegungen sehr breit verortet. Seine Überlegungen aus politischen und kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen heraus sind auch für die Theologie interessant.

Henry James, ein, wie ich finde, nicht ganz einfacher Autor, schrieb 1898 die Geschichte „Die Drehung der Schraube“. Die im Jahr 2000 erfolgte Übersetzung ist 2019 im Verlag Kampa erschienen. Dabei handelt es sich um eine Gespenstergeschichte die James in seiner ganz eigenen Art aber eben auch im Stil seiner Zeit verfasst hat.

Ein junges Fräulein, Pfarrerstochter wird als Erzieherin/Hauslehrerin für zwei Waisenkinder der gehobenen englischen Gesellschaft angestellt. Auf dem Landsitz, der diese beiden jungen Menschen beherbergt, erfährt sie, zu Anfang nur als Ahnung, welch böser Geist, welche böse Geister hier ihr Unwesen treiben.


Henry James ist wahrlich der Meister des psychologischen Erzählens, denn es gruselt einen weniger ob der klassischen Geistererscheinungen, als vielmehr der Geister die da spuken, die sich hinter Schönheit, Manieren, guten Sitten & Haltung verbergen können. James zeichnet Charakterbilder, die erahnen lassen welche Abgründe sich in den Menschen verbergen.

Wie andere Schriften von ihm finde ich es nicht leicht mich auf die Sprache und den Stil einzulassen. Die langen gewundenen viktorianisches Satzgebilde, die Wortwahl und dieses stille und langsame Erzählen fordert eine Geduld, die heutige Autoren nicht verlangen. Aber wer sich einlässt der lässt sich fangen, der lässt sich einnehmen. Trotz manch eines Kopfschütteln über die Weltbilder der damaligen Zeit, sind solche Bücher wunderbare Begleiter für lange Abende.

Von Isaac Bashevis Singer erschien im Jahr 1976 das vorliegende Buch „Old Love. Geschichten von der Liebe.“ Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Geschichten aus dem Leben jiddischer Menschen. Viele der Geschichten werden von einem Ich-Erzähler erzählt, andere haben einen Erzähler wie jene chassidischen Geschichten, die in verschiedenen Sammelwerken zu finden sind.

Singer erzählt hier Geschichten von der Liebe, oder eher von der Kunst der Liebe, von den Facetten der Liebe. Er beschreibt Ausprägungen dessen was Menschen an einander bindet. Dabei stellt sich hier oft genug die Frage, was das eigentlich ist, diese hier beschriebene Liebe, diese Bindung. Oft genug ist sie, die Liebe, in diesen Geschichten erst auf einen zweiten Blick zu entdecken, denn sie sind eingebettet in die uns heute oft fremden Welten der polnischen jiddischen Welt. An anderer Stelle lesen wir von gescheiterter Liebe, die trotz des Scheiterns nicht endet, oder von einer Liebe die abwesend erscheint, ob durch ein fehlendes, fremdes Gefühl oder durch ein Fehlen der Liebenden, aufgrund Tod oder fehlender Eigenliebe.

Die Geschichten überraschen, sie lassen nicht immer ein leichtes eintauchen zu, sie sind manchmal fremd und ruppig, aber selten habe ich Geschichten gelesen, die so intensiv und facettenreich die verschiedenen Prägungen der Liebe (der Kunst der Liebe?) beschreiben wie diese von Isaac Bashevis Singer. Dabei wird nicht überhöht, nichts verheimlicht, alles gezeigt, was notwendig erscheint um zu verstehen.

Hier finden sich die Geschichten, die das Leben schreibt, die die Liebe schreibt. Hier finden sich Fenster in eine Welt, die so fremd ist, die aber in ihrer Fremdheit doch so anziehend ist, denn Singer besticht mit einer Sprache die glasklar, bunt, geschliffen und verführend ist. Singer breitet hier ein Flickenteppich der jiddischen Welt auf, vor 1939 aber auch nach dem Krieg. Es ist eine Welt die es so nicht mehr gibt von der man sich aber wünscht dass ihr Geist, irgendeine Transformation, noch irgendwie und irgendwo zu finden ist . Ohne diese Geschichten, ohne die jiddische Welt wäre unsere Welt wahrlich einiges kälter.