Krieg und Familie

In meiner Familie wurde früher viel gesungen. Volkslieder, so manch ein Stück aus einer Operette und auch so manch ein Lied, das man unter Chanson, Ballade oder Bänkellied einordnen kann. Dazwischen auch immer wieder Lieder die ich früher nicht einordnen konnte, die sich aber als Lieder entpuppten, die stark mit den deutsch-französischen Kriegen, mit den Kriegen allgemein und mit den Folgen beschäftigen. Oft ganz sichtbar in klaren Worten, oft eher subtil. Zuletzt viel mir auch auf, dass es bei einem Lied einen Text gibt der wohl auf eine alte englische Ballade zurückzuführen ist. Lieder sind spannende Zeugnisse der Geschichte!

Mit den Liedern kamen aber auch immer die Geschichten. Meine Uroma hatte viele auf Lager, mein geliebter Großonkel auch und bei ihm wusste man, dass da sowohl so manch ein Schmunzeln dabei sein musste wie auch der Versuch traurige Geschichten mit Humor zu erzählen. Es waren Familiengeschichten, die oft die schmerzhaften Stellen ausließen oder umschreiben. Was gerade dran war, das lernte ich als Kind heraushören.

Das hat mich grundsätzlich neugierig gemacht. Irgendwann habe ich angefangen meine Familiengeschichte zu erforschen. Immer mal wieder mit mehr und mal mit weniger Motivation und Erfolg. Letztes Jahr habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass es eine Akte zu meinem Uropa gibt, die ich irgendwann mal lesen will. Da ich ein bisschen Angst vor dem Inhalt habe, dauert das noch ein bisschen.

Zur Familiengeschichte gehören landwirtschaftliche Themen, aber auch die letzten drei Kriege, genauer ihre Folgen im familiären Leben. Eine Cousine meiner Oma hat dazu auch mal ein Buch geschrieben: „Mit Gott – für Kaiser und Reich“ und in meinem Geburtsort Tunsel prägen noch heute die Erinnerungstafeln und Orte das Dorf und die Kirche.

Aber wie gehen wir damit um? Ich denke, dass wir grundsätzlich verstanden haben dürften, dass Krieg etwas Schlechtes ist. Und doch – wir akzeptieren ihn immer weiter. Keiner dachte nach dem I. Weltkrieg daran, dass die Menschen so dumm sein konnten, so kurz danach wieder ein großes Schlachten zu beginnen. Und auch nach dem II. Weltkrieg hätte es doch klar sein sollen, dass Diktatur (wie in der DDR), Vernichtung von Menschen oder die Unterstützung von Krieg, die wir auch seit 1945 aktiv und passiv geben nicht gut für die Menschheit sind. Aber wir tun es weiter und immer weiter. Klar, ich bin mir bewusst, dass das eine Utopie ist, aber wieso gehen wir nicht endlich mutig voran und beenden das Rüsten. Die Gespräche in den letzten Tagen im Rahmen der NATO-Konferenz widern mich an. Hier geht es nicht um wirtschaftliche Themen oder um Geld. Hier fordern einzelne, eine Maschinerie aufzurüsten die allein auf eines aus ist: Auf Zerstörung. Das mag vordergründig Friedenssicherung sein, am Ende sind Waffen dazu da um zu töten. Friedenssicherung mit Waffen, das ist Lüge, dann dieser Frieden ist nichts anderes als im besten Falle eine Abwesenheit von Krieg.

In einem anderen Kontext zitiert Stephan Grätzel in seinem Buch „Versöhnung“ Goethe: „und was man ist, das bleibt man anderen schuldig“. Das Zitat stammt aus dem Tasso. Damit will Grätzel zeigen: dass wir unser „Sein zugleich in seinen Bezügen und Beziehungen zu den Anderen, zur Welt und zu sich selbst“ verstehen müssen. Weiter schreibt er „Alle Lebewesen leben voneinander, so dass sie sich gegenseitig brauchen und verbrauchen, dass sie gebraucht und verbraucht werden. Jedes Lebewesen lebt sich selbst nur, indem es von anderen bekommt und an andere gibt.“ (alle Zitate: Grätzel; Versöhnung. Freiburg 2018. S. 234-235) Wie gesagt, er schreibt das in einem anderen Kontext und doch gilt das auch in unserem Leben recht allgemein. Wir stehen in einen Kontext zu unserer Gegenwart, zur Vergangenheit und den Menschen und auch zur Zukunft. Was frühere Generationen getan haben, wie diese gelebt und was sie erlebt haben hat uns geprägt und wird nächste Generationen prägen. Geschichte ist ein Generationenvertrag und Leid und Krieg ein Erleben, das weiter getragen wird. Und so sind in unseren letzten drei Kriegen, die wir Deutsche gegen Frankreich geführt haben, starben somit nicht nur die Soldaten auf den verschiedenen Frontseiten, sondern es litten auch die Menschen darum herum, ihre Familien und ihre Nachkommen. Die Kriege und ihre Folgen sind eingegraben in unser heutiges Leben, auch wenn wir es verdrängen oder nicht sehen (wollen).

Vieles in meiner Familie kann man nur verstehen, wenn man die Geschehnisse der Jahre 1933 – 1945 im Blick hat, wenn man weiß oder erahnt, was damals geschehen ist. Zu lange haben wir in Deutschland im Bezug auf diese scheinbar kleinen Randthemen geschwiegen. Zu lange haben wir in Deutschland uns auf ein paar wenige Themen zurückgezogen und nur ein paar wenige waren mutig genug die Perspektive zu wechseln weg von den fremden Toten in den KZ Und an den Fronten hin zur Frage der Familie, der Nachbarn und des eigenen Lebens.

Die Lieder, die wir in der Familie gesungen haben, die lustigen Geschichten, die wir gehört haben, die zeigen eine Welt, spannend ist aber die Welt, die dazwischen liegt, jene Auslassungen, auf die diese Geschichten und Lieder hinweisen.

Bei der Bearbeitung von Geschichte geht es mir nicht darum, dass wir in Sack und Asche gehen. Wir sind nicht verantwortlich für das was Generationen vor mir getan haben. Ich bin aber dafür verantwortlich, dass ich weiß, was sie getan haben und dafür sorge, dass ich die Fehler nicht mehr tue, dass ich aus den Fehlern lerne. Das beginnt bei der Kommunikation, bei der Sensibilität in der Nutzung von Begriffen oder bei der Sorge darum, dass Gedanken und Ideologien keinen Nährboden mehr bekommen.

Familiengeschichte ist nicht abgeschlossen, denn gerade die Ängste und Nöten, die psychischen Probleme werden an die nächsten Generationen (unterbewusst) weitervererbt. Das fängt bei ganz einfachen Dingen wie dem Umgang mit Nahrungsmittel an, das hört bei Ängsten und Phobien auf. Geschichte der Staaten und Völker endet nicht, das kann nie abgeschlossen werden und so müssen wir uns den Folgen des II. Weltkrieges genauso stellen, wie den Folgen der jüngeren Zeit oder auch des I. Weltkrieges. Gerade gibt es die Möglichkeit sich ganz bewusst mit dem I. Weltkrieg zu beschäftigen. In Belgien in Wijtchaete gibt es eine Grabungsstätte, die Höhe 80, die ausgegraben wird. Hier kann man Geschichte hautnah erleben, durch einen Besuch, durch Mitarbeit als Freiwilliger.

Eventuell lernt da auch eine neue Generation – und auch die ältere Generation – , dass es sinnlos und unmenschlich ist Krieg zu führen. Kein Ziel, kein Ergebnis rechtfertigt den Mord an so vielen Menschen und daran müssen wir denken. Krieg und der Einsatz von Soldaten ist zuallererst die Akzeptanz, dass Menschen getötet werden. Wollen wir das wirklich. Nehmen wir das mal persönlich, denn das ist Krieg nun mal.

Bei Krieg und Streit gilt das Wort von Papst Benedikt XVI.: „Gesegnet sei, wer als erster den Ölzweig erhebt und dem Feind die Rechte entgegenstreckt, ihm den Frieden unter vernünftigen Bedingungen anbietet.“ Nicht die Sieger gewinnen den Krieg, die waren Sieger müssen jene sein, die sich gegen Krieg und Streit stellen. Fangen wir auch in unserem Leben an den Ölzweig zu heben, wir haben schon genug Leid und Schicksal, fangen wir an und ändern wir die Welt. Ernsthaft und ehrlich!

La dolce vita ‐ die römische Lebensart

IMG_0954Da gibt es ungemein viel Klischee. Rom ist Klischee, so wie die tausend und eine Geschichte von und um diese Stadt und ihre Lebensart. Oder noch mehr, Rom ist das was wir erleben und in diesem Erleben in Gedanken, in Gefühlen und in Wissen uns schaffen. Deshalb kann es wohl auch nur drei Typen von Menschen geben. Jene, die Rom lieben, jene, die Rom hasse und jene, die noch nie da waren.

Der nachfolgende Text ist also auch nur das Bedienen von Klischees. Dieser Text ist zum Schluss gesehen nichts anderes als eine Traumvorstellung, eine Liebeserklärung an eine alte Dame, die eben gar nicht mehr so traumhaft ist, wie es sie nie war. Daher gilt es den Text nicht ganz ernst zu nehmen, sondern eher als ein Text zu sehen, der eine Liebeserklärung ist an eine alte Dame, von einem Herrn der schon lange die Dame nicht mehr bei Helligkeit gesehen hat.

Aber was macht ein Römer so?
Am Morgen ein Frühstück, colazione, das kennen die Römer im trauten Heim nicht. Dazu geht es in die Bar. Dort wird ein Cappuccino bestellt und ein Dolce, also ein Hörnchen (Cornettoo), mit/con oder ohne/senza Füllung/classico oder semplice) eine Bomba oder ähnliches. Es gibt zwischenzeitlich auch Müsli, Jogurt und Co. selbst schon zum Mitnehmen. Der Kaffee To‐Go ist aber noch immer eine Todsünde. Starbucks & Co. überleben, wenn überhaupt, nur dank der Touristen.
In Italien gibt es zwei Preise: für sitzende Gäste und für jene an der Bar. In Rom ist das heute – außer in einzelnen Fällen – kein so großer Unterschied mehr wie im versnobten Florenz. Es summiert sich nur wenn man, wie ein Römer, mehrmals einen Cappuccino/Cafe am Tag nimmt.
Jeder Römer hat seinen Barista. In seinem Viertel, denn der Römer geht – außer er muss zur Arbeit, oder er ist jung ‐ nicht aus seinem Viertel, also seinem Rione. Eine weitere entscheidende Trennlinie in Rom ist der Tiber. Den überschreitet man nicht, außer in absoluten Notällen.

Getränke mit Milch werden traditionell – je nachdem wie römisch das Restaurant/die Bar ist – nach elf Uhr vormittags nicht mehr serviert. Was daran liegt, dass in vergangenen Zeiten ohne Kühlschrank die Milch meist ab da gefährlich (sauer, Bakterien) wurde. Darüber hinaus ist der Römer der Meinung, dass der menschliche Körper nachmittags keine Milch verträgt.

Wer in seiner Welt lebt, den kennt jeder, der kennt jeden und so ist auch die erste große Aussage von Reinhard Raffalt, SJ der behauptet, dass es in keiner anderen Stadt der Welt charmanter ist arm zu sein als hier. Und das kenne ich auch. Wie oft hatte ich mein Geld vergessen, wie oft kam die Aussage des Patrone: Sei du heute mein Gast! In dieser kleinen Welt lernt man, es gibt Familie – aber nur für jene strangieri die sich darauf einlassen. Ich hab es erlebt und gesehen und erlebe es noch immer.

Mittagessen – pranzo/colazione
Erste Verhaltensregel: in Rom wird man platziert. NIE sich selber einen Tisch aussuchen. Damit steigen ganz oft die Preise, denn sie werden als ignoranter Ausländer erkannt.
Die Zeiten ändern sich. Während die Panini (belegte Brötchen) oder die Tramezzini (Belegtes Toastbrot, ohne Rinde meist caldo/warm zu genießen) früher mal was für „zwischendurch“ waren, gibt es auch in Rom heute für viele nur einen kleinen Mittagstisch. Ein Brot, ein Gang oder gar nur ein Salat, das gibt es heute immer öfters. Das ist die Folge dieses „unangenehmen deutschen Lebensstress“, der aus dem Norden kommt (die Deutschen = Tedeschi; sind nicht immer wir, damit sind auch, wie ich schon gehört habe, die Norditaliener gemeint).
Klassisch gehört jedoch zum Mittagessen mindestens zwei im besten Falle vier Gänge: Antipasta, Primo, Secondo, Dolce – was also bedeutet: Vorspeise, erster Gang mit Pasta o. Ä., Fleisch und ein Nachtisch, gern auch mal Früchte oder einen Fruchtsalat (macedonia). Der Wein darf dabei nicht fehlen; Tischwein, Wein des Hauses … und ein Digestif auch (Grappa, Limoncello, Amaro, …). Aber alles angemessen.

Dann kommt die Mittagspause/Mittagsschlaf. bei diesem Thema kommen dann die Deutschen und erzählen was davon, dass die Italiener faul sind. Nein, das sind sie nicht, sie arbeiten meist mehr Stunden, haben aber einfach eine andere Einstellung. Die Arbeit ist für das Leben da und nicht andersherum. Das ist doch viel besser. Beim Staat und im Vatikan zeigt sich oft auch noch: Es gibt eigentlich eine sechs‐Tage‐Woche. Von Montag bis Samstag wird vormittags gearbeitet. Dazu sind zwei oder drei (oder mehr) Nachmittage zu arbeiten. Aber auch das ändert sich so langsam und damit sinkt die Lebensqualität.

Der Abend
Der Römer, gerade der junge Römer – und da ganz besonders die ragazze – gehen am Abend auf den Giro. Dieser Termin wäre – ich glaub ich hab das mal bei Franca Magnani einmal in einem Beitrag vernommen – einer der Gründe warum es in Rom keine Popper, keinen Schlabberlook o. Ä. geben könne, und warum die Römerin die am besten angezogene Frau der Erde sei. Und es ist doch so: Nirgends auf dieser Welt sind die Frauen so schön wie in Rom. Das macht das Licht, die Schönheit der Stadt und der Charme des Augenblickes. Das gilt für alle Frauen in dieser Stadt.
Der Giro ist der Spaziergang am Abend (nicht zu früh). Man trifft sich nicht in einem einzigen Restaurant. Jeder hat sein Gebiet, seine Strecke, seinen Startpunkt und man findet sich. Man beginnt eventuell gemeinsam, aber geht im Laufe des Abends gern auch getrennt weiter, nur um sich am Ende des Abends wieder zu finden. Startpunkt ist der Aperitivo und erst danach geht es weiter. Dabei ist der Aperitivo nicht einfach ein Getränk, nein er ist viel mehr. Der Aperitivo ist eine Ausprägung der römischen Lebensform den Abend, die Minuten des Sonnenuntergangs zu genießen und den Gaumen und die Sinne zu reizen.
Der Studierende und jener der kaum Geld hat, wird sich hier (nicht ganz anständig, aber manchmal notwendig) satt essen. Ein vollständiges Abendessen gibt es somit schon mancherorts für 8 €.
Danach geht es in die bevorzugte Lokalität zum Essen. Die Antipasta kann man so getrost weglassen – oder doch nicht, je nachdem wie man mag. Auch hier folgt die normale Reihung, bis hin zum Dolce und einem schönen Käse als Abschluss, muss nicht, kann, darf sein ist aber nicht typisch römisch, sagen die einen, die anderen genießen. All das ist Idealform, die es immer weniger gibt für die Römer. Warum? Das liebe Geld ist daran schuld. Das Leben wird immer schwerer, aus verschiedenen Gründen, aber einer ist ganz sicher der, dass auf der einen Seite alles teurer wird wegen der Touristen und auf der anderen Seite zerstört Arbeitslosigkeit und Armut die Schönheit des Lebens, gerade der jungen Menschen.

Der Absacker in einer Bar ist möglich, auf der Piazza ab 23.00 Uhr nur mit Plastikbecher, was die einen abschreckt, die anderen nicht stört. Dabei kommt der Piazza die Rolle zu, die ihr zugetragen ist. Die römische Piazza ist das Wohnzimmer, der Salone des Volkes aber grundsätzlich auch der Ort der Demokratie in seiner jeweiligen Ausprägung. Die Piazza ist das Forum, welches es in Rom immer gab und um das wir die Stadt beneiden dürfen. Die Piazza ist der zentrale Ort des Lebens. Hier wird geliebt, gelacht, geweint und gefeiert. Hier zeigen sich die jungen Menschen, auch ohne viel Geld. Gerade nun, wenige Tage nach einer ganz traurigen Wahl in Italien stellt sich die Frage, was ist los in Italien? Eventuell liegt es an der Piazza, dem Forum, oder gerade daran, dass nicht mehr dort gestritten wird. Wo waren die Wahlplakate? Wo war die Diskussion, wo war die Wahl, die die Wirklichkeit abbildete und nicht irgendwelche Scheinwelten. Wo ist Cicero um den heutigen, immer wieder auftretenden Politiker, wie Verres, Catilina und Co. paroli zu bieten. Das geht immer noch nur auf den heutigen Plätzen der Öffentlichkeit. Es hilft uns und unserer Demokratie nicht, dass wir das Forum und die vielen wunderbaren Plätze der Demokratie in Trümmern belassen und sie nur als alte Relikte sehen. Sie müssen was in uns bewegen. Das Leben, das ich hier beschrieben habe, ist das Leben der Reichen, der großen Menschen, die Rom hervorgebracht hat. Es ist aber eben auch das Leben all jener, die für die jeweilige Freiheit und für das Leben und die Liebe in dieser Stadt gekämpft haben. Wir können das belächeln und wie im Museum aufnehmen, oder wir können es leben, in der Gänze, also schönes Leben und Verantwortung dafür.

 

Europa – 60 Jahre Römische Verträge

 

 

Gestern feierte Europa Geburtstag. Europa, nicht nur die Staatenlenker, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger gedachten der Unterzeichnung der Römischen Verträge im Jahr 1957. Damals kamen Staatschefs sechs europäischer Nationen in Rom zusammen und unterzeichneten zwei Verträge die im entscheidenden Maße unser Vergangenheit, unsere Gegenwart und auch unsere Zukunft prägen werden, denn sie waren fest entschlossen die „Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluss der europäischen Völker zu schaffen“ (Präambel).

Die römischen Verträge, gerade die Unterzeichner, waren geprägt von der Geschichte, aber auch im hohen Maße geprägt von ihrem eigenen Glauben, von Visionen und Ideen, die ihnen die Möglichkeiten geben sollte das Leben von Millionen Menschen zu verbessern. Sie nahmen ihren Auftrag als Staatsmänner an und gestalteten ganz bewusst die Zukunft ihrer Staaten und deren Bürger. Aus diesem Vertrag mit sechs Ländern wurde die heutige EU mit 27 (naja 28) Staaten und weit über 500 Millionen Bürgern.

Heute war ich zum ersten Mal bei einer der Demonstrationen der Bürgerinitiative „Pulse of Europe“. Bisher konnte ich nicht, da ich unter anderem ja im Ausland war, aber ich habe mir vorgenommen an jedem möglichen Sonntag – nächste Woche in Berlin – dabei zu sein. In 60 Städten treffen sich aktuell jeden Sonntag um 14:00 Uhr tausende Bürger um nicht gegen etwas zu demonstrieren, sondern um für Europa zu demonstrieren. Wohl wissend, dass nicht alles perfekt ist in diesem Staatenbund, geht es den Organisatoren und auch den Teilnehmern darum Flagge zu zeigen für eine einmalige politische Erfolgsgeschichte und damit zu signalisieren: Europa, das sind nicht Verträge oder wohlmeinende Reden, sondern die Bürgerinnen und Bürger der Länder.

Die sehr allgemein gehaltenen Aussagen auf der Internetseite von „Pulse of Europe“ kann ich alle voll mitunterschreiben. Mir gehen sie nicht weit genug. Jedoch stehe ich voll und ganz dahinter. Wir können Europa, wir können unsere Zukunft, eine Zukunft in Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand nicht alleine den Politikern überlassen. Europa das sind wir selber, wir die einmal natürlich zur Wahl gehen müssen, wenn wir politische Veränderungen wollen, aber auch wir, die im Kleinen, im Alltäglichen zu Europa stehen und unsere Visionen aussprechen, um eine Stimme zu bekommen und die Politiker zu bewegen weiter zu gehen. Meiner Ansicht so weit zu gehen um eines Tages eine föderalistische politische Vereinigung zu erreichen, in der es allein regionale und sprachliche Grenzen aber keine nationalen Grenzen mehr gibt.

Mir ist ein gewähltes Parlament zu wenig, es braucht eine gewählte Regierung die ganz im Sinne der Subsidiarität arbeitet. Für mich ist es logisch, dass es in Anbetracht einer gemeinsamen Währung auch eine gemeinsame Finanzpolitik braucht. Für mich ist eine europäische Armee keine böse Vision, sondern in Zeiten von neuen Gefahren aber auch in Zeiten von Sparen und sinnvollem Wirtschaften eine gute und logische Folge der EU. Darüber hinaus muss sich auch im Bereich der Bildungspolitik entscheidendes verändern. Wir brauchen die Einführung von Standards in der Ausbildung, denn nur gut ausgebildete junge Menschen können auf einem europäischen Arbeitsmarkt in eine ehrliche Konkurrenz treten und dort eingesetzt werden wo man sie braucht.

Audienz beim Papst

Am Freitagabend hatten die 27 Vertreter der Länder der EU eine Audienz bei Papst Franziskus. Zum dritten Mal hielt der Heilige Vater eine Rede zur Lage der EU und stellte die Verbindungen zwischen EU und Christentum heraus. So sagte er: „Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit,“ (Franziskus 24,03.17). Hier und an vielen weiteren Textstellen mahnt er die Vertreterinnen und Vertreter an, nicht das Evangelium und die Botschaft Jesu Christi zu vergessen. Der Papst zeigt, dass er kein Politiker ist, dass aber die Kirche eine Verpflichtung hat in Wort und Tat die moralische Komponente einzufordern, die es braucht, dass ein Staat oder ein Staatsgebilde nicht nur Recht spricht, sondern auch stehts um Gerechtigkeit, auch um soziale Gerechtigkeit ringt.

Es ist gut, dass die Vertreterinnen und Vertreter der EU beim Heiligen Vater, dem Karlspreisträger 2016, zur Audienz waren. Es erinnert nämlich auch daran, dass die damaligen Ideengeber und Staatsmänner nicht nur christlich sozialisiert waren, sondern im hohen Maße ihre Politik aus einem gelebten Christentum heraus betrieben. Die Idee Europas ist eine zu tiefst christliche Idee, denn sie setzt die politische Komponente der Botschaft Jesu Christi in tägliches politisches und wirtschaftliches Handeln um – oder will es zumindest.

Für mich ist mein Glaube Grundlage einer Verpflichtung als Bürger, meine politische Meinung zu sagen, mich in politische und gesellschaftliche Diskurse einzubringen und wählen zu gehen, damit Politik und Gesellschaft ein Raum werden, in denen die Botschaft der Liebe zumindest im menschlichen Maße Wirklichkeit wird. Deshalb nehme ich an diesen Veranstaltungen teil und werde auch zu jeder Gelegenheit ausdrücken, dass ich ein badischer Europäer bin.

 

Klar ist das „Schleichwerbung“, aber grad die Verbindung zwischen katholischer Lehre und Politik ist mir wichtig und daher empfehle ich einige Bücher:

Franziskus: Mein Traum von Europa

Schavan (Hg.): Päpste vor Parlamente

Ratzinger, Josef: Werte in Zeiten des Umbruchs

Patocka, Jan: Europa und Nach-Europa

Möde, Erwin (Hg.): Europa braucht Spiritualität

Hertz, Dietmar: Die Europäische Union

Kompendium der Soziallehre