Björn Siller

Es ist doch schon verwirrend, wenn man die Nachrichten verfolgt. Auf der einen Seite Einbruch der Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Konkurse und auf der anderen Seite Millionen- und Milliardengewinne von Unternehmen.

Dass es nicht immer in der Wirtschaft „bergauf“ gehen kann ist eine Binsenweisheit, die nicht zuletzt 2009 immer wieder genannt wurde. Das ist also eine Wirklichkeit. Die andere Wirklichkeit ist aber, dass sich in Zeiten von Corona zeigt, wie groß der Abstand von Arm und Reich ist, wie groß die Probleme in unserer Gesellschaft sind, wie sehr verschiedene Industrie- und Wirtschaftszweige seit Jahren eigentlich nur am Tropf hängen.

Manche Unternehmen versuchen aktuell ihre Mitarbeiterentlassungen, die ganz unpersönlich immer als Stellenkürzungen daherkommen, in den Kontext von Corona zu stellen. Das ist aber selten die Wirklichkeit. Corona hat meist nichts verändert sondern nur sichtbar gemacht, was eh schon lange passieren hätte müssen.

Für mich bleibt als erstes jedoch eines im Blick: Es gibt immer mehr Arbeitslose. Was ist die Antwort darauf? Hier geht es nicht um Zahlen oder Statistiken sondern darum, dass Menschen erfahren müssen, dass ihre Arbeitsleistung nicht gebraucht wird, In einer Gesellschaft, die auf Produktion ausgerichtet ist, erleben diese Menschen diese Situation auch als eine Botschaft die sagt: Ich bin nicht erwünscht/nichts wert/, … das darf nicht sein. Das zerstört die demokratische Gesellschaft.

Ganz pragmatisch denke ich: Es werden in den nächsten Jahren noch sehr viele weitere tausend Menschen arbeitslos. Corona hat eines beschleunigt: die digitale Transformation und die Notwendigkeit diese anzuerkennen. Die Folge daraus: ein viel schnellerer Wandel in der Arbeitswelt als erwartet und damit ein verschwinden verschiedener Arbeitsstellen und weitere Probleme.

Die digitale Transformation der Arbeitswelt führt dazu, dass bisher vom Menschen vorgenommene Arbeit, ja auch ganz besonders schlichte Denkprozesse und Reaktionen nun von Technik übernommen wird. Damit verlieren sehr viele Menschen ihren Arbeitsplatz. Dazu kommen noch all jene Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht befähigt sind (gewollt o. ungewollt) mit digitalen Prozessen und mit der notwendigen Technik umzugehen. Auch diese sind in der Arbeitswelt nur noch bedingt einsetzbar.

Manche Menschen sagen, dass dieser Zustand vorübergehend ist. Dass hier eine Generation in der Arbeitswelt abtritt und der Wandel „nun mal so ist“. Das stimmt, so denke ich, nicht ganz. Gerade auch das aktuelle Schulsystem „produziert“ Arbeitskräfte, die jung sind und trotzdem genauso kaum einsetzbar sind in einer Arbeitswelt der digitalen Transformation.

Das bedeutet doch, dass wir einmal für eine ältere Generation oder eine aktuelle Generation die noch nicht befähigt ist in den veränderten Prozesse zu arbeiten, etwas tun müssen und dass wir uns Gedanken darüber machen müssen, dass auch in den nachfolgenden Generationen Menschen sein werden, die eben nicht alle IT-Fachleute, Akademiker und Co. sein können.

Die Antwort darauf kann nicht sein, dass wir wie bisher arbeitslose Menschen gesellschaftlich wie wirtschaftlich an den Rand drängen. Wer hier stehen bleibt oder im besten Falle nach Subventionen für die aussterbenden Arbeitsbereiche schreit, ist schlussendlich zynisch. Genauso zynisch ist es, wenn die schwindenden Arbeitsplätze pauschal mit neuen Arbeitsplätzen gegengezeichnet werden.

Aber was ist die Antwort? Eine allein wird da nicht reichen, oder? Gerald Hüther sieht in seinem neuen Buch #education for Future mehrere notwendige Ansätze. Eine Veränderung der Mentalität der Arbeitswelt, Formen des einheitlichen Grundgehaltes, Steigerung des Image einzelner Arbeitsbereiche und ein doch fast radikaler Umbau des Bildungs- und Ausbildungskonzeptes in unserer Gesellschaft.

Das würde in vielen Bereichen ein grundsätzliches Umdenken verlangen. Sind wir dazu bereit, haben wir politische und gesellschaftliche Akteure, die offen und innovativ die Zukunft gestalten wollen, haben wir die Akteure in Gesellschaft, Staat und Kirche die es braucht um eine neue soziale Marktwirtschaft zu installieren?

Das ist eigentlich die falsche Frage. Besser ist die Frage, warum in manchen Themenbereichen sich plötzliche Menschen positionieren, die „eigentlich“ hier nicht „das sagen“ haben. Medienwirksame Beispiele sind Greta Thunberg oder der Youtuber Rezo von dem wir nicht einmal wissen, wie er wirklich heißt. 

Beide, als Prototypen, haben viel gemeinsam. Sie haben keine Ausbildung zu den Themenbereichen, zu denen sie sich positionieren. Sie sind in ihren jeweiligen Bereichen irgendwann einmal Außenseiter gewesen und sie mussten, nachdem sie sich erfolgreich, in aller Öffentlichkeit, positioniert haben viel Spott und noch viel mehr Beleidigungen und Abwertungen anhören. Statt sich mit den Aussagen dieser beider Personen zu beschäftigen, wurde die Diskussion von einer möglichen sachlichen Ebene auf eine persönliche Ebene umgeleitet. Damit werden keine Probleme gelöst, sondern Feindbilder geschaffen und demokratische Konzepte ausgehöhlt.

In der Medienlandschaft zeigt sich ein weiteres Phänomen. Es besteht fast eine Tradition darin, dass Kunstschaffende sich caritativ Betätigen. Sie übernehmen Patenschaften, veranstalten Shows und Events zur Geldsammlung etc. Neu ist zwischenzeitlich, dass verschiedene „Stars“ gerade aus der Comedy-Szene, genau dieses Genre nutzen um mit Ironie und Satiremethoden ihnen wichtige Themen, zur besten Sendezeit, zu positionieren. 

Bekannteste Aktion in den letzten Wochen war sicherlich der Film „Männerwelten“ von Joko & Klaas in der Moderation mit Sophie Plaßmann. Nicht so wellenschlagend nutzt aktuell Carolin Kebekus ihre Sendeformate um sich, ganz im Stil ihrer Comedy, zentrale und brennende Themen aufzugreifen (Konsum & HateSpeech). So gibt es von der gestrigen (02.07.2020) Show in der ARD zwei Sequenzen (Videos bei YouTube) in denen Kebekus Themen aufgreift, die ein Publikum ansprechen dürfte, das sich (bisher) eher weniger mit der Brisanz dieser Themen beschäftigt. 

Greta, Rezo, „Männerwelten“ und Kebekus übernehmen damit „Rollen“ oder „Leerstellen“ in unserer Gesellschaft: Bisherige Akteure und Strategien für wichtige Themen sind gescheitert. Ob Politik, Journalismus, gesellschaftliche Akteure, Institutionen wie Kirchen sind dahingehend gescheitert, dass sie entweder sich nicht mehr für wichtige Themen interessieren oder einsetzten (was ich nicht hoffe) oder sie sind nicht mehr fähig, die Öffentlichkeit glaubhaft zu informieren und zu einem Umdenken zu verschiedenen Themen und Lebenshaltungen zu motivieren. 

Wenn dies so ist, dann ist das katastrophal für die Demokratie. Eine Demokratie, in der nicht mehr die demokratischen Akteure selbst sich in demokratischen Prozessen positionieren (können) und Veränderungen anstoßen (können) steht in der Gefahr okkupiert zu werden. Die genannten Personen und Beispiele zeigen zum Glück kein Interesse daran die Demokratie auszuhöhlen. Wenn aber andere Kräfte (moderne Volkstribune) genau die von den genannten Beispielen genutzten Mechanismen aufgreifen und verstehen einen Nutzen daraus zu ziehen wird es gefährlich, denn die Folge ist der Wandel aus der Demokratie, mit demokratischen Mitteln zu einer Herrschaft eines Einzelnen/ einer Elite. 

Daher kann eine Antwort auf diese verschiedenen Akteure und ihre oft gelungenen Impulse nicht sein, sie abzuwerten, sie zu ignorieren oder sie unreflektiert einzuverleiben (und sie mit Preisen zu überhäufen), sondern sie in demokratische Strukturen einzubinden und ihre Anliegen in demokratischen Prozessen umzusetzen und den Wandel anzustoßen. Mit dem Ziel, dass Meinungsmache und Impulssetzung verstärkt innerhalb demokratisch verfasster Strukturen, durch demokratisch gewählte Volksvertreter und zum Wohl der Menschen erfolgt. 

Eine komische Diskussion, dieses Thema „Antifa“. Trump will Sündenböcke, um seine Schwächen zu vertuschen. Das ist eine Handlung, die alt und gut geprobt ist. Dass es dies tut zeigt, wie nah er diktatorischen, absolutistischen, oligarchen Staatslenkern ist. 

Viele Reaktion gab es. Verschiedene PolitikerInnen sagten, schrieben, twitterten, dass sie Antifaschisten seien. Dabei präsentierten sich die Reaktionen oft genauso unreflektiert, wie die Aussage des Herrn Trump. Während er unter Antifa alles anarchistische und linke und damit liberale Denken abstempelt, reduzieren jene, die reagieren, oft genug die Antifa, auf den reinen „guten“ antifaschistischen Kontext und blenden aus, dass sich unter dem Schlagwort auch anarchistische und marxistischen engführenden Denkweise und damit auch gewaltverherrlichende und ausgrenzende Gruppen subsumieren.

In all seiner Dummheit hat Trump mit dieser Sündenbock-Methode eine Diskussionsgrundlage geschaffen, die notwendig in der aktuellen politischen Situation ist. Eine dauerhafte Diffamierung der antifaschistischen Bewegung(en), wäre nämlich auf Dauer eine große Gefahr und kommt den rechten Gruppen sehr zupass, denn wenn aus dieser Diskussion die antifaschistischen Gruppen als unhaltbar und nicht vertretbar heraustreten, dann haben die rassistischen und faschistischen Bewegungen der Neuzeit das erreicht, was Nationalsozialismus, Stalinismus, italienischer Faschismus und Co. nicht geschafft haben. Der Antifaschismus war und ist ein entscheidender Gegner von Diktaturen und Rassisten. 

Daher ist es ungemein wichtig, dass wir uns alle mit diesem Thema auseinandersetzten. Die Beschäftigung mit der Frage „Wie ich dazu stehe?“ ist die Prophylaxe die jeder Mensch als politischer Mensch braucht um nicht von den Rattenfängern der neuen Rechten (ADF, Pegida, Identitäre Bewegungen, Reichsbürger etc.) geblendet zu werden.

Als im Jahr 2019 sich die Italiener gegen die Rassisten und Faschisten in ihrem Land (u. a. Lega) aufbegehrten sangen sie ein Lied, das in Deutschland aktuell als Partyschlager bekannt ist: „Bella Ciao“, in Italien aber, wie nur wenige andere Lieder eben für den Widerstand der Italiener gegen den Italo-Faschismus und gegen die Nazi-Besatzung steht. Die Botschaft des Liedes ist klar: „Es gilt für die Freiheit, gegen die Gewalt des Faschismus, zu kämpfen“!

Aber diese Botschaft wurde und wird negiert. Ganz schnell und erfolgreich ist es, wenn alles, was antifaschistisch ist, pauschal mit Anarchie oder mit den Abarten des Kommunismus gleichgesetzt wird. Diesen Bildern entgegen steht dann strahlend und glänzend ein „Gutes Deutschland“ ein „Freies Italien“ etc. der AFD, Lega, AF, FPÖ und Co.

Daher gilt es die Augen zu öffnen und das Hirn einzuschalten. Über Parteigrenzen hinweg, über Kirchenmauern und Ideologien hinweg braucht es ein gegenseitiges Verstehen und eine Einigung auf Grundwerte, die jeder, aus seiner Grundhaltung heraus, vertreten kann. Wir brauchen diesen Konsens, wir brauchen diese Offenheit, um uns vor dem zu schützen, was in den nächsten Jahren wieder stärker aufbrechen kann.

Ich bin der Meinung: Ein gewaltfreier und erfolgreicher Kampf gegen den Faschismus ist nur dann zu führen, wenn wir nicht Gegner produzieren oder benennen und uns an ihnen „abarbeiten“ sondern wenn wir Werte annehmen, die wir nicht zur Diskussion stellen, sondern reflektieren, wenn wir Beziehungen schaffen und Ziele nicht aus den Augen verlieren.

Wie das Thema Holocaust/Shoa im Unterricht aufgreifen? Tausende von Materialseiten gibt es dazu. KZ-Überlebende bieten ungemein gute Einstiege. Aber wie wäre es denn mal mit einem Einstieg mit Hannah Arendt? 

1964 war es, als ein Mann und eine Frau sich zusammen in einem Filmstudio zu einem Interview treffen. Ganze 70 Minuten ging das Gespräch, das ungeschnitten einige Tage später, abends, im ZDF ausgestrahlt wird. Knapp 50 Jahre später, beide Protagonisten sind schon längst tot, bekommt diese Aufzeichnung eine neue Aufmerksamkeit. Unkommentiert wird das Interview in YouTube eingestellt und wurde bis heute von über 1,6 Millionen Menschen angeschaut.

Die beiden Protagonisten? Das war als Interviewer Günter Gaus, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, und seit einiger Zeit im ZDF Moderator der Sendung „Zur Person“ und die Philosophin Hannah Arendt, die, kaum hat das Interview begonnen, sich nicht als Philosophin bezeichnete. 

Hannah Arendt war die erste Frau in dieser Sendung. 16 Männer waren vor ihr dran, darunter Politiker wie Ludwig Erhard, Willi Brandt, Franz-Josef Strauß, Künstler und Nutznießer der NS-Zeit wie Gustaf Gründgens, dessen letztes Interview das wohl war oder auch Martin Niemöller, evangelischer Pastor, Mitglied der bekennenden Kirche und Widerstandskämpfer gegen das III. Reich. Allen bietet Gaus, der wahrlich kein Selbstdarsteller ist, mit seinem Interviewstil eine Plattform, um sich vorzustellen. Er stellt ihnen Fragen, die zeigen, dass er sich mit seinen Gesprächspartnern auseinandergesetzt hat, aber die Fragen heben ihn nicht heraus, wie wir es bei heutigen Moderatoren gewohnt sind. Die Kamera fokussiert sich auf den Gesprächspartner, den Gaus nicht davonkommen lässt, wenn dieser/diese seinen Fragen ausweicht. Gaus hakt nach, aber es wird kein Verhör. Die Interviews waren ernsthaft, es ging um das Leben und das Denken des Gesprächspartners. Wir Zuhörenden können ahnen; der Interviewer hat wirklich Interesse an den Antworten des Gesprächspartners.    

Wir wissen nicht, wie lange die über 1,6 Mio. Menschen dieses Interview angeschaut haben, aber es lädt wirklich ein dazu. Es ist ein ruhiges Gespräch, das sich hier zwischen Arendt und ihrem Gesprächspartner aufbaut. Fachliches, politisches, geschichtliches und dort wo es wirklich persönlich wird, rutscht es nicht ab in die Banalität. Ungewohnt für alle, die heutige Interviewsituationen gewohnt sind. Die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Person wird nochmal herausgehoben durch die räumliche Gestaltung; zwei Personen, zwei Sessel, ein dunkler Hintergrund, ein Tisch mit Getränken und Aschenbecher.

Wer sich für das Leben und Denken in der jungen Bonner Republik interessiert, der kommt um dieses Sendeformat nicht herum, daher sind alle Beiträge, die es in Youtube zu finden gibt, zu empfehlen. Das Interview mit Arendt ist aber daraus heraus wirklich etwas Besonderes, dieser Beitrag zeigt, da sitzt eine Frau vor der Kamera, die anders ist. Da sitzt eine selbstständig denkende Frau, unabhängig, nicht rechts oder links, sie ist eine Intellektuelle, die ihr Wissen durchdacht hat und die sich als Geisteswissenschaftlerin verständlich ausdrücken kann, ohne zu banalisieren, ohne zu pauschalisieren oder zu vereinfachen.

Was sie sagt, das lässt sich begründen. Ob es ihre Distanz zur philosophischen Kaste war oder andere Punkte. Ihre Thesen, ihre Erkenntnisse sind aus Erfahrungen heraus verifiziert.

Als das Interview im Jahr 1964 aufgezeichnet wurde war Hannah Arendt gerade in Deutschland unterwegs um Werbung für ihr damals neuestes Buch „Eichmann in Jerusalem“ zu machen. Die sich um dieses Buch entbrannte Diskussion wird im Interview angesprochen. Sie hat in diesem Buch über den Prozess von Eichmann in Jerusalem geschrieben. Darin bezeichnete sie unter anderem die Taten Eichmanns als „Banalität des Bösen“ (Eichmann ist ein Hanswurst), was ihr viel Gegenwind, gerade auch von jüdischen Verbänden, Freunden und Bekannten einbrachte. Aber auch ihr ironischer Ton im Buch wird ihr angekreidet. Aber gerade ihr reflektierter Umgang mit diesem Thema, ihre Grundhaltung spiegelt sich darin, so sagt sie passend dazu im Interview „Ich würde wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tod lachen“. 

Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zeigt sich in diesem Interview nicht nur beim Gespräch über das Buch. Schon ganz zu Anfang des Interviews und auch an anderen Stellen, wird Arendt über ihre Erfahrungen in der NS-Zeit und über Ihre Auseinandersetzung damit erzählen. Sie, die 1933 nochunpolitische, war schon beim Reichstagsbrand „nicht mehr der Meinung, dass man jetzt (weiterhin) einfach zusehen kann“ und begann sich zu engagieren. Sie erzählt von ihrer Verhaftung und ihrer Befreiung aus der GESTAPO-Haft, weil sie einen Mann vertraute, „weil dieser Mann so ein offenes, anständiges Gesicht hatte“. Sie erzählt weiter von ihrer Flucht und von ihrem Ankommen in New York.

Dass die Nazis unsere Feinde sind, mein Gott, wir brauchten doch, bitteschön, nicht Hitlers Machtergreifung, um das zu wissen! (…) Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten“ – Mit dieser Aussage aus dem Interview hebt sie die Diskussion weg von der Mentalität „die anderen haben getan“ hin zu einer Frage nach der Grundhaltung der „Nichttäter“. Aber sie geht weiter und zeigt schon 1964, als die Bundesrepublik noch nicht einmal bereit war zur Diskussion, wie einmalig der Holocaust für die deutsche Geschichte war: „Alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden können muss. Dies nicht! Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen! Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.“    

Ihr Verhältnis zu Deutschland nach 1945, ihre Auseinandersetzung mit Deutschland selbst, das zeigt sich an weiteren Aussagen, das zeigt ihre Fähigkeit des Vergebens Freunden gegenüber. 

Der Film ist nun gut 56 Jahre alt. Und doch hat er in seiner fachlichen Tiefe nichts an Aktualität verloren. Arendt ist, nicht nur in diesem Interview aktueller denn je. 

Zum Nationalismus und passend zu unserer heutigen „Heimat-Diskussion“ wird sie hier zum Beispiel zitiert mit: „ich liebe nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig“. Dabei unterscheidet sie eine Zugehörigkeit einer Gruppe grundsätzlich und zu einer Gruppe zu gehören durch eine „Organisation“ (inter est, personale Bezug). Letzteres in das politische zu bringen ist apolitisch, aus ihrem Weltverständnis heraus „weltlos“.

Die Stellung des Menschen, der in der aktuellen Wirtschaft, einzig als Konsument und Arbeitskraft interessant ist, kritisiert sie, „weil sich darin eine Weltlosigkeit konturiert. Es liegt einem nichts mehr daran, wie die Welt aussieht“.

Eine große seelische Tiefe zeigt sie in Bezug zum Umgang mit den Mitmenschen, von der Gefahr sich auf andere Einzulassen (Wagnis der Öffentlichkeit, Jaspers): „Was daraus wird, wissen wir nie. Nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem grundsätzlichen Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht“   

Das Interview bietet sich in vielerlei Hinsicht an zum Weiterdenken und nochmal ansehen. Es ist für jeden Zuschauenden persönlich auf alle Fälle eine Chance zum Weiterdenken, zur Auseinandersetzung mit dem was Arendt sagt und wie sie es begründet. Es ist darüber hinaus ein Zeitzeugnis und ein Einblick in das Leben und Denken einer der größten deutschen Frauen des 20. Jahrhundert (und sicher besser/anders als der Film über sie) und es ist, mit ein bisschen Zusatzarbeit, ein guter Ausgangspunkt für eine Beschäftigung im schulischen Kontext (Sek. II) mit der NS-Zeit, mit den Verbrechen und den Lehren, die politisches, philosophisches und theologisches Denken sich daraus heraus erarbeitet hat.

Hier nochmal den Link: https://youtu.be/J9SyTEUi6Kw

Bild: Screenshot YouTube

Geld her …

Faszinierend! Da bekommt Adidas Geld, da schreien die Autobauer, die Fluggesellschaften, Hotel- und Gaststätten, Landwirte, soziale Berufe, Flughäfen, Krankenhäuser, jetzt auch Disco- und Nachtclubbesitzer und neben all den anderen die mir nicht einfallen dürfen wir natürlich die Sportclubs der 1. Bundesliege nicht vergessen, die auch gerade in Zahlungsschwierigkeiten geraten sind.

Land, Bund, EU und wer auch immer schaufelt aus allen Ecken und Enden Sonderprojekte heraus, wirft das Geld in Milliardenbeträgen raus und versorgt alle möglichen und unmöglichen wirtschaftlichen Bereiche mit Geld. UND WER ZAHLT DAS???

Unbesehen, es ist mehr als wichtig, dass die Wirtschaft gestützt wird, dass soziale Einrichtungen Geld bekommen, dass Kunstschaffende, dass der Mittelstand und viele mehr unterstützt werden. Trotzdem wird es Zeit, dass wir endlich mal fünf Minuten mit diesem Geldsegen stoppen und uns die Frage nach dem Ziel dieser Aktion stellen.

Die Frage macht sich bei mir gerade breit, wem dieser Geldregen nützt und wem nicht?

Wir reden ja seit Wochen überall von systemrelevanten Einrichtungen. Ein bisschen überspitz möchte ich bei diesem ganzen Geldsegen genau an die erinnern, die systemrelevant sind. Das sind zuallererst die Menschen selbst. Werden diese wirklich unterstützt, wenn wir Milliarden in Unternehmen stecken, die im Jahr 2019 noch Millionen von Gewinnen gemacht haben und genauso viel Geld an Rücklagen, Gewinnausschüttungen, Tantiemen und Boni gezahlt haben …Kann es sein, dass wir bei dieser Geldflut aktuell auch im großen Rahmen Industrie- und Wirtschaftsbereiche unterstützen, die schon seit Jahren kränkeln, die schon seit Jahren endlich aufgelöst, umgewandelt bzw. modernisiert gehören?

Die Corona Krise motiviert viele zu sagen: „Danach ist nichts mehr so wie davor„. Das denke ich auch. Dabei denke ich aber nicht, dass Corona der Grund des Wandels sei. Nein, Corona ist das Mittel, das sichtbar macht, was schon lange da ist. Corona ist der Beschleuniger dessen, was bisher nur schwelte.

Die wirtschaftlichen Folgen sind nicht abzusehen, sind katastrophal, sind … egal was sie sind, es sind keine Folgen, die nicht schon lange sichtbar waren. Die global agierenden Unternehmen wie Apple, Amazon. Microsoft und Co. wachsen gerade ins unermessliche. Klassische Industriezweige, dazu gehören gerade auch viele Betriebe in Deutschland, die die digitale Wende nicht angegangen sind, die sich auf ihre Lobbyarbeit und Sicherheiten ausruhten, rutschen über Nacht in Schwierigkeiten.

Dabei stelle ich mir die Frage, ob die ganzen Hilfspakete für die Wirtschaft sinnvoll sind. Ist es sinnvoll in eh sterbende Bereiche Geld zu pumpen, das gar nicht vorhanden ist?

Ich würde hier ganz schnell mit einem „nein“ antworten, wenn da nicht die einzelnen Menschen sind, die nach dieser Krise keine Jobs mehr haben. Und trotzdem, genau mit diesem Argument der Massenarbeitslosigkeit werden die Regierungen schlussendlich erpresst. Müssen wir nicht endlich damit leben, dass Auto-Konzerne teilweise verschwinden? Dass Bereiche die nur noch mit Subventionen erhalten werden endlich vom Tropf genommen werden müssen? Statt Milliarden von Euros in Unternehmen zu stecken, die zu einer aussterbenden Industriewelt gehören, müsste es andere Konzepte geben. Für die (kleinen) Unternehmen, die grundsätzliches bieten, die auch in Zukunft noch systemrelevant sind – und in die einzelnen Menschen.

Aber gibt es diese Konzepte? Gibt es Menschen, die so mutig sind, diese zu denken?

Wie kann Wirtschaftsförderung nach Corona aussehen? Gibt es Antworten auf die Massenarbeitslosigkeit, die eventuell weniger kosten, als das Gießkannen-Prinzip der aktuellen Förderung, die ja dann beim systemrelevanten Mittelstand gar nicht so ankommen?

Die Corona Krise müsste uns zum aufwachen motivieren. Nicht zurück zum Alltag dürfte die Devise sein sondern? Ja was?

Heute Abend war ich bei einem Vortrag von Dr. Michael Blume, Hier in Freiburg. Blume ist Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung Ba-Wü und allein schon weil es dieses Amt gibt ein Beleg dafür, dass es zwingend notwendig ist, dass wir über das Thema reden.
Heute bleiben mir zwei Erkenntnisse: Antisemitismus ist nicht von Gestern, nichts was wir vergessen können, es ist ein heutiges Phänomen. Und zweitens hat der Vortrag daran erinnert, dass Antisemitismus zwar mit einer Bewegung gegen die Juden beginnt, aber nicht mit ihnen aufhört.

Zwei Mal im Jahr passiert es in Freiburg! Die Sirenen erklingen über Freiburg, wenige Minuten nur aber einschneidend laut, durch Mark und Bein gehend. Die Menschen in der Stadt sind meist verwirrt, halten die Ohren zu, schauen verwundert, fragend: was ist das? 

Sirenen, ein fremder unbekannter Ton. Heute führen sie dazu, dass die Menschen stocken und stehen bleiben. Zwei Generationen, teilweise drei Generationen früher wäre diese Reaktion tödlich gewesen. Unsere Großeltern und Urgroßeltern blieben nicht stehen, sie rannten los in den nächsten Schutzbunker – stehen bleiben war damals tödlich. 

Manch einer aus jener Zeit hört die Sirene heute auch. Was für Gefühle klingen da noch nach? Und was fühlen unsere Gäste aus Kriegsländern, die hier Schutz und Heimat suchen? 

Sirenen, das sind in manchen Ländern, bei uns lange her, Ängste, die Wahrnehmung, dass in der nächsten Minute die Welt, das eigene Leben sich vollständig verändert. 

Ich hab dies alles nicht erlebt, aber Sirenen rufen Beklemmung in mir auf und ich danke Gott, dass ich die Gefahr, die uns Sirenen künden sollten, nie erlebt habe. Und ich bitte Gott, dass ich, dass die Menschen Europas, nie wieder erfahren mögen, was Sirenen künden können. 

Immer öfters tauchen in meinen News-Feed (ob bei Facebook oder bei Twitter) Beiträge der AFD und all der anderen rechtsgerichteten Bewegungen auf. Das sind gesponserte Beiträge aber auch – und das macht mich echt manchmal fertig – geteilte Beiträge von Menschen aus meiner Freundesliste. Das regt mich auf und es kann nicht sein, dass das so weiter geht!!!

Da geht es um die Wahl der AFD in Sachsen und Co. da geht es um latent rassistische Aussagen, da geht es um Hetze gegen andere Menschen, da geht es schlussendlich im Halbwahrheiten und Lügen. Da geht es darum unsere Demokratie, unsere Gesellschaft und die notwendigen seriösen Informationskanäle – die Medien – schlecht zu machen. Mit Andeutungen, mit ironischen Gegenfragen, mit Behauptungen und eben mit Lügen werden unsere gesellschaftlichen und politischen Systeme untergraben.

Jeder, der das dumme Geschwätz dazu glaubt, jeder der schweigt und wegschaut, jeder der nur eine der Aussagen aufgreift und in einer Diskussion und in seinem Denken als möglich richtig aufgreift unterstütz diese Zerstörung der Gesellschaft.

Kritik an politischen Personen, an Funktionsträger, an einzelne Journalisten sind absolut in Ordnung. Kritik am System auch, solange sie seriös und reflektiert erfolgt. Die Negierung des Systems, die systematische Diffamierung der demokratischen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen und der einzelnen Funktionsträgern dürfen wir aber nicht hinnehmen.

Der Vergleich zu den 1920iger mag ich nicht, aber trotzdem ist es entscheidend wichtig, dass wir uns die Frage stellen was damals geschah und was falsch lief. Es sind nicht die gleichen Rassisten und Weltzerstörer die an die Macht wollen, aber es sind die gleichen Strukturen, die sich festigen. Auf der einen Seite die Stillen, jene die schweigen, die aufhören Verantwortung zu übernehmen und jene die nur wegsehen und auf der anderen Seite die Brandstifter: Damals NSDAPler, Macht – und Geldgeile und die ganze Brut darum herum, heute ist es AFD, Pegida, Mitglieder der identitäre Bewegung, Sympathisanten und schlussendlich wieder die Macht- und Geldgeilen, die sich nicht um das viel beschworene deutsche Volk oder das Abendland sorgen sondern allein ihre eigene Macht festigen wollen, ihrer eigene persönliche Gier nach materieller oder/und immaterieller Bereicherung frönen wollen.

Gegen die Zerstörer unserer Zukunft helfen nur bedingt solche Texte (wie meiner), es helfen nur bedingt Demonstrationen und Lichterketten. Die einzige Antwort, die gegen diese Brandstifter hilft, sind die Brände im Keim zu ersticken; im Alltag, überall dort wo wir ihnen in ihren ersten kleinen Ansätzen begegnen. Es gilt aufzustehen, contra zu geben. Verbal, aber in entscheidendem Maße aktiv handeln, im Alltag, in der Gemeinschaft vor Ort, in der Politik, in den Kirchen, Vereinen und Gruppen.

Gegen Hassredner und all die anderen helfen erst dann Bundesmittel und Bildungsprogramme wenn zuvor die utopische Antwort der Liebe – andere nennen es Menschlichkeit – gesprochen wird.

AFD kann die politische Agenda nicht mehr mit dem Thema „Ausländer“ und „Flüchtlinge“ verschmutzen, wenn wir endlich dieses Thema so behandeln wie es notwendig ist, nämlich humanitär sowohl vor Ort – zwischenmenschlich – wie in der Politik. Zeigen wir den Panikmachenden doch von wem die Gefahr ausgeht. Nicht von den Ausländern sondern von einzelnen Menschen, die andere Menschen schädigen wollen: Deppen, Hassprediger und Mörder gibt es in jeder Gesellschaft – es ist die Aufgabe der Gesellschaft Systeme zu schaffen, dass diese Gruppen immer weniger auftauchen und wenn es diese gibt, dass sie sanktioniert werden.

AFD und andere Polemiker können uns nicht mehr einreden, dass es Deutschland schlecht geht, dass Deutschland in Gefahr ist, wenn wir nicht endlich erkennen, dass wir in Deutschland viele gute Systeme, Strukturen und Grundlagen haben, dass die aber nur greifen, wenn der Einzelne und die verschiedenen Gruppen subsidiär innerhalb dieser Strukturen Verantwortung übernehmen, selbst daran gehen ihr und das Leben der Mitmenschen zu verbessern.

Nationalsozialismus, Rassismus, Ausgrenzung und Beleidigung in den verschiedenen Formen gibt es nur dann, wenn wir es durch nichtstun zulassen. Dagegen brauchen wir keine Verbote sondern zuerst die Nutzung des eigenen Verstandes und die Übernahme von Verantwortung jedes Bürgers und Bürgerin. Nicht der Staat muss das ändern. Wir! Wir haben die Verantwortung, dass diese Geisteshaltungen gar nicht in die Köpfe eindringen. Wir – jeder von uns – haben/hat Sorge dafür zu tragen, dass wir kein Land der Stammtischparolen sind. Wenn der Nachbar über Ausländer schimpft, wenn in der Straßenbahn Behinderte, Alte oder Ausländer beleidigt oder lächerlich gemacht werden, dann hat jeder von uns Verantwortung zu übernehmen. Wenn AFD und ihre Helfer Lügen verbreiten, dann haben wir aufzustehen und diese in Frage zu stellen. Immer und immer wieder.

Die Afd und ihre Brut hat keine Zukunft in Deutschland, wenn jeder von uns Verantwortung übernimmt. Die Zukunft Deutschlands, unser Frieden und unser Wohlstand und die Möglichkeit das alles in Zukunft auch noch zu verbessern, liegt in der Verantwortung nicht zuerst irgend einer Politikergruppe, sondern in der Hand der Wähler. Jenen Menschen, die mit dem Einschalten ihres Verstandes ihre Verantwortung ernst nehmen für dieses Land, für Europa – für ihr Leben und das der Mitmenschen in diesem Land.

AFD kann nicht gewinnen, wenn Menschen mit Verstand wählen.

Es ist traurig, ich bin traurig, bei solch einer Nachricht, wie jener, dass Italien, das Land des Humanismus per se, Menschen verhaftet, weil sie nicht wegschauen, weil sie die Verantwortung übernehmen, die wir Europäer so lange von uns wegschieben.

Es ist die Verantwortung unseres Lebens, die sich aus einer Grundsituation in unserer Welt und Gesellschaft ergibt, die wir – ich als einzelne Person – eventuell nicht zu verantworten habe, für die ich aber mitverantwortlich bin, denn durch passives Verhalten, durch meinen Lebensstil, durch ein Verhalten meiner Freunde, meiner Familie, meiner Gemeinschaft (Staat, Gesellschaft) hat sich in der Welt etwas zum Schlechten gewandelt, leiden andere weil irgendwer gedankenlos oder gar bösartig was getan hat, das Folgen hat.

Die Lebenssituation Afrikas ist so ein Fall. Wir haben und wir tun es noch immer, diesen Kontinent ausgebeutet. Unser Lebensstil hat Folgen für Afrika und nun sind die Folgen so radikal, dass die Menschen fliehen, seit Jahren und Jahrzehnten, aber erst seit 2015 bekommen wir das mil. Kommt der Bumerang zu uns – wenn auch sehr klein und eher noch aktuell aufgebauscht – zurück.

Im 33. Gesang des Infernos (Dante; La Divina Commedia), erfahren wir vom Graf Ugolino, der miterleben musste, wie seine Kinder im Gefängnis, an seiner Seite verhungern. Im Inferno betreibt er nun Kannibalismus um dieses ungemeine Leid, das er erleben musste zu rächen. Dabei findet sich ein Satz, im Rahmen der Erzählung über den Tod seiner Kinder, der ungemein passt: „E se non piangi, di che pianger suoli?“ (33/42: „Und wenn du hier nicht weinst, wann willst du weinen?“)

Also, wann wollen wir weinen? Oder sind wir schon so tot, so egoistisch und stupide, dass wir nur wegschauen, dass wir viel lieber – analog, wie der Erzbischof Ruggieri in der Geschichte – die Menschen weiter wegschließen und dafür sorgen, dass sie verhungern?

Und wie Pisa im Inferno angeklagt, so gilt es uns, und in dem heutigen Falle Salvini und die Rechten Italiens und Europas anzuklagen, die verweigern die Menschlichkeit. Aber auch uns, als die „Nachbarn“, die darüber hinwegsehen, wie ein erlässlicher kleiner unbedeutender Fehler:

„Ahi Pisa, vituperio de le genti

del bel paese là dove ‚l sì suona,

poi che i vicini a te punir son lenti“

(Inferno; 33,79-81)

Klar, ich bin da ein bisschen hinterher, aber ich erobere mir gerade die Welt der Podcast. Da gibt es wunderbare Sachen und ein perfekter Input so zwischendurch, quer von Politik, Geschichte, Gesellschaft, Medien und Digitales bis hin zu Lifestyle. „Gemischtes Hack“ finde ich ungemein Unterhaltsam. Aber auch „die blaue Stunde„.

In der letzten blauen Stunde ging es um „Argwohn & Wohlwollen“. Spannendes, mich ansprechendes Thema. Wie laufen wir denn durch diese Welt? Voller Wohlwollen den Anderen gegenüber oder eher voller Argwohn? (Als ich den Titel hörte hab ich mich zuerst gefragt ob das nicht ein absolut veraltetes Wort ist „Argwohn“. Sagt man das heute noch)

Ein Diskussionspunkt war unter anderem: Gibt es Berufe und Berufsgruppen bzw. die Menschen zu diesen Berufsgruppen, die grundsätzlich voller Argwohn sind? Steuerprüfer? Bahnschaffner? Beides sind doch Berufsgruppen die durch die Gegend laufen und per se voraussetzen, dass der Gegenüber sie verarschen will, oder? Immer müssen die Anderen beweisen, dass das was geschehen ist nicht mit Hinterlist getan wurde. Dabei fiel ein Satz: „Gib den Dummen Macht und sie missbrauchen sie„. Harter Satz und grundsätzlich negativ, aber nachdem er ausgesprochen wurde braucht es die Frage: Stimmt das?

Ich finde das Wort „Dummen“ hart. Aber ich denke, dass sehr viel Machtmissbrauch nicht aus Hass oder so entsteht, sondern aufgrund fehlender Kompetenz. Und wir haben in unserer Gesellschaft an viel zu vielen Stellen, die nicht die Kompetenz haben diese Auszufüllen. Die meisten davon wissen das selbst, wollen aber die Stellen (meist Führungs- und Prestigestellen) nicht verlieren. Also was machen diese? Dafür kämpfen, dass man den Posten behält und somit sich per se verteidigen und jeden „zerstören“ der einem gefährlich werden könnte.

Dabei ist dieser ganze Prozess dazu ungut. Für jene die unter dem Missbrauch leiden, für jene die aus diesen Aspekten heraus handeln, wie sie handeln, denn sie sind unzufrieden, leben ein Leben im dauerhaften Argwohn, müssen stehts 150% wach sein und Tag für Tag dafür sorgen, dass ein Schein bestehen bleibt. Darüber hinaus leben sie in einer dauerhaften negativen Haltung, die schlussendlich auch sie selbst negiert. Wer so handelt, der kann sich selbst nicht ehrlich lieben, denn sonst würde er sich selbst nicht so fertig machen. Das ist nicht gut.

In einer psychologischen Richtung wird da von einem Dramadreieck gesprochen. Das gilt es zu durchbrechen. Da muss man vom Argwohn zum Wohlwollen gelangen! Einmal selbst für sich, aber auch als Gesellschaft, Einrichtung, Unternehmen indem Menschen besser ausgebildet werden und wir immer mehr sagen was wirklich ist.

Also ich finde das zwei super spannende Haltungen, die es gilt durchzudeklinieren. Grundsätzlich! Und als Christ sowieso. Das wäre dann wieder pure Alltagstauglichkeit der Botschaft Christi: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mt 12,30-31)

(ganz wichtig: Ich habe bei diesem Thema keinen einzelnen Menschen explizit angesprochen oder gemeint außer mich selbst)

„Ich kann nur über das lachen, was mir wichtig ist“ und gerade dieser Ansatz enteckt man bei echten Narren. Narr sein, gerade auch in einer Tradition der Hofnarren zu stehen, wie es das Narrengericht zu Stockach tut, bedeutet laut den Mächtigen den Spiegel vorzuhalten. Und die Mächtigen der heutigen Zeit sind die Lobbyisten, die Medien und die Interessensgruppen. Ein Narr ist hier fragend, ist hier einer, der ohne auf die Position zu achten das sagt, was ihm komisch vor kommt und dort den Finger hinein hält wo es schmerzt. Und das hat Die CDU-Chefin in Stockach getan. Sie hat eine großartige Verteidigung gehalten und hat gezeigt, wer im Saal Narr ist und wer nicht. Dabei hat sie Themen angesprochen die inzwischen zu „heiligen Kühen“ erhoben wurden. Oder genauer: sie hat nicht einzelne Themen angesprochen, sondern ihre Auswüchse. Sie hat nicht eine Gruppen von Menschen beleidigt und diskriminiert, sondern sie hat Auswüchse und Systeme in Frage gestellt.

AKK hat mit ihrer Aussage, die ich voll und ganz unterstützen kann, ein System belächelt, einen Zustand in Frage gestellt, der eben sehr fraglich ist. Und nun schreien nicht die einzelnen Menschen auf, sondern Vertreter von Lobbyverbänden, selbst ernannte Experten und – entschuldigt aber deren Meinung bin ich zwischenzeitlich – Menschen, die allein jene Veränderungen im Blick haben, die zum Machterhalt von Einzelnen, Gruppen, Parteien oder Lobbyisten da sind und die aktiv die Grundlage unserer Demokratie zerstören (wollen). Dieser aktuelle Medienrummel, den ich, wie in vielen anderen Fällen, als eine moderne Ausprägung von Menschenjagd ansehe, nützt keinem Menschen, der seine geschlechtlichen Zuordnung nach den klassischen zwei Formen nicht benennen kann. Diese Hetzjagd hilft allein einer fragwürdigen Polemik, dem Populismus und Interessengruppen die fern sind all jener die eigentlich einmal vertreten werden sollten.

Wenn ich mich recht entsinne dann hat der Deutschlandfunk die aktuelle Narrenrede der AKK mit ihrer Haltung zur „Ehe für alle“ in Verbindung gebracht. Beide Themenbereiche, die Intersexualität und die Frage nach einer gesetzlichen Absicherung von gleichgeschlechtlichen Paaren hat verschiedene Ebenen. Einmal und das ist das entscheidende gilt es, all jene Menschen die diese Themenbereiche betreffen zu achten und ihnen in Würde zu begegnen. Es gilt dafür Sorge zu tragen, dass dort wo sie benachteiligt werden, dass dort wo sie in ihren Menschenrechten eingeschränkt werden, sie Hilfe und Beistand erhalten, damit sie als Menschen so leben können, wie sie es im Kontext des positiven staatlichen Rechtes und der Menschenrechte, tun sollen dürfen – nicht mehr und nicht weniger, denn dies gilt für alle Menschen hier in diesem unseren Land.

Diese Grundlage, also die Gleichberechtigung kann und darf niemand negieren. Es braucht aber gerade in einer Gesamtgesellschaftlichen Diskussion auch eine andere Ebene der Diskussion, und hier gilt es zu beachten, dass Gleichberechtigung fern von einer Gleichmacherei ist. Wer Besonderheiten wirklich achten will, der darf sie nicht einebnen, sondern Formen finden in denen alle Besonderheiten gewürdigt und geachtet werden können. Alles andere – und damit die meisten Lobbyisten, die meisten Populismen und die anderen „-issmen“  widersprechen dem demokratischen Ansatz und der Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft. Jede Gesellschaft, die den Schutz der eigenen Meinung verwechselt mit Absolutheitstendenzen, geht zu Grunde, zerstört sich selber. Gerade dies aber geschieht in unserer Gesellschaft immer mehr. Populisten und Lobbyisten arbeiten darauf hin, dass Minderheitenmeinungen mehr Beachtung erhalten als die Frage nach gesamtgesellschaftlichen Ansätzen und Konsens. Wir müssen endlich wieder unsere Gesellschaft über gemeinsame Grundlagen definieren und nicht über Einzelfälle und Kleinstgruppen. Gesetze und gesellschaftliche Ordnungen brauchen einen breiten Konsens der so weit ist, dass Einzelsituationen aufgenommen werden können – gerade das konnte gerade unser BRD-Rechtssystem sehr gut, dort wo es auch die weltoffenen und menschenbejahenden Staatsvertreter und Juristen gab.

AKK hat mit ihrer Narrenrede gerade diese Meinungsmacher angegriffen und hat gerade auch eine aktuelle Strömung angefragt, in der man überzogene Handlungen nicht mehr in Frage stellen kann – und genau diese, die überzogene Handlungen (- die zu „issmen“ mutieren und radikalisiert werden) und ihre Vertreter schießen nun gegen sie. Doch wenn wir diesen Stimmen weiterhin die Möglichkeit schenken, so den Diskussionsraum zu besetzten, dann wird es uns als Gesellschaft nicht gut gehen. Wir brauchen ein Umdenken, wir brauchen einen neuen Pragmatismus und endlich den Respekt verschiedener fundierter und menschenachtender Meinungen und Haltungen.