Björn Siller

Gestern besuchte ich Freunde, die in einer Gemeinde mit einem sehr neuen Kirchenbau leben. Dabei kam die Frage: Magst du moderne Kirchen? Das kann ich bejahen. Im Gegensatz zu anderen habe ich keine grundsätzliche negative Haltung gegen modernen Kirchenbau. Es gibt moderne Kirchen, die ich barocken Bauten klar vorziehe. Aber was mir bei der Betrachtung des Baus als Frage kam war: Was war die Ausrichtung für diesen (einem sehr pragmatischen, schnörkellosen und zweckbezogenen) Bau. Nicht, dass ich pragmatische Entscheidungen unwichtig finde, Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob sie bei einem Kirchenbau so zentral sind. Ja, ob wir mit dem Handeln aus Pragmatismus und Nützlichkeit, gerade beim Bau von Kirchen „uns“ und Gott etwas Gutes tun bzw. getan haben.

Bei der Rückfahrt kam mir nochmal die Situation in den Sinn und damit auch die Frage: Nach was richten wir unser Tun, Denken und Handeln. Und wie das Denken so springt kam ich auf die Frage nach der Orientierung. Nach was richten wir uns, was ist die Orientierung? Dabei passt das gut zu dem Thema des Kirchenbaus, denn Orientierung kommt vom lateinischen Wort oriens. Und ad orientem wurden die Kirchen lange Zeit genauso ausgerichtet, wie auch die Landkarten, die erst mit der Einführung des Kompass so nach und nach eingenordet wurden.  

Und, welch Wunder, passt das absolut zu meiner Dauerlebensfrage. Was ist meine Orientierung? Was sind mein Grund, was ist meine Ausrichtung auf die ich all mein Tun, mein Denken und auch mein Agieren ausrichte?

Das passt als Frage auch zur aktuellen Lage. Wenn ich die AFD seit Jahren kritisiere, sie hinterfrage und als rassistische Partei bezeichne, dann nicht, weil die Verteterinnen und Vertreter so nette und gleichklingende Worte verwenden wie manche CDU’ler sondern weil sich in ihrem Reden und Tun, aber auch in ihrem Parteiprogramm etc. zeigt, dass die Ausrichtung eine andere ist als jene, die den Menschenrechten grundgelegt ist und erst recht jene, die Grundlage des Christentums ist. 

Wenn ich Querdenker und Co. negativ beurteile, dann deshalb, weil ihre vermeintlichen logischen Worte und Reden (und Meinungen) entweder keine seriöse Grundlage haben oder einfach eine Ausrichtung verraten, die menschenverachtend ist, die antidemokratisch und populistisch ist. Und weil sie geprägt sind von „ismen“, die nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellen, sondern einzelne „bessere“ Gruppen (deshalb ist hier auch eine so große Nähe zur AFD oder anderen Nazisammelbecken).

Diese Frage passt aber auch deshalb zur aktuellen Lage, weil die aktuelle Pandemie, ob wir es wollen oder nicht, nicht der große „Veränderer“ ist, sondern der große „Enthüller“. Die Pandemie zeigt uns, dass da etwas „faul ist im Staate Dänemark“. Und deshalb ist es jetzt an uns, diese Situation zu nutzen und grundsätzliche Fragen zu stellen. Die Frage nach der Ausrichtung, nach der Orientierung. 

Auf was richten wir unser Denken aus? Auf was richten wir, bzw. wollen wir als Bürgerinnen und Bürger unser staatliches Handeln ausgerichtet wissen? Auf was richtet sich die Wirtschaft aus? All diese Fragen stellen sich und es zeigt sich, dass ein „weiter so“ oder eine Rückkehr auf den IST-Zustand vor Februar 2020 nicht mehr möglich ist (auch wenn das manche so behaupten und hoffen). Die aktuelle Ausprägung unseres Wirtschaftssystems, die aktuelle Ausprägung unseres Miteinanders ist gescheitert. Das ist nicht erst seit COVID-19 so, das wissen wir nicht erst seit COVID-19. Die Frage ist jetzt, ob wir uns neu orientieren. Was ist unser ad orientem, damit wir in Zukunft auch ein soziales und demokratisches Gemeinwohl haben werden? 

Dietrich Bonhoeffer schrieb seine Verlobten einst in einem Brief folgende Worte:

„Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. … Ihr alle, … Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“ (Brautbriefe Zelle 92: Dietrich Bonhoeffer, Maria von Wedemeyer 1943–1945. S. 208.)

Nun ist das, was Bonhoeffer damals erlebte, mit nichts zu vergleichen, was wir erleben. Und doch kann ich, angesichts der Erlebnisse und Erfahrungen im letzten Jahr, mich mit diesen Worten identifizieren, denn auch ich darf dankbar sein. Nach zwei Jahren in denen sich alles verändert, was ich mir vorgestellt hatte, kenne ich keine Minuten in der ich mich alleine fühlte, in der ich mich hoffnungslos fühlte. Das habe ich Gott zu verdanken, das habe ich all jenen Menschen zu verdanken, die in ganz besonderer Weise ihr Leben mit mir teilten.

In diesem Sinne freue ich mich auf das Jahr 2021, denn ich weiß, ich werde mich auch im nächsten Jahr geborgen fühlen, auf den Schwingen meines Gottes und in den Herzen und Armen meiner Freunde.

Nicht nur aktuell wird in verschiedenen Kreisen immer wieder von einer Impfpflicht gesprochen. Dabei wird damit oft genug irgendwelche Verschwörungstheorien verbunden. Impflicht wäre, so manche, ein Einschnitt in die Freiheit des Einzelnen. Ist das aber so?

Für mich war bisher es ganz normal, dass alle Kinder in den ersten Jahren gegen gewisse Krankheiten geimpft werden. Damit wurden in Deutschland einige Krankheiten nahezu ausgerottet. Ich möchte nicht die Frage stellen welche Eltern diese Impfungen nicht durchführen.

Es gibt auch auf anderer Ebene eine Impfpflicht. Diese kennen Reisende in andere Länder, wenn nur mit dem Nachweis spezieller Impfungen eine Einreise erlaubt bzw. ein Visum ausgestellt wird. Ist das dann auch eine Einschränkung der Freiheitsrechte?

Alle Verschwörungstheorien lehne ich ab. Es gibt meiner Ansicht nach hier keine Grundlage zur Diskussion und es gibt hier auch keine Ebene einer Toleranz gegenüber einer anderer Meinung, denn das was hier behauptet wird sind nicht Meinungen, sondern Verwirrungen. Daher gibt es für mich zu diesem Thema nur eine echte und seriöse Diskussion über die Frage der Freiheit und einer Eingrenzung dieser durch Impfung. Aber wirkliche, also verständliche Aussagen dazu habe ich noch nicht in der Diskussion entdeckt. Gibt es diese überhaupt?

Auch stellt sich mir die Frage, warum verschiedene Gruppen und Personen sich aktuell so vehement dagegenstellen, dass es in der Wirtschaft Unternehmen geben könnte, die nicht Geimpfte aus ihren Geschäften ausschließen. Ich denke das ist deren gutes Recht. Statt dies rundweg abzulehnen, sollte die Diskussion geführt werden, was die Folge ist, wenn man sich nicht impft. Und es sollte nochmal klargestellt werden, dass der Mundschutz dazu ist den oder die andere zu schützen, die Impfung zielt jedoch auf den oder die Geimpfte(n) ab und schafft eventuell eine gewisse Normalität im Gesundheitswesen.