Björn Siller

Reisebericht aus dem Orient

Nicht sein erster Reisebericht ist der „Orient-Express“ von John Dos Passos aber wohl einer der spannendsten und für uns Nachkommenden am eindrücklichsten.

Dos Passos beschreibt, dokumentiert hier seine Reise (eigentlich zwei) durch den Nahen Osten. Er startet in Istanbul, reist über das Schwarze Meer in den Kaukasus um von dort u. a. per Zug und später mit einer Karawane von Teharan über Bagdad nach Damaskus zu gelangen.

Diese Reise unternahm er in einer „Zwischenzeit“ die in besonderem Sinn eine Zeit der Zerrissenheit und des Werdens der Region war. Während die Hauptgegner des I. Weltkrieges schon wieder sich in einen Alltag einrichteten, erlebte diese Region, durch die berechnenden Handlungen der Franzosen, Engländern und Amerikaner und angetrieben durch die Folgen der bolschewistischen Revolution und der Auflösung des osmanischen Reiches, eine Veränderung die es in dieser Form davor nie gab, die aber Grundlage ist all dessen was es an Probleme, Strukturen etc. heute noch in dieser Region gibt.

Die Länder und deren Menschen lebten in einer Armut und Zerstörung, die absolut scheint, sie lebten aber eben auch in einer Aufbruchstimmung. Die Länder des Kaukasus träumten von Freiheit und Selbstbestimmung wie Kemal Atatürk und seine Jungtürken. Es gab aber starke Tendenzen der Diktatur und Restauration, mag beides noch so positiv erschienen sein.

Dos Passos präsentiert hier ein avantgardistisches Literaturwerk und ein zeitkritischer Reisebericht. Er zeichnet ein einzigartiges Zeugnis der Umwälzungen aller Strukturen, ja des gesamten Lebens der Menschen der Regionen die er bereiste, er beschreibt eine Momentaufnahme der Prozesse der Neuaufteilung des Nahen Osten. Er lässt ganz nebensächlich erahnen was mit dem Wandel alles sich änderte, er registriert die oft grauenhaften Zustände, er beschreibt, er schwärmt, er malt, er ordnet ein aber er wertet nicht.

Damit beschreibt er eine Region in aller Buntheit und Zerrissenheit, die es heute bestenfalls nur noch in Inseln, als Schatten gibt. Aber mit seinem Stil des Schreibens zwingt Dos Passos eben sich bewusst für die Bewegung zu entscheiden, zur Reflexion ins zur Veränderung. Hier entsteht kein „früher war es besser“.

Der Orient-Express ist ein lesenswertes Buch. Es ist aber ein Buch, dessen Charme und Tiefe sich nur dann in Gänze eröffnet wenn der Lesende bereit ist einzutauchen in dir Geschichte und selbst einordnet, reflektiert und nicht wertet.

Es ist vorbei. Die Wahl zum 46. Präsident der Vereinigten Staaten ist soweit abgeschlossen. Jetzt überschlagen sich die Meldungen um eine Hoffnung auf die Zukunft. Auf eine Zukunft die, so viele Menschen, besser werden würde.

Die Amtszeit von Donald Trump geht dem Ende zu. Sie ist aber noch nicht vorbei. Er wird bis zum letzten Moment seiner Amtszeit alles tun um seine Agenda durchzudrücken, die darin besteht, das zu erhalten was er sich vorstellt und eine Weltvorstellung zu retten, die klar eingrenzt und andere ausgrenzt. Und auch nach dem 20. Januar wird diese Trump-Zeit nicht vorbei sein.

Die Zeit wird nicht vorbei sein, weil sie nicht vorbei gehen kann, nur weil ein Mann ein Amt nicht mehr innehat, denn ich denke, Donald Trump ist nicht Auslöser all dessen was wir in den letzten Jahren mit ihm und um ihn herum erlebt haben, sondern Symptom und Verstärker. Trump und der Trumpismus wird nicht am 20. Januar verschwinden, weil das, was sich dahinter verbirgt eben nicht zu beheben ist, indem Personal ausgetauscht wird. Es geht, so denke ich um grundsätzliche Fragen. Um die Fragen, wie wir unser Leben gestalten wollen und wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen, wie wir unsere Wirtschaft strukturieren.

Das was Trump in all den Jahren gesagt hat, all das, was seine AnhängerInnen seitdem laut aussprechen, fordern und wie sie sich die Zukunft der Welt vorstellen sind keine neuen Dinge. Es sind ja gerade alte Gedanken, Strategien und Vorstellungen, die nicht, weil sie alt sind schlecht sind sondern weil sie konserviert sind, unbeweglich und zukunftslos.

Trump, das ist eine Welt des ausschließenden und wertenden Denkens, eine Welt in der krampfhaft versucht wird, alles in Kategorien, alles in festen Strukturen, in schwarz und weiß einzuteilen. Damit soll eine kleine Gruppe absolut gestellt werden. Nicht aufgrund Kompetenz, sondern aufgrund von Tradition und von Werten, die eben ausgrenzen. Trump und seine Anhänger träumen von einer Welt, in der alles so bleibt, wie es bisher war, von einer Welt in der es früher besser war und es so wieder werden soll.

Diese festzementierte Welt sind eventuell Schutzmechanismen. Wer sich seine Welt baut, der kann mit seiner Angst umgehen, genauer mit dem was ihnen Angst bereitet. Diese Angst entsteht, wenn die Welt fremd wird, wenn verschiedene Mechanismen, Erkenntnisse, Erfahrungen, geistige Entwicklungen nicht mehr erfolgten und dadurch all das fremd wird.

Dazu gehört auch die Behauptung, dass es einen Gegensatz zwischen Tradition und Modern geben würde. Ist aber doch echte Tradition nur in einer gelebten Gegenwart zu erfahren und daher nicht etwas von Gestern, das eben per se Zukunft ist.

Diese Gegensätze, diese Ängste, diese Konzepte gilt es aufzubrechen. Wenn Trump überwunden werden soll, dann müssen die Amerikaner ihre Systeme aus der Konservierung herausbrechen und ihre demokratischen Konzepte neu hinterfragen und gemeinsam lebendig halten. Wenn Trump überwunden werden soll, was sicher nicht einfach werden wird und schnell geschehen kann, dann muss Politik, aber nachmehr die gesellschaftlichen Institutionen und Akteure (gerade auch die Kirchen) den Menschen zeigen, dass sie vor den Dingen und Veränderungen, vor denen sie Angst haben, eben keine Angst haben müssen. Wenn Trump überwunden werden soll, dann müssen die Amerikaner neue Prozesse verstehen lernen, sie nur wenn sie diese verstehen, können sie sie beeinflussen, weiterentwickeln und für ihr eigenes Leben nutzen.

Ich denke aber, dass all dies auch bei uns gilt. Die AFD, Populisten, diese sogenannten Querdenker und viele mehr haben genau aus den gleichen Gründen Erfolg wie Trump. Sie spielen mit der Angst der Menschen, sie versprechen und zeigen ihnen klar strukturierte Welten, die es aber gar nicht gibt. Das gibt es dann aber auch in den radikalen Richtungen in den Religionen.

Es ist altbekannt, dass schon Hegel sagt, dass der Mensch aus der Geschichte nicht lernt. Es wäre aber wieder mal die Möglichkeit, dass wir aus den vier Jahren Trump lernen. Es ist jetzt die Chance, das, was da geschehen ist, das was sich da zeigt zu reflektieren und dafür zu sorgen, dass Prozesse, die auch in Deutschland auf solche Politiker hinführen, neu justiert werden. Die Pandemie zeigt uns doch schon eine ganze Menge an Schwächen, es wäre also die richtige Zeit zu einer Veränderung.

Seit Tagen laufe ich an einem Zeitschriftenständer vorbei, die Karten (siehe Bild) sind da schon lange drin aber heute fällt mein Blick darauf und ich war plötzlich wortwörtlich“getroffen“.

Der Blick auf die Karten und ein Feuerwerk an Namen explodierte in meinem Kopf. So viele fielen mir ein, an die ich wirklich immer wieder denken kann und die für Erlebnisse, Erfahrungen, Freundschaft und geschenkte Sonnenstunden stehen. Die mir in Momenten der Traurigkeit, der Stille und der tief erlebten Freude zur Seite stehen.

Welch ein Geschenk das Leben doch ist, das Leben das geprägt ist von Begegnungen, von Beziehungen, von gemeinsam erlebten Stunden der Freude, der Trauer, des Lachens und Nachdenkens. #dnkgtt