Björn Siller

Es ist eine Zahl, es sind jeden Tag Zahlen, die mich verwirren, die mich überfordern. Zahlen die für Menschen stehen, die an oder mit dem Virus gestorben sind. Hinter diesen Zahlen verstecken sich aber auch viel größere Zahlen. Zahlen von Menschen, die um einen Menschen trauern, der nun nicht mehr da ist, von dem sie sich viel zu oft nicht verabschieden konnten, den sie nicht auf den letzten Wegmarken des Lebens begleiten konnten.

Dahinter stehen aber auch viele andere Menschen. All die vielen Mitarbeitenden in den Krankenhäusern & Altenheimen die seit Wochen und Monaten nicht nur ein mehr an Arbeit und Arbeitszeit meistern, sondern viel zu oft überfordert sind, ebenfalls nicht die Zeit und den Raum haben um das Sterben um sie herum zu verarbeiten.

Die steigenden Zahlen stehen auch für all jene, die noch immer auf den Intensivstationen leiden und gegen das Virus kämpfen und damit als Mahnung stehen, dass wir noch nicht genug getan haben um jedes einzelne Leben zu retten.

Und die steigenden Zahlen stehen schlussendlich für eine Überforderung von uns allen, die emphatisch sind, die versuchen alles zu tun, dass die Pandemie uns nicht besiegt.

Die tausenden Lichter in unseren Fenstern , gerade in der Nacht von Freitag auf Samstag, erinnert mich aber auch an die christliche Grundbotschaft eines jeden Freitags der auf jenen Freitag verweist, an dem es zuerst so aussah, als ob der Tod siegen würde. Gerade an einem Freitag erinnert mich das im Wind flackernde schwache Licht daran, dass das Leben gefährdet ist, dass es aber Hoffnung gibt, dass es die Hoffnung des Ostermorgen gibt, dass es ein Leben gibt in dem der „Stachel des Todes“ nicht mehr sticht.

Henry James, ein, wie ich finde, nicht ganz einfacher Autor, schrieb 1898 die Geschichte „Die Drehung der Schraube“. Die im Jahr 2000 erfolgte Übersetzung ist 2019 im Verlag Kampa erschienen. Dabei handelt es sich um eine Gespenstergeschichte die James in seiner ganz eigenen Art aber eben auch im Stil seiner Zeit verfasst hat.

Ein junges Fräulein, Pfarrerstochter wird als Erzieherin/Hauslehrerin für zwei Waisenkinder der gehobenen englischen Gesellschaft angestellt. Auf dem Landsitz, der diese beiden jungen Menschen beherbergt, erfährt sie, zu Anfang nur als Ahnung, welch böser Geist, welche böse Geister hier ihr Unwesen treiben.


Henry James ist wahrlich der Meister des psychologischen Erzählens, denn es gruselt einen weniger ob der klassischen Geistererscheinungen, als vielmehr der Geister die da spuken, die sich hinter Schönheit, Manieren, guten Sitten & Haltung verbergen können. James zeichnet Charakterbilder, die erahnen lassen welche Abgründe sich in den Menschen verbergen.

Wie andere Schriften von ihm finde ich es nicht leicht mich auf die Sprache und den Stil einzulassen. Die langen gewundenen viktorianisches Satzgebilde, die Wortwahl und dieses stille und langsame Erzählen fordert eine Geduld, die heutige Autoren nicht verlangen. Aber wer sich einlässt der lässt sich fangen, der lässt sich einnehmen. Trotz manch eines Kopfschütteln über die Weltbilder der damaligen Zeit, sind solche Bücher wunderbare Begleiter für lange Abende.

Von Isaac Bashevis Singer erschien im Jahr 1976 das vorliegende Buch „Old Love. Geschichten von der Liebe.“ Dabei handelt es sich um eine Sammlung von Geschichten aus dem Leben jiddischer Menschen. Viele der Geschichten werden von einem Ich-Erzähler erzählt, andere haben einen Erzähler wie jene chassidischen Geschichten, die in verschiedenen Sammelwerken zu finden sind.

Singer erzählt hier Geschichten von der Liebe, oder eher von der Kunst der Liebe, von den Facetten der Liebe. Er beschreibt Ausprägungen dessen was Menschen an einander bindet. Dabei stellt sich hier oft genug die Frage, was das eigentlich ist, diese hier beschriebene Liebe, diese Bindung. Oft genug ist sie, die Liebe, in diesen Geschichten erst auf einen zweiten Blick zu entdecken, denn sie sind eingebettet in die uns heute oft fremden Welten der polnischen jiddischen Welt. An anderer Stelle lesen wir von gescheiterter Liebe, die trotz des Scheiterns nicht endet, oder von einer Liebe die abwesend erscheint, ob durch ein fehlendes, fremdes Gefühl oder durch ein Fehlen der Liebenden, aufgrund Tod oder fehlender Eigenliebe.

Die Geschichten überraschen, sie lassen nicht immer ein leichtes eintauchen zu, sie sind manchmal fremd und ruppig, aber selten habe ich Geschichten gelesen, die so intensiv und facettenreich die verschiedenen Prägungen der Liebe (der Kunst der Liebe?) beschreiben wie diese von Isaac Bashevis Singer. Dabei wird nicht überhöht, nichts verheimlicht, alles gezeigt, was notwendig erscheint um zu verstehen.

Hier finden sich die Geschichten, die das Leben schreibt, die die Liebe schreibt. Hier finden sich Fenster in eine Welt, die so fremd ist, die aber in ihrer Fremdheit doch so anziehend ist, denn Singer besticht mit einer Sprache die glasklar, bunt, geschliffen und verführend ist. Singer breitet hier ein Flickenteppich der jiddischen Welt auf, vor 1939 aber auch nach dem Krieg. Es ist eine Welt die es so nicht mehr gibt von der man sich aber wünscht dass ihr Geist, irgendeine Transformation, noch irgendwie und irgendwo zu finden ist . Ohne diese Geschichten, ohne die jiddische Welt wäre unsere Welt wahrlich einiges kälter.