Auch digital sichtbar sein … Räume besetzten

Kaum einer in kirchlichen Kreisen konnte sich diesen Digitalschub vorstellen, wie er durch die Pandemie eingetreten ist. Auch wenn wir uns darüber bewusst sein müssen, dass nicht alles, was in den letzten Monaten im digitalen Raum angeboten wurde auch „gut“ war, so gab es einen Prozess der, so hoffe ich, jetzt so nach und nach in nachhaltige, innovative und sinnvolle Prozesse vertieft werden kann.

Die Veränderungen durch die Pandemie, auch im kirchlichen Leben, zeigte, oder lässt nun nicht mehr verleugnen, dass „analoges“ Handeln von einem „digitalen“ Handeln nicht getrennt werden kann. Ein digitales Grundrauschen ist vorhanden, das unser Alltag und ganz besonders auch das kirchliche Leben durchzieht. Es ist heute nicht mehr möglich eine Kirche zu sein, die sich aus den digitalen Räumen herauszieht. Und wer es doch versuchen will, der will schlussendlich die Kirche abschaffen, wenn wir voraussetzten, dass die Kirche Jesu Christi immer dort sich zeigt und „ist“ wo der Mensch ist und und lebt.

Wie über Jahrhunderten den Christen es zu eigen war dafür zu sorgen, dass der Glaube, dass die Botschaft Christi im Alltag, in der Landschaft, im Stadtbild sichtbar ist, so ist das genauso heute unsere Aufgaben als Christen, die in ihrer Zeit leben und diese prägen. Christen im Einzelnen, aber ganz besonders die Kirche als Institution, als Einheit an vielen Orten, hat in einem digitalen Raum eine Verpflichtung sichtbar zu sein. Es geht um direkte Präsenz, um Anwesenheit, um Gegenwart im Raum und in der Zeit.

Damit ergibt sich die Aufgabe der Kirche (und ihrer Glieder) den digitalen Raum, unter den Vorzeichen der Gegenwart, geprägt durch die Botschaft, einzunehmen. Das geschieht in kleinen Schritten, mehr oder weniger (gut), seit Jahren durch die Schaffung von Internetseiten. Dies geschieht mehr oder weniger durch die Nutzung der Social Media Plattformen wie Facebook und Instagram. Aber das ist zu oft nur sehr kurz und einseitig gedacht, geht es doch um eine grundsätzlicher(e) Präsenz.

Sichtbarkeit der Kirche im Netz bedeutet die Nutzung von Ortungsdiensten und Suchmaschinen (SEO, etc.), die Beschäftigung mit Branchenverzeichnisse, Themen- und Regionalseiten und ganz besonders die Auseinandersetzung mit Algoritmen, mit AI und Co.

Deshalb plädiere ich dafür, dass Kirchen nicht nur „Herren“ sind über die mit Baustoff geschaffenen Räume sondern auch über die digitalen Räume. Wer Google nutzt wird entdecken, dass Kirchen und Kapellen im Netz zu finden sind. Aber während wir bei den Gebäuden aus Stein über Schlüssel und Nutzung bestimmen, verschenken wir diesen „Besitz“ im digitalen, ja lassen ihn verwildern.

Dabei ist der Besitz diese Kirchenräume entscheidend. Hier werden wir als Kirche (noch) über den Aspekt von Caritas und History hinaus entdeckt. Es gilt diese digitalen Räume auszustatten mit dem, was gesucht wird, sodass sie zu Informationsräumen und Schauräumen unseres Glaubens werden. Hier gilt es genauso Frage und Antwort zu stehen, hier gilt es genauso wie an anderen Orten Erfahrungsräume des Christlichen zu schaffen.

Dabei braucht es erst einmal nicht viel: ein Google-MyBusiness-Konto, eine aufgeräumte eigene Internetseite (vom Archiv zur Serviceseite), die Bereitstellung klarer Informationen (aktuelle Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Informationen, …). Dies lässt sich weiter ausweiten: dasoertliche.de; meinestadt.de, … Maps und Ortungsdiensten, … , SEO-Opimierung, …

Dabei bin ich der Meinung, dass diese Sichtbarkeit eine sehr förderliche (zentrale?) „Grundlage“ ist für eine erfolgreiche Social Media Präsenz. Denn mit dieser Grundausstattung, und mit einem guten Plan (Konzept, aber nicht zerredet sondern geplant), mit einem gesunden Blick auf Kooperationen, Kompetenzen und Ressourcenbündelung kann es in den Social Media weiter gehen (es braucht eine Ehrlichkeit der Akteure in den Social Media).

Die aktuelle Digitalstudie D21 zeigt es ganz aktuell. Die Nutzung des Internets als Informationsraum ist in allen Gesellschaft- und Altersstrukturen angekommen (z. B. 88% der Gesellschaft ist online, 80% mobil). Daher gelten die alten Ausreden nicht mehr. Spätestens jetzt braucht es digitale Strategien für Social Media; prozessbezogen, vernetzt, kollaborativ und kreativ.

Wenn die Arbeit zur Sichtbarkeit von Kirche im Netz einher geht mit einem Blick auf das eigene Können (Kompetenz & Ressourcen), auf die Botschaft, dann kann Kirche, je nach Thema etc. in den verschiedenen Räumen erfolgreich sein: Instagram, Pinterest, TikTok, LinkedIn/Xing, Twitter (Mastadon), etc. Dies gilt dann auch besonders für die oft vernachlässigten Video- und Audioplattformen (übrigens auch Radio) wo die Menschen nach ausführlichen Antworten auf komplexere Themen suchen.

Bei einem bin ich mir sicher: Sichtbarkeit wird nicht durch Masse erreicht. Nicht die tausendste Seite und das millionste Zitatebild ist gefragt, sondern Qualität, Ehrlichkeit in der Botschaft. Deshalb dürfte die sinnvolle digitale Präsenz im Netzwerken und im kirchlichen Miteinander zu finden sein. Statt nach Territorialgrenzen und Machträumen könnte Kirche versuchen nach den Kompetenzen von Akteurinnen und Akteuren, nach Zielgruppen oder nach Themen sich zu vernetzen und dann zu präsentieren.

Auch wenn es das schon vereinzelt gibt, so ist das Ausbaufähig, wenn katholisch.de seine Plattformen zur Mitbenutzung frei gibt, wenn (Erz-)Bistümer gemeinsam Seelsorgeangebote wie internetseelsorge.de schaffen, wenn ökumenische Verbünde gemeinsame Advents-Angebote haben (www.advent-online.de) oder wenn, wie jetzt gerade geschieht, neun (Erz-)Bistümer dabei sind ihr Fachwissen, Kompetenzen und Ressourcen auf einer Internetseite http://www.digitalpastoral.de (ab Oktober 2021) bündeln.

… natürlich sahen sie die Dinge wie sie waren …

Eine erste Annäherung an Gertrude Stein / erste Gedanken.

Neue Autorinnen und Autoren entdecken, das ist was Schönes. Nicht nur zeitgenössische Autorinnen und Autoren sondern auch historische. Um dieser Freude zu frönen hatte ich schon lange Gertrude Stein auf meiner Leseliste. Wann ich zum ersten Mal von ihr gehört habe, das weiß ich nicht, aber wer sich mit der ersten Hälfte des 20. Jhdts. beschäftigt, sich in Kunst und Literatur der damaligen Zeit vertieft, wird an ihrem Namen auf kurz oder lang nicht vorbeikommen. Sie gehört zu jenen Menschen, die im Paris der damaligen Zeit interessante Persönlichkeiten um sich versammelte, von denen wir heute noch sprechen: Picasso, Hemingway, Porter und viele mehr.

Nun bin ich im Antiquariat auf eines ihrer Bücher gestoßen, welches nun spontan (ohne einer Planung) zum Einstiegbuch in ihr eigenes Oeuvre wurde: „Paris Frankreich“. Das Buch, das im Jahr 1940, wohl zeitgleich mit der Kapitulation Paris vor Nazi-Deutschland, erschienen ist, könnte wohl als Meditation über Paris und Frankreich bezeichnet werden. 

In einem erst (heute wieder?) fremd anmutenden Stil (zumindest ging es mir so) eröffnet Gertrude Stein dieses Buch mit der ihr frühesten Erinnerung an Paris (Kindheit) und reflektiert dann das französisch werden/sein der Franzosen als ein zivilisiert werden. Dieses „zivilisiert sein bzw. werden“, die Moden, die Logik sind in diesem wohl sehr persönlichen Werk zentrale Begriffe.

Der Stil des Buches ist, so findet sich dies bei Fachleuten bezeichnet, ein surrealistischer. Was das bedeutet kann ich nicht sagen, aber ich erlebe den Text sehr umgangssprachlich, wie erzählt, wie in einer schnellen, spontanen Betrachtung oder Zusammentragung von Geschichten und Meinungen zwischen zwei Menschen irgendwo auf der Straße. Mir kam es so vor, wie wenn Komma fehlen würden und es brauchte bei mir zu Anfang eine Zeit des Einlesens um in den entsprechenden Rhythmus zu kommen und den Text genießen zu können.

Stein beschreibt ein zivilisiert werden das einem Wachsen entspricht, einmal der Franzosen und einmal des Jahrhunderts. Um diesen Prozess zu beschreiben, verwendet sie die oben genannten zentralen Begriffe der Logik und der Moden, aber auch Eleganz. Sie betrachtet das Leben der Franzosen in Paris und in ganz Frankreich, speziell in dem kleinen Ort, in dem sie nun (während der Kriegszeit) lebt. Stein beschreibt erfahrene Ereignisse, erzählt Geschichten aus ihrem Leben und von denen sie gehört hat, verwebt das mit Gesprächen aus ihrem Freundeskreis und schafft so einen Text der einen Blick auf Frankreich offenbart, der überbordet. 

Manchmal erscheint der Text plakativ, hart oder fantastisch. Manchmal erscheint die Hervorhebung der Begriffe der Mode, der Autonomie, Logik, Tradition und Zivilisation, die sie als entscheidende Teile des französischen Seins an sich beschreibt, zutiefst überzogen. Manchmal fragt man sich ob dies alles die Verklärung einer verrückten Amerikanerin ist, wenn sie all diese Aspekte so absolut setzt, dass ein Abweichung davon gleichbedeutend ist, mit einem Infrage stellen eines Franzosen als Franzose.

Manchmal wusste ich nicht, was ich damit anfangen sollte, manchmal fand ich Passagen charmant und manchmal war ich fasziniert und gefangen. Aber schlussendlich kann ich nicht sagen, ob mir der Text gefallen hat oder ob ich das Buch empfehlen kann. Es war auf alle Fälle ein Erlebnis, den Text zu lesen und unterstützt von weiteren Informationen aus dem Netz besteht bei mir zumindest weitere Neugierde das Werk dieser Frau, die so viele Künstler begleitet und wohl auch geprägt hat, zu entdecken.  

Stein, Gertrude; Paris Frankreich. Frankfurt am Main 1975.

Das bunte Flackern eines brennenden Magens

Schon vor vier Jahren ist bei Sallerio Editore (Palermo) ein Roman von Giosuè Calaciura mit dem schlichten Namen Borgo Vecchio. Zwei Jahre dauerte es bis der Roman 2019 in Hartcover und nun, 2021 als Taschenbuch im Aufbau-Verlag herausgegeben wurde. 

Übersetzt wurde das Buch von Verena von Koskuli, die unter anderem auch Bücher von Antonio Scurati (M. der Mann der Vorsehung) und Carlo Levi (Die Uhr) übersetzt hat. 

Irgendwo im Süden Italien, der echte Ort ist egal. Eine Stadt am Meer mit einem Viertel namens   Borgo Vecchio, dort wachsen drei Kinder auf; Cristofaro, Celeste und Mimmo. Sie sind keine Kinder mehr und doch noch, leben an der Schwelle des Erwachsenen. Ahnen die Schrecken des Lebens, wissen darum, können aber noch immer abtauchen, die harte Wirklichkeit für Momente ausblenden, besitzen noch Momente der kindlichen Unschuld und handeln oft in einer kindlichen Reinheit, die trotzdem nichts an der Härte vermissen lässt, die ihnen die Erwachsenen vormachen: 

Der eine Vater, Metzger, betrügt die Kundschaft, der andere ein gewalttätiger Säufer, der seinen Sohn Abend für Abend schlägt, und Celestes Mutter, die Hure des Viertels. Sie sind die Vorbilder der Kinder und werden komplettiert durch Totò dem erfolgreichen Räuber, dessen Heldentaten ihn zum Traumvater werden lässt. 

Die drei Kinder, ja alle Protagonisten, werden mit Attributen versehen. Attribute, die dabei helfen die Handlung voranzutreiben oder besser durchwirbelt werden in Vor- und Rückblenden, in Höhenflügen über das Viertel und hinein in die Tiefen des Lebens der Kinder: Der Fußball, das Pferd, die Bücher, die Waffe, … 

Hoffnung, der Wandel des hoffnungslosen Leben zu etwas besseren, scheint allein Totò zu bringen. Er wird in seinem Ganoventum zu einem, der die Schranken überwindet, der sich aus einem Waisenkind zu einem erfolgreichen angesehenen Bewohner des Viertels mausert und es schafft, dass selbst die Mutter von Celeste im neuen Licht gesehen wird. 

Wie der immer wieder beschriebene Wind wirbelt die Geschichte der drei Kinder, in sieben Kapiteln erzählt, umher, oft im ersten Moment verwirrend, wie spontane Einblicke, die sich meist erst im Nachgang erschließen, lässt der Roman eine tiefe Traurigkeit spüren. Die Ausdrucksfähigkeit des Autors (und seiner Übersetzerin) verzaubert und berührt: ungewöhnlichen Sprachbildern, Metaphern und Symbolen, die Auflösung von scheinbar zwingend logischen Prozessen, dichte und eindringende Bilder, sorgen in ihrer Fremdheit für eine ganz eigene Nähe.  

Der Roman ist gerade durch die Sprachgewalt, durch das Ausschöpfen der Nuancen, eine Anforderung an die Lesegenauigkeit, was sich dann aber lohnt. Was andere an Klitschebilder negativ ablehnten empfinde ich hier gerade als die Fähigkeit des Autors die Klitschehaftigkeit des Lebens an sich und hier der Menschen am scheinbaren Rande der Welt, so herauszuarbeiten, dass diese Klitsche nicht albern, sondern tragisch sind. 

Es ist die Fähigkeit der Sprache, die in dieser Welt des italienischen Borgo, in einer Burgenwelt der Vergangenheit, die bekannten Bilder des Robin Hood unter den Ganoven, der heiligen Hure mit jener radikalen Bosheit der Gesellschaft zu kombinieren und diese Bosheit, die viel zu oft in einem Wegschauen gipfelt, als höchste Form des Verrates, hier des Verrates an einem Kind, dem Lesenden entgegenzuschleudern. Schnell wird einem bewusst, das sind keine Geschichten, die nur in einem fernen Ecke geschehen, es sind Grundmuster, die wir selbst zu gut in unserem Leben entdecken könne: in Abstufungen, aber sie sind da.
Die beschriebene Ungerechtigkeit, der Neid, die Gewalt und Grausamkeit ist so grundsätzlich, dass sie nichts Besonderes mehr ist und gerade darin zeigt sich die Perversion. Gerade darin zeigt sich eine eventuell gewünschte moralische Botschaft, oder das aufrüttelnde Moment dieses Romans.

Nachdem ich die letzte Seite des Romans abgeschlossen hatte war sofort die Sehnsucht groß. Eine leere, eine grundsätzliche Traurigkeit war da und wie der Roman im letzten Satz verspricht, so geht es auch weiter, zurück zum Anfang, zu einem neuen, zum gleichen, aber zu einem Anfang, so dass auch ich sofort zurückblättern musste, um nochmal einzelne Stellen nachzulesen. Der Plot ist sicherlich nicht außergewöhnlich. Gesellschaftskritische Romane sind fast ein Spezialgebiet der italienischen Literatur und deshalb ist dieser Roman einzureihen in die Nähe von Werken wie „Christus kam nur bis Eboli“ etc. Die Geschichte ist schlicht, ja einfach, aber die Sprache ist ergreifend, fassend und allein deshalb lohnt es sich dieses Buch zur Hand zu nehmen. 

(Überschrift nach einem Zitat aus dem Buch, S. 56.)

Buch: Calaciura, Giosuè: Die Kinder des Borgo Vecchio. Berlin 2021.