Rache und Bestrafung ist nur ein kindlicher Tagtraum

In Geschichte, Politik und Religion habe ich immer wieder Aspekte der NS-Zeit durchgearbeitet: In der Hauptschule gefühlt jedes Jahr. In der Wirtschaftsschule, in der Schulzeit der Ausbildung und auch später in der Zeit des Abiturs. Aber es blieb ein Wissensfleck für die Zeit zwischen 1945 – 1949. Zumindest bei mir: Kapitulation und dann kam die Gründung der BRD. Alles andere fehlte. 

Zwischenzeitlich gibt es Bücher, die diese Leerstellen aufhellen. Es sind meist Biografien, die das persönliche Leben nach dem Zusammenbruch und der Befreiung beschreiben, wie zum Beispiel den von Jörg Bremer herausgegebene Tagebuchauszug aus dem Jahr 1945-1946 von Werner von Kieckebusch (Ich traue dem Frieden nicht, Freiburg 2020)

Zwischenzeitlich schrumpfen meine Wissenslücken, aber die Zeit bleibt weiterhin unwirklich. Ein wenig erhellend wirken Zeitungsberichte, Dokumentationen aus jener Zeit, so wie auch jene von Kriegsberichterstattern bzw. Journalisten, die im Tross der Alliierten das zerstörte Deutschland besuchten. Einer dieser Journalisten war George Orwell, damals Journalist für den englischen The Observer. 

In der Reihe textura, im Verlag C.H.Beck ist eine kleine Auswahl an Texten aus der Feder Orwells erschienen. Es handelt sich um elf Berichte aus der Zeit um die Kapitulation herum, die ergänzt werden um drei weitere Texte: Zwei aus der Kriegszeit (1940/1943) und einen aus dem Jahr 1945, zur Zeit der Potsdamer Konferenz.

Die Texte sind Zeitungsreportagen. Deshalb auch genau so angenehm und schnell zu lesen. Perfekt für einen Samstagnachmittag auf dem Balkon oder im Café.

Der Inhalt ist indessen nicht ganz so leichte Kost, denn Orwell blickt stark auf die Zwangsarbeiter in Deutschland, auf die Situation der Menschen in den zerstörten Städten und auf die Frage, was kommt nach der Kapitulation: Hunger, große Armut, eine schwierige politische Weltlage. Bei all diesen Punkten blickt der Autor nicht hoffnungsvoll in die Zukunft.

Orwell lernt selbst und zeigt auf, dass sich sein Bild von den Deutschen wandelt. Der ferne deutsche Feind, ehemals eher eine Bestie, wird zu einem Menschen der Leid erfährt, der in Schutt und Untergang sein Leben fristet. Ganz stark zeigt sich dieser Wandel in seinem Beitrag „Rache ist Sauer“ (S. 55).

Orwell macht sich Gedanken um die Zukunft. Dabei erkennt er, dass die deutsche Frage keine regionale Frage bleiben kann. Die Gestaltung der Zukunft Deutschlands entscheidet über die Zukunft Europas und der Welt. So stellt er den Morgentau-Plan in Frage, ist sich bewusst, dass Großbritannien und die USA große Anstrengungen leisten muss, damit die Deutschen nicht vollends verarmen, erkennt Schwächen der französischen Besatzung und benennt eine erste Ahnung, dass die Zukunft der Welt durch Einflusssphären begrenzt werden. 

Der Blick auf die Zwangsarbeiter in Deutschland ist für mich dahingehend versehen mit neuen Aspekten, da ich mich erst seit kurzem mit dieser Gruppe von Menschen beschäftige. Auslöser dazu ist die erste späte Erkenntnis, dass „die Polin“ aus den Geschichten meiner Familie, nicht einfach eine Magd war, sondern ebenfalls eine jener Frauen, die verschleppt und in der deutschen Landwirtschaft eingesetzt wurden. 

Die drei ergänzenden Texte sind Fenster zu kleinen Blickwinkeln auf die Geschichte. Die Rezension zu „Mein Kampf“ (S. 62 ff.) zeigt nochmal, wie ambivalent die Präsenz Adolf Hitlers in der damaligen Zeit war. Er hatte ein Charisma (oder eine Form davon), was auch Orwell spürte, schrieb er doch klar: „ich möchte ausdrücklich festhalten, dass ich es bisher nicht geschafft habe, Hitler nicht zu mögen“ (S. 64.) was ihn nahe an Thomas Mann rückte, dessen 1943 (?) erschienene Sammlung an politischen Reden und Beiträgen im zweiten Text besprochen wird. Orwell hebt heraus, dass Mann daran glaubt und glaubte, dass „Wahrheit und Gerechtigkeit am Ende siegen müsse“. Trotz der Erfahrungen, trotz der Sehnsucht der Jugend nach der Abgabe der Selbstbestimmung zugunsten von Militarismus. Die Besprechung lässt ahnen, dass es sinnvoll ist sich diese Texte auch heute nochmal zu Gemüte zu ziehen, erleben wir doch heute bei verschiedenen Gesellschaftsgruppen ähnliche Sehnsüchte.

Der letzte Text von Orwell nimmt die immer wieder vorhandene Frage nach der Zukunft der Weltordnung auf. Er erkennt die Schwächen des politischen Systems in Großbritannien (S. 80-81), sieht die Tendenz die Welt aufzuteilen in Einflusszonen (S. 78), erkennt die zentrale politische Schwäche der USA, die wir in unserer Zeit wieder aktiv erlebten (S. 82.) und sehnt sich nach „einer Organisation, welche die ganze Welt umfasst“ (S. 84). 

Wie schon beschrieben sind es schnell zu lesende Texte. Eindrücke, Fenster in eine Vergangenheit, die so fern und unwirklich erscheint, eben auch, weil der Wiederaufbau, die Veränderungen so schnell verliefen und dafür sorgten, dass die ersten Jahre nach dem Krieg in Vergessenheit geraten sind. Es sind aber auch Texte, die einzelne kleine Informationen geben, die das Leben, die Fragen und Sorgen der damaligen Zeit klarer aufscheinen lassen. Deshalb ist es gut und sinnvoll auch dieses Buch zur Hand zu nehmen. 

Am stärksten prägt mich an diesem Buch die Ausführungen Orwells zum Thema der Rache. Hier zeigt sich, dass Rache keine Antwort sein kann auf Gewalt und den dadurch erfahrenen Taten. Verbunden mit seinen Ausführungen zur politischen Weltlage und den Gründen zeigt sich in mir die Sehnsucht nach einer so weit als möglich pragmatischen Politik, die sich nicht treiben lässt von Emotionen und momentanen Aufregern.   

Warum diese Texte erst jetzt erscheinen, dürfte wohl an einem veränderten Geschichtsbild liegen und auch daran, dass der Autor nun über 70 Jahre tot ist.

So wertig die Bücher auch sind und so sehr ich mir bewusst bin, dass es gut für die Buchhandlungen ist, dass die Bücher hochpreisig sind, so sehr nervt es mir persönlich, dass dieses Buch 16,00 € kostet. Der Preis sichert das Überlegen von Vertrieb und Verlag, aber er begrenzt auch die Verbreitung.    

Orwell, George; Reise durch Ruinen. Reportagen aus Deutschland und Österreich 1945. Mit einem Nachwort von Volker Ulrich. München 2021.      

Werte – Contractio?

Es gibt einen Unterschied zwischen Werten die ich lebe und Werten, die ich gut und wichtig finde, die ich aber (noch) nicht lebe. Und es gibt Werte, die ich mir als Person, als Gruppe, als Gesellschaft „auf die Fahne schreibe“, mit denen ich „Werbung“ mache. 

Nun stellt sich mir (immer wieder) die Frage, welche Werte sich unter den ersten beiden Punkten finden und welche Werte ich gar nicht lebe, sondern nur vor mir hertrage. Und weiter: wie gehe ich damit um, gerade als Einzelperson, als Teil einer Gruppe / Unternehmen / Institution, dass hier eine Kontradiktion besteht.

Aus dem Blickwinkel meiner Rolle in Gesellschaft (ich als Teil des Souveräns) und auch in Kirche (Kirchenbild II. Vatikanum) ist diese Frage für mich doch zentral. Dabei möchte ich als freier Christenmensch nicht hängen bleiben bei „den da oben“ oder jenen „gegen die ich ja nichts machen kann“ (was Begriffe sind, die ich viel zu oft als Ausrede ansehe), sondern den Blick klar auf mich, auf meine kleine Welt von Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen richten, denn als Teil einer Gemeinschaft kann sich diese nicht ohne eine Entwicklung meiner Person verändern.

Oder?

Auch digital sichtbar sein … Räume besetzten

Kaum einer in kirchlichen Kreisen konnte sich diesen Digitalschub vorstellen, wie er durch die Pandemie eingetreten ist. Auch wenn wir uns darüber bewusst sein müssen, dass nicht alles, was in den letzten Monaten im digitalen Raum angeboten wurde auch „gut“ war, so gab es einen Prozess der, so hoffe ich, jetzt so nach und nach in nachhaltige, innovative und sinnvolle Prozesse vertieft werden kann.

Die Veränderungen durch die Pandemie, auch im kirchlichen Leben, zeigte, oder lässt nun nicht mehr verleugnen, dass „analoges“ Handeln von einem „digitalen“ Handeln nicht getrennt werden kann. Ein digitales Grundrauschen ist vorhanden, das unser Alltag und ganz besonders auch das kirchliche Leben durchzieht. Es ist heute nicht mehr möglich eine Kirche zu sein, die sich aus den digitalen Räumen herauszieht. Und wer es doch versuchen will, der will schlussendlich die Kirche abschaffen, wenn wir voraussetzten, dass die Kirche Jesu Christi immer dort sich zeigt und „ist“ wo der Mensch ist und und lebt.

Wie über Jahrhunderten den Christen es zu eigen war dafür zu sorgen, dass der Glaube, dass die Botschaft Christi im Alltag, in der Landschaft, im Stadtbild sichtbar ist, so ist das genauso heute unsere Aufgaben als Christen, die in ihrer Zeit leben und diese prägen. Christen im Einzelnen, aber ganz besonders die Kirche als Institution, als Einheit an vielen Orten, hat in einem digitalen Raum eine Verpflichtung sichtbar zu sein. Es geht um direkte Präsenz, um Anwesenheit, um Gegenwart im Raum und in der Zeit.

Damit ergibt sich die Aufgabe der Kirche (und ihrer Glieder) den digitalen Raum, unter den Vorzeichen der Gegenwart, geprägt durch die Botschaft, einzunehmen. Das geschieht in kleinen Schritten, mehr oder weniger (gut), seit Jahren durch die Schaffung von Internetseiten. Dies geschieht mehr oder weniger durch die Nutzung der Social Media Plattformen wie Facebook und Instagram. Aber das ist zu oft nur sehr kurz und einseitig gedacht, geht es doch um eine grundsätzlicher(e) Präsenz.

Sichtbarkeit der Kirche im Netz bedeutet die Nutzung von Ortungsdiensten und Suchmaschinen (SEO, etc.), die Beschäftigung mit Branchenverzeichnisse, Themen- und Regionalseiten und ganz besonders die Auseinandersetzung mit Algoritmen, mit AI und Co.

Deshalb plädiere ich dafür, dass Kirchen nicht nur „Herren“ sind über die mit Baustoff geschaffenen Räume sondern auch über die digitalen Räume. Wer Google nutzt wird entdecken, dass Kirchen und Kapellen im Netz zu finden sind. Aber während wir bei den Gebäuden aus Stein über Schlüssel und Nutzung bestimmen, verschenken wir diesen „Besitz“ im digitalen, ja lassen ihn verwildern.

Dabei ist der Besitz diese Kirchenräume entscheidend. Hier werden wir als Kirche (noch) über den Aspekt von Caritas und History hinaus entdeckt. Es gilt diese digitalen Räume auszustatten mit dem, was gesucht wird, sodass sie zu Informationsräumen und Schauräumen unseres Glaubens werden. Hier gilt es genauso Frage und Antwort zu stehen, hier gilt es genauso wie an anderen Orten Erfahrungsräume des Christlichen zu schaffen.

Dabei braucht es erst einmal nicht viel: ein Google-MyBusiness-Konto, eine aufgeräumte eigene Internetseite (vom Archiv zur Serviceseite), die Bereitstellung klarer Informationen (aktuelle Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Informationen, …). Dies lässt sich weiter ausweiten: dasoertliche.de; meinestadt.de, … Maps und Ortungsdiensten, … , SEO-Opimierung, …

Dabei bin ich der Meinung, dass diese Sichtbarkeit eine sehr förderliche (zentrale?) „Grundlage“ ist für eine erfolgreiche Social Media Präsenz. Denn mit dieser Grundausstattung, und mit einem guten Plan (Konzept, aber nicht zerredet sondern geplant), mit einem gesunden Blick auf Kooperationen, Kompetenzen und Ressourcenbündelung kann es in den Social Media weiter gehen (es braucht eine Ehrlichkeit der Akteure in den Social Media).

Die aktuelle Digitalstudie D21 zeigt es ganz aktuell. Die Nutzung des Internets als Informationsraum ist in allen Gesellschaft- und Altersstrukturen angekommen (z. B. 88% der Gesellschaft ist online, 80% mobil). Daher gelten die alten Ausreden nicht mehr. Spätestens jetzt braucht es digitale Strategien für Social Media; prozessbezogen, vernetzt, kollaborativ und kreativ.

Wenn die Arbeit zur Sichtbarkeit von Kirche im Netz einher geht mit einem Blick auf das eigene Können (Kompetenz & Ressourcen), auf die Botschaft, dann kann Kirche, je nach Thema etc. in den verschiedenen Räumen erfolgreich sein: Instagram, Pinterest, TikTok, LinkedIn/Xing, Twitter (Mastadon), etc. Dies gilt dann auch besonders für die oft vernachlässigten Video- und Audioplattformen (übrigens auch Radio) wo die Menschen nach ausführlichen Antworten auf komplexere Themen suchen.

Bei einem bin ich mir sicher: Sichtbarkeit wird nicht durch Masse erreicht. Nicht die tausendste Seite und das millionste Zitatebild ist gefragt, sondern Qualität, Ehrlichkeit in der Botschaft. Deshalb dürfte die sinnvolle digitale Präsenz im Netzwerken und im kirchlichen Miteinander zu finden sein. Statt nach Territorialgrenzen und Machträumen könnte Kirche versuchen nach den Kompetenzen von Akteurinnen und Akteuren, nach Zielgruppen oder nach Themen sich zu vernetzen und dann zu präsentieren.

Auch wenn es das schon vereinzelt gibt, so ist das Ausbaufähig, wenn katholisch.de seine Plattformen zur Mitbenutzung frei gibt, wenn (Erz-)Bistümer gemeinsam Seelsorgeangebote wie internetseelsorge.de schaffen, wenn ökumenische Verbünde gemeinsame Advents-Angebote haben (www.advent-online.de) oder wenn, wie jetzt gerade geschieht, neun (Erz-)Bistümer dabei sind ihr Fachwissen, Kompetenzen und Ressourcen auf einer Internetseite http://www.digitalpastoral.de (ab Oktober 2021) bündeln.