YouTube-Star Hannah Arendt

Wie das Thema Holocaust/Shoa im Unterricht aufgreifen? Tausende von Materialseiten gibt es dazu. KZ-Überlebende bieten ungemein gute Einstiege. Aber wie wäre es denn mal mit einem Einstieg mit Hannah Arendt? 

1964 war es, als ein Mann und eine Frau sich zusammen in einem Filmstudio zu einem Interview treffen. Ganze 70 Minuten ging das Gespräch, das ungeschnitten einige Tage später, abends, im ZDF ausgestrahlt wird. Knapp 50 Jahre später, beide Protagonisten sind schon längst tot, bekommt diese Aufzeichnung eine neue Aufmerksamkeit. Unkommentiert wird das Interview in YouTube eingestellt und wurde bis heute von über 1,6 Millionen Menschen angeschaut.

Die beiden Protagonisten? Das war als Interviewer Günter Gaus, Journalist bei der Süddeutschen Zeitung, und seit einiger Zeit im ZDF Moderator der Sendung „Zur Person“ und die Philosophin Hannah Arendt, die, kaum hat das Interview begonnen, sich nicht als Philosophin bezeichnete. 

Hannah Arendt war die erste Frau in dieser Sendung. 16 Männer waren vor ihr dran, darunter Politiker wie Ludwig Erhard, Willi Brandt, Franz-Josef Strauß, Künstler und Nutznießer der NS-Zeit wie Gustaf Gründgens, dessen letztes Interview das wohl war oder auch Martin Niemöller, evangelischer Pastor, Mitglied der bekennenden Kirche und Widerstandskämpfer gegen das III. Reich. Allen bietet Gaus, der wahrlich kein Selbstdarsteller ist, mit seinem Interviewstil eine Plattform, um sich vorzustellen. Er stellt ihnen Fragen, die zeigen, dass er sich mit seinen Gesprächspartnern auseinandergesetzt hat, aber die Fragen heben ihn nicht heraus, wie wir es bei heutigen Moderatoren gewohnt sind. Die Kamera fokussiert sich auf den Gesprächspartner, den Gaus nicht davonkommen lässt, wenn dieser/diese seinen Fragen ausweicht. Gaus hakt nach, aber es wird kein Verhör. Die Interviews waren ernsthaft, es ging um das Leben und das Denken des Gesprächspartners. Wir Zuhörenden können ahnen; der Interviewer hat wirklich Interesse an den Antworten des Gesprächspartners.    

Wir wissen nicht, wie lange die über 1,6 Mio. Menschen dieses Interview angeschaut haben, aber es lädt wirklich ein dazu. Es ist ein ruhiges Gespräch, das sich hier zwischen Arendt und ihrem Gesprächspartner aufbaut. Fachliches, politisches, geschichtliches und dort wo es wirklich persönlich wird, rutscht es nicht ab in die Banalität. Ungewohnt für alle, die heutige Interviewsituationen gewohnt sind. Die Konzentration auf das Wesentliche, auf die Person wird nochmal herausgehoben durch die räumliche Gestaltung; zwei Personen, zwei Sessel, ein dunkler Hintergrund, ein Tisch mit Getränken und Aschenbecher.

Wer sich für das Leben und Denken in der jungen Bonner Republik interessiert, der kommt um dieses Sendeformat nicht herum, daher sind alle Beiträge, die es in Youtube zu finden gibt, zu empfehlen. Das Interview mit Arendt ist aber daraus heraus wirklich etwas Besonderes, dieser Beitrag zeigt, da sitzt eine Frau vor der Kamera, die anders ist. Da sitzt eine selbstständig denkende Frau, unabhängig, nicht rechts oder links, sie ist eine Intellektuelle, die ihr Wissen durchdacht hat und die sich als Geisteswissenschaftlerin verständlich ausdrücken kann, ohne zu banalisieren, ohne zu pauschalisieren oder zu vereinfachen.

Was sie sagt, das lässt sich begründen. Ob es ihre Distanz zur philosophischen Kaste war oder andere Punkte. Ihre Thesen, ihre Erkenntnisse sind aus Erfahrungen heraus verifiziert.

Als das Interview im Jahr 1964 aufgezeichnet wurde war Hannah Arendt gerade in Deutschland unterwegs um Werbung für ihr damals neuestes Buch „Eichmann in Jerusalem“ zu machen. Die sich um dieses Buch entbrannte Diskussion wird im Interview angesprochen. Sie hat in diesem Buch über den Prozess von Eichmann in Jerusalem geschrieben. Darin bezeichnete sie unter anderem die Taten Eichmanns als „Banalität des Bösen“ (Eichmann ist ein Hanswurst), was ihr viel Gegenwind, gerade auch von jüdischen Verbänden, Freunden und Bekannten einbrachte. Aber auch ihr ironischer Ton im Buch wird ihr angekreidet. Aber gerade ihr reflektierter Umgang mit diesem Thema, ihre Grundhaltung spiegelt sich darin, so sagt sie passend dazu im Interview „Ich würde wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem sicheren Tod lachen“. 

Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zeigt sich in diesem Interview nicht nur beim Gespräch über das Buch. Schon ganz zu Anfang des Interviews und auch an anderen Stellen, wird Arendt über ihre Erfahrungen in der NS-Zeit und über Ihre Auseinandersetzung damit erzählen. Sie, die 1933 nochunpolitische, war schon beim Reichstagsbrand „nicht mehr der Meinung, dass man jetzt (weiterhin) einfach zusehen kann“ und begann sich zu engagieren. Sie erzählt von ihrer Verhaftung und ihrer Befreiung aus der GESTAPO-Haft, weil sie einen Mann vertraute, „weil dieser Mann so ein offenes, anständiges Gesicht hatte“. Sie erzählt weiter von ihrer Flucht und von ihrem Ankommen in New York.

Dass die Nazis unsere Feinde sind, mein Gott, wir brauchten doch, bitteschön, nicht Hitlers Machtergreifung, um das zu wissen! (…) Das Problem, das persönliche Problem war doch nicht etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten“ – Mit dieser Aussage aus dem Interview hebt sie die Diskussion weg von der Mentalität „die anderen haben getan“ hin zu einer Frage nach der Grundhaltung der „Nichttäter“. Aber sie geht weiter und zeigt schon 1964, als die Bundesrepublik noch nicht einmal bereit war zur Diskussion, wie einmalig der Holocaust für die deutsche Geschichte war: „Alles andere hätte irgendwie noch einmal gutgemacht werden können, wie in der Politik ja alles einmal wieder gutgemacht werden können muss. Dies nicht! Und damit meine ich nicht die Zahl der Opfer. Ich meine die Fabrikation der Leichen! Da ist irgendetwas passiert, womit wir alle nicht fertig werden.“    

Ihr Verhältnis zu Deutschland nach 1945, ihre Auseinandersetzung mit Deutschland selbst, das zeigt sich an weiteren Aussagen, das zeigt ihre Fähigkeit des Vergebens Freunden gegenüber. 

Der Film ist nun gut 56 Jahre alt. Und doch hat er in seiner fachlichen Tiefe nichts an Aktualität verloren. Arendt ist, nicht nur in diesem Interview aktueller denn je. 

Zum Nationalismus und passend zu unserer heutigen „Heimat-Diskussion“ wird sie hier zum Beispiel zitiert mit: „ich liebe nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig“. Dabei unterscheidet sie eine Zugehörigkeit einer Gruppe grundsätzlich und zu einer Gruppe zu gehören durch eine „Organisation“ (inter est, personale Bezug). Letzteres in das politische zu bringen ist apolitisch, aus ihrem Weltverständnis heraus „weltlos“.

Die Stellung des Menschen, der in der aktuellen Wirtschaft, einzig als Konsument und Arbeitskraft interessant ist, kritisiert sie, „weil sich darin eine Weltlosigkeit konturiert. Es liegt einem nichts mehr daran, wie die Welt aussieht“.

Eine große seelische Tiefe zeigt sie in Bezug zum Umgang mit den Mitmenschen, von der Gefahr sich auf andere Einzulassen (Wagnis der Öffentlichkeit, Jaspers): „Was daraus wird, wissen wir nie. Nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen. Das heißt, in einem grundsätzlichen Vertrauen auf das Menschliche aller Menschen. Anders könnte man es nicht“   

Das Interview bietet sich in vielerlei Hinsicht an zum Weiterdenken und nochmal ansehen. Es ist für jeden Zuschauenden persönlich auf alle Fälle eine Chance zum Weiterdenken, zur Auseinandersetzung mit dem was Arendt sagt und wie sie es begründet. Es ist darüber hinaus ein Zeitzeugnis und ein Einblick in das Leben und Denken einer der größten deutschen Frauen des 20. Jahrhundert (und sicher besser/anders als der Film über sie) und es ist, mit ein bisschen Zusatzarbeit, ein guter Ausgangspunkt für eine Beschäftigung im schulischen Kontext (Sek. II) mit der NS-Zeit, mit den Verbrechen und den Lehren, die politisches, philosophisches und theologisches Denken sich daraus heraus erarbeitet hat.

Hier nochmal den Link: https://youtu.be/J9SyTEUi6Kw

Bild: Screenshot YouTube

Um Berufung beten

Weltgebetstag für geistliche Berufungen, da gibts für mich mehr Fragen als Antworten an einem solchen Tag.

Beten ist wichtig, ist entscheidend, aber eben nicht alles und daher stellt sich mir die Frage:

Wenn wir für Berufungen beten, für was beten wir dann? Da gehts um die Priester, aber beten wir denn auch für die Diakone? Da gehts um die Ordensleute und diejenigen in den geistlichen Gemeinschaften, beten wir aber auch für die geweihten Jungfrauen und die Eremiten?

Ganz oft geht es dann bei Berufung auch um Pastoral- und GemeindereferentInnen, oder um PfarrhaushälterInnen, um OrganistInnen, … aber ist das eine Berufung? Und wenn ja, wo liegt der Unterschied zum Apostolat?

Ganz oft heißt es, es gäbe wenig Berufungen gerade. Stimmt das denn? Ich bin mir manchmal nicht so sicher. Vielmehr stelle ich mir die Frage ob wir in unseren Gemeinden, in unserer Kirche eine Kultur der Berufung zulassen. Ich habe in meinem Leben wenig von solch einer Kultur erlebt. Wer sich berufen fühlt ist verrückt, veraltet unzeitgemäß, das waren ganz oft die Rückmeldungen.

Lassen wir Berufungen zu? Ich meine auch im Blick auf die vorgefassten Meinungen. Wir alle bedauern, dass Klöster und Ordensgemeinschaften schwinden. Fördern wir aber da einen Aufbruch, unterstützen wir da einen Wandel? Kann es sein, dass wir da viel zu oft in Klitsches verfangen bleiben? Die dienende Schwester, das stumme Fräulein, der saufende Mönch, die inzestuöse Ordensgemeinschaft, …Innerhalb und ausserhalb der Gemeinschaften besteht eine geistige Enge – die eventuell Berufene nicht voranschreiten lässt. Nehmen wir die Berufungen der Jungfrauen ernst, fördern wir das Eremitentum, motivieren wir zum Ordensleben? Könnte denn heute ein(e) Benedikt, Franziskus, Teresa von Avila, Vinzenz von Pallotti, Don Bosco, oder wer auch immer aus der Kirchengeschichte in unserer Kirche „Fuß fassen“ um eine Gemeinschaft zum Wohle der Gesellschaft zu gründen? Die meisten OrdensgründerInnen hatten in ihrer Zeit Schwierigkeiten, aber ich befürchte, dass sie heute fast noch größer wären.

Und die große dritte Frage ist, direkt anschließend daran, ist, ob wir für diejenigen die eine Berufung spüren überhaupt einen Ausbildungsrahmen schaffen? Oder stoßen wir da nicht doch noch mehr ab? Geht die Ausbildung, ob zum Priester Diakon, Ordensmitglied o. a. neue Wege, wird sie neu gedacht oder ist all das Neue was da getan wird nur alter Wein in neuen Schläuchen? Nehmen wir die Lebenswirklichkeiten der Berufenen ernst, oder quetschen wir schlussendlich nur in alte Strukturen, denn „das war ja schon immer erfolgreich“? Einzelzimmer, Stuhlkreis und Sitzungsmentalitäten, Handy und Facebook, oder WLan im Seminar zulassen, ist noch lange nicht modern und noch lange kein erfolgreiches Ausbildungskonzept für das 21. Jahrhundert. Auch da wäre die Frage, wie würden da die Ausbildungs-Reformer der Kirchengeschichte dran gehen, waren die eventuell für ihre Zeit nicht mutiger als so manche heute?

Um Berufung beten. Ja, das ist entscheidend, aber wie bei allen anderen um das man bittet, beginnt das Gebet in einem Wandel beim Betenden. Der Betende verlässt überzogene Erwartungen und durchdenkt das Gewünschte, wie Jesus in jener Nacht sagt: Aber nicht mein sondern dein Wille geschehe (Lk 22,42).

„Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz“ (Apg 2,37)

Es geht weiter. Die Jünger haben erkannt, dass es auch ohne Jesus eine Gemeinschaft geben muss. Sie wurden gestärkt vom Vermächtnis, von der Erkenntnis und der Erfahrung, dass das, was Jesus gelehrt hat, nicht die Richtigkeit verliert, nur weil er nicht mehr da ist. 

Die Folge daraus ist, und da hat Lukas das wunderbar komponiert, nach der eigenen Erfüllung, nach der eigenen Berufung, nun aufzustehen und – ganz sichtbar – die Türen aufzureißen und nach draußen zu gehen. Nach der Zeit der Angst und Unsicherheit ist klar, jetzt müssen die Jünger „auf die Straßen“ und davon erzählen.

Und Petrus tut das hier. Das ist ein Petrus der irgendwie gereift erscheint, gefestigt. Während der in den Evangelien der verratende und der empfangende Petrus ist, wird er hier der weitergebende Petrus. Er predigt. Er legt das Ereignis aus, er legt die Schrift aus. Was er genau sagt, das bleibt unklar. Aber interessant ist, dass gerade Petrus, der in den Evangelien oft genug das Falsche sagte, hier so spricht, dass er die Menschen „mitten ins Herz“ trifft. 

Das Lebenszeugnis dieser Männer, die Ereignisse und die Worte müssen hier eine Situation schaffen, die anspricht. Vergessen wir die Zahl, achten wir darauf, was Lukas sagen will: Die Botschaft ist nicht tot, sie wird weitergetragen, von Menschen, die diese Botschaft leben. Ganz als Menschen.

Dass dies nicht einfach ist, davon berichten die Geschichten in der Apostelgeschichte und in den anderen Texten des Neuen Testamentes. Aber gerade diese Schwierigkeit, dieses kämpfen (was manche mit dem Tod bezahlten), um in der Botschaft zu leben, das motivierte die Menschen, den neuen Weg mitzugehen.

Und so stellt sich mir die Frage, wie eine Kirche, wie Priester, wie Menschen die ihre Berufung und/oder ihr Apostolat leben, sein muss/müssen, dass sie andere Menschen zum „brennen“ bringt/bringt. Und wenn dies nicht der Fall ist, ist es dann eine Kirche im Sinne jener Gemeinschaft am Anfang?